Polizistenmord vor den Augen der Polizei?

Grafik: TP

NSU-Ausschuss von Baden-Württemberg geht Aussagen von Zeugen nach, die vor dem Anschlag in Heilbronn mehrere Streifenwagen um den Tatort herum sahen

Ein Zeuge kann sich schon mal irren - aber fünf? Als am 25. April 2007 in Heilbronn die Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter erschossen und ihr Kollege Martin Arnold lebensgefährlich verletzt wurde, wollen mindestens fünf Zeugen unabhängig voneinander vor dem Anschlag je einen Streifenwagen am Tatort oder in der Nähe gesehen haben. Kiesewetter und Arnold können das nicht gewesen sein, weil sie noch im Polizeirevier oder auf der Anfahrt zu dem Gelände waren. Das Verdächtige: Der oder die Streifenwagen, die Besatzung und ihr möglicher Auftrag sind nicht identifiziert. Lediglich Phantome - oder Indizien eines unbekannten Geschehens?

Auf die ungeklärte Streifenwagen-Spur hat der Autor dieses Textes wiederholt hingewiesen, auch auf Telepolis, zuletzt in einer Radiosendung der ARD.

Aber auch dem ersten NSU-Untersuchungsausschuss von Baden-Württemberg wurde der Sachverhalt bereits im Februar 2015 unterbreitet. Erst jetzt beschäftigt sich U-Ausschuss No. 2 damit. Nach einer Beamtin des Landeskriminalamtes (LKA), die nur ein Achselzucken für die Frage übrig hatte, wurde in der jüngsten Sitzung Ende November der erste Leiter der Sonderkommission Parkplatz dazu befragt. Doch auch er kann die Widersprüche zur offiziellen Version nicht auflösen. Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft (BAW) geht der Polizistenmord von Heilbronn ausschließlich auf das Konto der beiden NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Der Mord wurde ziemlich genau um 14 Uhr verübt. Kiesewetter und Arnold hatten ihr Dienstfahrzeug, einen grün-silbernen 5er BMW Kombi mit Göppinger Kennzeichen (GP), neben einem Trafohäuschen auf dem Festplatz Theresienwiese geparkt, als sie von hinten angegriffen und niedergeschossen wurden. Es soll der einzige Polizei-BMW gewesen sein, der an diesem Tag in Heilbronn im Einsatz war.

Gegen 13:20 Uhr fuhr der Bankangestellte Markus W. an dem Festplatz vorbei, wo das Frühlingsfest aufgebaut wurde und bemerkte einen stehenden Streifenwagen der Polizei. W. hatte Spätdienst und musste um 13:30 Uhr am Arbeitsplatz sein. Es habe sich um einen 5er BMW Kombi mit grün-silberner Lackierung gehandelt, so der Zeuge. Da sei er sich "absolut sicher". Polizeibeamte habe er nicht gesehen.

Es ist die erste von mindestens fünf solcher Sichtungen. Als Verkehrsteilnehmer ist man für Polizeifahrzeuge sensibilisiert, man nimmt sie fast automatisch wahr.

Gegen 13:45 Uhr stand der Autofahrer Manfred K. an der Kreuzung am südlichen Eingang zum Festplatz neben einem Streifenwagen, ebenfalls 5er BMW Kombi weiß-grün, der dann nach links abbog und an der Theresienwiese entlang in Richtung der Zufahrt zum Pkw-Parkplatz im nördlichen Teil des Geländes fuhr. Dort wo erst etwa zehn Minuten später auch Kiesewetter und Arnold ankamen. Der Zeuge K. sah nur einen Fahrer, keinen Beifahrer.

Gegen 13:30 Uhr spazierte der Berufsschüler Michael L. während der Mittagspause auf dem Fußweg am nördlichen Rand der Theresienwiese Richtung Neckar. Auf dem Rückweg sah er zwischen 13:40 und 13:45 Uhr neben dem Trafohäuschen ein Polizeiauto. Allerdings etwas weiter entfernt als später das Kiesewetter-Auto und mit der Vorderseite Richtung Neckar, also umgekehrt als das Opferauto. Bei der Marke habe es sich um einen VW oder einen BMW gehandelt, seiner Erinnerung nach ein Kombi.

Kurz nach dem Lehrling muss der Zeuge Algis K. mit seinem Fahrrad an der Stelle vorbeigekommen sein, "gegen 13:45 Uhr", so seine Angabe. Er fuhr Richtung Bahnhof. Auch ihm fiel ein Streifenwagen auf, allerdings nicht da, wo Michael L. einen sah, und auch nicht da, wo zehn Minuten später die beiden Opfer parkten. Das Polizeiauto stand einige Meter entfernt unter den Bäumen vorwärts eingeparkt Richtung Radweg. K. fertigte für die Ermittler eine Skizze des Standortes. Eine Besatzung sah der Zeuge K. nicht.

Die letzte bekannte Wahrnehmung eines Streifenwagens vor dem Anschlag stammt von dem Zeugen Ewald R. Er arbeitet bei der Deutschen Bahn und kam mit dem Regionalzug aus Stuttgart in Heilbronn an - und zwar fahrplanmäßig um 13:46 Uhr. Der Zug sein "im Plan" gewesen, so der Zeuge. Für den Weg zu seinem abgestellten Auto braucht man zu Fuß fünf bis sechs Minuten. Anschließend fuhr R. an der Theresienwiese entlang, ehe er über den Neckar in seinen Wohnort fuhr. Im südlichen Bereich der Theresienwiese gibt es eine weitere Pkw-Zufahrt. Auf ihr bemerkte er einen Streifenwagen, an Beamte kann er sich nicht erinnern.

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