Politik und Medien gehen dem Terror wieder einmal in die Falle

Emails und Handy-Anrufe sollen nach dem Willen des britischen Innenministers europaweit mindestens 5 Jahre lang gespeichert werden

Der britische Innenminister Charles Clarke will, wie der Observer berichtet, seinen EU-Kollegen nächste Woche den Vorschlag unterbreiten, europaweit die Verbindungsdaten aller Emails und Handy-Anrufe über mehrere, mindestens aber 5 Jahre zu speichern und sie der Polizei und den Geheimdiensten zugänglich zu machen. Dadurch könnten sich verdächtige Muster erkennen lassen, mit denen sich ("quite possible") Terroranschläge verhindern ließen. Die National Crime Squad hat auch schon vor jeder gesetzlichen Grundlage die Internetprovider in Großbritannien aufgefordert, alle Emails zu speichern, weil sie sich als nützlich für die Jagd nach den Tätern erweisen könnten. Als Begründung heißt es, es sei wahrscheinlich, "dass die Täter der Anschläge in Londons Innenstadt Telekommunikationssysteme für Planung und Ausführung ihrer Tat benutzt haben".

Bislang hielt ich "Big Brother" für eine abgelutschte Metapher. Die Meldung von heute morgen könnte das ändern. Politik und Medien scheinen genau so zu reagieren, wie es der Terrorismus will:

  1. Kaujm jemand hinterfragt die Logik, dass und wie nach einem Terroranschlag berichtet werden muss. Terror ist nur im Zeitalter instantaner und ubiquitärer Medien möglich, wenn also Mediennutzer zu unmittelbaren Augenzeugen werden können – und dies weltweit überall dort, wo Massenmedien erreichbar sind. Die Logik des Terrors ist zwingend auch eine der Instantan-Medien – beide, Terror und Medien, bilden einen "kybernetischen Kurzschluss" (Siegfried Zielinski hat dies in ähnlicher Form auch 1991 nach dem Golfkrieg für das Zusammenspiel von Kriegsführung und Fernsehbildern analysiert – mit Realtime- und Eyewitness-News sowie dem Internet hat sich dieses Zusammenspiel radikalisiert).
  2. Und kaum jemand hinterfragt die Logik, dass und wie das politische System nach einem Terroranschlag reagieren muss: Der Terror sei ein "Übel", ein "Krebsgeschwür", er gehöre "ausgerottet" oder gar "ausgemerzt". Man werde gegen den Terror "kämpfen" und letztendlich werde das System "siegen". Eine Radikalisierung der Konfrontation zwischen System und Terror ist das, was Terror will. Die Politik tut reflexartig genau das. Alles andere wäre eine Bagatellisierung, moralisch nicht vertretbar, sagt uns das gängige Reaktionsmuster. Und zweitens: Nach jedem Terroranschlag ist klar, dass die Repressions- und Überwachungsmaßnahmen drastisch verschärft werden müssen. Wieder gilt: Das will der Terror. Das politische System soll sich immer mehr zum Überwachungsstaat transformieren, bis die Bürger eines Tages das System genau so hassen wie den Terror.

Slavoj Žižek hat einmal gesagt, Selbstmordanschläge würden zeigen, dass islamistische Radikalisten zu etwas fähig sind, was uns in der westlichen Kultur fremd erscheint (aber in der Geschichte nicht immer erschienen ist!): Man sei bereit, für einen Glauben, für eine Überzeugung zu sterben. Das mag die psychoanalytische Dimension sein. Der Versuch, diese auch nur ansatzweise zu verstehen, bedeutet noch lange kein Gutheißen von Untaten und Grausamkeiten gegenüber Unschuldigen.

Es mag eingewandt werden, ich würde dies nicht schreiben, wenn eigene Verwandte oder Bekannte unter den Opfern der jüngsten Anschläge wären. Und dieser Einwand ist richtig. Wahrscheinlich würde auch ich hassen, nach Vergeltung rufen und die Terroristen am liebsten 'in die Hölle schicken'. Die massenmediale Verstärkung dieser Gefühle steht meines Erachtens aber immer noch auf einem anderen Blatt:

Bevor nun ernsthaft über den völlig absurden Vorschlag nachgedacht wird, alle Telefonate und Emails zu speichern, sollte über einen anderen Vorschlag öffentlich diskutiert werden: Anstatt dass die EU-Minister groteske Ideen zum Ausbau des Überwachungsstaates beraten, mögen sich doch besser die Verleger und Herausgeber der großen Medienkonzerne dieser Welt zusammensetzen und über eine alternative Terror-Berichterstattung nachdenken.

In der Welt privatwirtschaftlich organisierter Massenmedien – noch dazu in einer ökonomisch schwierigen Zeit – eine Utopie? Wohl keine größere als das Abspeichern aller Emails. Die massenmediale Logik erscheint tabu, bleibt dem Streben nach Veränderung immer entzogen. "Wir müssen doch berichten." Die Privatsphäre der Menschen hingegen kann eingeschränkt werden.

Ja, die Welt hat ein Anrecht auf Informationen. Die Presse- und Meinungsfreiheit ist ein wichtiges, wenn nicht das Grundrecht in der Demokratie. Man will doch in Realtime wissen, was geschieht! Ein News-Junkie sein, permanent auf Empfang, wenn es wieder kracht.

Ertappen Sie sich selbst in der Aufmerksamkeitsfalle der Terroristen? Halten wir diesem Wahn ein Filmzitat von Jean-Luc Godard entgegen: "Wenn Du die Welt sehen willst, schließ' die Augen!" Ist Nicht-Berichten verantwortungsloses Wegschauen oder aber Introspektion, tiefere Einsicht? Und zugegeben, auch dieser Artikel berichtet nicht nicht. Er fügt sich in das Schema Reiz-Reaktion. Alternative Ideen können die Öffentlichkeit aber nicht erreichen, wenn über sie geschwiegen wird.

Würde der Terror mit einem "Jetzt erst recht" reagieren, würde der Schuss nach hinten losgehen und würden die Terroristen dann wissen wollen, ob die mediale Schweigespirale funktioniert und deshalb noch heimtückischere Dinge planen? Genau das müsste öffentlich diskutiert werden.

Man stelle sich vor: Die Bomben explodieren in London und keiner berichtet darüber. Nur die Angehörigen werden informiert, die Rettungs- und Ermittlungsarbeiten laufen ohne journalistische Intervention. Aber alle Menschen auf diesem Planeten wissen Bescheid, dass es beim nächsten Anschlag auf eine Metropole so laufen wird. Dem Terror den Wind aus den Segeln nehmen – ein Ding der Unmöglichkeit in der Mediengesellschaft?

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