Polen: Exodus der Ukrainer befürchtet

"Dunkle Wolken über Polen. Die Deutschen nehmen uns die Arbeiter weg!" alarmierte die polnische Boulevardzeitung "Fakt"

In dem Fakt-Artikel geht es um die ukrainischen Malocher und ein vermeintlich neues Arbeitsgesetz in Deutschland, das ab nächstem Jahr in Kraft treten soll. Demnach würde es Arbeitserleichterungen für Personen außerhalb der EU geben. Nach Einschätzung des Unternehmens "Work Service" könnten dann 59 Prozent der ukrainischen Arbeitskräfte in Polen zum reicheren Nachbarn abwandern.

Dabei braucht Polen die ukrainischen Arbeitskräfte dringend. Knapp 500.000 legal beschäftigte Ukrainer sind in Polen tätig, dazu kommen wahrscheinlich noch einmal so viele Schwarzarbeiter. Auf Baustellen, an der Supermarktkasse, vom Uber-Fahrer hört man in polnischen Städten den ukrainischen oder russischen Zungenschlag. Auch wenn immer mehr Ukrainer aufsteigen, unter den Studenten die Ukrainer den größten Ausländeranteil ausmachen und sich Start-ups mit Ukrainern vermehren, so sind dem Gros die Billigjobs vorbehalten. Arbeiten, welche wiederum die Polen in westeuropäischen Ländern lange übernommen haben und noch übernehmen. Schließlich arbeiten zwei Millionen Polen im Ausland. Das senkte die Arbeitslosenstatistik und füllte die Kassen der darbenden Verwandten.

In der Ukraine gibt es seit 2014, seit der Krise im Donezk und auf der Krim, einen ähnlichen Mechanismus, wenn auch dramatischer: Etwa 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge hat die ehemalige Sowjetrepublik derzeit zu bewältigen. Polen war darum ein attraktives Ziel für die kurz- oder längerfristige Arbeitsmigration. Schließlich beträgt der Durchschnittsverdienst in der Ukraine rund 250 Euro brutto, in Polen verdienen 60 Prozent der Ukrainer nach Angaben der Zeitung der "Rzeczpospolita" 600 bis 800 Euro brutto. Als Pluspunkt gilt für Polen die leicht zu erlernende, da verwandte Sprache und kulturelle Übereinstimmungen. Im boomenden Breslau (Wroclaw) liegt der Anteil der Ukrainer bei 10 bis 15 Prozent. Finanzministerin Tereza Czerwinska vermeldete Anfang dieser Woche, die bisherige Wachstumsprognose von 4,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts für 2018 müsse nach oben korrigiert werden.

Doch während in Polen der Mindestlohn bei rund 3,5 Euro pro Stunde liegt, können in Deutschland ab 2019 9,19 Euro verdient werden. Für die darbenden Verwandten in der Ukraine könnten so weit beträchtlichere Summen transferiert werden. Selbst die Personallücken bei der Polizei könnten in Polen von Ukrainern gefüllt werden, so Pressemeldungen.

Nach Angaben von "Personal Service", einem polnischen Unternehmen für Personalwesen, könnten dem polnischen Arbeitsmarkt so nach zwei Monaten bis zu 500.000 Arbeitskräfte verloren und die Produktion von Konsumgütern um zehn Prozent zurück gehen.

Allerdings nimmt der Zuzug von Ukrainern seit einiger Zeit bereits ab. Tschechien, die Slowakei und Ungarn scheinen entsprechende oder bessere Arbeitsbedingungen zu bieten. Wenn sich auch nach persönlichen Gesprächen viele Ukrainer in Polen wohl fühlen, so sorgen gewisse Vorfälle für Unruhe, etwa dass Ukrainer in den öffentlichen Verkehrsmitteln bedroht werden und die Polizei keine Anzeige mehr aufnehmen mag. Mit Regierungsbeginn der "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) im Herbst 2015 hat sich das bilaterale Verhältnis zur Ukraine verschlechtert, da Probleme der gemeinsamen Vergangenheit von der nationalkonservativen Partei offensiver thematisiert werden, wie etwa das Massaker von Wielun 1943, und gemeinsame Projekte zur Versöhnung derzeit eingefroren sind.

Sollte sich der deutsche Markt für Ukrainer öffnen, bleibt den Verantwortlichen in der Wirtschaft erstmal nichts anderes übrig, als die Löhne zu erhöhen. Als Ersatz für die Ukrainer könnte Polen die Formalitäten für die ebenfalls darbenden Weißrussen erleichtern. Oder mehr Nepalesen und Bangladescher aufnehmen, diese müssen bislang drei Monate auf eine Arbeitserlaubnis warten.

Allerdings warnte die Regierung in Warschau mit einem Wahlkampfspot, in dem Gewalttaten dunkelhäutiger Migranten gezeigt werden, vor den Konsequenzen einer Politik der liberaleren Bürgerplattform (PO). Für die Ideologen der PiS warten somit spannende Herausforderungen, sollte der Exodus der Ukrainer tatsächlich eintreten. (Jens Mattern)

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