Politische Korrektheit in den Köpfen, Antisemitismus in den Herzen

Bild: @athmrva

Zweierlei Gerechtigkeit: Der Antisemitismus-Skandal der Documenta ist vor allem ein Skandal der Medien und der Politik. Ein Kommentar.

Auf der ganzen Welt gibt es viele Probleme. Viele Menschen wissen aber nichts darüber. Oder sie können alleine nichts gegen die Probleme tun.
Die Gruppe Ruangrupa denkt: die Menschen sollen mehr über die Probleme nachdenken. Und sie sollen zusammen etwas gegen die Probleme machen. Deshalb macht Ruangrupa viele Veranstaltungen.

documenta-Guide leichte Sprache

Wer aktuell der ganzen documenta ein Antisemitismus-Label anhängen möchte und Künstlerinnen und Künstler ausladen will, ohne dass es Belege gibt, dass sie sich in ihrer Kunst antisemitisch ausdrücken, der redet der Zensur das Wort.

Angela Dorn, Kunst- und Kulturministerin Hessen

Nicht die Kritiker des Antisemitismus wollen den Tod der Antisemiten, der Antisemit will den Tod des Juden.

Jean-Paul Sartre

Kunst ist der Ort, an dem stellvertretend gesellschaftliche und politische Konflikte ausgetragen werden. Deswegen ist das documenta-Thema ein politisches Thema. Von heute aus betrachtet erscheint es im Wortsinn unglaublich, dass den Verantwortlichen der documenta 15 "die ideologischen Untertöne des indonesischen Kuratorenkollektivs ruangrupa und seiner Künstlerauswahl erst jetzt zu Gehör gelangen, man möchte sagen: um die Ohren fliegen." (Thomas E. Schmidt, s.u.)

Die antisemitische Bannerinstallation "People's Justice" von Taring Padi (siehe: "Wir entschuldigen uns für die Verletzungen") wurde erst am Freitag nach der Presse Vorbesichtigung aufgestellt es wurde sozusagen als Überraschungsei zur Eröffnung und zur Rede des Bundespräsidenten eben diesem ins Nest gelegt.

Man muss also hier bösen Willen vermuten.

Das muss man den Kollegen von der Bild-Zeitung – ob man sie jetzt mag oder nicht – einfach zugutehalten und ihnen noch im Nachhinein gratulieren: Sie waren die ersten und sie hatten recht und kein anderes Publikationsorgan in Deutschland war so klar wie sie: "Die Documenta lädt Antisemiten ein", titelte Bild bereits am 15. Januar 2022. Genauso ist es.

Die Bild-Zeitung hat recht gehabt. Als einzige hatte sie einen klaren Ton, eine klare Haltung und eine Position.

Ein Skandal, der lange ignoriert wurde

Und so leid es einem tut: Außer der Bild-Zeitung war es dann nur noch Die Zeit, die bereits im Januar zumindest eine Ahnung von dem Skandal vermittelte, der sich bereits damals andeutete, und der heute die Documenta prägt. Einen Skandal, den sämtliche Verantwortliche und sie unterstützende Medien konsequent ignorierten – bis sie es in den letzten drei Tagen einfach nicht mehr konnten.

"Hat die Documenta ein Antisemitismus-Problem?", fragte dort Thomas E. Schmidt am 13. Januar.

Schmidt belegte bereits vor fünf Monaten, dass viele Künstler und Aktivisten, die jetzt in Kassel auftreten, seit Jahren für den kulturellen Boykott Israels engagiert sind, dass sie oft Anhänger der antiisraelischen und antisemitischen Politkampagne BDS sind. "Viele bestreiten das Existenzrecht des Judenstaats und verfallen ... auch in die Sprache des Antisemitismus. Natürlich, die Künstler sind frei, ihre Positionen deutlich zu machen."

Doch Nazi-Sympathisanten wie Vertreter des Khalil-Sakakini-Cultural-Center werden auch durch arabische Herkunft nicht sympathischer.

"Kaum erklärlich ist es, dass die Debatten des vergangenen Jahres um die Israelfeindlichkeit der identitären Linken im Kunstbetrieb und der Postkolonialisten von den Documenta-Planern einfach ignoriert wurden. Das Ganze wird sich nun, dazu ist wenig Fantasie nötig, zu einem kulturpolitischen Skandal auswachsen."

Es war also alles seit Monaten klar. Die Politik hat es erst ignoriert, dann aussitzen wollen, es dann, gezwungen durch Naivität, Dummheit und Unverfrorenheit der Kuratoren, nicht mehr aussitzen können. Jetzt tun sie so, als sei alles ganz überraschend gekommen.

Die Medien in ihrer überwiegenden Mehrheit sind hier willige Unterstützer.

Grenzen

Dumme, unverantwortliche und infame Künstler gibt es, seit es die Kunst gibt. Aber es ist Aufgabe von Kulturpolitiker, diese zu kontrollieren, jedenfalls da, wo es um die Vergabe öffentlicher Gelder geht. Es ist Aufgabe der Kulturpolitik, einen Freiraum für Kunst zur Verfügung zu stellen und zugleich darauf zu achten, dass dieser Freiraum nicht missbraucht wird.

Die Grenzen dafür, wann dieser Missbrauch beginnt, sind weit gezogen – aber das, was sich auf der Documenta nicht erst in der vergangenen Woche, sondern im vergangenen Jahr ereignete, das hat so deutlich diese Grenzen überschritten, dass man schon blind oder böswillig sein musste, um nicht zu sehen, was hier geschah.

Was geschah, war: Künstler und Kuratorengruppen der extremen Linken aus meist autoritär regierten Ländern außerhalb Europas haben die Kunstfreiheit europäischer Demokratien (und nebenbei bemerkt europäische Steuergelder) dafür missbraucht, ihr eigenes politisches Süppchen zu kochen.

Denn keine Frage: Wenn sich die Wolken des Skandals gelegt haben, und ganz egal, wer jetzt in Kassel alles zurücktreten muss, dann werden diese Künstler zurück in ihr Heimatland fahren und neben gut gefüllten Bankkonten auch den Ruhm mitnehmen, die Deutschen vorgeführt und ist den Juden mal richtig gezeigt zu haben.

Jetzt wird zurückgerudert

Vor allem die "Grünen" sehen schlecht aus: Die kulturpolitisch seit jeher nicht bewanderte und amateurhaft agierende Partei stellt – vor allem aus politischen Proporzgründen – viel zu viele Kulturpolitiker und Kulturminister allen voran die Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die sich seit ihrer Ernennung in Kulturfragen so gut wie gar nicht geäußert hat. Und dann hat sich die hessische Kulturministerin Angela Dorn trotz anhaltender Vorwürfe immer wieder mehrfach vor die Dokumenta gestellt. Jetzt rudert Claudia Roth zwar zurück, aber zu spät.

"Antisemitische Ressentiments und Antisemitismus dürfen auf der Documenta nicht zum Ausdruck kommen. Das haben auch die Documenta und das Kuratorenkollektiv ruangrupa selbst immer wieder betont", behauptet Angela Dorn, Kunst- und Kulturministerin Hessen vor dem Hessischen Landtag und auf ihrer Website noch am 2.Juni, um gleich alle Vorwürfe mit maßlosen Gegenvorwürfen zu relativieren:

Wer aktuell der ganzen Documenta ein Antisemitismus-Label anhängen möchte und Künstlerinnen und Künstler ausladen will, ohne dass es Belege gibt, dass sie sich in ihrer Kunst antisemitisch ausdrücken, der redet der Zensur das Wort.

Angela Dorn

Die Medien sind nicht besser.

"Kulturzeit" war am Dienstagabend ganz überrascht: "Also doch: Antisemitismus auf der documenta." Jetzt wollen es alle immer gewusst haben. Aber noch wenige Tage vorher im "Kulturzeit extra" feierte die gleiche Redaktion das antisemitische Kuratoren-Team: "Toleranz, Respekt, Miteinander, das sind die Schlagworte ihres Konzepts."

Und weiter: "Unser Verständnis von Kunst - das wird hier so ziemlich auf den Kopf gestellt" – mit solchen Ballaballa-Moderationen meint "Kulturzeit" sein Publikum zu informieren. Man könnte auch versuchen zu bewerten: Unser Verständnis von Kunst, das wird hier ignoriert, wenn nicht bewusst mit Füßen getreten.

Alle diese Floskeln werden unhinterfragt reproduziert. Aber das Offensichtliche will man nicht sehen: 1.000 eingeladene Künstler, aber kein einziger Israeli. Dafür syrische Hipster, die Gaza-exploitation-Kunst machen.

Das Kuratorenkollektiv ist dafür verantwortlich. Politische Korrektheit in den Köpfen, Antisemitismus in den Herzen: Die correctness in den Köpfen verbietet es, die Fakten nüchtern zu sehen, wenn es sich um "nicht-Weiße" Vertreter des "Globalen Südens" handelt - die woke Variante des Rassismus.

Die identitätspolitische "Post-Kolonialismus"-Keule in den Köpfen der deutschen Verantwortlichen gestattet sogar Antisemitismus. (Rüdiger Suchsland)