Politik des Großraums

Die "härtere" Seite der Virtualität - Zbig Brzezinski erläuterte in München die macht- und geopolitischen Ziele der Pax Americana für die nächsten zwanzig Jahre

Der Auflauf an Menschen, Prominenz und Eliten war groß im Münchner Literaturhaus. Viel größer jedenfalls als bei dem kärglich besetzten Treffen, als Literaten, Publizisten und Wissenschaftler Gescheite Plaudereien rund um den "neuen Menschen" über den "neuen Menschen" fantasierten. An die fünfhundert Personen drängelten sich, um Zbigniew Brzezinski, den Meisterdenker der Pax Americana, zu hören und zu sehen. Und das am Sonntag Nachmittag.

Ihn, den Historiker und Autor des auch hier zu Lande vielbeachteten Buches "The Grand Chessboard" (dt: Die einzige Weltmacht) hatten die Bertelsmann Buch AG und das Literaturhaus eingeladen. Über Stand und Zukunft der euro-amerikanischen Partnerschaft sollte Zbig, "Ze Big", wie ihn Freunde nennen, Auskunft geben, Lösungen aufzeigen, wie der Westen auf die Herausforderungen der Multipolarität reagieren muss, auf ethnische Konflikte, Armutsmigrationen, politischen Extremismus, Verteilungskriege, Bio- und Cyberterrorismus, und die Proliferation von Massenvernichtungswaffen etwa oder auf die wachsenden Instabilitäten und Turbulenzen, die ein unkontrollierter Umlauf von Geld, Nachrichten und Ideen für Märkte, Menschen und Organisationen mit sich bringt. Eins gleich vorweg: Einen interessanteren und besseren Referenten als den 1928 in Warschau geborenen ehemaligen Chef des National Security Office und Sherpa der Regierung Jimmy Carter, hätten die Organisatoren kaum gewinnen können.

Weltkarte, aus: Brzezinski, Die einzige Weltmacht

Die Älteren werden sich sicher noch an den "Kommunistenhasser" Brzezinski erinnern, an zackige Auftritte im Fernsehen mit Facon-Schnitt und Bürstenfrisur und daran, wie er kernige Sprüche in Richtung Moskau abfeuerte. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch noch an jene Fernsehbilder, als Zbig Ende der 70er Jahre im Kampfanzug, auf dem Höhepunkt des Krieges an der Südflanke Eurasiens, im afghanischen Grenzgebiet urplötzlich vor versammelter Weltpresse und unter laufenden Kameras die Kalaschnikow zückte und ein paar Feuerstöße auf sowjetisches Territorium abgab, um den kommunistischen Führern in Moskau damit zu signalisieren, wer die muslimischen Gotteskrieger (Mujaheddin) im Kampf gegen den "gottlosen" Feind aus dem Norden mit Waffen und Munition unterstützt, wie Amerika den Vormarsch der Sowjet-Kommunisten an den Indischen Ozean aufzuhalten und einzudämmen gedenkt und wo für Amerika die Maginot-Linie für die sowjetischen Invasoren verlaufen wird.

Weniger bekannt dürfte sein, dass Zbig nach seinem fünfjährigen Ausflug in die Weltpolitik und dem Scheitern der Wiederwahl Jimmy Carters, wieder auf seinen Professorenstuhl zurückgekehrt ist. Derzeit lehrt er Politik und Geschichte an der renommierten John Hopkins Universität und ist Chefberater am Center for Strategic and International Studies (CSIS) der Georgetown Universität in Washington D.C. - an jener "Denkfabrik" also, welche die Richtung und die künftigen Ziele der amerikanischen Außenpolitik formuliert und wo sich die Strategen neuerdings Gedanken machen, wie die Vereinigten Staaten auf die neuen technischen und militärischen Bedrohungen zu reagieren haben, sollen oder müssen. Beispielsweise wie die USA einen möglichen Angriff eines Feindes mit chemischen oder biologischen Waffen auf "God's own country" abwehren oder die Bevölkerung davor sichern kann. Oder auch, welche Schutz- und Abwehrmaßnahmen die USA gegen ein von feindlichen Hackern ausgelöstes elektronisches Waterloo ergreifen, wie sie den Information oder Electronic Warfare militärisch und strategisch nutzen, die informationelle Überlegenheit weiter ausbauen und die Dominanz über das elektromagnetische Spektrum herstellen kann.

Kaum bekannt dürfte hingegen sein, dass Brzezinski bereits 1969, als sich die Generation Pop gerade auf den Straßen und Plätzen der westliche Metropolen einfand, um von der Gesellschaft soziale Freiheiten und neue kommunitäre Lebensformen einzuklagen, ein epochemachendes Werk mit dem Titel "Between Two Ages" publiziert hat, in dem er den Übergang von der industriellen zur "technotronischen Gesellschaft" verkündet und beschreibt.

"Die 'technotronische Gesellschaft' ist eine Gesellschaft, deren Form auf der kulturellen, psychologischen, sozialen und ökonomischen Ebene durch den Einfluss von Technologie und Elektronik - insbesondere durch Computer und Kommunikation - bestimmt wird."

Mit "Technotronik", einer Verschmelzung aus Technologie und Elektronik, wandte Brzezinski sich damals bewusst gegen den vor allem unter Soziologen diesseits und jenseits des Atlantiks viel populäreren Begriff der "postindustriellen Gesellschaft", den seinerzeit sein Kollege an der Columbia Universität in New York, Daniel Bell, erfunden und im Umlauf gebracht hatte. Während der Begriff des Postindustriellen allenfalls auf die wachsende Bedeutung des tertiären Sektors (Wissen, Technik. Dienstleistungen) für die Evolution moderner Gesellschaften hinwies, machte "Technotronik" auf globale "Interdependenzen" aufmerksam, denen Politik, Wirtschaft und Kultur durch die technologische Revolution unterlägen. Für Brzezinski stand außer Frage, dass Vernetzung und Virtualisierung eine globale Neuordnung der internationalen Beziehungen ebenso nötig wie eine weltweite Arbeitsteilung und Kooperation unter den einzelnen Nationen und Staaten erforderlich machten.

Früher als andere erkannte Zbig die wirklichkeitsverändernde Rolle des Fernsehens, durch die Macht von Bildern Zuschauer in Teilnehmer zu verwandeln und sie, wie im Falle des Vietnamkrieges, dem ersten live im Fernsehen übertragenen Krieg, zu Massenprotesten anzustacheln; früher als andere begriff er, dass die vier Zentralgebiete der Macht: Waffentechnik, Kommunikation, Wirtschaft und Ideologie ihre nationalen Charakter verlören, wenn elektronische Speicher- und Übertragungsmedien Löcher in die traditionellen Mauern und Grenzen schlügen und die Souveränitätsrechte von Staaten und Nationen aushöhlten; und früher als andere bemerkte er die heute gängige weltgesellschaftliche Erfahrung, dass eine Kommunikation ohne Grenzen Individuen, Gruppen und soziale Wirklichkeiten in eine paradoxe Erfahrung stürzte: einerseits kreierten die neuen Kommunikationsmedien eine globale Realität, die kulturelle Differenzen nivelliert, neutralisiert und annihiliert. Die Stichworte dafür lauten seitdem: Homogenisierung, Gleichschaltung, Globalisierung, McWorld ...; andererseits förderten sie aber auch verstärkt neue soziale Ausschlüsse und kulturelle Absetzbewegungen. Es entstünden durch sie und mit ihr vielfältige soziale Milieus, ethnische und kulturelle Seilschaften, die eigene Netzwerke, Sprachcodes und Öffentlichkeitsformen unterhielten und innerhalb der von Massenmedien geformten Weltöffentlichkeit ein soziales Eigenleben führten. Tribalismus, Regionalismus, Fragmentierung, Zersplitterung... heißen die Schlagwörter in diesem Fall.

Nicht weiter verwunderlich war es deshalb, dass Brzezinski die seinerzeit ebenfalls sehr populäre Metapher des Global Village sehr distanziert und reserviert betrachtete. Die Planetarisierung des Dörflichen, die der McLuhanismus verbreitete, berücksichtigte nach Ansicht des Politologen zu wenig die kulturelle Eigensinnigkeit und soziale Ausdifferenziertheit diverser Gemeinschaften, die gewachsene und verbindende Vertrautheit zwischen und unter Personen ebenso wie die Bedeutung stabiler Beziehungen oder die gemeinsam geteilten Werte und Traditionen, die das Leben im Dorf kennzeichnen. Statt von mythischen Versammlungen einer globalen Community vorm medialen Feuer der Screens, von neuer Intimität oder Vertrautheitsbeziehungen zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Abstammung zu schwärmen, sprach der Real- und Geopolitiker lieber von wachsenden Verflechtungen, von gegenseitigen Abhängigkeiten und vom Zwang der Staaten zur Ratifizierung internationaler Vereinbarungen und Abkommen.

Hinzu kam, dass für Brzezinski die USA bereits Ende der 60er Jahre auf dem Sprung waren, die erste wirklich "globale Gesellschaft der Geschichte" zu werden. Und das nicht nur, weil sie der Träger und Motor der technotronischen Revolution waren. Sondern auch, weil von Amerika bereits damals mehr als zwei Drittel der globalen Kommunikation ihren Anfang nahm, eine Erfahrung, die Europäer meiner Generation teilen, die nach Fury, Richard Kimble und Hot Dogs von Motown, THC und dem Duft der großen weiten Welt erzogen wurden. Und was Multinationalität und Lebensstile, Verhaltensmuster und individuelle Werthaltungen betrafen, so entwickelte Amerika sehr bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Modell politischer und kultureller (Post)Modernität.

Stürzten diese Lebens- und Kulturformen auch etliche europäische Philosophen, von Gotthard Günther über Günther Anders bis hin zu Jean Baudrillard, bei ihren Reisen durch das Land in eine ambivalente Erfahrung aus Faszination und Ablehnung, bewunderten andere Völker, Staaten und Nationen diese und versuchten sie bedenken- und fast friktionslos zu imitieren oder gar zu kopieren. Weswegen es immer nur ein Teil der Wahrheit sein kann, wenn Neomarxisten oder konservative Kulturkritiker den weltweiten Siegeszug des American Way of Life als Kolonialismus oder kulturellen Imperialismus beschimpfen. Auch wenn die USA einerseits ein Netzwerk "tributpflichtiger Vasallen" unterhalten, auf allen Meeren und Kontinenten militärisch und strategisch präsent sind und andererseits an vielen Orten dieser Erde amerikanische Symbole, Fahnen oder Bilder amerikanischer Präsidenten zerfetzt und verbrannt werden, verbreitet sich die amerikanische Art zu denken und zu handeln nach Art einer memetischen Replikation. Die weltweite An- und Übernahme amerikanischer Werte, vom Freihandel über privates Unternehmertum bis hin zum individuellen Glücksstreben geschieht bis auf den heutigen Tag freiwillig, mit Willen und Zustimmung von Individuen, Völkern und Nationen, sieht man vom muslimischen Fundamentalismus, der derzeitigen Außengrenze der westernization, einmal ab.

Wenn westliche Intellektuelle derzeit dem Pro- oder Anti-Amerikanismus abschwören und mehr von "Hybridisierung", "Kreolisierung" oder "Cappuccinisierung" reden, so vergessen und übersehen sie dabei geflissentlich, dass all das, was sie als kulturelles Merkmal der Weltgesellschaft ausgeben: Transformation der Systeme nach Art kommunizierender Röhren, oder den USA an den Hals wünschen (Europäisierung) dort bereits realisiert ist. Mischen und Vermengen von Fremdem mit Bekanntem sind Ausdruck, Domäne und einzige wirkliche Großtat der amerikanischen Kultur. Zuwanderung und kulturelle Vielfalt in Humankapital und wirtschaftliche Prosperität umzumünzen, ist das Markenzeichen Amerikas. Darauf besitzt es längst das Copyright.

Aufnahme, Bearbeitung und Ausstoß funktionieren deshalb so gut, weil Kosten-Nutzen-Kalküle den Zuzug und ein nihilistischer Markt die Zuteilung von Intelligenz besorgen, und nicht Menschen, Gesinnungen oder moralische Verpflichtungen. Weswegen das jüngste Wunschbegehren westlicher Intellektueller, Amerika stünde eine neue kulturelle Umprogrammierung bevor, das Land kaum schrecken wird. Längst sind die USA eine "außergewöhnliche Gesellschaft" (Brzezinski) geworden, die "einzige Weltmacht" und die "erste universelle Nation", wie es der Historiker Ben J. Wattenberg formuliert. Nachdem sie nahezu alle Kulturen auf ihrem Hoheitsgebiet versammelt, verarbeitet und gespeichert haben, mit all den unangenehmen Begleiterscheinungen, die wir aus den Medien oder eigener Anschauung kennen (Gettoisierung, Jugendkriminalität, soziale Verwahrlosung, Drogensucht, Analphabetentum ...) sind sie in den Zustand der Übertragung eingetreten und gerade dabei, ihre "evolutionären Errungenschaften" auf ökonomisches, politisches und kulturelles Gebiet mithilfe des weltumspannenden Kommunikationsnetzes bis in den letzten Winkel des Planeten zu tragen.

Bemerkenswert an Zbig ist aber nicht allein dieser Weitblick, sein an Marx geschultes Vermögen, in technologischen Innovationen Betriebsstoff, Kraftquelle und Antrieb für sozialen Wandel und gesellschaftliche Transformation zu entdecken. In Brzezinski lebt auch eine alte Tradition politischen Denkens fort, die den europäischen Kontinent von Napoleon bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges dominiert hat, und mit so unterschiedlichen Denkern wie Friedrich Ratzel, Karl Haushofer, Fernand Braudel, John Mackinder, Carl Schmitt, Immanuel Wallerstein usw. eng verbunden ist. Gemeint ist hegemoniales Denken in politischen Geografien und Großräumen, das sich mit geschichtsphilosophischer Spekulation paart.

Während in anderen Ländern eine Politik, die sich "räumlicher" Lagen, klimatischer Bedingungen oder topografischer Gegebenheiten vergewissert, den Einfluss von Geografie, Ökonomie und Bevölkerungswachstum auf die Politik untersucht und daraus Schlüsse für politisches Handeln ableitet, Bestandteil politischer, ökonomischer und militärischer Planung ist, ist sie hier zu Lande durch den Hitlerfaschismus in Verruf gekommen. Seitdem dieser den Raum zum "Lebensraum" umgedeutet hat, den ein "Volk ohne Raum" im Osten zu finden hoffte, ist die Kategorie des "Raums" in Zentraleuropa "belastet", vergiftet und vermint; für den zeitgenössischen Diskurs und in der öffentlichen Diskussion zumindest, wenn auch nicht unter heimischen Militärstrategen oder in den Chefetagen transnational agierender Konzerne. Und seit der Elektrifizierung und Digitalisierung der Verkehrs- und Kommunikationswege Geld-, Informations- oder Nachrichtenströme lichtschnell um den Globus rasen und virtuelle Netzwerke Menschen, Unternehmen und Staaten ungeachtet aller bestehender Grenzen (politisch, ethnisch, kulturell) zu einer neuen globalen Gesellschaft verknüpfen, scheint die schicksalhafte Macht, die der Raum jahrtausendelang auf die Denkweisen, Mentalitäten und Lebensläufe von Individuen, Clans und Gemeinden ausgeübt hat, außer Kraft gesetzt.

Orte und Plätze, Land und Meer, Stadt und Land, Nähe und Ferne, Zentrum und Peripherie: Parameter mithin, die den Raum vermessen, verlieren zunehmend an Bedeutung und Gewicht. Und damit einher geht auch der Verlust für das Verständnis, was sich in diesen Räumen einmal ereignet, kulturell geformt und ins kollektive Gedächtnis der Menschen eingebrannt hat: Geschichte, Bauwerke, Monumente, Landschaften, Dialekte usw.; und wodurch wir etwas über Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche, über Herkunft und "Geist", Form oder Inhalt von Gesetzestexten und Rechtsformen, Sinnsystemen oder Glaubensbildern, Motivlagen oder Werthaltungen der Bewohner einer Region oder Landschaft erfahren oder sich uns mitteilt.

Postmodernisten und Radikale Konstruktivisten, Medientheoretiker und Globalisierer haben diese Sichtweise in den beiden letzten Jahrzehnten weiter forciert und verbreitet. Und zwar so erfolgreich, dass Raumlosigkeit zum Mainstream des Diskurses geworden ist. Die Rede von "Entortung" und "Deportation", von "Verflüssigung" und "Deterritorialisierung", von "Verschwinden" oder gar "Vernichtung" des Raums zeigt das. Sie hat die Köpfe erobert. Statt Topografien und Architekturen, Blaupausen und sozialer Dichte mit zu untersuchen, beschreibt man nur noch Schnittstellen, Kopplungen oder Interfaces. Die Welt gerinnt zum Text, soziale Praktiken lösen sich in Medialisierungseffekte auf, ohne darauf zu achten, dass zwischen einem Rind, das BSE infiziert, und der Art, wie darüber sozial kommuniziert wird, immer noch ein Unterschied besteht, der weder beobachtertheoretisch noch kommunikativ eingeholt werden kann.

Auf den ersten Blick scheint der Sprung vom Raum in die Zeit zwingend. Die sozialen Funktionssysteme der modernen Gesellschaft operieren raumlos. Wirtschaft, Politik und Massenmedien orientieren sich ausschließlich an Kommunikationen, und nicht entlang räumlicher, ethnischer oder territorialer Grenzen. Für die Evolution von Weltgesellschaft ist wichtig, dass soziale Anschlüsse hergestellt werden, dass Kommunikationen ungehindert fließen, dass ausgiebig und exzessiv vor und an den Prints und Screens kommuniziert wird.

Während Funk, TV und Internet Kommunikationsmöglichkeiten herstellen, sorgen Erfolgsmedien wie Wahrheit, Macht und Geld dafür, dass nur jene Themen und Gegenstände die Systemgrenzen passieren, die dort autonom und eigendeterminiert verarbeitet werden können. Für das "Und so weiter..." (Rudolf Stichweh) genügen heutzutage Passwörter, Adressen und der Wille oder das Bewusstsein, an Kommunikationen anzuschließen. In der Weltgesellschaft ist es prinzipiell egal, von wo aus sich die User in die globalen Datennetze einloggen, um Waren zu tauschen, sich Informationen auf den Screen zu laden oder Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Vorm Bildschirm sind alle User nicht nur gleich (Kinder, Machos, Rheinländer ...), sie leben auch alle, so die gängige Vorstellung, gleichweit voneinander entfernt, nämlich einen Mausklick weit.

Unter der Perspektive des Klickens, Linkens und Verbindens spielen Entfernungen und Standorte, Lokalitäten und kulturelle Besonderheiten keine Rolle mehr. Die Weite und die Tiefe des Raums, in denen Militärstrategen, Trekkies und Fußballlehrer klug zu operieren gelernt haben, implodieren, schrumpfen und verdampfen. Scheinbar. Aus Raum- wird Zeitgenossenschaft. "Wer von Weltgesellschaft spricht, hält die segmentäre Ordnung von Nationalstaaten für anachronistisch", so kürzlich wieder mal Norbert Bolz. Und während er alles, was die "Weltkommunikation" behindern oder gar aufhalten könnte, vorsorglich schon mal auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt, feiert Claus Leggewie, ein weiterer glühender Verfechter der neuen Raumentbundenheit, den angeblichen Kosmopolitismus, den Netzwerke stiften. Über eine "Neue Weltordnung", die künftig "auf Augenhöhe" zwischen Amerika und Europa ausgehandelt werden soll, bemerkt er, ohne auch nur mit einer einzigen Silbe die dominanten Staaten Eurasiens wie Russland, China und Indien in seine Überlegungen mit einzubeziehen:

"Erst recht lassen virtuelle Netzwerke (Stichwort: Internet) geopolitische Großräume passé werden. Nationen und Imperien, sogar Amerikas 'imperiale Republik', scheinen im Cyberspace verschwunden zu sein, und alle Kulturen wirken hoffnungslos veraltet, die noch auf kontinentale Landmassen (oder gar Blutsbande) gestützt sind und Feuerwälle gegen den 'freien Fluss der Information' aufrichten wollen. Rückfälle in rohen Nationalismus beiseite gelassen, scheinen sich kosmopolitische Träume von einer "Weltrepublik" zu erfüllen, und wenn schon nicht diese, so kodieren doch bereits virtuelle Adressen - "com" für weltweiten Handel, "org" für transnationales Regieren und "edu" für die entgrenzte Wissensgesellschaft - eine "Weltgesellschaft" (Niklas Luhmann) jenseits territorialer Grenzen."

So forsch, keck und mondän solche raumvergessenen Sätze auch daherkommen, so blauäugig und theoretisch fahrlässig wäre es, die Evolution globaler Netzwerke, die Durchlässigkeit von Systemgrenzen und die Emergenz von Weltgesellschaft mit dem Bedeutungsschwund von Räumen, Geografien und kulturellen Grenzen gleichzusetzen. Verschraubte Semantik, flottierende Signifikanten und Echtzeitkommunikation sind das eine, Körper und Kulturen, die in lokalen und historischen Kontexten verankert sind und sich weniger durch Verlichtung als durch Schwerkräfte und Beharrungsvermögen auszeichnen, aber das andere.

Im Gegensatz zu Metaphern, Rhetoriken und Unterscheidungsartistiken können sie weder friktionslos kommunikativ verarbeitet noch von Medien in soziale Kommunikationen übersetzt oder gar (im Hegelschen Sinn) aufgehoben werden. Eine Großfusion wie die zwischen amerikanischen und schwäbischen Autobauern zeigt das bereits anschaulich. Ähnliches gilt zum einen für die Entgrenzung sozialer Funktionssysteme, die durch globale Datennetze zur virtuellen Weltgesellschaft zusammenwachsen und für eine Realpolitik zum anderen, die zwischen Schlüsselregionen, Global Playern und Randzonen unterscheidet, sich an Mittellagen und Brückenköpfen, Verkehrsknoten und Portalen, Nordflanken und Einflusssphären orientiert und moderne Ortungs- und Kennungssysteme benutzt, um Räume zu scannen, sie zu überwachen und das Eindringen "raumfremder Mächte" zu unterbinden.

Durch Vernetzung und Digitalisierung werden weder Lokalitäten und Landschaften, die den Eigensinn von Bevölkerungen prägen, noch Energiequellen und Bodenschätze, die geographisch ungleich verteilt, zu erschließen und auszubeuten sind, überflüssig. Im Gegenteil: Die Hegemonie im und über den Raum zu erringen oder auszuüben, auf politische Entscheidungsprozesse anderer Nationen und Staaten Einfluss zu nehmen, auf lokalen, regionalen und bedeutenden Märkten in den Handels- und Geschäftszentren der Weltgesellschaft mit Niederlassungen und Wirtschaftsgütern präsent zu sein, Handels- und Geschäftsbeziehungen mit anderen potenten Marktteilnehmern vor Ort zu unterhalten und sich auf die ethnischen Besonderheiten, sozialen Milieus und kulturellen Gegebenheiten einer Region mental und operational einzustellen, ist die andere, verdrängte und ungleich härtere Seite von Virtualität und Globalisierung.

Dem Geographen und Wirtschaftshistoriker Harold Adams Innis ist es zu danken, auf die Koexistenz von Raum und Zeit aufmerksam gemacht zu haben, darauf, wie ehemalige Großreiche wie Ägypten, Rom oder das mittelalterliche Europa ihre politische und militärische Hegemonie durch die gelingende Koordinierung temporaler (priesterlicher) und räumlicher (politisch-militärischer) Mächte erweitert und aufrechterhalten haben. Immer war es das Ziel raumbeherrschender Mächte, von Alexander über Napoleon bis hin zu Hitler, den Befehlsfluss von Nachrichten und Informationen (command, communication, control) zu beschleunigen, den zeitlichen und räumlichen Abstand zwischen Senden und Empfangen durch den Ausbau neuer Transport-, Handels- und Kommunikationswege zu verringern und die Vorherrschaft über Territorien auszuüben.

Dass der Raum durch Luftverkehr, Satellitenaufklärung und Datenhighways nur transformiert, nicht liquidiert wird, Geostrategie und Raumpolitik sich vielmehr den neuen globalen Gefahren und Machtverhältnissen, die der Kollaps der alten Welt und die Öffnung neuer Horizonte im Bewusstsein der Menschen hinterlassen haben, problemlos anpassen lassen, findet man bei Brzezinski eindrucksvoll bestätigt. Und damit auch Carl Schmitts These, wonach mit jeder "Steigerung menschlicher Technik" neue Raum- und Rechtsordnungen einhergehen, die neue Maßnahmen und Formen der Raumeroberung und Raumkontrolle nötig machen.

Obgleich das Land mehrheitlich dem Schlachtruf "America first" folgt, sich von Haus aus mehr um sich als um Außenmächte kümmert, konnte der Amerikaner polnischer Herkunft mit der aus Alteuropa importierten Hegemonialpolitik in Amerika reüssieren. Auch wenn sicherlich der Kalte Krieg dafür gesorgt hat, dass diese Denkhaltung unter den politischen Eliten des Landes rasche Verbreitung fand, beweist Amerika damit einmal mehr, welche geistige und kulturelle Mobilität, Flexibilität und Aufnahmekapazität es besitzt, wie es aus dem Zuzug begabter und talentierter Köpfe (Brain Drain), aus der Vielfalt und dem Mehr von Mentalitäten und Kulturen politisch, strategisch und intellektuell Kapital schlagen kann, ohne dass es traditionelle Glaubenshaltungen, Moral- oder Wertvorstellungen aufgeben oder Immigranten zwingen muss, jenen missionarischen Eifer zu teilen, den Amerika seit Jefferson an jede neue Generation weiterreicht.

Isolationistische Neigungen hegt Brzezinski nicht. Weswegen es flammender Appelle nicht bedarf, um die "moralischen Führungsrolle" Amerikas einzuklagen oder das amerikanische Volk daran zu erinnern. Setzen Philosophen wie Richard Rorty (Patriotischer Messianismus) auf Semantiken, auf "Achieving the Country", um im Streben danach Vorbild, Hoffnung und Zukunft für die Welt zu sein, orientiert sich der Geopolitiker eher an geo- und machtpolitischen Realitäten und strickt an einem klug geknüpften Ordnungs- und Sicherheitssystem, das auf strategischen Partnerschaften, finanziellen Abhängigkeiten und manipulierenden Taktiken beruht.

Zwar kommt es schon mal vor, dass Zbig mit politischer Romantik hantiert, mit der "Vision einer besseren Welt" oder dem "historischen Vermächtnis" prahlt, das Amerika der Welt hinterlassen will, wenn ein internationales Weltsystem im amerikanischen Interesse aufgebaut ist, es seine historische Mission erfüllt hat und als Supermacht quasi abtreten kann. Der Informationswert solcher Aussagen ist jedoch überaus gering. Verbesserung, Vervollkommnung und globale Demokratisierung sind Worthülsen und Leerformeln, sie sind zuvörderst dazu da, politische Rivalen und Gegner ideologisch zu schwächen und US-amerikanische Interessen zu sichern.

Im Unterschied vielleicht zu Fareed Zakaria, einem Inder und anderen prominenten Raumpolitiker, der Amerikas "Hollow Hegemony" geißelt und versucht, den Isolationismus der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts (Monroe-Doktrin) mit hegemonialen Ansprüchen zu versöhnen. Dass dieser neue politische Messianismus in Amerika weiter an Anhänger gewinnt, belegt nicht zuletzt das New Yorker Council on Foreign Relations, das den Zakaria 1993 nach seinem Studium in Yale und Harvard und Promotion bei Sam Huntington sofort zum Chef der Zeitschrift Foreign Affairs machte - dem jüngsten in der fast 80-jährigen Geschichte dieses Leib-und-Magen-Blatts aller internationalen Politikstrategen. Und nachdem ihn das Magazin Esquire letztes Jahr gar zu einem der wichtigsten Personen des 21. Jahrhunderts ausrief, kürte Newsweek ihn jüngst zum Leiter der internationalen Ausgaben, ein untrügliches Zeichen dafür, dass Zakarias Weg sehr bald schnurstracks ins State Departement einer republikanisch geführten Regierung führen wird.

Nach Bekenntnissen zu universellen Werten oder moralischen Zielen wird man deshalb bei ihm vergebens suchen. Eine Politik, die sich lauthals um die Beseitigung ungleich verteilter Güter, den Schutz der Umwelt, der Bekämpfung von Waffenexporten oder um die weltweite Verwirklichung von Demokratie und Menschenrechten sorgt, ist seine Sache nicht. Worum es ausschließlich geht, ist die Wahrung und globale Stärkung der "einzigartigen Machtposition", die Amerika nach dem Gewinn zweier Weltkriege und dem politischen Zerfall der Sowjetunion und dem moralischen Scheitern des Weltkommunismus in den Schoß gefallen sind. Konstanz der amerikanischen Hegemonie ist der Garant für den Weltfrieden, für weniger Gewalt und Unordnung und mehr Demokratie und wirtschaftliches Wachstum auf der Welt. Getreu der Lesart seines Kollegen Sam Huntington ist für Zbig "die Fortdauer der amerikanischen Vorherrschaft sowohl für das Wohlergehen und die Sicherheit der Amerikaner als auch für die Zukunft und Freiheit, Demokratie, freier Marktwirtschaft und internationaler Ordnung in der Welt von zentraler Bedeutung."

Nach dem Ende der zweiwertigen Welt ist diese "beispiellose globale Vormachtstellung" der USA von "weltweiter Anarchie" und dem "Kampf der Kulturen" bedroht. Kontingenzabwehr und Kontingenzbewältigung heißt seitdem die Devise. Amerika ist der Turm in der Schlacht, der Katechont im Abwehrkampf gegen alle fließenden Kräfte und totalitären Bestrebungen. Der Aufbau eines globalen Alarm- und Sicherheitssystem von Amerikas Gnaden ist deshalb vorrangiges politisches Ziel.

Garanten und Bausteine dieser Weltordnung sind nach wie vor Nationalstaaten. Ihre "geographische Lage" entscheidet über unmittelbare Vorrechte in dieser Ordnung. Je größer die Fläche eines Staates ist, desto prominenter ist der Rang, den ein Staat im internationalen System einnimmt; je stärker die ökonomische Potenz ist, desto höher ist die Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht werden muss; und je rascher ein Staat technologische Innovationen in Waffentechnik und in Wirtschaftskraft ummünzen wird, desto bedeutender wird der Part sein, den dieser in einer Region oder bei der Schlichtung von politischen Konflikten spielen wird.

Streng unterscheidet der Geopolitiker daher zwischen "geostrategischen Akteuren" (Deutschland, Frankreich, Russland, China, Indien), die in der Lage sind, die amerikanische Hegemonie zu gefährden und Macht und Einfluss auf Nachbarstaaten oder ganze Landstriche auszuüben, und "geopolitischen Dreh- und Angelpunkten" (Iran, Türkei, Ukraine, Aserbeidschan, Südkorea), die Zugang zu Rohstoffen und Energiequellen haben und wegen dieser geografischen Lage von besonderer Wichtigkeit sind, oder Staaten, die Hauptakteure sein könnten wie etwa England und Japan, aber diese Bedingungen nicht erfüllen, oder Regionen wie Afrika und Australien die auch weiterhin "dark continents" in diesem "global play" bleiben werden. Auf diesem Schachbrett mit diesen Akteuren durch geschickt geführte Spielzüge eine ebenso "langfristige, einheitliche und umfassende" wie klug ausbalancierte Geostrategie zu entwickeln, die einen intelligenten Verbund zwischen "geostrategisch dynamischen Staaten" und "geopolitisch katalytischen Staaten" einschließt, ist die Kunst vor der die Weltmacht anno 2000 steht. Für die Pax Americana heißt das wie seinerzeit schon für die Pax Romana auch: geheime Abkommen zwischen Vasallen verhindern, die Abhängigkeit in Sicherheitsfragen zu erhalten, tributpflichtige Staaten unter Kontrolle zu halten, und dafür zu sorgen, dass Barbarenvölker sich nicht gegen Amerika verbünden.

Das "Schachbrett, auf dem der Kampf um globale Vorherrschaft" ausgetragen wird, heißt "Eurasien". Auf der Landmasse zwischen Lissabon und Wladiwostok leben nicht nur drei Viertel der Weltbevölkerung, auch der weitaus größte Teil des materiellen Reichtums der Erde lagert dort. Binnen weniger als einem Jahrhundert ist Amerika die Rolle des Schiedsrichters über diesen Raum zugefallen. Zum ersten Mal dominiert damit eine außereurasische Macht diesen "zentralen Schauplatz", der weiß Gott nichts Metaphorisches an sich hat, vielmehr ein Ort mit genauen Längen- und Breitengraden, mit Portalen und Verkehrsknoten, mit Energievorräten und Rohstoffen ist.

"Der Fortbestand der globalen Vormachstellung Amerikas hängt unmittelbar davon ab, wie lange und wie effektiv es sich in Eurasien behaupten kann."

Auf diese "Weltinsel" (Mackinder) hat die amerikanische Politik künftig ihr Augenmerk zu richten. Das Go East von EU und NATO; die Befriedung des Balkan; der Eintritt Amerikas für einen Beitritt der Türkei zur EU; die Stärkung des geopolitischen Pluralismus im postsowjetischen Raum; die Anbindung Russlands an Europa durch den Bau "neuer Autobahnen und Schienennetze"; die Anerkennung Chinas als regionale Vormacht und global player; das Verhindern der Bildung einer Achse Russland-China-Indien, was den Rausschmiss und Verlust der amerikanischen Hegemonie bedeuten würde: all das sind Maßnahmen, Mittel und Wege, um amerikanische Interessen zu sichern, die Kontrolle über diesen Kontinent zu erhalten und den Aufstieg eines neuen weltgeschichtlichen Rivalen auszuschließen.

Interessant an Brzezinskis Weltschau ist, dass er der kulturellen Komponente einen wesentlich höheren Stellenwert zuweist als jeder andere Stratege vor ihm. Weltweite Militärpräsenz, technologische Überlegenheit und Wirtschaftspower sind zwar wichtige Bürgen für den Bestand der Supermacht. Aber erst die Beherrschung der Nachrichten- und Kommunikationssysteme sichert diesen Einfluss und baut ihn unmerklich und schleichend aus. Besonders die Unterhaltungsindustrie, Amerikas Massen- und Popkultur, die inzwischen eine geradezu magische Anziehungskraft auf die Jugendlichen in aller Welt ausübt, ist "Instrument und Waffe" (Carl Schmitt) Amerikas im Kampf um die globale Vorherrschaft geworden. 1990, in einem Interview mit der französischen Zeitung Libération, erklärte Brzezinski:

"Auf jeden Fall beruht die Macht der USA zu einem sehr großen Teil auf seiner beherrschenden Stellung auf dem weltweiten Medienmarkt, denn 80 Prozent der Worte und Bilder, die auf der Welt zirkulieren, stammen aus den USA."

Und sieben Jahre später schreibt er:

"Amerikanische Fernsehprogramme und Filme decken etwa drei Viertel des Weltmarktes ab. Die amerikanische Pop-Musik ist ein ebenso beherrschendes Phänomen, während Amerikas Marotten, Essgewohnheiten, ja sogar seine Mode zunehmend imitiert werden. Die Sprache des Internet ist Englisch, und ein überwältigender Teil des Computer-Schnickschnacks stammt ebenfalls aus den USA und bestimmt somit die Inhalte der globalen Kommunikation nicht unwesentlich."

Schon allein deswegen kann und muss der rasche Ausbau des Internet, die anfängliche Subventionierung und Anschubfinanzierung dieser Technologie durch die US-Regierung, die sofortige Freilassung des Netzes nach dem Ende des Kalten Krieges, die technische Codierung von unbeschränktem Welthandel, ungehindertem Wettbewerb und individualistischem Lebensstil und die Forderung nach dem "Free Flow of Information" auch mal unter dieser Warte näher beleuchtet werden.

In München schien Brzezinski allerdings Kreide gefressen zu haben. Auf politischen Klartext verzichtete er weitgehend, sieht man mal vom Bonmot "Wladiwostok muss in Europa liegen" ab. Über globale Vormacht, Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit Amerikas schwieg er sich aus. Von "demokratischen Brückenköpfen", die Deutschland und Frankreich für Amerikas Griff nach Eurasien strategisch spielen, war ebenso wenig die Rede wie vom "Protektorat Japan", vom globalen Machtpoker, der von Washington D.C. aus nach amerikanischen Regeln gespielt wird oder von internationalen Institutionen (IWF; Weltbank, WTO), die von den USA weitgehend kontrolliert und dominiert werden.

Stattdessen sprach Zbig ausführlich von "Lastenverteilung", von "Verpflichtung" und "Verantwortung", die Europa künftig übernehmen und im strategischen Konzept der USA einnehmen müsste, wenn es in Asien oder Amerika im Nahen Osten künftig für Ordnung sorgen und den Nachschub des Westens sichern soll. Amerika den Rücken frei zu halten, um Bewegungs- und Feuerfreiheit auf dem eurasischen Kontinent zu haben, hieß das wohl für Europa.

Schnell hatte Brzezinski mögliche Brennpunkte und Krisenherde für die Pax Americana aufgezählt und abgehakt. Er warnte vor einer möglichen Destabilisierung Chinas durch eine zu raschen Dynamisierung seiner Wirtschaft und vor einem Konflikt mit der regionalen Vormacht, wenn es seinen Anspruch auf Taiwan militärisch geltend machen sollte; er wies auf die Rivalität zwischen Pakistan und Indien hin, die durch den Besitz von Atomwaffen und Raketentechnik extrem angeheizt wurde; und er zeigte sich besorgt von einer möglichen Annäherung und Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten, was dazu führen könnte, dass amerikanische Truppen von der Halbinsel abziehen müssten und ein neues Ungleichgewicht im pazifischen Raum dadurch entstünde.

Danach kam der gebürtige Pole rasch auf sein eigentliches Thema zu sprechen: die Deutschen auf die Osterweiterung und "Wiedervereinigung Europas" einzuschwören. Ein Referendum, wie es kürzlich der verantwortliche Europa-Kommissar Verheugen gefordert hatte, lehnte er ausdrücklich ab. In Nizza, auf dem EU-Gipfel am 9. Dezember, müsste unbedingt ein Abkommen über die Erweiterung der EU her, damit im Frühjahr 2005 die ersten neuen Staaten der EU beitreten könnten. Prag, Budapest und Warschau gehörten zu Europa, sie müssten deswegen künftig in der Mitte Europas liegen, forderte der polnische Emigrant vehement.

Dezent aber eindringlich erinnerte der Geopolitiker die Deutschen daran, dass Amerika ein Mitspracherecht an diesem Einigungsprozess besitze, hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg doch dafür gesorgt, dass Westeuropa wirtschaftlich und politisch wieder auf die Beine kam. Brzezinski ließ keinen Zweifel daran, dass amerikanische Interessen sich mit den europäischen deckten. Tunlichst vermied er es, auf das an die Osterweiterung gekoppelte doppelte Interesse der Amerikaner hinzuweisen, wie man es in seinem Buch nachlesen kann. Die Wiedervereinigung Europas werde nämlich den amerikanischen Einflussbereich nach Osten ausdehnen und Amerika näher an Moskau heranrücken lassen. Die Zahl der Staaten, die den USA zuneigten, werde dadurch wachsen. Andererseits werde das größer werdende Europa durch seine Erweiterung wirtschaftlich geschwächt. Denn mit der zu raschen Aufnahme wirtschaftlich schwacher Staaten bar jeder wirtschaftlichen Vernunft, würde es auf lange Zeit mit sich selbst beschäftigt und kaum in der Lage sein, ein weltgeschichtlicher Rivale im globalen Maßstab zu werden.

Dass diese Sicht nicht unbegründet ist, sondern von wirtschaftlichen Daten gestützt wird, die eher eine Verschärfung der Aufnahmekriterien verlangen als deren weitere Aufweichung, beweist der jüngste Bericht der Bundesbank, in dem die Banker die deutsche Regierung eigens vor der schnellen Aufnahme neuer Staaten warnen, weil dadurch die Gemeinschaftswährung erheblich geschwächt würde.

Die politische Einigung ist das eine, zum Global Player werden aber das andere. Wer die Segnungen und Wohltaten der Globalisierung genießen wolle wie Europa, müsse sich auch ihren Gefahren und Misslichkeiten stellen und militärisch Vorsorge betreiben. An der militärischen Aufrüstung Europas schien Brzezinski besonders interessiert zu sein. Ein Zahlenvergleich verdeutlichte dies. Während Amerika 1,4 Millionen Soldaten unter Waffen halte, davon 100 000 allein in Europa und eine Viertelmillion, die sofort weltweit eingesetzt werden könnten, stünden Europa fast 2,3 Millionen Krieger zur Verfügung, wovon aber nur 20 000 innerhalb kurzer Zeit in Krisengebiete verlegt werden könnten. Nach Serbien hätten deswegen beispielsweise keine europäischen Truppen verlegt werden können. Nachdrücklich forderte Brzezinski von England, Deutschland und Frankreich, ihre finanziellen Streitigkeiten um das gemeinsame Korps beizulegen und für die Aufstellung einer schnellen Eingreiftruppe zu sorgen, die für out of area Einsätze, für humanitäre Hilfe, Evakuierungsoperationen, friedenssichernde und friedenserzwingende Maßnahmen überall in der Welt bereit stünde.

Die Hoffnung auf eine weitere Annäherung Russlands an Europa schien Zbig bereits aufgegeben zu haben. Erst eine Post-Putin-Generation werde sich vielleicht Europa wieder öffnen, nachdem sie vermutlich mit amerikanischer Kultur befeuert und aufgetankt worden ist. Zudem werde von einem neuen amerikanischen Präsidenten keine gravierenden Änderungen in den Grundkoordinaten der Außenpolitik zu erwarten sein. Die seien langfristig festgeschrieben. Ein Präsident Bush oder Gore oder eine Regierung unter der Führung des einen oder anderen würde daran nichts ändern.

In allen diesen Überlegungen spielt der afrikanische Kontinent keine Rolle. Nur beiläufig findet er in Brzezinskis Buch Erwähnung. Das Desinteresse wird schnell klar, wenn man sich die Landmasse Eurasiens einmal umgedreht vorstellt.

"Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu erkennen, dass die Kontrolle über Eurasien fast automatisch die über Afrika nach sich zöge und damit die westliche Hemisphäre und Ozeanien gegenüber dem zentralen Kontinent der Erde geopolitisch in eine Randlage brächte."

Indes ist der Kontinent gerade dabei, sich selbst auszulöschen. Nach jüngsten Berechnungen der Vereinten Nationen und einem Bericht der Tageszeitung Die Welt wird in den kommenden Jahren jeder zweite Afrikaner an der Immunkrankheit Aids sterben. Auch das zeigt, warum Geopolitiker sich über diesen Kontinent nicht weiter den Kopf zu zerbrechen brauchen.

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