Polen und Russland: Fortsetzungskrieg in der Geschichtsumschreibung?

Gedenktag in Yad Vashem. Bild: Kreml/CC BY-Sa-4.0

Das Politikum ist ausgeblieben. Wider Befürchtungen in Warschau hat Wladimir Putin darauf verzichtet, bei den Feierlichkeiten in Jerusalem gegen Polen etwas zu sagen

In der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem wurde am Donnerstag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz- Birkenau im deutsch besetzten Polen am 27. Januar 1945 durch Soldaten der Roten Armee gedacht.

Wladimir Putin verbreite bewusst "Geschichtslügen", erklärte Polens Staatspräsident Andrzej Duda noch am Dienstag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Israels "Kan". Die Kanzlei des Präsidenten soll einen Krisenstab mit Historikern und anderen Experten gebildet haben, um sofort zu einem argumentativen Gegenschlag übergehen zu können. Zudem schickte Morawiecki Meinungsartikel an westliche Medien wie Politico oder die Financial Times.

Duda war der Zeremonie fern geblieben, da ihm dort kein Rederecht erteilt worden sei. Dem widerspricht nun der Hauptorganisator Wjatscheslaw Mosche Kantor. Der Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses gilt als Vertrauter des russischen Staatsoberhaupts.

Seit Ende Dezember verschlechtert ein Geschichtsstreit die Beziehung der beiden Nachbarländer. Putin behauptete damals, dass Polen eine Mitschuld am Beginn des Zweiten Weltkrieges habe und der damalige polnische Botschafter Josef Lipski in Berlin ein "antisemitisches Schwein" gewesen sei. Zudem relativierte er den Hitler-Stalin-Pakt, das Abkommen zwischen NS-Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939, Polen unter sich aufzuteilen (Putin versus Polen).

Seit diesen Äußerungen publizierten russische Medien weitere Anschuldigungen gegenüber Polen, die in den dortigen Medien ihren entsprechenden Widerhall fanden. Zudem sollen demnächst russische Archive geöffnet werden, wie Putin ankündigte. Darunter werden kaum Dokumente sein, die die Rolle der Sowjetunion in einem kritischen Licht darstellen "Wir werden denen den hässlichen Mund schließen, die die Geschichte verfälschen", erklärte Putin vor Veteranen. Gemeint waren auch hier die Polen, wobei sich liberale und konservative nicht wirklich unterscheiden.

Das russische Verteidigungsministerium will dort Beweise dafür gefunden haben, dass die polnische Heimatarmee bei dem Aufstand in Warschau 1944 gegen die deutschen Besatzer die verbliebenen Ukrainer und Juden ermordet habe.

Ein Politologe lobte im ersten Fernsehen Russlands sogar Stalin für seine Entscheidung, tausende polnische Offiziere 1940 in Katyn und anderen Orten der Sowjetunion ermorden zu lassen. Katyn gehört zu dem Narrativ der Polen über die Vergehen der Sowjetunion, die 1939 in Ostpolen einmarschierten und ab 1944 Polen einer stalinistischen Diktatur unterwarfen.

Kampf um die Deutung der Geschichte

Die russische Seite sieht sich als Retter Europas vor dem Faschismus, verweist zurecht auf die vielen Opfer im Kampf mit dem Dritten Reich, darunter die 600.000 Rotarmisten, die bei der Befreiung Polens von deutschen Okkupanten 1944 und 1945 gefallen seien.

Bezeichnend war auch das Gedenken der Befreiung Warschaus von den deutschen Besatzern durch die Rote Armee, die sich am 17. Januar zum 75. Mal jährte unterschiedlich. Moskau feierte dies mit viel Feuerwerk. Die Rossiskaja Gaseta nannten die Kämpfe um Warschau "eine der heftigsten während des Großen Vaterländischen Krieges", Historiker sprechen hingegen von Rückzugsgefechten. In Warschau wurden von Veteranenvereinigungen und russischen sowie weißrussischen Diplomaten Kränze am Grab des unbekannten Soldaten niedergelegt, es fehlten ansonsten polnische Offizielle.

Brisanterweise lud das polnische Außenministerium zum gleichen Zeitpunkt die Auslandskorrespondenten zu einer Kranzniederlegung am Gedenksteins des in Israel verehrten Raoul Wallenberg ein. Der schwedische Diplomat setzte sich im deutsch besetzten Ungarn für die Rettung der dortigen Juden ein. Er wurde nach Einmarsch der Roten Armee 1945 verschleppt und kam unter unbekannten Umständen in der Sowjetunion ums Leben. Ein klarer Wink mit dem Zaunpfahl.

Putin beim Gedenktag in Yad Vashem, Polens Staatspräsident Andrzej Duda kam nicht. Bild: Kreml/CC BY-SA-4.0

Und auch die Polen agieren mit überzogenen Anschuldigungen. So behauptete Premierminister Mateusz Morawiecki im US-Magazin "Politico", das Lager hätte "ein halbes Jahr früher befreit werden können", indem er auf den Stopp der Sommeroffensive der Roten Armee im August 1944 bei Warschau verwies. Maria Marija Sacharova, Pressesprecherin des Kremls, nannte dies "einen weiteren kriminellen Versuch, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs neu zu schreiben".

Sicher ist - beide Länder betreiben gerade eine Offensive um die Deutung der Geschichte. Russland arbeitet auf den 9. Mai zu, bei dem die Feierlichkeiten zum Kriegsende die Welt beeindrucken sollen.

Unklar ist, was noch aus den Archiven gezeigt wird und ob Polen dabei weiter die Rolle des Feindes spielen soll. Das Land hat sich jedenfalls seine Position innerhalb Europas durch die umstrittenen Justizreform und die Aggression gegen seine politischen Gegner selbst untergraben.

Am 27. Januar wird in der Gedenkstätte Auschwitz Birkenau in Polen ebenfalls der Befreiung gedacht, dort fehlt Wladimir Putin und dort wird der polnische Staatspräsident Andrzej Duda eine Rede halten. Von ihr wird auch abhängen, wie der Deutungskrieg um den Zweiten Krieg weitergeführt wird. (Jens Mattern)