Politischer Aschermittwoch: Scheuer ausgebuht

Andreas Scheuer. Foto: Michael Lucan, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 de

Robert Habeck predigt und Stephan Protschka von der AfD bedauert das Ausbleiben einer Demonstration gegen seine Partei

Der Politische Aschermittwoch ist eine Tradition, die der Bayerische Bauernbund - eine Partei, die sowohl dem katholischen Zentrum als auch den Sozialdemokraten skeptisch gegenüberstand - nach dem Ersten Weltkrieg begründete. Sie nutzte die Tatsache, dass sich an diesem Tag viele Bauern zum Viehmarkt im niederbayerischen Vilshofen trafen, für politische Reden. Diese Reden vor Bauern und Rossknechten mussten inhaltlich und formal anders gestaltet sein als die vor städtischen Eliten, weil das Publikum häufig angetrunken war und sich ungern mit Pathos langweilen ließ.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm zuerst die Bayernpartei diese Tradition auf. Ihr folgte 1953 die CSU, die die Veranstaltung vor allem durch die unterhaltsamen Reden von Franz Josef Strauß zu einem bundesweit registrierten Medienereignis machte. Die anderen Parteien sprangen ab 1965 nach und nach auf den Zug auf und imitierten die Veranstaltung in verschiedenen Städten.

Söder-Rede: Abgesegnet und aufgesagt?

Den größten Andrang gibt es regelmäßig bei den Christsozialen, die den Veranstaltungsort deshalb bereits seit längerem von Vilshofen nach Passau verlegt haben. Dort passierte dieses Jahr etwas, dass die Veranstalter wahrscheinlich nicht erwartet hatten: Verkehrsminister Andreas Scheuer, der vor dem Hauptredner Markus Söder sprach, wurde von den Anhängern seiner eigenen Partei ausgebuht, noch bevor er mit seiner Ansprache anfing. Als potenzielle Gründe dafür bieten sich neben seinem Autobahnbau im Kurgebiet des Landkreises die Funklöcher in Niederbayern (vgl. Deutscher Verkehrsminister reagiert nicht auf Funklochhinweise) und die 500 Millionen Euro Steuergeld an, um die die Bürger wegen seiner voreiligen Autobahnmautvertragsschlüsse ärmer werden könnten (vgl. Staatsentschädigung für Thomas-Cook-Touristen).

Dem Hauptredner Markus Söder blieb dieses Schicksal zwar erspart, aber seine Spitzen wirkten häufig bemüht oder fremdgefertigt. Er ist kein Franz Josef Strauß - was aber nicht heißen muss, dass seine politische Karriere bald endet: Ein Helmut Kohl blieb mit ähnlichen rhetorischen Fähigkeiten 16 Jahre lang Bundeskanzler. Das will Söder angeblich trotz Medienspekulationen nicht werden: "Mein Platz", so der CSU-Vorsitzende, der es sich in der Vergangenheit schon öfter einmal anders überlegte, "ist hier - in Passau, in Bayern und nicht in Berlin". Ansonsten wirkte seine Rede so abgesichert, dass sie vor dem Aufsagen wahrscheinlich die Bildschirme mehrerer PR-Experten passierte. Dort, wo kein Gegenwind mächtiger Medien zu erwarten ist, teilte er aus - bei "Fridays for Future" ("Man hätte es auch nachmittags machen können, aber es hat inspiriert") und den Grünen ("Mief der 80er Jahre"), hielt er sich dagegen eher zurück.

Kanzel statt Bierzelt

Deren Bundesvorsitzender Robert Habeck versuchte in Landshut erst gar nicht, in die rhetorische Tradition des Politischen Aschermittwochs zu treten, sondern orientierte sich mit Begriffen wie "Orientierungslosigkeit" und Metaphern wie dem "Schiff der Union", das sich "aus dem Hafen losgerissen" habe und "auf offener See" treibe) eher an einem Duktus, den man aus Kirchen kennt. Er wolle, so der Viridianer, eine "Aschermittwochsrede der Zuversicht" halten und "einen Diskurs schaffen, der von Anstand geprägt ist". Man dürfe nämlich "nicht alles sagen, was man sagen kann" und könne "nicht alle Tonalität tolerieren". Von den vor der Veranstaltung demonstrierenden Bauern forderte er dagegen "mehr Toleranz für Arten- und Klimaschutz".

Die explizite Gegenposition dazu formulierte in Deggendorf Hubert Aiwanger, der Bundes- und Landesvorsitzende der Freien Wähler. Er bezeichnete die Agrarpolitik, die in Berlin gemacht wird, als "Kopfschuss mit Ansage", und versicherte den Landwirten, sie stünden im "Mittelpunkt der politischen Strategie" seiner Partei.

"Etwa uninteressant geworden"?

Dafür bekam Aiwanger deutlich mehr Applaus als die neue SPD-Chefin Saskia Esken, die sich "bei ihrer ersten Aschermittwochs-Rede in Vilshofen schwer tat, in Fahrt zu kommen", wie unter anderem der Münchner Merkur befand. Die Stanzen, die die auch vom Gesichtsausdruck her ein wenig an Ralf Stegner erinnernde Politikerin dort von sich gab, erinnerten die Zeitung an "Durchhalteparolen". Ein Effekt, der sich in der Vergangenheit auch bei Rednern der Linken gezeigt hatte (vgl. Politischer Aschermittwoch 2018: die Opposition im Bundestag). Womöglich auch deshalb hatte sich die Partei dieses Jahr dazu entschlossen, neben der umstrittenen Janine Wissler und ihrem Ex-Chef Gregor Gysi auch den Kabarettisten Urban Priol sprechen zu lassen.

Bei der AfD in Osterhofen bedauerte der Bundestagsabgeordnete Stephan Protschka das Ausbleiben der sonst üblichen "Gegendemo" und fragte sich, ob seine Partei "etwa uninteressant geworden" sei. Andere Scherze der weiteren Redner Karin Ebner-Steiner, Corinna Miazga, Stephan Brandner und Gottfried Curio wirkten - wie die Söders - eher bemüht: darunter der Vergleich von Annegret Kramp-Karrenbauer und Ursula von der Leyen mit "Hanni und Nanni" und das Ausbuchstabieren der SPD als "Schlechteste Partei Deutschlands".

Auch der bayerische FDP-Landesvorsitzende Daniel Föst ist kein wirklich begnadeter Bierzeltredner. Er hatte zudem das Problem, dass ihm sein Bundeschef Christian Lindner vor eine neue Situation stellte, indem er sich gestern überraschend für Armin Laschet als neuen CDU-Vorsitzenden und Kanzler einer Jamaika-Koalition aus Union, Grünen und FDP aussprach. Welchen der drei Gruppierungen das bei den bevorstehenden bayerischen Kommunalwahlen eher nützt, und welchen es eher schadet, wird sich am 15. März zeigen. (Peter Mühlbauer)