Politische Filter in der Wikipedia?

Grafik: TP. Wikipedia-Logo: Nohat (concept by Paullusmagnus) / Wikimedia / CC-BY-SA-3.0

Im Online-Lexikon kommen Filter zum Einsatz, die das Entfernen von Worten wie "Verschwörungstheorie" oder "antiamerikanisch" erschweren. Mitverantwortlich ist ein Präsidiumsmitglied des Unterstützervereins Wikimedia

Die deutschsprachige Wikipedia sorgte zuletzt für Schlagzeilen mit ihrer eintägigen Abschaltung aus Protest gegen die EU-weite Einführung von Uploadfiltern. Weniger bekannt ist, dass innerhalb der Wikipedia selbst schon seit einiger Zeit automatisierte Filter existieren, die Bearbeitungen einschränken. Ursprünglich zum Schutz vor Vandalismus eingeführt, haben sich diese Filter, die von Administratoren der Wikipedia programmiert und verwaltet werden, mittlerweile zu Instrumenten entwickelt, die teilweise die politische Ausrichtung von Artikeln beeinflussen.

Laut einer Recherche der beiden Dokumentarfilmautoren Dirk Pohlmann und Markus Fiedler existiert etwa der "Filter 248", der dafür sorgt, dass in diversen Artikeln Begriffe wie "rechtsextrem", "antiamerikanisch", "antisemitisch" oder "Verschwörungstheorie" vor Löschung durch unangemeldete Besucher geschützt sind. Ebenfalls geschützt sind demnach Links und Verweise auf den anonym betriebenen Online-Pranger Psiram.com, wo vom Mainstream abweichende Ansichten, insbesondere zu Geopolitik und Schulmedizin, häufig als unseriös dargestellt werden.

Besondere Brisanz erhält der Vorgang dadurch, dass der für diesen Filter verantwortliche Administrator "Seewolf" alias Harald Krichel, zugleich Stellvertretender Vorsitzender des Präsidiums der Wikimedia ist. Der Verein "Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens" besteht seit 2004 und ermöglicht mit derzeit über 60.000 Mitgliedern und mehr als 100 festen Mitarbeitern den institutionellen Rahmen für das Wikipedia-Projekt hierzulande. Man sammelt Spenden (2017 10 Millionen Euro) macht Werbung und kümmert sich um die technische Infrastruktur. Das Präsidium des Vereins verantwortet dabei unter anderem die strategische Ausrichtung. Dass der Vizechef dieses Lenkungsgremiums, das sich Unparteilichkeit auf die Fahnen geschrieben hat, selbst als Administrator in der beschriebenen Weise tätig wird, wirft Fragen auf. Jan Apel, Pressesprecher der Wikimedia, teilt dazu auf Nachfrage mit:

Als Präsidiumsmitglied nimmt Herr Krichel keine Bearbeitungen der Wikipedia vor. Das gilt für Präsidiumsmitglieder genauso wie für alle hauptamtlich Angestellten bei Wikimedia Deutschland. In seiner Freizeit ist er als Administrator aber sehr aktiv.

Jan Apel

"Zufällige Personalunion"

Die Nachfrage, ob es die Wikimedia generell für angemessen und beispielhaft hält, wenn ein Präsidiumsmitglied zugleich aktiv als Administrator tätig ist, blieb unbeantwortet. Offenbar glaubt man ernsthaft, eine Spaltung in Privatmensch (bei der Wikipedia) und Funktionsträger (bei der Wikimedia) konstruieren zu können.

Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund heikel, dass es in der Vergangenheit immer wieder juristische Versuche gegeben hat, die Wikimedia für Wikipedia-Inhalte rechtlich verantwortlich zu machen, was man dort bislang mit der Begründung abwehren konnte, selbst keinen direkten Einfluss auf Wikipedia-Artikel zu haben.

2007 hatte ein Wikimedia-Anwalt vor Gericht in einem ähnlichen Zusammenhang von einer "zufälligen Personalunion" aus Wikimedia-Chef und Wikipedia-Administrator gesprochen, der deutsche Verein sei "als Fanclub der Wikipedia zu verstehen".

Bei den meisten zurückliegenden Verfahren ging es um Kläger, die rufschädigende Inhalte aus Wikipedia-Artikeln oder Diskussionsseiten entfernen wollten, wobei die Rolle der Wikipedia-Administratoren mit gleichzeitiger Geschäftsverantwortung in der Wikimedia passiver Natur war. Im vorliegenden Fall geht es nun allerdings, wie beschrieben, um fragwürdige, aktiv eingesetzte Bearbeitungssperren bzw. Filter, noch dazu in einem politischen Kontext. Ob ein Gericht auch in einem solchen Fall die Wikimedia von jeder Verantwortung freisprechen würde, etwa wenn ein Betroffener klagen sollte, dass ein solcher, von einem Wikimedia-Verantwortlichen aktivierter Filter es erschwert, rufschädigende Formulierungen zu entfernen, steht dahin.

Aktuell ist der Filter 248 offenbar wieder abgeschaltet. So schrieb der Administrator "MBq" am 24. März, etwa zwei Wochen nach meiner Korrespondenz mit der Wikimedia: "Wir werden den Filter vorläufig deaktivieren."

Hintergrund waren zahlreiche Beschwerden von Nutzern, denen der Filter ohne ersichtlichen Grund und abseits politischer Kontexte in die Quere kam, da er offenbar ungenau programmiert wurde. Der Filter selbst ist intransparent, niemand außer den Programmierern kennt seinen genauen Inhalt und die vollständige Liste der Begriffe, die geschützt sind. Dies bestätigt auch die Wikimedia-Pressestelle:

Nicht alle Filterregeln sind öffentlich zugänglich. Zum Schutz der Wikipedia vor Vandalismus und der Umgehung der Filterregeln sind viele Filtervariablen nur für Administratoren sichtbar.

Wikimedia-Pressestelle

Der Willkür beim Einsatz solcher Filter steht damit wenig im Weg. Generell stellt sich die Frage nach der Verantwortlichkeit. Wer darf solche Filter, die auf die Arbeitsweise der gesamten Wikipedia Einfluss haben, aktivieren? Die Wikimedia verweist auf Nachfrage nur kryptisch auf die "Nutzergemeinschaft der entsprechenden Wikipedia-Sprachversion". Doch diese "Nutzergemeinschaft" wird in der Realität zum Teil von sehr kleinen Gruppen dominiert, die sich über die Jahre intern einen Status erarbeitet haben, dem gelegentliche Hobbynutzer nur wenig entgegenzusetzen haben.

Der Administrator "Seewolf" alias Harald Krichel (seinen bürgerlichen Namen hat er selbst öffentlich gemacht) ist nach einer früheren Darstellung der Wikimedia bereits "seit 2003 in Wikimedia-Projekten aktiv", das heißt also bereits vor Gründung des Wikimedia-Vereins 2004. Von 2009 bis 2011 und erneut seit 2015 ist er Präsidiumsmitglied und damit eine der einflussreichsten Personen im deutschen Wikipedia-Universum. Der oben erwähnte Administrator "MBq", der ankündigte, den fraglichen Filter nun abschalten zu wollen - und ihn bis dahin offenbar gemeinsam mit "Seewolf" verwaltete -, ist zugleich einer von nur vier sogenannten "Bürokraten", der höchsten Hierarchiestufe im Apparat der deutschen Wikipedia. Man darf davon ausgehen, dass die Leitungsebene von Wikipedia und Wikimedia sehr genau weiß, was hier passiert.

In der Präambel der Wikimedia-Satzung heißt es: "Über Jahrhunderte wurde Wissen von Herrschenden gefangen gehalten und als Machtinstrument missbraucht. Erst mit der Aufklärung wurde es aus dieser Umklammerung befreit (...) Ziel von Wikimedia (...) ist es, Antworten auf die Frage zu finden, wie das Wissen endgültig befreit und damit allen Menschen dauerhaft zugänglich gemacht werden kann." Zur Nachfrage, wie sich dieser Anspruch mit dem Einsatz von Filtern verträgt, die auf die politische Ausrichtung von Artikeln einwirken, schwieg die Pressestelle der Wikimedia bislang. (Paul Schreyer)

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