Pop-Marxismus

Reinhard Jellen. Foto: Privat

Reinhard Jellen über die Kasteiung im Nachtleben, Pornofilme und Verantwortung

In Pop-Marxismus - Nachrichten aus der Weltgeist-Zentrale untersucht Reinhard Jellen in philosophischen und polemischen Streifzügen die Frage, was die Beatles, Augustiner-Bier, John Milius, die Riester-Rente, Shakespeare, The Walking Dead und das Oktoberfest mit Hegel, Marx und Lukács zu tun haben. Das Buch ist im Mangroven-Verlag erschienen und hat 329 Seiten.

Samstage

»But where we are is hell.«

(Christopher Marlowe)

God damn, it’s saturday, das Glück ist eine der schlecht frequentiertesten Raststätten auf der Autobahn des Glücks und so befinde mich wie jeden Samstag an vorderster Front im tiefsten Kessel von Schwabingrad. Links und rechts, dicht neben mir, detonieren die Fun-Granaten und richten bei den anwesenden germanischen Spaẞ-Truppen fürchterliche Verheerungen an: Die anhand einer Orangenscheibe, ein paar Kaffeebohnen und braunem Zucker, mit mechanischer Inbrunst in das wie eine Schusswunde anmutende schwarze Loch namens Mund eingeführten Schnäpse, zeigen bei den an der Theke versammelten Gute-Laune-Nazis die Wirkung von Dum-Dum-Geschossen und zerfetzen die Gehirne.

Die unrasierten Gesichter der Männer, die nicht selten T-Shirts mit Aufschriften wie Coito ergo sum oder In vagina veritas tragen, verbreiten den Flair von ungewaschenen Schwänzen, die heute Nacht unbedingt noch Liebe kotzen wollen. Man kann nicht behaupten, dass Hieronymus Bosch stets zu Übertreibungen neigte. Vermutlich wäre er zu unseren Zeiten einfach nur PRINZ-Fotograf geworden. Die stimulierende Mischung aus Testosteron- und Alkoholausdünstüngen, vermengt mit einem auf seltsame Weise anheimelnden Geruch von Kotze und Pisse, muss wohl seinerzeit Dennis Hopper geschnuppert haben, bevor er Isabella Rosselini, in Sachen Liebe, ihr seidenblaues Wunder erleben ließ. Vom Band läuft der altbekannte Gang-Bang-Hit von DJ Schrödi feat. die Joschka Boys, Porn To Be Alive. So gemütlich geht es ansonsten wohl nur bei Backstage-Partys der Kinderprostitution betreibenden, aus skandinavischen Gefilden entstammenden Death-Metal-Combo Smegma zu.

Während ich den letzten Tequila-Tropfen von der Stiefelspitze der auf dem Tresen stehenden superobersexy Bedienung sauge, formuliert der bekannte Lokal-Poet Erwin Edenotter, der sowohl als Schlagzeuger der Band Koksen bei der Redaktion des Musikexpress wie auch als DJ Abstrakte Geilheit in der hiesigen Porno-House-Szene für einige Furore sorgte und es sich als poetisches Verdienst anrechnet, auf »verliebte Frauen« - »beim Ficken blöd schauen« und auf »Stalin zitieren« - »mit Blut sich beschmieren« gereimt zu haben, neben mir eines seiner berüchtigten Spontangedichte: »Nichts duftet so kühn, nichts blüht so grün, wie Du meine süßeste Blume, Madame Verwesung.«

Nun aber betritt die für ihre abweichenden sexuellen Vorlieben bekannte, mir besonders ans Herz gewachsene CSU-Pressesprecherin Manuela O. das Lokal, zu der ich geschwinde eile, wie Hermes mit seinen Flügelschuhen. Nachdem ich aber für meinen standesgemäßen Panegyrikus: »Die Wogen allersüßen Mittelmeeres kräuseln sich nicht halb so schön wie die Blätter des Flieders auf den Hügeln deiner Venus von deren hellen Rebensäften ich heute Nacht trinken werde wie ein Gott« nur einen Blick ernte, der in Worte gefasst in etwa besagt: »Ja, mein Kleiner, der Sex ist auch nicht mehr das, was er mal war. Ich bin doch nicht Ulla am Kock vom Brink. Über den Literaturgeschmack einer Christiane davon der Salm stirbt verfüge ich auch nicht. Auch du solltest lernen: Leider kann man durch eigene Blödheit noch jemand anders beleidigen als sich selbst«; gehe ich erst einmal Bier holen. Es ist immer gut, Gleichmut zu bewahren, denn das Leben gleicht einer Verabredung, die man ab und an nicht einhalten kann, z. B. weil man sie meistens gar nicht getroffen hat.

Ich kehre zurück und erzähle also meine Geschichte der O.: »Willkommen in der Disco der lebenden Toten. Das Schöne stimmt mich traurig und das Hässliche macht auch nicht froh. Welch ein Zufall, dass die Frauen in den Straßen und Lokalen in meinen Augen zumeist nicht schöner werden, sondern immer vulgärer aussehen. Zum Teil auf eine interessante Weise. Im Grunde allerdings nicht. Wir leben in einer Epoche der imposanten, aber wenig begeisteten Hinterteile. Im Großen und Ganzen ist die Welt schon recht etwas zum Davonlaufen oder Zuhause bleiben, aber wer von uns hienieden, ist schon erhaben über die Einsamkeit. Überdies wurde ich vor drei Monaten in eine sexuelle Parklücke abgestellt und seitdem befinde ich mich in Erwartung einer hilfsbereite Politesse, welche mich wieder herauswinkt.«

Sie entgegnet: »Abgesehen davon, dass Männer entweder dick, dumm und eitel oder nicht dick, aber dumm und eitel sind, stört an ihnen am meisten, dass sie keine Ärsche haben. Die Arschlosigkeit der Männer ist ein durch nichts zu rechtfertigender Skandal in der Geschichte menschlicher Evolution. Und ansonsten: Wie schmeckt die alte Semmel, die man Leben nennt?«

Anzeige