Polnischer Rocker soll marode ukrainische Staatsbahn sanieren

Die neue Regierung in der Ukraine unter Wolodimir Groisman hat sich am Mittwoch für einen ungewöhnlichen Hoffnungsträger entschieden

Der Pole Wojciech Balczun spielte die letzten drei Jahre ausschließlich in seiner Hardrockband "Chemia" und entspricht mit seinen langen Haaren und den Tätowierungen diesem Metier.

Der 45-Jährige, der auch über Management-Erfahrungen in der polnischen Staatsbahn PKP verfügt und Vorsitzender im Aufsichtsrat der polnischen Fluglinie LOT war, soll demnächst die Geschicke der ukrainischen Staatsbahn "Ukrsalisnyzja" lenken, die als sechstgrößte Eisenbahngesellschaft für den Personalverkehr weltweit gilt. Dies hat der Ministerrat am Mittwoch abgesegnet, Balczun gewann in der letzten Woche ein Auswahlverfahren.

Wojciech Balczun (2013). Bild: Adam Kliczek/CC-BY-3.0

Die Modernisierung des maroden Staatsunternehmens, in dem 350.000 Personen arbeiten, gilt als Glaubwürdigkeitstest für den Reformwillen von Wolodimir Groisman. Die ukrainische Bahn sei selbst für postsowjetische Staaten marode, ein Hort der Korruption, und soll mit über einer Milliarde Euro Schulden belastet sein. "Es gibt in der Ukraine so viele fantastische Menschen, die sich der Pathologien, die in diesem Land herrschen, bewusst sind, und mit denen ich zusammenarbeiten will", erklärte Balczun optimistisch.

Balczun führte von 2008 bis 2013 als Präses das polnische Logistik-Unternehmen "PKP Cargo" aus der Verschuldung in die schwarzen Zahlen. Danach wollte er sich eigentlich nur noch der Rockmusik widmen. Das lockere Auftreten des heute 45-Jährigen, dessen Video-Clips wegen zu viel Sex nicht vollständig bei YouTube zu finden sind, bedingt kein Laisser-Faire, wenn es um Zahlen geht. Dass er dem Unternehmen mit 178,8 Millionen Zloty Miese (41,5 Millionen Euro) bei seinem Abgang einen Gewinn von 213 Millionen Zloty bescherte (49,5 Millionen Euro), war auch seiner harten Sanierungspolitik geschuldet. Die 44.000 Mitarbeiter des Unternehmens, das seit 2013 an der Börse notiert ist, wurden auf 24.000 reduziert.

Gewerkschaften in der Ukraine befürchten darum eine rigorose Entlassungspolitik, die das Land, das unter den Kriegshandlungen im Osten und den 1,5 Millionen Binnenflüchtlingen leidet, vor eine weitere soziale Herausforderung stellen würde. Die ukrainische Zeitung Vesti sieht die "Ticket-Mafia" als große Herausforderung für den Polen. Fahrkarten werden aufgekauft und teurer weiterverkauft.

Balczun will mit Stilllegungen des 21.000 km langen Schienenetzes, Online-Verkauf und besserer Anbindung an das EU-Schienenensystem die "Ukrsalisnyzja" modernisieren. Zudem plant er, westliche Investoren zu überzeugen. Für eine Rundumerneuerung werden nach Schätzungen über 17 Milliarden Dollar gebraucht.

Das Unternehmen, das seit Dezember an der Börse notiert ist, galt bislang als Betrieb, in dem sich die Regierungskader bedienten, ohne Reformen anzupacken. Auch nach der Maidan-Revolution und neuen Leitern gab es Korruptionsfälle.

Die Entscheidung für eine internationale Ausschreibung wurde noch unter der Vorgängerregierung von Premierminister Arseni Jazenjuk getroffen. Auch die Post wird zukünftig von einem ukrainisch-stämmigen Amerikaner geleitet. Ansonsten zeigte sich die neue Regierung eher zaghaft, was Veränderungen angeht. Die Ministerien Wirtschaft und Finanzen erhielten Vertraute des Präsidenten Petro Poroschenko.

In Russland wird die neue Personalie wenig erfreut notiert. Die regierungstreue "Rossiskaja Gaseta" befürchtet, dass die Staatsbahn unter "polnisches Kommando", sprich: westlichen Einfluss, kommt. Zudem verweist die Zeitung darauf, dass der polnische Manager aufgrund seiner Leidenschaft für die Musik nicht genug Energie für das Eisenbahngeschäft aufbringen könnte. Richtig ist, dass Balczun mit seiner Band weiter touren will, im nächsten Januar soll ein neues Album heraus kommen. Der bühnenerprobte Manager ist Realist. Er weiß, dass seine Mission in der Ukraine schnell zu Ende sein kann. (Jens Mattern)