Pop-Ups, irakisch

Plötzlich aus dem Nirgendwo: Neue Milizen

Im letzten Herbst tauchten sie auf, aus dem Nirgendwo, weswegen sie im amerikanischen Militärjargon "Pop-Ups" genannt werden. Auch um das bedrohlichere Wort zu vermeiden: Milizen. Ungefähr 15.000 Mann stark sind die neu entstandenen "irregulären Truppen" im Irak, die genau den Corpsgeist und die Disziplin haben, an denen es den regulären irakischen Militär-und Poliziekräften mangelt. Ein neuer Faktor, mit dem man rechnen muss, vor allem im Kampf gegen die Aufständischen. Ob man auf sie zählen kann, wenn es um die Verbesserung der Sicherheitslage im Irak geht, ist allerdings ungewiss.

Ungefähr ein Dutzend Einheiten sind es, ihre Namen verweisen auf Bürgerwehr-Initiativen, aber auch auf staatliche Nähe: "Defenders of Baghdad", "Defenders of Khadamiya", "Amara Brigade" und "Special Police Commandos". Sie sind nicht untereinander verbunden und sie erhalten laut Informationen des Wall Street Journal-Reporters Greg Jaffe Geld und "Backing" von der irakischen Regierung.

Zwar haben sie nichts mit den offiziellen Armee- und Polizeieinheiten zu tun, dennoch werden manche offiziell als bedeutender Faktor im Kampf gegen den Widerstand im Irak zitiert. So bezeugte der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld vor einigen Tagen bei einer Senatsanhörung, dass Spezialeinheiten wie die Special Police Commandos "wahrscheinlich die größte Wirkung auf die Unterdrückung und Zerstörung des Widerstands" haben werden.

Ihr Status liegt dennoch in einer Grauzone. "Wir nennen sie nicht Milizen. Milizen sind...illegal", wird Major Chris Wales vom Wall Street Journal zitiert. Wales ist für den amerikanischen General Petraeus im Irak unterwegs, um die "Pop-Up-Einheiten" ausfindig zu machen. Was er bislang entdeckt hat, beeindruckt sowohl den Emissär wie den General, der im Auftrag des Pentagon der oberste Zuständige für die Ausbildung der irakischen Sicherheitskräfte ist. Die meisten dieser Einheiten würden in alten, ausgeplünderten und aufgegebenen Regierungsgebäuden lagern, Ausbildung, Disziplin und Chorpsgeist seien auf erstaunlichem Niveau, die Waffen "clean and organized".

Als ich sie (die Special Police Commandos, Anm. d.A.) sah und wo sie lebten, entschied ich: Das ist ein Pferd, das man satteln kann.

General Petraeus

Kommandiert werden die "Special Police Commandos" von einem augenscheinlich charismatischen Führer, dem 63jährigen General Adnan Thavit, ein Onkel des noch amtierenden irakischen Innenministers, der bis in die neunziger Jahre hinein Geheimdienstoffizier unter Saddam Hussein war. Als er 1996 mit anderen früheren Offizieren einen Putsch gegen Saddam Hussein plante, wurde er verhaftet und zu lebenslänglicher Haft im Abu Ghraib-Gefängnis verurteilt. Kurz vor der amerikanischen Invasion kam er mit tausenden anderer Gefangener durch eine Generalamnestie frei. Seine Rekruten sollen handverlesen sein und - und genau da liegt das Problem, das amerikanische Militärs sehen - dem General treu ergeben:

Wenn man versuchte, den General Thavit zu ersetzen, würde er seine Brigaden mitnehmen. Er ist eine sehr mächtige Figur. Von anderen Truppen würde man das allerdings nicht bekommen. Mann für Mann, jedes Kilo, sind sie die stärkste Kraft, die wir haben.

Col. Dean Franklin

Ähnliche Loyalitäten gelten wohl auch für die anderen "Pop-Ups", die Petraeus' Späher im Irak entdeckten: die "Muthana Brigade" in Bagdad, aufgestellt nach einer Order von Premier Allawi, die "Defenders of Bagdad", eine schiitische Einheit, die erst im Januar entstand, die "Amarah Brigade", deren Führer behauptet ein Cousin des irakischen Verteidigungsministers zu sein, die 2000 Mann starke "Second Defenders of Baghdad Brigade", geleitet von einem schiitischen General namens Fuad Faris, der sich seiner Nähe zum irakischen Verteidigungsminister rühmt, von dem er auch den Auftrag zu seiner Mission erteilt bekam. Eine weitere Pop-Up-Einheit ist ebenfalls schiitisch, die "Defenders of Khadamija". Sie sollen in enger Verbindung zum schiitischen Kleriker Hussein as-Sadr (zwar weitläufig verwandt mit Muktada, jedoch in engerer Beziehung mit dessen politischem Gegner Allawi) stehen.

Das Problem mit diesen Milizen ist einmal, dass sie nicht in die offiziellen Einheiten der irakischen Sicherheitskräfte eingebunden werden wollen, trotz entsprechender Ambitionen der Amerikaner:

Es gibt keine Möglichkeit, wie wir die Iraker davon abhalten können, das zu tun, was sie tun wollen. Das ist jetzt ihr Land und ihre Armee.

Col. James Bullion

Zum anderen ziehen die unregulären Truppen Rekruten für die regulären Truppen ab. Sie sind schwer zu kontrollieren und könnten andere, wie etwa die SCIRI-Chefs dazu inspirieren, ihren Al-Badr-Brigaden ebenfalls ein quasi-offizielles Profil zu geben. Darüberhinaus sind die Grauzonen-Truppen oft von Hass- und Rachegefühlen auf "Terroristen" geleitet, ein Phänomen, dass sich nicht nur bei den "Special Police Commandos", sondern auch bei den Peshmerga-Truppen in Mosul beobachten läßt. Dabei wird oft wenig genau hingesehen, wer ein Terrorist ist oder wer nur aus einer verdächtigen Umgebung kommt und mit brutaler Härte vorgegangen. Oft genügt die Zugehörigkeit zur falschen Bevölkerungsgruppe oder religiösen Gruppierung, um den Hass der Kämpfer auf sich zu ziehen. Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Spaltungen im Irak ist das verstärkte Auftreten von Milizen beunruhigend.

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