Politik als Beruf, 2010

Der - erfundene - Arbeitstag einer jungen Politikerin skizziert zahlreiche Elemente, die in den vergangenen beiden Jahren für eine Digitalisierung der politischen Kommunikation und die Entstehung des neuen Politikfeldes "Netzpolitik" gesorgt haben

Der Tag für Stefanie K. beginnt früh, schon gegen 6.30 Uhr macht sich der Nachwuchs bemerkbar: Wickeln, Anziehen und Brei-Zubereiten sind die wichtigsten Aufgaben im Morgengrauen. Na gut – wenn man schon mal wach ist, dann kann man auch die ersten Mails und Tweets auf dem Smartphone kontrollieren. Der Kollege M. besucht gerade die Convention der befreundeten Partei in den USA und informiert sich dort über die neuesten Errungenschaften politischer Kampagnenführung, seine Eindrücke und Echtzeitnachrichten liegen schon seit ein paar Stunden im Postfach.

"Diese Geräte werden tatsächlich immer schlauer, das Netz ist überall und nicht mehr nur am Schreibtisch so wie früher", denkt K. Und der Arbeitsalltag damit natürlich auch. Der Nachrichtenfluss ist permanent geworden. Nicht mehr nur die über den ganzen Tag verstreut eingehende elektronische Post perforiert den Terminkalender, sondern auch die Echzeitkommunikation über Kurznachrichtendienste wie Twitter oder in sozialen Netzwerken wie Facebook, MySpace oder Wer-kennt-wen prasselt als digitales Dauerfeuer auf die Nutzer ein.

Vor allem der 140-Zeichen-Service Twitter hat für eine Beschleunigung der Online-Kommunikation gesorgt: Ungefähr in Länge einer SMS teilt K. mit, wer oder was sie gerade besonders beschäftigt. Heute ist vielleicht das frühe Aufstehen des Juniors dran, oder hatte sie das schon letzte Woche zweimal getwittert …? Na, ihre Follower werden sich schon beschweren, wenn es zu privat wird. Seit dem letzten Wahlkampf interessieren sich ein paar tausend Leute für ihre Tweets, wie die Kurznachrichten in dem manchmal etwas sonderbaren Jargon genannt werden. Bisweilen gibt es Reaktionen auf ihre kurzen Mitteilungen, gar nicht mal so selten auf die eher privaten Informationen.

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Auszug aus dem Buch von Christoph Bieber: politik digital. Online zum Wähler. Blumenkamp Verlag, 2010. 130 Seiten, € 15,-

Das Buch "politik digital. Online zum Wähler" nimmt eine Bestandsaufnahme der Entwicklungen im politischen Teil des Internet seit der US-Präsidentschaftswahl 2008 vor. Auf den "Obama-Effekt" folgten das deutsche Superwahljahr mit der Zensursula-Kampagne und dem Aufstieg der Piratenpartei. Soziale Netzwerke und Echtzeitkommunikation gehören seitdem zum festen Bestandteil politischer Kommunikation - doch formiert sich dadurch wirklich eine neue politische Klasse? Sicher ist, dass die Auswirkungen nicht nur online spürbar sind: angesichts sinkender Mitgliederzahlen und einer zunehmenden Wahlmüdigkeit geraten zukünftige Entwicklungspfade der Parteien ebenso in den Blick wie Fragen nach einer mediengestützten Modernisierung des Wählens.

Doch natürlich berichtet K. auch aus dem parlamentarischen Alltag. Gerade neulich twitterte sie direkt aus einer Sitzung der Enquête-Kommission "Internet und Digitale Gesellschaft", deren Mitglied sie ist. Nicht wenige Abgeordnete haben mit den neuen Kommunikationsformen so ihre Schwierigkeiten, was ihr Twitter-Publikum natürlich brennend interessiert. War das ein Aufschrei, als der Kollege von der Nachbarpartei neulich seine Bundestagsrede vom iPad abgelesen hat, obwohl die Nutzung von Notebooks während Plenarsitzungen doch eigentlich verboten ist. Wenn solche Informationen aus den Sitzungen spannend genug sind, dann leiten manche Follower die Texte per Retweet gleich weiter, wodurch noch mehr Menschen von der Kommissionsarbeit erfahren und das Online-Ansehen der Politikerin zunimmt.

Durch die andauernde Beschleunigung und Ausdifferenzierung der Internet-Kommunikation ist K. nicht mehr nur beim Morgenkaffee online, sondern auch auf der Fahrt ins Büro. Weil die Akten für die Fraktionssitzung am Nachmittag schon gelesen sind, kann K. noch auf ihre Facebook-Pinnwand schauen – ein weiterer Schauplatz im Web 2.0, der aus der täglichen Kommunikations-Routine nicht mehr wegzudenken ist. Auf ihrer Profilseite stellt K. nur die wichtigsten Informationen über sich bereit. Das sind im Grunde genau die Daten, die schon seit Jahren auf ihrer persönlichen Website zu lesen sind. Aber hier, auf den nur für Mitglieder einsehbaren Seiten des sozialen Netzwerks Facebook, ergänzt man die Angaben zu Lebenslauf, Mandaten und Aufgaben in Partei und Parlament mit Informationen aus dem Privatleben: Hobbies, Lieblingsbücher und -musik, oder das Interesse für diese TV-Serie, die in Deutschland nicht ausgestrahlt wird und die man sich deshalb auf DVD im Original bestellen muss.

Auch mit ihrem Profil bei Facebook hat K. für viel Aufmerksamkeit gesorgt: Die Zahl ihrer "Freunde" ist zwar nicht ganz so hoch wie bei Twitter, doch dafür hat sie einen direkten Zugang zu deren Profilseiten. So weiß sie, dass der größte Teil ihrer Kontakte die gleiche politische Einstellung hat wie sie selbst – eine Information, die sie selbstverständlich in ihr Profil eingetragen hat. Manchmal fragt K. ihr Netzwerk um Rat. Nicht unbedingt, um Hilfe bei einer Abstimmung zu bekommen, aber schon, wenn es um die grobe Einschätzung bei einer strittigen Frage geht oder schlicht und einfach, wenn sie sich auf einem speziellen Teilgebiet trotz Aktenstudiums nicht gut genug informiert fühlt. Die Struktur der Beziehungen ist in diesem Netzwerk enger als im flüchtigeren "Twitterland". Das gleiche gilt für die anderen Netzwerke, in denen K. mit einer Profilseite präsent ist.

Die Welt der digitalen sozialen Netze ist nämlich auch in Deutschland schon ziemlich zerklüftet, und auch wenn die Plattformen im Grunde nach einem ganz ähnlichen Muster funktionieren, sind dort jeweils ganz andere Menschen zu finden. Dies kann für eine Politikerin wie K. sehr nützlich sein: Über das Netzwerk Wer-kennt-wen.de hält sie zum Beispiel einen guten Kontakt zu ihrem Wahlkreis, denn bei WKW registrieren sich besonders viele Nutzer aus dem Südwesten, wo K. bei der nächsten Wahl ihr Direktmandat verteidigen möchte. Der Kollege V. ist dagegen bei Lokalisten.de am Start, dort ist der süddeutsche Raum stärker vertreten.

Viele Schüler und Studierende erreichen K. und V. auf den Plattformen der VZ-Gruppe. Obwohl einige ihrer Fans bei SchuelerVZ.de noch gar nicht wählen dürfen, sind sie eine wichtige Zielgruppe geworden, wenn man den potenziellen Partei-Nachwuchs nicht gleich den Piraten ausliefern möchte. Außerdem wechseln viele Schüler nahtlos in das Nachbar-Netzwerk StudiVZ.de, wo fast alle deutschen Studierenden ein Konto haben. Gerade dieses Netzwerk hatte vor der Bundestagswahl versucht, sich als neue Wahlkampfarena zu etablieren. "Allein schon, weil die alten Medien dankbar jede neue Form des Wahlkampfs aufgreifen, muss man sich dort zeigen", hatte K. damals gesagt und sich einigen Spott von ihren Parteifreunden anhören müssen. Nachdem sie ihren Wahlkreis locker gewonnen und dabei viel mehr Stimmen von den Jungwählern erhalten hatte als in ihrer Partei üblich, war das Gerede schnell verstummt – stattdessen wollte eine ganze Reihe von Kollegen die Adresse ihrer Online-Agentur haben.

Richtig – mit Z. muss K. heute auch noch sprechen. Die Entwürfe zum Relaunch der persönlichen Website, für die seine Agentur seit ein paar Jahren verantwortlich ist, haben ihr noch nicht so recht gefallen: "Was habt ihr mit meiner Homepage gemacht? Früher: Ordnung – jetzt: Chaos. Telefon um 15 Uhr? #Relaunch", tippt K. als Twitter-Nachricht in ihr Smartphone. Lesen kann das nur Z., der diese 102 Zeichen als direct message erhält, für K.s übrige Follower bleibt der Text unsichtbar.

Mit Z. steht sie in engem Kontakt: Das Management der verschiedenen Online-Präsenzen ist längst zu einem Vollzeitjob geworden, den K. nicht mehr allein bewältigen kann. Immer mal wieder muss sie ihren Freunden, Fans und Followern erklären, dass sie trotz (oder gerade wegen) ihres 16-Stunden-Offline-Tages in ihrem digitalen Leben auf Unterstützung angewiesen ist, aber dadurch die mediale Authentizität ihrer Online-Persönlichkeit nicht leidet.

Selbst Barack Obama, leuchtendes Vorbild für die aktuelle Generation der Online-Politiker, hatte herbe Kritik einstecken müssen, als er im Jahr nach seiner Wahl beichtete, bisher nicht selbst getwittert zu haben. Und auch das Gezerre um die Sicherheitsrisiken des "First Blackberry", der den Präsidenten dauerhaft an die digitalen Kommunikationsströme ankoppelt, kratzte am Image des bisher erfolgreichsten Online-Wahlkämpfers. Doch Obama hat man solche Bekenntnisse verziehen – solange das Weiße Haus im Ausgleich die Digitalisierung des Regierungshandelns forciert.

Auch wenn K. ihr Smartphone nicht wirklich mag, erledigt sie ihren Schriftverkehr nur noch selten am Schreibtisch. Stattdessen geschieht der größte Teil der persönlichen Kommunikation unterwegs. Seit im Parlament der drahtlose Online-Zugang überall funktioniert, kann man auch auf dem Weg vom Büro ins Plenum schnell noch ein paar Neuigkeiten aufnehmen oder Aufgaben an die Mitarbeiter verteilen.

Die Vernetzung des Parlamentsgebäudes war eine heikle Angelegenheit, erinnert sich K. Vor allem die Haustechnik hatte ihre Sorgen, ob dadurch nicht Hackern und Datendieben Tür und Tor geöffnet würden. Gut, dass Kollege V. damals ein paar Spezialisten aus seinem Twitter-Netzwerk zum Testen der Schutzmechanismen aufgefordert hatte. Tatsächlich gab es noch Lücken, aber da hatten die Tester gleich gute Vorschläge parat. Bald darauf war das Netz sicher und der interne Widerstand gebrochen. Vielleicht waren die Sicherheitsbedenken auch nur vorgeschoben, und der wirkliche Grund für die Aufregung war die Angst der Techniker, selbst nicht mehr gebraucht zu werden.

Viele Besprechungen finden inzwischen längst nicht mehr als teure und störanfällige Videokonferenz im Fraktionsbereich des Bundestages statt, sondern mit dem Online-Fernsprechdienstleister Skype direkt am Abgeordneten-Schreibtisch. Auch von Journalisten erhält K. immer häufiger Anfragen für Interviews, die mithilfe der Video-Funktion dieses Dienstes geführt werden sollen. Das geht schnell, ist weniger aufwändig und nicht so stressig wie die Kurzstatements, die K. im Vorbeigehen abgeben muss, wenn sie auf dem Weg zu einer Ausschusssitzung ist. So kann sie den Zeitpunkt des Gesprächs bestimmen – und im Zweifel das Interview auch per Knopfdruck abbrechen.

K. ist aber längst nicht always on, sondern sie achtet genau darauf, dass sich Online- und Offline-Phasen an ihrem Arbeitstag einigermaßen die Waage halten. Nicht erst im Zuge der Slow-Media-Bewegung hat sich K. gelegentlich eine Mediendiät verordnet. Heute Nachmittag zum Beispiel trifft sie sich mit dem netzpolitischen Referenten ihrer Partei. Natürlich hat das Thema wieder etwas mit der Computerisierung der Politik zu tun: Der Einsatz von Wahlmaschinen ist wieder in die Diskussion geraten, da das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom März 2009 kein generelles Verbot für den Einsatz von elektronischen Wahlgeräten enthalten hat. Und seit der katastrophalen Wahlbeteiligung von 70,8 Prozent bei der letzten Bundestagswahl denken viele darüber nach, wie man wieder mehr Menschen an die Wahlurnen bringt. Das ist zwar nicht K.s Spezialthema, aber durch ihre in der Öffentlichkeit bekannte Vorliebe für das Internet gilt sie den Parteigenossen als eine Art Expertin für alles Elektronische.

Nach dem Gespräch folgt eine längere Anfahrt zu einem externen Termin. Für den Abend hat K. ihre Teilnahme an einer öffentlichen Diskussionsrunde zum Thema Online-Wahlkampf zugesagt. Gut, dass sie dieses Feld aus dem letzten Wahlkampf noch vor Augen hat und sich darauf nicht größer vorbereiten muss, denn im Dienstwagen stapeln sich die Akten, die sie für die morgige Bürgersprechstunde durchgehen muss. Gerade will K. mit dem Text "Auf dem Weg nach G., ab 20 Uhr Panel-Diskussion zum Online-Wahlkampf. Sitze mit reichlich Lesestoff im Auto" ihre Follower über den weiteren Tagesverlauf informieren, als sie selbst eine Mitteilung erhält. Diesmal kommt sie vom eigenen Sohn, dem es in der Kindertagesstätte offenbar gut gefallen hat. Geschrieben hat sie der Nachwuchs natürlich nicht selbst, sondern dessen 11-jähriger Bruder, der die digitalen Schreibarbeiten für den Kleinsten erledigt.

Die Veranstaltung am Abend verläuft vergleichsweise ruhig. Der per Livestream zugeschaltete Agenturmensch, der sich fürchterlich über das Desinteresse der deutschen Politik für Online-Themen beklagt, irritiert K. nicht sonderlich. "Politik bedeutet das langsame Bohren von harten Brettern – ganz gleich, ob sie hölzern oder digital sind", schmettert sie die Einwände ab. Das gefällt den Menschen im Saal sehr gut und offenbar auch den Zuschauern der Live-Übertragung ins Internet, wie K. den vielen Reaktionen bei Twitter entnehmen kann: Für einen kurzen Moment häufen sich Tweets, die ihren Namen erwähnen und den Satz zitieren.

Diese Art von "virtuellem Applaus" gibt es in letzter Zeit immer öfter, denn viele Internet-Nutzer verfolgen öffentliche Veranstaltungen, TV-Talkshows oder auch Plenardiskussionen mit direktem Online-Zugang und kommentieren das, was sie sehen, via Twitter, bei Facebook oder im eigenen Weblog. Aber nicht immer sind die Reaktionen positiv, und manchmal entwickelt sich die Online-Präsenz zu einem echten Bumerang. Kollege V. hatte neulich sogar einen "Follower-Schwund" zu beklagen, als er sich zu den neuen Datenschutzrichtlinien seiner Partei äußern musste. Den Veranstaltern der Diskussionsrunde, einem Praxisseminar an der lokalen Hochschule, hat K.s Spruch auch gefallen, sodass er als Ausgangspunkt für ein kleines Interview genutzt wird. Dieser kurze Film soll schon am nächsten Tag auf dem YouTube-Kanal des Studiengangs präsentiert werden. Am besten schaut sich Z. das morgen nochmal an, vielleicht kann man es auch für die eigene Website verwenden. Oder für das Facebook-Profil. (Christoph Bieber)

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