Polen: Die Spiel- und Spaßverderber

Przystanek Woodstock in 2015. Bild: Ralf Lotys/CC-BY-SA-4.0

Die PiS führt einen Kampf gegen Institutionen und Lebensstil des liberalen Polen

Ein kleiner Sieg über die Repressionspolitik der PiS: Przystanek Woodstock (Haltestelle Woodstock), eines der größten Musikfestivals Europas, scheint auch im nächsten Sommer wieder zu steigen. Nach Angaben des Organisators Jerzy Owsiak können sich polnische Bands für den August 2017 bewerben.

Das bekannteste Festival Polens zog mit drei Bühnen, vierzig Musikgruppen und freiem Eintritt vom 14. bis 16. Juli im Westen Polens wieder die Massen an. Die Polizei der Wojewodschaft Lebus hat das Konzert jedoch als ein Risiko-Ereignis eingestuft, das Gelände musste kurzfristig mit einem Zaun eingegrenzt und mehr Wachpersonal beauftragt mehr, verlangt wurde auch die Einrichtung zusätzlicher Kameras, um einem Anschlag vorzubeugen. Das Festival könne rechts- wie linksextreme Gewalttäter anziehen. Auch die kostenlosen Transporte mit den Regionalbahnen für die Helfer wurden aufgehoben. So wuchsen die Kosten.

"Wenn es die letzte "Haltestelle Woodstock" werden soll, so soll es die schönste sein, an die man sich das ganze Leben erinnern kann", sagte Owsiak im Vorfeld.

"Przystanek Woodstock" gilt als eine Art Dankeschön an die freiwilligen Helfer des "Großen Orchesters der Weihnachtlichen Hilfe" (WOSP), einer karitativen Initiative des ehemaligen Journalisten Jerzy Owsiak. Ungewöhnlich ist, dass dort auch Personen des politischen Lebens zum Mikrofon greifen dürfen. Die Gelder von WOSP kommen hauptsächlich medizinischen Einrichtungen für Kinder zugute, Anfang dieses Jahres wurde mit 72,7 Millionen Zloty (16,5 Millionen Euro) ein Rekord erreicht, um dem maroden Gesundheitssystem an der Weichsel unter die Arme zu greifen.

Doch Owsiak hat viele Feinde. Da ist zum einen das Gros des Klerus, der eine Konkurrenz zur Caritas sieht und den flippigen Owsiak (Markenzeichen rote Brille, heisere, sich überschlagene Stimme) als Jugendverderber anprangert. Okkultismus würde auf dem Festival stattfinden. Seit einigen Jahren versuchen katholische Geistliche und Freiwillige der Organisation "Haltestelle Jesus" unter der polnischen Festivaljugend zu missionieren.

Auch viele Politiker der seit November regierenden PiS bekennen sich dazu, nicht zu spenden. Erstmals weigerten sich im Januar Soldaten an der Spendenaktion, die mittlerweile weltweit stattfindet, als Helfer teilzunehmen. Zuvor hatte der PiS-Abgeordnete Stanislaw Pieta mit der Entlassung eines jeden Funktionsträger des Staates gedroht, sollte ein solcher an den Sammelaktionen teilnehmen. Die polnische Post trat nicht mehr als Sponsor des Festivals auf.

Doch Owsiak konnte wohl genügend Sponsoren aufreiben, um auch das nächste Festival mit den bisherigen Sicherheitsauflagen zu finanzieren. Anders kann es mit der kommenden Sammeltätigkeit ausschauen. Seit 1992, seit Bestehen des WOSP, war der staatliche Fernsehkanal TVP2 ein wichtiger Partner. Doch damit scheint es nun vorbei zu sein. Anfang Juli bekam der rechte Kabarettist und Journalist Marcin Wolski den Posten des Direktors. Er versprach im Vorfeld: "Es gibt die Chance, die unerträglichen Owsiaks sowie andere Spulwürmer los zu werden."

Zur Regierungspolitik und Demokratie hat er eine klare Meinung: "Die Regeln sind einfach, es gab Wahlen, es hat diese Partei gewonnen, also muss man sich damit abfinden und die Fresse halten."

Radfahren und Joggen sieht man nicht gerne

Neben den Handstreichen in der großen Politik wie die Lahmlegung der Justiz und die Intervention in die Öffentlich-Rechtlichen (Wagenburgstimmung in Polen) scheinen die PiS und ihr Umfeld jegliche Einrichtung, jegliche Errungenschaft, jede andersartige Lebensführung des liberalen Polens demontieren zu wollen. Auch wenn dies auf Kosten des Gesundheitswesen gehen sollte - ein rechtes Gegenmodel zur Sammelaktion Owsiaks wurde bislang nicht aufgestellt. Große Aufmerksamkeit erreichte die Äußerung von Außenminister Witold Waszczykowski, der vor einer Ideologisierung warnt, in der alle Menschen Radfahrer und Vegetarier werden sollten.

Tatsächlich ist es in Polen zu einem großen Fahrradboom gekommen, der vor allem die Mittelschicht in den Städten ergriffen hat. Menschen also, die die PiS nicht wählen. Nun soll eine Art Fahrradführerschein eingeführt werden, der dann auf dem nächsten Polizeikommissariat abgelegt werden muss.

Aber auch die aktuelle Freude am Laufsport scheint die Nationalkonservativen zu stören. Es gebe zu viele Marathons (es gibt zwei) in der Hauptstadt, das soll unterbunden werden. Vor allem da dieser Sport am Sonntag stattfindet. Da nun PiS-nahe Medien zunehmend vermitteln, dass Massensportveranstaltung am Sonntag unpassend wären, gehen Gerüchte um, dass sich die Bank PKO BP, mit Staatsanteilen, als namensgebender Hauptsponsor für den Marathon in Posen (Poznan) zurückziehen könnte.

Ob es für diese Anti-Spaß-Politik eine ideologische Begründung gibt oder ob noch an einer solchen gearbeitet wird, bleibt bislang Spekulation. (Jens Mattern)

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