Polen: Wie politisch wird die "Noblistka"?

Die Schriftstellerin Olga Tokarczuk auf der Frankfurter Buchmesse 2019. Olga_Tokarczuk-9726.jpg:Bild: Harald Krichel/CC BY-SA-4.0

Olga Tokarczuk, die gerade den Literatur-Nobelpreis erhielt und der PiS-Regierung kritisch gegenübersteht, kehrte am Sonntag wie ein Popstar in die Heimat zurück und füllte große Säle

Die "Noblistka", wie die weibliche Nobelpreisträgerin in Polen genannt wird, deren Erzählwerk gerne ins Esoterische spielt, äußerte sich letztens dezidiert zur Politik. "Eine Wahl zwischen Demokratie und Autoritarismus" hatte sie die Parlamentswahl am vergangenen Sonntag bezeichnet - es gewann jedoch erneut die nationalkonservative "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), die in Polen einen antiliberalen Kurs betreibt und die Kompetenzen des Staates ausbauen will.

Diese Woche erklärte sie in dem Nachrichtenmagazin "Wprost", dass das Schwarz-Weiß-Denken von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski zu einer "Kastration der Intellektuellen" in Polen führe. Auch ausländischen Medien teilt sie ihre Besorgnis über den Zustand ihres Heimatlandes mit. Und gerade an der Weichsel sind die Antennen weit ausgefahren, wenn ausländische Medien Urteile über Polen fällen.

Und schließlich hat die Entscheidung für den Literatur-Nobelpreis oft einen politischen Akzent. So wie einst bei dem polnischen Lyriker und Essayisten im Exil und Dissidenten Czeslaw Milosz, der 1980 den Nobelpreis erhielt, just in dem Herbst, als die freie Gewerkschaft Solidarnosc heranwuchs. Milosz ist im Westen vor allem für seine 1953 veröffentlichte Analyse "Verführtes Denken" bekannt, das die Faszination der Intellektuellen für den Kommunismus am Beispiel Polen erklärt.

Derart klar politisch wurde die 57-jährige studierte Psychologin bislang in ihrem Werk noch nicht. In den "Jakobsbüchern", die den Mystiker und Messias Jakob Frank porträtieren, zeichnet sie jedoch ein kritisches Bild der polnischen Adelsrepublik des 18. Jahrhunderts mit seinen sozialen Ungleichheiten und Verfolgungen von Minderheiten, ein Bild, das der PiS nicht passt, da gerade diese Zeit glorifiziert wird.

Das umfassende Werk, das den Ausschlag für die Auszeichnung aus Stockholm gab, wurde sowohl von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski als auch von Piotr Glinski, dem Kulturminister, an-, jedoch nicht zu Ende gelesen. Letzterer will es nun nachholen, wie er mit etwas verkniffener Mine bekannt gab. Nach dem Geschmack der Nationalkonservativen ist die Literatin mit den Rastazöpfen und den luftigen Alternativklamotten schon rein äußerlich nicht. Zudem favorisiert sie Tierrechte, Feminismus und Esoterik, macht sich für sexuelle Minderheiten stark und gilt als Anhängerin der Grünen. Letztens erklärte sie, dass sie sich vor allem viel vom Wiedererstarken der Linken etwas in Polen verspreche.

Für das liberale Polen besetzt sie die Rolle einer Dissidentin

Folgenschwer ist jedoch auch der Hinweis Togarczuks auf Polens Schattenseiten. Bei der Diskussion um den Film "Poklosie", der Progrome von Polen an Juden thematisierte, hatte sie gesagt: "Wir begingen schreckliche Dinge als Kolonisatoren ... als Mörder von Juden". Danach erhielt sie Morddrohungen.

In zwei Städten in der Wojewodschaft Niederschlesien protestierten PiS-Politiker gegen die Auszeichnung, ein Bürgermeister einer Kleinstadt nannte sie "Kanaille"; auch im Senat, wo die 57-Jährige geehrt werden sollte, gab es Proteste.

Die PiS will hingegen gerade den internationalen Blick des Auslands auf Polens Rolle im Zweiten Weltkrieg lenken, wozu auch das Holocaust-Gesetz dienen soll (Polen und Ukraine sind in den Fallstricken der Geschichte gefangen.

Für die rechte Presse erscheint die Literatin als ein typischer Vertreter der polnischen Linken, die im westlichen Ausland Polen schlecht macht.

Bekannt ist die Autorin in Deutschland in literarisch interessierten Kreisen zumindest seit rund zwanzig Jahren. Mit dem Roman "Ur und andere Zeiten" gelang ihr 2000 der Durchbruch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Die Geschichte eines ostpolnischen Dörfchens im 20 Jahrhundert, das unter dem Schutz der Erzengel steht, kam mit seinem Geschichten über die beiden Weltkriege, Übersinnlichem, Säufern und "Ewigmenschlichem" sicherlich einer Erwartungshaltung entgegen, den eine gewisse Leserschaft in Westeuropa an "Literatur aus Osteuropa" hegt.

Für das liberale Polen besetzt sie nun die Rolle einer Dissidentin, derzeit muss sie sich gegen Gerüchte wehren, ihr nächstes Buch, würde sich mit der polnisch-ukrainischen Beziehung auseinandersetzen.

Als Autorität, die in Polen die Teilung in der Gesellschaft überwinden kann, wird sie kaum agieren können, hier steht sie zu sehr auf der Seite der linken Opposition, die in Polen nicht mehrheitsfähig ist.

Anders sieht es mit der Kulturpolitik aus. Dort hat Kulturminister Piotr Glinski, sollte er weiterhin auf diesem Posten bleiben, noch einiges im Rahmen der "konservativen Revolution" vor. Seiner These nach würden die korrupten Kultureliten weiterhin in Polen das Sagen, haben, darum müsse sie gegen eine neue ausgetauscht werden.

In staatlichen Museen wurden regierungsnahe Direktoren eingesetzt, Filmgelder bekommen vor allem genehme Werke, die dem patriotischen Erziehungsauftrag der PiS entgegen kommen. Nach Stand von Anfang Januar entstehen derzeit knapp vierzig polnische Historien-Filme, rund die Hälfte spielen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Unbequemen Theatern werden Fördermittel gekappt oder sie werden von Glinski gerügt. Hier könnte Tokarczuk, deren Stimme nun im Ausland als Polens Kulturvertreterin gehört wird, Einfluss auf die polnische Regierung nehmen, nicht zu rigoros gegen die liberaler oder links eingestellte Kulturwelt zu agieren. Falls die Regierung sich überhaupt noch beeinflussen lässt. (Jens Mattern)