Polonium-210 für 69 US-Dollar

Der Fall Litvinenko beweist, dass es nicht gleich schmutzige Bomben und islamistische Terroristen sein müssen, um auf die Gefahren von massenhaft vorhandenem radioaktiven Material hinzuweisen, das man - "frisch vom Atomreaktor" - auch im Internet erwerben kann

Alexander Litvinenko, der „russische Ex-Spion“, wie er allgemein genannt wird, soll das Opfer eines Anschlags geworden sein, bei dem radioaktives Polonium 210 eine Rolle spielte, das man in seinem Urin und an Orten fand, an denen er sich aufgehalten hatte. Ob es sich tatsächlich um einen Anschlag handelte und wer dahinter stecken könnte oder ab es gar eine Art Unfall war, bei dem sich der ehemalige KGB-Mitarbeiter selbst vergiftete, ist trotz zahlloser Spekulationen und Vermutungen nicht bekannt (Bond and The Return of the Evil Empire). Gefährlich und auch tödlich wird das hochradioaktive Polonium, das Alpha-Strahlung abgibt und auch in Atombomben verwendet wird, wenn es in den Körper aufgenommen wird: durch Einatmung, durch eine Wunde oder mit der Nahrung über den Mund.

Was auch immer der Grund für den Tod des Es-Spions sein mag, so wird durch die radioaktive Vergiftung wieder einmal deutlich, welche Gefahren von radioaktivem Material ausgehen können. Während sonst gerne die Bedrohung durch Atombomben oder mindestens durch schmutzige Bomben dargestellt wird, geht das wirkliche Risiko ähnlich wie bei den anderen Massenvernichtungswaffen vielleicht von den ganz „normalen“ Waffen aus: von Schusswaffen, Sprengstoffen, Giften oder eben auch von radioaktivem Material, nicht von Atombomben, biologischen oder chemischen „Massenvernichtungswaffen“.

In seinem eben auf Deutsch erschienenem Krimi „Treue Genossen“ schildert Martin Cruz Smith den Fall eines nach dem Zerfall der Sowjetunion superreich gewordenen Konzernchefs, der sich aus seiner schwer gesicherten Wohnung aus dem 10. Stock stürzte Der ehemalige Atomwissenschaftler hatte entdeckt, dass er mit Cäsium vergiftet wurde, das jemand in einem Salzstreuer in seine Wohnung hatte bringen können. Um dem qualvollen Tod zu entgehen, ist er in den Tod gesprungen. Smith schickt seinen Kommissar Arkadi Renko bei der Suche nach dem Attentäter nicht nur in die korrupte Szene in Moskau, sondern auch in die beklemmende und verseuchte Region um Tschernobyl, wo er das Leben der Sicherheitskräfte und mancher Menschen kennen lernt, die nach dem Unfall wieder hierher zurückgezogen sind und weiter mit den Folgen zu kämpfen haben. Ganz nebenbei ein wirklich empfehlenswerter Krimi.

Litvinenko ist nun womöglich auch einem derartigen kriminellen Anschlag zum Opfer gefallen. Interessant für die Aufklärung wird sein, woher das Polonium stammt, das keineswegs aus Russland kommen muss. Polonium wird zwar auch für Atombomben verwendet, fällt aber in Atomreaktoren an und kommt auch natürlich als Zerfallsprodukt des Gases Radon vor. Die Alpha-Teilchen, die beim Zerfall von Polonium frei werden, haben eine kleine Reichweite und sind relativ langsam. Haut schützt vor dem Eindringen, daher muss Polonium direkt in den Körper gelangen, um gefährlich zu werden. Übrigens dringt Polonium auch über das Rauchen in die Lungen ein. Entdeckt werden kann es nicht so leicht, da Alpha-Teilchen nicht mit dem Geigerzähler erfassbar sind. Daher hat man bei Litvinenko auch so lange gebraucht, um die Quelle der Kontamination nachzuweisen.

Gelegentlich wurde gesagt, dass die Verwendung von Polonium darauf hinweist, dass hier Täter im Spiel sein müssen, die zumindest mit staatlichen Behörden oder Geheimdiensten kooperieren, um Zugriff auf das radioaktive Material zu haben. Allerdings kann man Polonium ganz einfach auch für 69 US-Dollar etwa bei United Nuclear Scientific Supplies zu erhalten, allerdings nur zur Versendung in den USA. Dort gibt es keinerlei Auflagen für die Versendung geringer Mengen an radioaktivem Material. Polonium gibt es für 69 US-Dollar, man kann auch Cäsium bestellen oder ein Köfferchen mit Polonium, Strontium und Kobalt, um Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung zu haben. Man wirbt auch damit, dass „alle Isotopen frisch im Atomreaktor“ erzeugt werden, also gewissermaßen beim Versand noch frisch sind.

Neben solchen legalen Beschaffungsmöglichkeiten gibt es für alle radioaktiven Materialien einen Schwarzmarkt. Zudem gelangt radioaktives Material durch mangelhafte Kontrollen und Entsorgung in den Umlauf. Über 100 Länder, so die Internationale Atombehörde, haben noch immer keine oder mangelhafte Kontrollmechanismen, um den Diebstahl von radioaktivem Material zu verhindern oder auch nur zu entdecken. Vor allem in der Medizin und in der Industrie entstehen große Mengen an radioaktivem Abfall, der nicht sicher entsorgt wird. Neben fahrlässigem Umgang wird, vor allem in Russland und den GUS-Ländern, auch waffenfähiges Material entwendet und verkauft.

Die IAEA berichtet für 2005 von 103 Fällen illegalen Handels und anderen Vorfällen mit radioaktivem Material, darunter auch hochangereichertes Uran (HEU). Auch waffenfähiges Plutonium und Uran ist aus Russland entwendet worden und auf den Markt gelangt. Seit Jahren wird davor gewarnt, dass al-Qaida und andere islamistische Terrorgruppen nukleares Material erwerben wollen, um eine schmutzige Bombe oder Atomwaffen zu bauen und einzusetzen. Auch Bundesinnenminister Schäuble meinte zu Beginn des Jahres: "Die Frage ist wohl nicht mehr, ob es einen Anschlag mit einer schmutzigen Bombe geben wird, sondern die Frage ist, wann und wo es ihn geben wird."

Schmutzige Bomben sind wie andere Massenvernichtungswaffen viel spektakulärer als Anschläge mit traditionellen Waffen oder eben auch die kriminelle Verwendung von radioaktivem Material, um Menschen zu beseitigen oder Terror zu verbreiten, wenn es beispielsweise in das Trinkwasser oder in die Lebensmittelkette gelangt. Auch jetzt wurden bereits zahlreiche Menschen untersucht, die nur höchst indirekt mit dem Ex-Spion zu hatten und nur im Lokal oder im Hotel sich aufgehalten hatten, wo Spuren von Polonium entdeckt wurden. Hunderte von Menschen scheinen bereits in Panik geraten zu sein, dass sie sich auch kontaminiert haben könnten. Da Polonium schwer nachgewiesen werden kann und erst einige Zeit nach der Kontamination erkennbar wirkt, könnte es durchaus, zumal es leicht erhältlich ist, zu einer Mordwaffe werden. Zumindest scheint die Wahrscheinlichkeit höher zu sein, dass der Anschlag, sollte es sich um einen solchen gehandelt haben, Nachahmer finden wird, als das Risiko, dass Terroristen schmutzige Bomben einsetzen. Darauf wetten sollte man allerdings nicht. (Florian Rötzer)

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