Pontifikat der Scharlatane

Kleinbürgerliche Heimathorizonte und das Ende der katholischen Weite: Der Papst aus Bayern und der Zentralkomitee-Katholizismus sind den Herausforderungen des 3. Jahrtausends nicht gewachsen. - Eine fromme Polemik

Zum Fest Christi Himmelfahrt findet in Mannheim der 89. deutsche Katholikentag statt. Die wohl bedeutendste katholische Gestalt aus Mannheim ist der von den Nationalsozialisten hingerichtete Jesuit Alfred Delp. Er war (trotz seiner Nähe zu einigen deutsch-katholischen Ideologiekomplexen) ein kompromissloser Gegner der Faschisten. Einen Monat vor seiner Ermordung schrieb dieser Märtyrer in sein Gefängnistagebuch über den Selbsterhaltungstrieb der Kirchenmächtigen: "Wir haben die kirchenpolitische Apparatur überschätzt und sie noch laufen lassen zu einer Zeit, wo ihr schon der geistige Treibstoff fehlte. […] Es kommt einzig darauf an, welche innere Mächtigkeit die Kirche als Religion in den betreffenden Räumen besitzt. Und hier geschah die große Täuschung." Die Diagnose ist, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, hochaktuell. Der Papst aus Deutschland hat geistigen Treibstoff für ein Christentum des 3. Jahrtausends allzu offenkundig nicht zu anzubieten. Der deutsche Katholizismus, der mit ihm kirchenpolitisch keineswegs immer am gleichen Strang zieht, steht leider ebenso wenig für überzeugende Alternativen einer prophetischen Kirche. Es dominieren kleine Horizonte.

Angesichts des römischen Kamikaze-Kurses, der in absehbarer Zeit zum großen Knall führen muss, kann man sich über die Blauäugigkeit und Zaghaftigkeit mancher Laienfunktionäre nur wundern. Restituiert ist trotz des letzten Konzils ein repressiver Machtapparat, durch den sich Hans Küng - sehr zu Recht - "an Leitungskader in totalitären und diktatorischen Systemen" erinnert fühlt.

Vom Papst ernannte Kardinäle, deren Amt in Bibel und frühchristlicher Praxis nirgendwo vorgesehen ist, wählen jeweils den nächsten Papst, der wiederum allein die neuen Kardinäle kreiert und überall in der Weltkirche alles befehlen kann. Auch die Bischöfe auf dem ganzen Erdkreis werden vom Papst so ausgewählt, dass sie - von sehr seltenen "Unfällen" abgesehen - durchweg aus willigen Befehlsempfängern und Ausführungsbeamten bestehen …

Das sich selbst reproduzierende, auf einen einzelnen Übermenschen zugeschnittene Machtsystem ist jedoch in jesuanischer, biblischer und altkirchlicher Perspektive schlichtweg illegal. Es ersetzt die Formen rechtmäßiger Kirchenleitung durch einen Götzendienst der Macht und bedarf aus Glaubensgründen zwingend der Heilung. Dies gilt umso mehr, als Willkür und Selbstherrlichkeit dieses Systems nun wieder ungeschminkt ihr Gesicht zeigen. Zu predigen ist heute der römischen Kurie die Weisung Jesu: "Die in der Welt als Herrscher gelten, willküren nach unten herunter auf die Menschen und setzen sich ohne Rücksicht auf Verluste durch. So jedoch darf es bei euch nie sein." (vgl. Markus-Evangelium 10,42-43)

Das unfehlbare und allmächtige Papsttum ist von einer Kirche der Angst erfunden worden, die sich 1870 dem Zeitalter dialogischer Geistigkeit durch die Konstruktion eines absurden Wahrheitsmonologes zu verweigern gedachte. Das letzte Konzil von 1962-1965 wollte diesen fatalen Umbau der Kirche zum geistigen Kriegsschiff rückgängig machen. Der Papst aus Deutschland setzt - stärker als sein polnischer Vorgänger - wieder auf die Monolog-Doktrin von vorvorgestern.

Schon in seiner Papstwahlkampfrede hat Joseph Ratzinger 2005 vor einer "Diktatur des Relativismus" gewarnt und geklagt, ein klarer Glaube nach dem kirchlichen Credo werde "oft als Fundamentalismus abgestempelt". Diejenigen, die Angst vor einer beziehungsfähigen Wahrheitssuche - in Relationen - haben, sind seitdem in ihren Erwartungen wahrlich nicht enttäuscht worden. Es gilt wieder mit Punkt und Komma das gedruckte Wort des zentralen Römischen Katechismus, dessen Weltbild und Sprache heute kein Religionslehrer mehr aufgeweckten jungen Leuten vermitteln kann. Als wahr gilt, was mit der platonisch-augustinischen Christologie Ratzingers konform geht.

Die Widersprüche zur bösen modernen Welt, die sich aus dem päpstlichen "Entweltlichungs"-Programm ergeben, sind durchaus etwas anderes als jene Konflikte, die Christen aufgrund einer jesuanischen Lebenspraxis aushalten müssen. Die pluralistische und dialogische Welt der Moderne soll abgeschrieben werden. "Ökumene" wird zum Fremdwort. Nach innen aber haben alle Glieder der Kirche wie ein Einheitsblock zu funktionieren, damit die Illusion einer unangefochtenen Wahrheitsbastion aufrechterhalten bleibt.

Natürliche Verbündete für ein solches Dialogverweigerungsprogramm gegenüber der "Welt" sind die fundamentalistischen Lefebvre-Traditionalisten, die Pluralismus für Teufelswerk halten, die Zeitspanne von der Reformation bis hin zur bürgerlichen Revolution mit einem Eintritt in den Weltuntergang verbinden und Juden als Gottesmörder betrachten. Es bleibt einem die Spucke weg, wie Rom diesen Gegnern des letzten Konzils ohne Vorbedingungen alle Türen geöffnet hat und Schritt für Schritt ihren Wünschen Rechnung trägt. Sogar eine Fürbitte zur Bekehrung der Juden hat Joseph Ratzinger - ganz im Sinne der Schismatiker - wieder eingeführt, obwohl er aus Deutschland stammt und obwohl sein Großonkel Georg ein führender Vertreter des antisemitischen Sozialklerikalismus in Bayern war. Über Stilfragen kann man streiten, über diesen Kasus kann man nur weinen.

Liest man alle Informationen der letzten Jahre zusammen, so kommt der Verdacht auf, der Papst betrachte die vollständige Wiedereingliederung der rechten Fundamentalisten als oberstes Ziel seiner Amtszeit. Die treuesten Verfechter einer vorkonziliaren Kirche sollen wieder zur festen Säule im Innenraum werden, koste es was es wolle. Aus staatspolitischer Sicht gibt es da auch hierzulande riesige Probleme, denn Vertreter der Traditionalisten propagieren ja ganz offen verfassungsfeindliche Ziele. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ließ sich deshalb von Kurienkardinal Kurt Koch Anfang des Monats beruhigen. Ohne ein klares Bekenntnis zum letzten Konzil sei eine Eingliederung der Pius-Bruderschaft nicht möglich.

Was aber wird Thierse sagen, wenn kurz nach dem Ende des Katholikentages oder mittendrin ganz andere Nachrichten aus Rom kommen? Bernd Göhrig, Geschäftsführer der Initiative Kirche von unten, befürchtet bei entsprechenden Beratungen der Glaubenskongregation in dieser Woche ein schlimmes Hau-Ruck-Ergebnis: "Es geht hier um einen Deal, bei dem beide Seiten gewinnen: Der Papst beendet ein Schisma und erzielt einen Prestigegewinn - und die Bruderschaft gewinnt Handlungsfreiheit zurück. Demokratiefeindlichkeit, Antisemitismus und Hass auf Homosexuelle werden jedoch auch weiterhin das interne Klima dort prägen." Angemessen wäre eine klare Botschaft des Katholikentages: "Mit solch finsteren Gestalten wie den Lefebvre-Fundamentalisten stehen wir in keiner Kirchengemeinschaft!"

Dass der Papst den Sektenkurs unverdrossen durchsetzen will, zeigt auch seine jüngste Order vom 14. April 2012 an die deutschsprachigen Bischöfe. Nach dieser Anordnung soll im Eucharistischen Hochgebet die Wendung "für alle" ersetzt werden durch "für viele". Falls dem griechischen und lateinischen "für viele" ein aramäischer "Wortlaut aus dem Munde Jesu" zugrundeliegen sollte, wäre das eher ein Argument für die deutschsprachige Übersetzung.

Jesus ist für alle Menschen einen Weg gegangen, der ihn in den tödlichen Konflikt mit Machtsystemen geführt hat, die aus der Angst und der narzisstischen Störung unserer menschlichen Gattung resultieren. Dass sein Weg allen gilt, betont auch ein Einschub der ältesten Überlieferung der römischen Gründonnerstagsliturgie. Ausdrücklich [!] hat Papst Johannes Paul II. Übersetzungen nach dem Typ des deutschsprachigen Messbuches noch wenige Wochen vor seinem Tod in der Gründonnerstagsbotschaft 2005 als "legitim" bezeichnet (man darf mit gutem Recht spekulieren, warum).

Angesichts all dieser Befunde gehen dem Papst aus Deutschland die Argumente aus. Sein Schreiben vom 14. April weist für einen angeblich brillanten Intellektuellen bemerkenswert viele Verwicklungen und Widersprüche auf. Harmlos daherkommender Formalismus soll davon ablenken, dass auch diese Order eine Konzession an die kleine traditionalistische Minderheit ist. Den größeren Zusammenhang bildet ein technokratisches Sprachdiktat, mit dem Rom schon lange gewachsene Liturgien verunstalten will. Eine erotische Theologie der Sprachenvielfalt und der vom Geistwehen eröffneten Übersetzungsräume täte im Zeitalter der Globalisierung not. Das Wahngebilde einer zentralistisch verordneten Einheitssprache gehört hingegen zum Babel-Projekt und ist im wahrsten Sinne geistlos.

(Falls Rom, wie zu befürchten steht, demnächst auch gegen den breiten Glaubenssinn der Gemeinden die Lieder des niederländischen Dichterpriesters Huub Oosterhuis aus dem Gesangbuch wegzensiert, werden wir das katholische Kulturniveau der Konzilskirche endgültig begraben und die verbohrt-spießige Kleingeistigkeit heiligsprechen müssen.)

Letztlich geht es beim absurden Verbot der Liturgie-Formel "für alle" auch um die Frage, ob die katholische Weite Karl Rahners, des bedeutenden Kirchenvaters des 20. Jahrhunderts, oder das Festungsmodell des machtpolitisch ungleich wendigeren Joseph Ratzingers zum Zuge kommt. Viel liegt dem Papst aus Bayern daran, die dem 19. Jahrhundert verhaftete Kirchenburg seiner Eltern und seiner eigenen Kinderzeit zu konservieren. Ob jüngere Katholiken ihre Kirche des II. Vatikanums am Ende seiner Amtszeit noch wiedererkennen können, darüber macht er sich offenbar keine Gedanken.

Im Fernsehen schaut der oberste Kirchenfürst immer sanftmütig aus. Die Realität ist, dass er als Großinquisitor systematisch die Theologen der lateinamerikanischen Kirche der Armen gemaßregelt hat und noch als Papst dem Jesuiten Jon Sobrino, einem der Berater des Märtyrerbischofs San Oscar Romero, eine Maßregelungsnotifikation schicken ließ. In seinem Priesterdasein war der heutige Papst stets materiell abgesichert und vermutlich nie lebensgefährlichen Konflikten aufgrund einer Bezeugung der prophetischen Botschaft Jesu ausgesetzt. (Die Auseinandersetzungen mit frechen 68er-Studenten wird man hier wohl kaum anführen können.)

Die neuerdings eingeübte Klage, die Kirche werde wegen des Ausschlusses der Frauen und ihrer Verurteilung der homosexuellen Liebe in der modernen Welt "einem tyrannischen Maßstab" unterworfen, ist - auch mit Blick auf die lateinamerikanischen Märtyrer - hoffentlich nicht als Anspielung auf eine moderne Variante von Kirchenverfolgung zu verstehen. Wenn sich der "Stellvertreter Christ" bei diesen beiden von ihm selbst gemachten Konfliktfeldern in Selbstmitleid üben würde, wäre es nämlich wirklich sehr traurig um das Glaubenszeugnis der obersten Kirchenleitung bestellt.

Die historisch äußerst belastete Naturrechtsdoktrin, die der Papst zuletzt bei seiner akademischen Vorlesung im deutschen Parlament vorgetragen hat, bietet für den dringend notwendigen Diskurs über neue Formen der Barbarei wenig Hilfreiches (der Papst hätte einen Freund oder eine Freundin mit Down-Syndrom in den Bundestag mitbringen und sprechen lassen sollen, dann wäre eine Botschaft ins Land gekommen). Der kundige Zuhörer entdeckt aber unter dem Stichwort "Ökologie des Menschen" auch in dieser Parlamentsvorlesung wieder die beiden, mit Geschlechterrollen zusammenhängenden Lieblingsthemen Joseph Ratzingers.

Frauenfrage und Homophobie im reinen Männerbund der Kirche betreffen eine zentrale Blockade aller Reformprozesse (Die große "Mutter Kirche" und ihre Söhne. Nicht von ungefähr setzen genau hier die innerkirchlichen Repressionen der letzten Zeit an. Konservative Bischöfe wollen den Laien bei beiden Themen den Mund verbieten, was ihnen in Deutschland allerdings nur teilweise gelingt. Kritische Priester in Irland wie der Journalist Brian D'Arcy werden vom Vatikan überwacht, weil sie z.B. neben dem Zölibat auch den Ausschluss der Frauen in Frage stellen. In den USA hat es jetzt den größten Dachverband der Ordensfrauen erwischt, dessen Mitglieder für ein breites Sozialengagement der Kirche einstehen. Auch hier gehört es wieder zu den zentralen Vorwürfen, dass die allzu klugen Nonnen der kirchlichen Lehre über Frauen-Ordination und "Homo-Ehe" nicht die Treue halten (wobei sie sich bezüglich des letzten Punktes übrigens in Einklang mit Kardinal Carlo Martini befinden).

In Irland und den Vereinigten Staaten haben Angehörige des männlichen Kleriker-Standes durch ihre sexualisierten Gewalttaten den Niedergang ganzer Landeskirchen eingeleitet. Die Kirche muss jene Kassen, die nach altkirchlicher Regel eigentlich den Armen gehören, zur "Entschädigung" von Priesteropfern leerräumen (die Beträge bewegen sich in Milliardenhöhe). Man sollte also meinen, wie die Publik-Forum-Autorin Barbara Jentzsch zu bedenken gibt, der Vatikan habe andere Hausaufgaben zu erledigen als die Beschnüffelung von Christen, die andere Meinungen als Rom vertreten.

An meine Geschwister im nahen Kirchenraum würde ich gerne viele freundliche Worte richten. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat z.B. in der Frage der "Judenmission" die Umkehr des letzten Konzils unbeirrt verteidigt. Viele ZdK-Vertreter und mehrere Bischöfe, darunter sogar Kardinäle, haben sich faktisch von der aggressiven Homophobie der reinen Ratzinger-Lehre distanziert. Die Wortmeldungen aus der theologischen Zunft zeichnen sich seit geraumer Zeit durch immer mehr Qualität und Klartext aus …

Doch zur Stunde wiegt all dies angesichts einer Krise, in der sehr viele junge Leute uns Katholiken als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung betrachten, zu leicht, viel zu leicht. Streitbare Persönlichkeiten gibt es lediglich im konservativen Flügel der deutschen Bischofskonferenz. Die anderen Herren bringen allenfalls auf der Predigtkanzel eine kleine Liebeserklärung an Johannes XXIII. zuwege, doch vor den Medienmikrofonen verstummen sie, sobald die eigentlichen Zeitfragen angerührt werden. Auch ein Kardinal Karl Lehmann hat es sich bis jetzt noch nicht verdient, dereinst als couragierter Anwalt des letzten Konzils in die Geschichtsbücher einzugehen. Die Geschichte der deutschen Bischofsstühle ist bekanntlich keine Geschichte von mehrheitlich mutigen Gestalten. Doch so wenig Format der Apostelnachfolger unter den Bedingungen einer relativ freien Gesellschaft, das ist schon bitter.

Die Frauen und Männer in ZdK-Gremien wissen intern ganz genau, dass der hierzulande ausgerufene Pseudodialog in der Kirche eine Alibiveranstaltung ist. Das Ganze läuft derzeit auf eine kunterbunte Anhörung ohne Folgen hinaus, bei der sich ausgesuchte Laien mal die Seele frei reden können und am Ende teure Hochglanzbroschüren erhalten. Insbesondere ist nicht zu erkennen, dass die von der theologischen Forschung klar herausgearbeiteten Verbindlichkeitskriterien für synodale Prozesse auch nur ansatzweise berücksichtigt werden. "Kabarettreif" nennt der Jesuit Friedhelm Hengsbach diesen Etikettenschwindel.

In den nächsten zwei Jahrzehnten werden die meisten nahen Ortskirchen, die man trotz des auch vom letzten Konzil bezeugten gemeinsamen Priestertums aller Getauften noch immer dreist als "priesterlos" bezeichnet, ausbluten. Aufgrund der herrschenden Amtspriester-Ideologie verstreicht die Frist zur Wahrnehmung jenes Zeitfensters, in dem sich der Leutekatholizismus vor Ort noch in zukunftsträchtige Kirchenmodelle transformieren könnte. Dass wir von den oberen Exzellenzen keine Hilfe erwarten dürfen, ist längst klar. Die Leute müssen also die Schlüssel ihrer Dorfkirchen in eigene Verwahrung nehmen und den frommen Ungehorsam einüben. Wenn der Bischof niemanden schicken will, dann werden eben die vor Ort anwesenden Christen Kindern von Jesus erzählen, Menschen taufen, die Frohe Botschaft auslegen, Kranke salben und helfen, den Altar des Lebens für die Gemeinde zu bereiten. Außer Magengeschwüren handelt man sich durch Anfragen bei den Autoritäten nichts ein, das ist die Erfahrung ungezählter Ortsgemeinden. Die Kirche von morgen beginnt also einfach von unten - oder es wird sie nicht geben.

Wie hilfreich bzw. verantwortungsvoll sind da Laienfunktionäre, die in Rom im Vorfeld des Katholikentages ganz autoritätshörig erklären: "Wir bleiben brav!" Auf dem alternativen Kirchentag von unten wird mit größter Spannung der Österreicher Helmut Schüller als Sprecher einer frommen Pfarrer-Revolte erwartet, die auch in deutschen Bistümern längst Schule macht. Falls die Spitze des Zentralkomitees der deutschen Katholiken allen Ernstes bei ihrer Distanzierung von diesem Hoffnungsträger bleiben will, sollte sie sich besser nicht mehr als Sprachrohr der Laien betrachten.

Illustration aus dem römisch-katholischen Kriegspropaganda-Hausbuch "Sankt Michael" von 1917.

Aufgrund ihrer deutsch-katholischen Kriegstheologie hat besonders die Kirche unseres Landes in zwei Weltkriegen das Evangelium verraten und deshalb eine besondere historische Verantwortung, die Kollaboration des Christentums mit dem Kriegsapparat endgültig zu beenden. Der Bruder Papst aus Deutschland sollte sich von seinem "Feindbild Pazifismus", kundgetan noch am Vorabend des Todes von Johannes Paul II., distanzieren; er sollte außerdem das von einem Rüstungskonzern erstellte Papa-Mobil abschaffen, die zur Schau gestellte Herzlichkeit an der Seite des Kriegs- und Folterpräsidenten George Bush jun. als schwerwiegenden Fehler seines Pontifikates eingestehen und in seiner Sozialenzyklika das dort fehlende Kapitel über die Hochrüstungsspirale der reichen Länder und den damit verbundenen Massenmord an den Armen der Erde ergänzen.

Die deutschen Bischöfe leben in einem Land, das inzwischen Waffenexport-Europameister ist und weltweit den dritten Platz beim Einfahren von Kriegsgüterprofiten behauptet. Ein gemeinsames Projekt aus beiden Großkirchen sorgt seit langem für kritische Aufklärung. Beim Katholikentag gäbe es die Chance, als Kirche Farbe zu bekennen. Die Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der Katholiken könnten geschlossen dem Trägerkreis der Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel beitreten. Eine der Forderungen der Kampagne: Das Verbot der Rüstungsexporte gehört ins Grundgesetz, denn es geht bei diesem boomenden deutschen Wirtschaftskomplex um Angriffe "auf das friedliche Zusammenleben der Völker".

Seit dem Bischofswort "Gerechter Friede" sind jetzt fast 12 Jahre vergangen. Die Politiker, gerade auch viele katholische, haben es sich herzlich wenig zu Gemüte geführt. Inzwischen gehören nationale Wirtschaftsinteressen zum festen Zielvorgabekatalog der deutschen Militärdoktrin (die Christenpartei will ja sogar Panzerexporte nach Saudi-Arabien mit einer Abwägung von "Werten und Interessen" rechtfertigen). Auch hier könnten sich Bischofskonferenz und Zentralkomitee einer ökumenischen Erklärung gegen Wirtschaftskriege anschließen. Denn dass Leute, die in der Politik für militärische Interventionen zur Sicherung unseres "nationalen Wohlstandes" eintreten, das Evangelium des Friedens verlassen haben, das muss man laut sagen - sonst wissen sie es womöglich nicht.

Beide Vorschläge hätten noch weitere große Vorzüge für alle Beteiligten. Die Zentralkomitee-Katholiken könnten nebenbei unter Beweis stellen, dass sie Gott mehr gehorchen als den Programmen der Parteien, denen sie angehören (auch die staatlichen Katholikentags-Zuschüsse würden ihr Geschmäckle verlieren). Die deutschen Bischöfe würden durch ihr unbequemes Votum ebenfalls demonstrieren, dass sie trotz ihrer horrenden Staatskirchengehälter und der staatlich finanzierten Militärseelsorge nicht gekauft sind.

Liebe Brüder Bischöfe, gerade auch die Geschichte des Bistums, in dem der Katholikentag stattfindet, sollte euch an ausstehende Wiedergutmachungen erinnern. Als der katholische Pazifist Max Josef Metzger von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt worden war, schrieb der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber einen schleimigen Brief an den Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler und distanzierte sich feige von seinem Priester. Wie wäre es, wir würden im Geiste eures Hirtenwortes von 2000 in Deutschland anfangen, eine prophetische Friedenskirche zu werden?

Wenn es einen glaubwürdigen Aufbruch im deutschen Katholizismus geben soll, dann ist eine weltkirchlich ausgerichtete und streitbare Parteiergreifung für die Armen auf dem Globus das erste Gebot der Stunde. Selbstredend sind mit den seit vielen Jahren eingeklagten Kirchenreformen nur zwingend notwendige Rahmenbedingungen angesprochen, auf deren Grundlage eine gemeinsame Suchbewegung im Dienste der christlichen Gemeinde von morgen überhaupt erst möglich wird.

Überall in der Nähe und auch im größeren Kirchenschiff müsste Jesus von Nazareth, den man in einen völlig ungefährlichen platonischen Überhimmel abgeschoben hat, die Chance erhalten, wieder auf die Erde zu kommen und an unserer Seite zu gehen. Dann hätten wir wohl anderes zu tun, als uns mit klerikalen Klageliedern über die sogenannte Gotteskrise die Zeit zu vertreiben.

Dass die vorherrschende Ignoranz gegenüber den großen Zivilisationsfragen ein Skandal ist, bekunden vor dem Katholikentag auch eher bürgerlich geprägte Kreise der Kirchenreformbewegung:

Es ist […] völlig unverständlich, warum sich die Deutsche Bischofskonferenz einem zweiten ökumenischen Sozialwort verweigert. In einer Zeit, in der der private Reichtum einiger Weniger ständig weiter wächst, während eine Milliarde Menschen Hunger leiden und die Natur rigoros dem Wirtschaftswachstum geopfert wird, müssen dringend grundlegende Alternativen zum herrschenden Wirtschaften, zur herrschenden Politik diskutiert werden.

Die deutschen Diözesanbischöfe gehören mit ihrem Einkommensniveau zur Oberschicht und haben mit dem Katakombenpakt der Armenbischöfe Lateinamerikas bislang noch wenig im Sinn. Die Parteien, aus denen sich nicht wenige ZdK-Funktionäre rekrutieren, sind weithin noch der neoliberalen Religion verhaftet. Vielleicht sind die Ähnlichkeiten zwischen dem weltlichen und dem kirchlichen Machtgefüge keineswegs zufälliger Natur. Im parlamentarischen Bereich bringt es die Politik nicht einmal fertig, die allerersten kleinen Schritte einer Entschleunigung und Kontrolle der virtuellen Geldvermehrungsmaschine auf den Weg zu bringen. Das aber wäre minimale Grundvoraussetzung dafür, um über eine neue Wirtschaftsform im Dienste der Menschen überhaupt nachdenken zu können.

Im Bereich der römischen Kirche werden derweil alle Weichen so gestellt, dass am Ende nur ein Kuschel-Getto für Kleriker in Spitzenröckchen und Priesteranbetungsvereine übrig bleibt. Da wollen wir frommen Revoluzzer doch lieber unheilbar katholisch bleiben und auf die ganze Weltgeschichte schauen: "Euch, Ihr selbstverliebten Herren, gehört die Kirche nicht!"

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