Polizei hebt europaweites Dschihadistennetzwerk aus

Durchsuchungen in Italien, Norwegen, Finnland, Deutschland, Großbritannien und der Schweiz

Bei der konzertierten Operation JWEB haben Polizisten bei insgesamt 26 gleichzeitig durchgeführten Razzien in sechs europäischen Ländern 13 mutmaßliche Mitglieder eines Dschihadistennetzwerks "Rawti Shax" festgenommen. Von den 17 Salafisten wurden sechs in Südtirol, vier in Großbritannien und drei in Norwegen erwischt. Vier weitere Verdächtige entkamen ihrer Festnahme der europäischen Justizbehörde Eurojust zufolge offenbar durch Ausreisen nach Syrien oder in den Irak. Außerdem wurden zahlreiche Computer und Datenträger beschlagnahmt, die die Behörden nun auswerten.

Italienischen Medien zufolge plante das Terrornetzwerk unter anderem Selbstmordanschläge. Anführer soll der in Norwegen lebende Islamist Nadschm ad-Din Faradsch Ahmad alias "Mullah Krekar" gewesen sein. Angeblich dirigierte er das Netzwerk auch vom Gefängnis aus. Der gebürtige Iraker, der 1991 als Asylbewerber nach Skandinavien kam, ist sunnitischer Kurde. Auch bei den 16 der 17 jetzt Festgenommenen oder weiterhin Gesuchten soll es sich um sunnitische Kurden handeln. Nur einer der Verdächtigen ist Kosovo-Albaner.

Der erklärte Anhänger Osama bin Ladens wurde bereits mehrmals inhaftiert - unter anderem weil er Todesdrohungen gegen die Politikerin Erna Solberg ausgesprochen und in einem Fernsehinterview den Anschlag auf die Redaktion des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo im Januar öffentlich gepriesen hatte. Versuche der norwegischen Behörden, den Salafisten nach Sturz Saddam Husseins in seine Heimat abzuschieben, scheiterten an der Todesstrafe, die ihm dort drohen könnte, auch wenn die kurdische Regionalregierung seit 2006 keine Todesurteile mehr vollstreckt.

Eurojust-Sitz am Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag. Foto: Vincent van Zeijst. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Von 2001 bis 2003 führte "Mullah Krekar" offiziell die von ihm mit gegründete Terrorgruppe Ansar al-Islam an, die im Irak mit zahlreichen Selbstmordanschlägen auf sich aufmerksam machte und zeitweise mehrere Dörfer an der Grenze zum Iran beherrschte. Dort verboten sie Mädchenschulen, Friseursalons, Bilder von Menschen und weltliche Musik. Bis sie von den Peschmerga vertrieben wurden, setzten sie diese Verbote unter anderem mit Folter und Hinrichtungen durch.

In Deutschland wurden nach der Aushebung einer Ansar al-Islam-Zelle im Dezember 2004 mehrere Iraker wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung (§ 129b StGB) zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz ging aber auch danach noch von bis zu 300 Anhängern aus, die sich im Bundesgebiet aufhalten könnten. Auch im italienischen Mailand und in Cremona wurden Mitte der Nuller Jahre Ansar-Zellen ausgehoben.

Nadschm ad-Din Faradsch Ahmad. Foto: Frida Tørring. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Die auch unter dem Namen "Didi Nwe" bekannte Gruppe "Rawti Shax" entwickelte sich in Europa aus Ansar-al-Islam-Anhängern und wird von der UN als Terrororganisation mit Verbindungen zu al-Qaida geführt. Eine andere Nachfolgegruppe von Ansar al-Islam war Ansar as-Sunna. Sie machte bereits 2004 mit dem Video einer Enthauptung eines gefangenen türkischen Lastwagenfahrers auf sich aufmerksam. (Peter Mühlbauer)