Politisch wichtiger Test des Raketenabwehrsystems gescheitert

Es sei eigentlich ja gar kein Test gewesen, heißt es beschönigend aus dem Pentagon, das daraus aber gerade die Notwendigkeit ableitet, das System in Europa einzurichten

Für die US-Regierung wäre es angesichts der schweren Auseinandersetzungen um die Einrichtung von Teilen des Raketenabwehrschilds in Polen und der Tschechischen Republik wenigstens ein wichtiger Schritt gewesen, wenn der letzte Test erfolgreich gewesen wäre. Die Bush-Regierung hat mit dem umstrittenen Raketenabwehrsystem den Konflikt mit Russland eskalieren lassen, obgleich es technisch noch immer unausgereift ist und weil der angebliche Grund, mit der geplanten Raketenbasis in Polen, Europa und die USA vor künftigen Langstreckenraketen aus Iran schützen zu wollen, kaum jemand zu vermitteln ist.

Noch dazu kam, dass das Raketenabwehrsystem seit Beginn an auch in den USA umstritten ist. Das teure Lieblingsprojekt des Pentagon wurde erst wirklich gefördert, als Bush seine Präsidentschaft antrat, und auch dann weitergeführt, als die meist sehr unrealistischen Tests auch noch öfter in die Hose gingen und mit dem 11.9. die Bedrohungen aus dem Kalten Krieg hinter neuen Risiken verschwanden. Im neuen Pentagon-Haushaltsgesetz will der nun mehrheitlich demokratische Kongress zudem das Raketenabwehrsystem finanziell zurückschneiden und blockiert auch die Hälfte der Gelder, die für den Bau der Militärbasen in Polen und der Tschechischen Republik gefordert wurden (Umschichtungen im Pentagon-Haushalt). Auch in der Nato führte das wie immer eigenwillig ausgeführte Vorhaben zu Spannungen und führte erneut zu einem Konflikt zwischen der alten europäischen Koalition der Willigen und den übrigen Staaten (Die Wiederkehr alter Feindbilder). Gerade finden auch die ersten formellen Verhandlungen mit den Regierungen in Polen und der Tschechischen Republik statt, wo die Bevölkerung von den amerikanischen Plänen nicht begeistert ist.

Der Druck war also groß für die Missile Defense Agency (MDA), dass der geplante Test, der zweite, etwas realistischere Test überhaupt, zumindest vorführen sollte, dass das System im Prinzip funktioniert. Für das landgestützte System, das in Polen errichtet werden soll, sollte es der erste Test werden, bei dem Abfangrakete das Ziel nur aufgrund von Daten der Systemkomponenten abschießen sollte, die während des Versuchs "operational konfiguriert" werden. Früher scheiterten Tests auch dann, als alle notwendigen Daten über den Flug der Zielrakete auch für die Berechnung der Flugbahn der Abfangrakete bekannt waren. Abgesehen von einem Test des besser funktionierenden seegestützten Systems, bei dem neben der Zielrakete auch eine Attrappe ins Spiel kam, ist das Raketenabwehrsystem noch weit davon entfernt, Langstreckenraketen mit mehreren Sprengköpfen und mit vielen Attrappen abschießen zu können.

Geplant war der Abschuss einer Rakete in Alaska und 20 Minuten später die der Abfangrakete von der kalifornischen Vandenberg Air Force Base. Allerdings musste der Test abgeblasen, weil die zuerst abgeschossene Rakete, die das Angriffsziel darstellte, nicht die richtige Höhe erreichte. So erklärte es jedenfalls General Henry Obering, der Chef der MDA. Die Zielraketen seien alt, manche hätten einfach technische Mängel. Man plane aber die Zielraketen zu modernisieren, um dieses Risiko auszuschließen. Den nächsten Versuch soll es im Sommer geben.

Weil die Abfangrakete gar nicht gestartet wurde, sei es eigentlich auch gar kein Test gewesen, versicherte ein MDA-Sprecher. So heißt dann auch der Titel der Pressemitteilung auf Pentagonesisch: Missile Defense Test a "No Test". Dafür lieferte der Sprecher eine geradezu abenteuerliche Begründung, warum trotz des fehlgeschlagenen Tests oder gerade wegen diesem die Basis für die Abfangraketen unbedingt in Polen eingerichtet werden müsste. Der "No Test" habe nämlich demonstriert, dass auch iranische Langstreckenraketen ihr Ziel aufgrund technischen Mängel nicht erreichen und dann in Europa vom Himmel fallen könnten, auch wenn Europa gar nicht das Ziel des Angriffs war.

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