Polizistenmord vor den Augen der Polizei?

Ungeklärter Mordfall

Ein anderer ungeklärter Mordfall war daneben ebenfalls Thema im BaWü-Ausschuss. In Laichingen auf der schwäbischen Alb wurde am 4. Oktober 2011 in den frühen Morgenstunden der türkisch-kurdisch-stämmige Blumenhändler Mühittin L. erschossen. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt, die Täter sind nicht gefasst. Ob es einen Zusammenhang mit der NSU-Mordserie geben könnte, wollten die Abgeordneten von dem Kriminalbeamten Alexander Dürr wissen, der die SoKo Blume der Kripo Ulm leitet.

Vier Wochen nach dem Mord war der NSU aufgeflogen, deshalb überprüften die Ermittler schon damals mögliche Zusammenhänge. Sie verneinen sie. Einerseits gibt es Unterschiede, andererseits aber bemerkenswerte Parallelen. Zwei Spuren lassen besonders aufhorchen.

Wie das erste NSU-Mordopfer Enver Simsek war auch Mühittin L. Blumenhändler. Er kam aus den Niederlanden zurück, wo er seine Ware abgeholt hatte. Die Polizei geht von zwei Tätern aus, die dem Opfer auflauerten, 15 Schüsse abfeuerten, keinen ins Gesicht, mehrere in den Genitalbereich, eine Kugel in die Lunge war tödlich. Die Tatwaffe war eine Pistole der Marke Ceska, allerdings mit anderem Kaliber, als in der Ceska-Mordserie des NSU.

Vor allem wegen der Schüsse in den Genitalbereich ging die Polizei von einer Beziehungstat, einem Racheakt oder Ehrenmord aus. Das Opfer sei "dem anderen Geschlecht nicht abgeneigt gewesen", so der Ermittler Dürr.

Als Anfang November 2011 der NSU bekannt wurde, überprüfte die SoKo Blume ihre Spuren mit denen im NSU-Fall. Dass es am Tatort in Laichingen keine Spuren der Täter gab, keine DNA, keine Fingerabdrücke, kann sogar als Parallele zu den NSU-Morden gewertet werden.

In der sogenannten 10 000er-Liste des NSU-Trios, einer Zusammenstellung von tausenden Adressen in der gesamten Bundesrepublik, die mögliche Anschlagsziele, aber auch Stützpunkte gewesen sein könnten, gibt es einen Treffer zum Tatort Laichingen: den türkisch-islamischen Verein.

Die zweite, noch bemerkenswertere Spur fiel den Ermittlern erst im April 2012 auf: Es ist ein dreifacher Kreuztreffer, könnte man sagen. Einmal: Ein Bekannter des Mordopfers Mühittin L. stand zugleich mit einem Verwandten des Mordopfers Simsek in Kontakt. Am 1. Oktober 2011, drei Tage vor dem Mord, hielt sich dieser Bekannte zu einem Familientreffen in Laichingen auf. Zweitens: Am 12. Oktober 2011 erhielt der Mann einen Anruf von einer Person, die sich in der Funkzelle Frühlingstraße in Zwickau aufhielt. Dort, wo das NSU-Trio eine Wohnung hatte. Diese Telefonnummer wiederum war, drittens, beim Nagelbombenanschlag in der kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 festgestellt worden.

Die Telefonnummer hatte der Zeuge nicht parat. Sie soll dem Ausschuss nachgeliefert werden.

Aus den Ermittlungen zur Nagelbombe in der kölner Keupstraße gibt es eine offene, ziemlich rätselhafte Handy-Spur. Wenige Minuten nach der Explosion gegen 16 Uhr am 9. Juni 2004 war in der Straße ein Handy mit einer 0174er-Nummer eingeloggt. Der Inhaber ist unbekannt. Nach dem Auffliegen des NSU stießen die Ermittler darauf, dass dieselbe Nummer zwischen dem 11. September und dem 24. Oktober 2011 insgesamt achtmal in der Funkzelle registriert wurde, zu der die Frühlingsstraße in Zwickau gehörte. Danach war die Nummer zum Beispiel am 1. November 2011 in Eisenach am Nordplatz sowie in der Straße An der Leite eingeloggt. Am Nordplatz wurde am 4. November 2011 eine Sparkasse überfallen. Die Tat wird Böhnhardt und Mundlos zugeschrieben. Die beiden wurden im Laufe jenes Tages tot in einem Wohnmobil aufgefunden, das im Stadtteil Eisenach-Stregda stand, unmittelbar neben der Straße An der Leite.

Als Anschlussinhaber ermittelte das Bundeskriminalamt (BKA) einen gewissen Mike K. aus Treuen in der Nähe von Zwickau. Der soll aber, so das BKA, erst seit Oktober 2009 Inhaber der 0174er-Nummer sein. Er könne also nicht derjenige gewesen sein, der am 9. Juni 2004 in der Keupstraße telefonierte. Wer die Nummer vor ihm besaß, habe nicht mehr nachvollzogen werden können.

Doch nun die unfassbare Pointe: Weil die zuständige BKA-Kommissarin nur den Auftrag hatte, dem Anschlag in der Keupstraße nachzugehen, wurde nicht überprüft, was es mit der möglichen Anwesenheit von Mike K. im Herbst 2011 in Zwickau und Eisenach auf sich hatte. (Thomas Moser)