Politische und gesellschaftliche Polarisierung wird durch die Sprache verstärkt

Schon die Verwendung von Gewaltmetaphern wie "kämpfen" statt "arbeiten für" senkt nach US-Wissenschaftlern die Wutschwelle

Viele klagen, dass durch die sozialen Netzwerke eine Welle von Wut und Aggression läuft, die sich durch zunehmende Polarisierung und den Ausfall einer differenziert und sachlich argumentierenden "Mitte" aufschaukelt. Nicht nur die Internetnutzer tragen zu dieser Polarisierung an ihren virtuellen Stammtischen bei, die sich der Welt geöffnet haben, sondern auch Medien, die immer schrillere Kommentatoren einsetzen und mit zuspitzenden Beiträgen Publikum halten oder gewinnen wollen. Zum Spiel gehören selbstverständlich auch die Politiker aller Parteien, mit der AfD hat sich, wie in anderen Ländern längst geschehen, eine Wutpartei nun bis in den Bundestag vorgearbeitet.

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Wissenschaftler von der Brigham Young University und der Louisiana State University haben auf dem Hintergrund der politischen Situation in den USA untersucht, welche Folgen sprachliche Formulierungen für amerikanische Leser oder Hörer haben können. Stiftet Sprache, auch wenn es sich nur um Metaphern geht und indirekte Formulierungen verwendet werden, zur Wut und Aggression an? Schon allein wegen des Zwei-Parteien-Systems sind die USA ein gespaltenes Land, in dem Emotionen hochkochen. Die Wahl von Donald Trump, dem konservativen und aggressiven Populisten, für den auch gegen Personen und Gruppen gerichtete Schmähungen zum politischen Stil gehören, hat die Polarisierung noch verstärkt.

Für ihre Studie, die im Journal Political Communication erscheinen ist, ließen die Wissenschaftler Anhänger der Demokraten und Republikaner politische Äußerungen über bestimmte Themen lesen und erfassten daraufhin deren Unterstützung für politische Forderungen. So wurden den Versuchspersonen Äußerungen vorgelegt, in denen nur etwa die Worte "kämpfen" durch nicht-aggressive Worte wie "arbeiten" oder "helfen" ersetzt wurden:

The American people are fighting/working hard to make ends meet, and not all can do it on their own the way things are today. We need to invest in policies that ensure everyone has a fair chance at the American Dream. We need to fight for/help our friends and family, our neighbors, ourselves. We need to fight/work together so all Americans can fully join in the pursuit of happiness.

Das klingt harmlos, denn das "Kämpfen" wird hier nur metaphorisch gebraucht, nicht im Sinne eines Kampfes gegen irgendjemanden. Gleichwohl verschärften Worte wie "kämpfen" als Metaphern für Gewalt die Polarisierung um 20 Prozent, wenn es beispielsweise um Ausgaben für die Fortbildung, das Gesundheitssystem, Lebensmittelmarken, Bildung oder Militär oder aber um höhere Steuern für Reiche, Staatsverschuldung oder den Grenzschutz geht. Das wirke sich natürlich vor allem auf diejenigen aus, die sowieso aggressiver sind und eine aggressive Persönlichkeit (trait aggression) besitzen.

Viele politische Anhänger würden, so sagt David Wood, einer der Autoren, Politik als "Krieg" verstehen und sich beeilen, ihre Seite zu unterstützen, wenn sie durch Politiker von Gewaltmetaphern getriggert werden. Das könne für die Politiker aber auch nach hinten losgehen: "Man kann seine Basis mehr in Aufregung versetzen, aber man kann vielleicht weniger bewirken, weil die andere Seite weiter von dem abrückt, das man anstrebt."

Nathan Kalmoe, ein weiterer Autor, meint freilich, es gebe Möglichkeiten, die Anhänger geschickter zu beeinflussen. Man müsse sich etwa nur gezielt mit Mails an bestimmte Wähler wenden (micro-targeting), um sie gegenüber einer Fernsehwerbung, die alle sehen können, zu beeinflussen. Wenn man sich sprachlich zügelt oder mit Gewaltmetaphern nur die eigenen Anhänger anspricht, habe man die "Möglichkeit, eine politische Richtung zu stärken". Er gibt aber auch den Medien Schuld, die Polarisierung zu verstärken. Journalisten fänden es "nützlich", den Konflikt zu verschärfen. Auch wenn dies nur dazu dient, ihre "Story" schärfer zu machen, habe dies "negative Konsequenzen für den politischen Prozess".

Das klingt nun wieder sehr nach einer politisch korrekten Verwendung der Sprache, gegen die die Rechten und Konservativen schon lange aufbegehren und Zensur oder Unterdrückung wittern. Dann wird eben auch darum gekämpft, schon mal austeilen und gegen Minderheiten Vorurteile hegen zu können. Man wird ja wohl noch sagen dürfen … (Florian Rötzer)

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