Politischer Trotzkopf

Dietmar Dath mag Oskar und wählt die Linkspartei

Noch gut sieben Wochen sind es bis zur Bundestagswahl. Während der Kandidat umtriebig die Republik bereist und die Kanzlerin sich zurzeit noch etwas bedeckt hält, meinen einige Prominente und Halbprominente, Intellektuelle und Halbintellektuelle öffentlich schon bekunden zu müssen, wem sie am 27. nächsten Monats ihr Vertrauen schenken werden. Mancher kann sich ein solches Bekenntnis glatt schenken. Von Günter Grass weiß man beispielsweise, wo er sein Kreuzchen machen wird. Bei ihm ist nur die Frage, ob ihm das Personal, das diese Partei vertritt, zusagt und er sich öffentlich für sie engagieren wird.

Auch von Dietmar Dath, bekannter Vielschreiber und Kommunistenbewunderer, konnte man es wissen – obzwar er noch vor Wochen ein großes Geheimnis daraus gemacht hat. Sein Bekenntnis zu Oskar und der Linkspartei kommt daher nicht überraschend. Interessant wäre es nur gewesen, wenn er für die FDP oder gar für die CDU votiert hätte.

Wie man überhaupt feststellen muss, dass Ulf Poschardt, der ihm dies Geständnis entlockt hat, eine unbekannte Vorliebe für den „Schreibmaschinisten“ (De:Bug) entwickelt zu haben scheint. Schon vor ein paar Wochen hatte er ihn zu ähnlichen Themen befragt.

Von daher ist nicht ganz klar, was der Neo-Liberale Poschardt am Neo-Leninisten Dath so cool und anziehend findet. Will er den Radikalinski ob seiner abwegigen Ansichten und Einfälle, die er äußert, etwa am Nasenring durch die öffentliche Arena führen? Oder folgt er nur der Mär von den Gegensätzen, die sich bekanntlich anziehen und sich an ihren Enden berühren?

Auf der anderen Seite fragt man sich unwillkürlich, warum der Mann mit dem Spitzbart diese Spielchen überhaupt mitmacht. Was erhofft oder erwartet sich der Neununddreißigjährige von dem Springermann und überzeugten Ferraristi? Denn als Gag, Joke oder gar Fake kann das Gespräch kaum durchgehen. Dazu wird es von Seiten Poschardts viel zu ernsthaft geführt. Zudem scheint das Gespräch vom Interviewten autorisiert, der geradezu stolz ist ob der Geistesblitze, die ihm da widerfahren sind.

Doch außer den üblichen Plattitüden, die allabendlich bei Will, Illner oder Plasberg (Schief am Stammtisch) ver- und gehandelt werden, dass Bankmanager üble Kerle sind, die Hartz-IV Sätze aufgestockt gehören und die Reichen immer reicher werden, weiß der Linksrebell nicht viel Aufregendes mitzuteilen. Offensichtlich kennt die Boulevardisierung der Politik keine Grenzen und macht mittlerweile auch vor dem intellektuellen Linksradikalismus keinen Halt.

Für Oskar ist Dath, weil nur der Saarbrücker der „galoppierenden Verelendung“ Einhalt gebieten könne. Allein die Linkspartei garantiere noch einen Rest an Krankenversicherung, Tarifrecht oder bezahlbarer Bildung. Nur ihm und ihr traut er zu, das Schlimmste zu verhindern. Die SPD dagegen, „dieser scheußliche Laden“, die den Kapitalismus nur einhegen statt abschaffen will, gehöre abgewrackt, da sie jede „linke Entwicklung“ blockiere, für die der „manisch kleine Racheengel“ Oskar stehe.

Immerhin braucht Dath nicht mehr nach einer „neu organisierten Form des Widerstands und der Überwindung“ Ausschau zu halten wie noch in seiner Streitschrift „Maschinenwinter“ zu lesen ist. Offenbar hat er diese imaginäre neue Partei, die die Besitzlosen befreit, das System aus den Angeln hebt und die Geschichte wieder planbar macht, jetzt gefunden: es ist – die alte. Mit dem Sozialstaat dagegen, auch mit seinem Ausbau durch „Umverteilung“, wie Oskar es will, mag er sich dagegen überhaupt nicht anfreunden. Der würde ihn, die Monade, nicht bloß bevormunden und ihm die Verantwortung für sein Leben nehmen, der wäre dem linken Rebellen auch zu sozialdemokratisch. Stattdessen fordert er, weil es weitaus radikaler klingt, „Rückerstattung“. Das Geld, das Sozialversicherten, Kranken und Versorgungsempfängern abgeknöpft und an den Hindukusch transferiert oder den Pleitebanken nachgeworfen wird, soll an sie zurückgegeben werden.

Pech nur, dass man Nichtbesitzende oder Leute, die nichts oder fast nichts erwirtschaften oder die nicht in die Sozialsysteme einbezahlen, weder schröpfen noch ihnen was wegnehmen kann. Dieser Widerspruch scheint ihm in der Eile der Gedanken nicht aufgefallen zu sein. Und eine blasse Ahnung, wie die Eigenverantwortung der ihrer Staatsknete beraubten Besitzlosen ausschauen soll, scheint Dath auch nicht zu haben.

Dafür aber weiß er umso besser, warum er für den Sozialismus ist. Attraktiv ist der für ihn, weil er „keine reiche Eltern“ habe und ein „gutes Gewissen“ haben möchte. Im Umkehrschluss heißt das wohl, hätte er sie, würde er mit „schlechten Gewissen“ für den Neoliberalismus votieren, dem aktuellen Feindbild des Linksradikalismus. Täuschen wir uns oder hören wir da nicht den kleinbürgerlichen Spießer heraus, der seinen Groll gegenüber den Besserweggekommenen pflegt und ihm, um beim Sozialneid nicht ertappt zu werden, einen Radical Chic verleiht?

Da können dann auch Leichenberge, die in der Vergangenheit im Namen des Sozialismus in Massen aufgehäuft wurden, das „gute Gewissen“ nicht mehr irritieren. Zwar gebe es die Menschheitsgeschichte seit zehntausend Jahren, bewusst gemacht und gesteuert werde sie aber erst, wie er dem Magazin „De:Bug“ einmal erklärt hat (Sozialismus statt Öko-Reformen) seit etwa hundertfünfzig Jahren. Dass da einiges schief gehen könne und Späne fallen, wo gehobelt werde, sei eben unvermeidlich und liege in der Natur der Sache.

Der Leser sollte sich von dem markigen Gebell, das der Leninfan da anstimmt, weder einschüchtern noch verblüffen lassen. Sie sind Mittel einer ästhetischen Drastik, die emotional aufwühlen, verstören und provozieren will. Ihr hat sich Dath, der medialen Aufmerksamkeitsdramaturgie wegen, verschrieben. Sie gehört zur Selbst-Stilisierung und intellektuellen Selbstinszenierung eines Wortgewaltigen. Wer das für bare Münze nimmt, verkennt das Geschäft und ist folglich selber schuld.

Zu beanstanden ist das im Grunde aber nicht. Der Aufmerksamkeitsökonomie sind schließlich heutzutage alle ausgesetzt, die um dieses knappe Gut rivalisieren müssen, gleich ob sie Mario Barth, Horst Schlemmer oder Otto heißen. Damit sie sich von anderen und der große Meute unterscheiden, müssen alle diese Leute partout als witzig oder schräg, geistreich oder querdenkerisch daherkommen. Und sie müssen mit ihren Worten und Texten eine Nische besetzen und eine bestimmte Zielgruppe bedienen können.

Die Leerstelle, die der politische Trotzkopf um die Jahrtausendwende entdeckt hat, ist die des Pop-Revoluzzers und Verbalradikalen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus bot diese Nische, nach einer kurzen Zeit des pietätvollen Schweigens, der Sozialismus. Er mag zwar längst beerdigt und alles andere als eine Zukunftsoption sein, aber nach Ende des Kalten Krieges und erst recht seit der Finanz- und Wirtschaftskrise kann wieder viel unbefangener über ihn schwadroniert werden (Dank der Krise wird Pop wieder rebellisch).

Irgendwann scheint Dath Gefallen daran gefunden zu haben, den Sozialismus alter Prägung wieder auszugraben und fortan den Lenin 2.0 zu geben. Protegiert von Frank Schirrmacher, der damals mit linkem Schmackes seine Zeitung aus der muffigen Ecke bringen wollte, durfte er als FAZ-Redakteur im Feuilleton deren Stammkundschaft schon mal mit verschraubten Zitaten aus „Staat und Revolution“ und „Was tun?“ verschrecken und provozieren. Und als er gemerkt hat, dass dieser politische Klartext funktioniert und dieser Jargon sogar der neuen Suhrkamp-Verlegerin gefällt, hat er das als Geschäftsidee aufgegriffen und als gute Chance zur Selbstvermarktung genutzt.

Darum muss man all seine Sprüche oder sein lautes Bekenntnis zu Oskar auch nicht überbewerten. Jeder kann schließlich wählen, was er will. Und selbstverständlich kann auch jeder öffentlich davon Zeugnis ablegen, wenn er meint. Ob das auch seine wachsende Fangemeinde, die längst weit ins bürgerliche Lager hineinreicht, freuen wird, weiß man nicht so genau. Sie saugt mittlerweile nahezu jedes Wort und jede Zeile begierig auf und wertet es als Zeichen für seine Geradlinigkeit, Unbestechlichkeit und Standfestigkeit.

Alle andern werden ob der abstrusen Gedanken, mit denen er seine Wahlentscheidung untermauert hat und den hausbackenen „Sozialismus in linksdarwinistischer Absicht“ verteidigt, vielleicht erstaunt den Kopf schütteln. Doch auch das muss man nicht. Die popkulturelle Moderne gebiert, wie wir seit Langem wissen, die sonderbarsten Formen, Figuren und Monster. Darunter eben auch Erlösungsfantasien, die zum x-ten Mal an das Befreiungspotential von Wissenschaft und Kunst, Politik und Technik glauben, aber allesamt aus der Vorvergangenheit der globalen Weltgesellschaft stammen.

Dath kann und will sich offensichtlich mit ihrer sozialen Ausdifferenziertheit überhaupt nicht abfinden. Die moderne Gesellschaft stellt für ihn keinen Erfolg dar. Er ist der Überzeugung, dass sie noch einmal der Vernunft oder dem großen Plan eines Großsubjekts unterstellt werden kann und muss. Obwohl alle Versuche, den „neuen Menschen“ und die „neue Gesellschaft“ am Reißplan zu erschaffen, allesamt katastrophisch geendet haben, will er es erneut versuchen. Doch diese andere Menschheit ist und bleibt ein Fantasma. Es gibt nur die, die wir kennen, und die Gesellschaft, in der wir leben.

Gleichwohl hat dieser politische Humbug natürlich auch wieder etwas Beruhigendes. Er zeigt wieder einmal, dass auch in hochabstrakt, modisch gesagt, komplex denkenden Köpfen verworrene Gedanken schlummern, die sich mitunter mit banalen An- und Weltsichten paaren.

Verelenden können folglich nicht nur Bevölkerungsgruppen, verelenden kann auch ein Denken, das sich als besonders kühn und aufgeklärt, dreist und fortschrittlich geriert, aber letztendlich gezwungen ist, die ewige Adoleszenz, die der Autor konserviert, im Gestus des radical chic präsentieren zu müssen. Gäbe es Abwrackprämien für derartigen Nonsens, der hier im Stil eines politischen Simplicissimus hochtourig verkauft wird, Dath hätte sie sich sicher längst alle verdient.

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