Popkultur in der arabischen Welt

Hubert Ghorayeb von EMI Beirut über Musiksender, arabische Popmusik und den Einfluss aus dem Westen

In den letzen 10 Jahren hat sich arabische Popmusik von einem eigenen Genre zu einem Industriezweig entwickelt, der von der International Federation of Phonographic Industries auf rund 200 Millionen US-Dollar geschätzt wird. Sechs große Musikkanäle senden 24 Stunden nonstop Nachrichten und Videoclips. Leicht bekleidete Sängerinnen wie Nancy Ajram, Haifa Wehbe oder Roubi sind Superstars und bekommen Rekordgagen. Wie im Westen werden „Star Academy“ und „Superstar“ zu medialen Großereignissen. Jugendliche wollen berühmt und reich wie ihre Idole werden. Ein Interview mit Hubert Ghorayeb (28), dem Sales und Marketing Manager von EMI Beirut, über Popkultur in der arabischen Welt.

Mit dem Satellitenfernsehen hat sich im Westen relativ wenig verändert, umso mehr in der arabischen Welt.
Hubert Ghorayeb: Im Satellitenzeitalter ist nichts mehr wie früher. Wenn eine Regierung einen Kanal in ihrem Network verbietet, bekommen ihn die Leute doch irgendwie zu sehen. Die herkömmlichen Zensurmaßnahmen funktionieren nicht mehr. Mit speziellen Satelliten-Receivern und anderen technischen Tricks kann man sie leicht umgehen. Auch das Regierungsfernsehen musste sich verändern. Wer guckt schon einen antiquierten Sender, wenn er über Satellit alle Kanäle der Welt sehen kann.
Der Libanon, obwohl eines der liberalsten und modernsten Länder des Mittleren Ostens, hinkte der neuen Entwicklung in der Musikindustrie anfangs aber etwas hinter her.
Hubert Ghorayeb: Ja, während des Bürgerkriegs konnten wir mit den internationalen Veränderungen nicht mithalten. Ein neues Album wurde im Radio promoted und das war es dann auch schon. Videoclips gab es damals noch nicht. Die Idee dazu entstand Ende der 80er Jahre, als die Firmen es als ein Marketing-Werkzeug betrachteten. Nach dem Krieg ging es dann richtig los. Heute ist die Lebanese Broadcast Coperation einer der besten TV-Sender des Mittleren Ostens und Nagam einer der größten Musikkanäle.
Wer war der erste Musiksender im arabischen Raum?
Hubert Ghorayeb: Das war VH1, da hat jemand die Lizenz gekauft. Danach kam gleich MTV. Von den arabischen war es, soweit ich mich recht erinnere, ART, der einen puren Musiksender machte. ART kommt aus Saudi Arabien.
Im Vergleich zum Westen hat es in den arabischen Ländern relativ lange gedauert bis es mehrere Musiksender gab?
Hubert Ghorayeb: Wie schon gesagt, hier im Libanon war Krieg.
In den anderen Ländern gab es keinen Krieg. Lag es einfach an den politischen und religiösen Restriktionen, dass es länger gedauert hat?
Hubert Ghorayeb: Bei Oum Kalthoum gibt es nichts zu verbieten, da muss man nichts verbergen.
Wobei sie immer über Liebe singt…
Hubert Ghorayeb: Ja, sie macht das sehr geschickt indirekt. Aber zur Frage der Entwicklung muss man sagen, dass es um eine ganz andere Kultur geht. Wir sehen etwas und dann machen wir es nach. Wir kreieren nichts. Wäre auch zuviel verlangt, man kann ja das Rad nicht neu erfinden.
Welche Auswirkungen hatten das Satellitenfernsehen und die Musiksender auf die arabische Popmusik?
Hubert Ghorayeb: Man muss unterscheiden zwischen der Musik und den Videoclips, ganz banal zwischen dem, was man nur hört und was man sieht. Ein Song mag im Radio funktionieren, aber für einen Videoclip ist etwas anderes erforderlich. Einen Sänger in ein Theater stellen oder eine Frau im Tschador, das klappt natürlich nicht. Folglich sieht man jetzt hübsche Mädchen, Autos, Strand, Meer, Sonne und dazu ein bisschen Exotik vielleicht. Für mich alles nicht sehr intelligent. Mit ganz wenigen Ausnahmen gibt es in unserer Region kaum clevere Clips.
Die Ästhetik erinnert sehr oft an Hip Hop-Videoclips.
Hubert Ghorayeb: Ja, mit dicken Autos und Möpsen und viel Luxus. Da gibt es kaum Tricks oder Animationen, alles ist sehr einfach gehalten. Ein ausgeklügeltes Konzept steht nicht dahinter. Nur keine komplizierten, anspruchsvolleren Dinge.
In manchen Zeitungen kann man lesen, dass für die Produktion der Videoclips manchmal bis zu 1 Million Dollar ausgegeben werden.
Hubert Ghorayeb: Nein, nein, das halte ich für einen PR-Gag. Einen sehr guten, aufwendigen Clip bekommt man für 30.000 oder 40.000 Dollar. Vielleicht geht es im Einzelfall auch darüber. Aber mehr wird in der Regel nicht ausgegeben.
Die Videoclips sind sehr erfolgreich. Musiksender sind ein Ort der Kommunikation für viele arabische Jugendliche, die ihre SMS auf dem Bildschirm lesen können.
Hubert Ghorayeb: Ja, alles ist sehr kommerziell. Dagegen möchte ich auch gar nichts sagen. Aber wir können Kunst und Kommerz nicht mischen, wie ihr es im Westen macht. Wie schon gesagt, das hier ist eine andere Kultur, einige Dinge gehen einfach nicht. Ein gutes Beispiel ist Rockmusik. Viele Bands haben Rockmusik versucht, haben auch mit arabischen Stilmitteln gearbeitet, aber sie hatten keinen Erfolg.
Warum funktioniert es nicht?
Hubert Ghorayeb: Ehrlich gesagt, weiß ich darauf keine Antwort. Es gefällt einfach nicht. Vielleicht funktioniert es in 100 Jahren, bis heute hat es das jedenfalls nicht.
Was am besten funktioniert ist arabische Musik.
Hubert Ghorayeb: Ja, arabischer Stil rauf und runter. Natürlich mit Beats, Cuts, Einflüssen von Hip Hop, House und Dance Musik. Mit all den Elementen, die wir nicht erfunden haben, sondern von euch aus dem Westen stammen.
Aber trotzdem hört sich das wenig nach westlicher Popmusik an.
Hubert Ghorayeb: Klar, ohne arabischen Touch geht da nichts. Nach wie vor sind traditionelle Instrumente wie Trommeln, Violinen oder auch die Oud präsent. Wenn es nicht irgendwie arabisch klingt, bleibt der Erfolg aus. Aber Mixing ist schon wichtig. Ein Beispiel, wie sich die Zeiten geändert haben, ist Ilham Al Madfai, der im Irak eine Ikone ist, so wie Fairuz für den Libanon. Er hat als erster Flamenco mit arabischer Musik gemischt und hatte einen riesigen Erfolg. Vor 20 Jahren spielte er in London. Damals wurde er angegriffen, wie er das nur tun könnte. Heute macht das fast jeder.
Welche Musik hörten Sie, als sie jünger waren? Auch arabische Musik?
Hubert Ghorayeb: Viele meiner Generation hörten Rockmusik, aber jetzt höre ich meistens arabische Musik. Nicht nur, weil ich für eine Plattenfirma arbeite. Die Musik ist gut, ich mag das.
Früher gab es auch nicht die Masse an Produktionen wie heute.
Hubert Ghorayeb: Die neue Technologie macht es einfach, Musik zu produzieren. Man kann das zuhause am Computer und bringt die CD zum Produzenten. Früher konnte man das nicht. Heute will jeder berühmt werden. Viele junge Mädchen träumen davon, wie Nancy Ajram zu werden: Berühmt und reich.
Die mediale Präsenz kreiert Stars, Idole. Die Programme Star-Academy und Superstar al Arab, arabische Versionen von American Idol und British Pop Idol, tun ein Übriges. Im Jahr 2003 stürmten erzürnte Jugendliche in Beirut die TV-Studios, weil ihr Lieblingskandidat nicht gewonnen hatte.
Hubert Ghorayeb: Ja, die Leute sind verrückt nach diesen Programmen, sie lieben das. Da geht es natürlich nicht um Musik. Da geht es um Haltungen. Wie man gesehen hat, muss man, um an diesen Wettbewerben teilzunehmen, auch nicht unbedingt superschlank und schön sein.
Der deutsche House-DJ Hans Nieswandt war ganz verblüfft, als er durch einige arabische Länder reiste. Er nannte es ein Paralleluniversum, mit eigener Popkultur, Starsystem etc. Wir sprechen allerdings nur über die Welt des Mainstreams. Gibt es abseits davon noch andere funktionierende Subkulturen?
Hubert Ghorayeb: Ja, wir haben auch elektronische Musik, wie das REG Project. Das ist elektronische Musik mit allen nur erdenklichen Stilelementen. Eine extravagante Mischung aus Indian-, House-, Arab-, Chillout- Musik. Sie suchen nach neuen Wegen, wollen entdecken und wir versuchen sie, bekannt zu machen. Was natürlich nicht sehr einfach ist.
Wie groß ist denn Ihr Spielraum, lokale Bands zu verpflichten?
Hubert Ghorayeb: Prinzipiell können wir machen, was wir wollen. Aber man wird natürlich am Verkaufsergebnis gemessen. Das ist ganz einfach. Daraus ergeben sich zwangsläufig Limitierungen.
Was verkaufen REG Project beispielsweise?
Hubert Ghorayeb: Das mit den Verkaufszahlen kann man im Mittleren Osten nicht so einfach sehen, wie im Westen. Das kommt auf das jeweilige Land an, was man erfolgreich nennt. In Ägypten verkauft man weniger CDs, hauptsächlich Kassetten. Eine CD kostet 20 ägyptische Pfund, was bei einem Durchschnittsgehalt von vielleicht 150 Pfund sehr viel ist. Hinzu kommt das Problem der Piraterie. Rund 70 % aller Produkte sind Raubkopien. Q: Da kann man von Umsatz kaum sprechen. Was tun Sie gegen die Piraterie, die hier zum Alltag gehört?
Hubert Ghorayeb: Wir bekämpfen sie, wo es möglich ist. Manchmal gehen wir sogar mit der Polizei zu Hausdurchsuchungen, um zu unterscheiden, welche CDs kopiert und welche echt sind. Aber solche Aktionen helfen wenig und erzeugen oft Probleme. Ein Ladenbesitzer wollte sich sogar gewaltsam zur Wehr setzen. Er konnte einfach nicht verstehen, warum man seine Ware beschlagnahmte. Er hatte nicht das geringste Unrechtsgefühl. Selbst als ich ihm sagte, dass wir sehr viel Geld für die Produktion und den Vertrieb der CDs ausgeben und er unser Eigentum verkauft. Er sagte nur, wir alle seien von den Amerikanern und Israelis bezahlt.
Der Kampf gegen Piraterie scheint aussichtslos zu sein. An jeder Straßenecke gibt es ein CD-Geschäft, das zu 99% nur Raubkopien verkauft. Die Menschen sind seit vielen Jahren daran gewöhnt, billige Kopien zu kaufen. Das ist das normalste er Welt.
Hubert Ghorayeb: Aber es gibt immer einen Weg, selbst wenn es Gang und Gäbe ist, alles zu kopieren. Wenn die Regierung es wirklich möchte, kann sie es auch. Ist das nicht der Fall, bleibt alles beim Alten. Läden müssen geschlossen, hohe Strafen bezahlt werden, was sich schnell herum spricht und alles verändern würde. Dazu braucht man aber den Willen, es zu tun. Stellen Sie sich vor, ohne Piraterie würden wir in diesem Büro nicht nur zu fünft arbeiten, sondern es wären vielleicht 20 Mitarbeiter. 15 junge Leute weniger, die auf der Suche nach einem Arbeitsplatz das Land verlassen. So ist das eben.
Wie verdienen die Künstler eigentlich ihr Geld, wenn die meisten ihrer CDs als Raubkopien verkauft werden? Es gibt im Vergleich zum Westen kaum Konzerttourneen. Viele der Sänger sollen sehr wohlhabend sein.
Hubert Ghorayeb: Mädchen haben größere Chancen, eine Karriere zu machen, als Jungs. Vorausgesetzt, sie sind jung und sehen gut aus. Die Stimme ist egal, irgendwie müssen sie berühmt sein. Dann holt man sie für Partys an den Golf, für Hochzeiten nach Beirut oder an Sylvester. Da werden 50.000 Dollar oder in der obersten Klasse auch schon mal 100.000 Dollar für einen Auftritt bezahlt. Das ist ein sehr profitables Geschäft. Hinzu kommen einige Konzerte und TV-Auftritte. Mit Werbung und Fotos wird auch noch sehr gut Geld verdient.
Was sieht es eigentlich mit dem Herunterladen arabischer Musik aus dem Internet aus?
Hubert Ghorayeb: Daran wird natürlich gearbeitet. Musik im Internet das ist auch bei arabischer Musik ein Trend. Da gibt es keinen Unterschied zwischen westlichem und östlichem Publikum. Die Leute wollen Songs herunterladen, wollen das Gefühl haben, schnell und unkompliziert den neuesten Hit zu haben. Für uns ist das nur ein Teil des Internet-Marketings. Neben den Songs müssen Videoclips und Interviews verfügbar sein. Am besten in einem speziellen Digipack mit Merchandising-Extras. So etwas bringt die Leute auch dazu, sich anstatt einer Raubkopie die Original-CD zu kaufen.
Ein Problem, nehme ich an, ist auch die Distribution, ein Mangel an Infrastruktur. Es gibt zwar eine Unmenge von CD-Läden, aber da werden keine Original-CDs verkauft.
Hubert Ghorayeb: Klar, das könnte viel besser sein. Aber in jeder größeren Stadt gibt es ein, zwei normale Plattenläden. Es kommt auch auf die Sozialstruktur des jeweiligen Landes an. In reichen Ländern wie Dubai gibt es keine Probleme.
Die meisten Leute in der Region sind aber arm.
Hubert Ghorayeb: Dafür sind die CDs billiger. In Frankreich kostet eine CD 18 Euros. Hier im Libanon nur 15 Dollars.
Wäre es nicht vernünftiger, die Preise zu senken? Dann würden viele darauf verzichten, sich Raubkopien zu kaufen.
Hubert Ghorayeb: Ja, wahrscheinlich. Aber wir sind Teil einer internationalen Firma, da geht das nicht so einfach.
Das Problem ist, die Leute haben kein Geld, sich Original-CDs zu kaufen.
Hubert Ghorayeb: Ja, wer 500 Dollar im Monat verdient, kann schlecht 150 Dollar für 10 CDs im Monat ausgeben.
Wie sehen denn die Marktanteile von arabischer zu westlicher Popmusik aus?
Hubert Ghorayeb: Ich würde sagen das Verhältnis ist 60/50, was die Verkaufszahlen anbelangt. Der Marktanteil hauseigener Produktionen, die in unserer Region einen subkulturellen Stellenwert haben, ist gering. Aber mit steigender Tendenz. Wir brauchen Anerkennung aus dem Westen für diese Produkte. EMI hat in aller Welt Büros, aber es ist nicht so einfach, woanders unsere Produkte unterzubringen. Ein Release einer neuen, unbekannten Band bedeutet viel Arbeit. Marketing und Promotion kosten Geld. Und jedes Büro hat selbst unzählige neue lokale Produkte. Da brauchen wir schon etwas außerordentlich Besonderes. Hinzu kommt, dass unsere Produkte im eigenen Land keine Hits sind. Da fehlt ein entscheidendes Argument.
Für Musik, die nicht unbedingt Arab-Pop ist, gibt es also kein Publikum. Diese Produkte wären also im Westen besser aufgehoben?
Hubert Ghorayeb: Ja, bei euch im Westen ist das ganz anders. Ihr habt unzählige verschiedene Stilrichtungen mit dazugehöriger Konzert- und Eventkultur. Ihr seid damit groß geworden. Bei uns gab es das einfach nicht und deshalb besteht ein unheimlicher Nachholbedarf.
Es wird immer soviel über Globalisierung gesprochen, die scheint ja dann im Mittleren Osten etwas verlangsamt zu sein.
Hubert Ghorayeb: Meiner Meinung liegt es an der arabischen Kultur. Wir sind mit arabischer Musik groß geworden. Das ist der Flow. Dass ich und wenige andere meiner Freunde Rockmusik hörten, war etwas Besonderes. Heute kommt man einfach nicht drum herum, sich mit arabischer Musik zu befassen. Sie ist allgegenwärtig. Das hat auch etwas mit Sprache zu tun, die Songs haben arabische Texte, die wir problemlos verstehen können und die unseren Alltag, unser Leben und unsere Kultur widerspiegeln.
Könnte das nicht auch etwas mit Identität und Selbstbewusstsein zu tun haben? Seine eigene Musik haben, nicht immer nach dem Westen schielen, wo man als Araber nicht gerade willkommen ist?
Hubert Ghorayeb: Klar, das gehört auch dazu.
Glauben Sie, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich etwas Neues tut? Der Mainstream dreht sich immer nur um die eigene Achse, wird irgendwann langweilig und erzeugt unfreiwillig auch andere musikalische Bedürfnisse.
Hubert Ghorayeb: Ja, das hoffe ich. Tatsächlich gibt es schon Anzeichen für Veränderung. In den letzten Jahren fanden Konzerttourneen statt, die es bisher so nicht gegeben hat. Placebo spielten in Beirut, dann Scorpions, Brian Ferry und sogar Massiv Attack, was schon ein großes Risiko war. Triphop ist eine für die Region schon sehr spezielle Musik. Auf dem Konzert wurden sogar viele CDs verkauft. Das ist wirklich ein Erfolg.
Haben die Ereignisse der letzten Monate im Libanon einen Einfluss auf die Musikszene gehabt? Es fand eine Demokratisierung der Gesellschaft statt, die es bisher nicht gegeben hat. Auf Zensur muss man als Künstler nun keine Rücksicht mehr nehmen, man muss keine Angst mehr haben.
Hubert Ghorayeb: Für den arabischen Mainstream gab es mit der Zensur nie Probleme. In den Songs geht es immer um Liebe: Ich hab dich gesehen, gefunden, verloren, geküsst oder nicht geküsst. Das ist immer dasselbe. Ziemlicher Mist, würde ich sagen. Bei Rockbands oder Rappern ist das ganz anders. Die singen von politischen Dingen, erzählen von persönlichen Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft und über Tabus. Da gab es natürlich Probleme, die Songs waren teilweise verboten. Jetzt werden wir vielleicht eine Band verpflichten, die in einem Song davon singt, dass man die Regierung bekämpft. Vorher wäre das mit Sicherheit unmöglich gewesen. Heute denke ich, wird es damit keine Probleme geben. Hoffe ich zumindest, denn wo bliebe sonst das Recht auf freie Meinungsäußerung.
Man kann sich kaum mehr vorstellen, dass solche Texte heute im Libanon ein Problem darstellen.
Hubert Ghorayeb: Man muss noch einige Monate abwarten. Aber alles sieht sehr gut aus. Dann kann es vielleicht sogar Songs gegen das syrische Regime geben. Alleine die Möglichkeit hätte man sich vorher nie träumen lassen.
Hubert Ghorayeb: Aber gab es diese Sorte von kritischen Texten nicht schon bei Rappern, die gewöhnlich kein Blatt vor den Mund nehmen?
Bestimmt, aber diese Art von Musik ist öffentlich so gut wie gar nicht präsent. Rap gehört zu den Stilen in der arabischen Welt, die ebenfalls nicht funktionieren. Mir gefällt französischer Rap, auch deutscher, aber das klingt alles sehr hart für arabische Ohren. Wir sprechen auch nicht dieselbe Sprache. Für Rapper ist es wichtig ihre Originalsprache zu verwenden, mit viel lokalem Slang, um Authentizität zu transportieren. Das ist für ein arabisches Publikum undenkbar. Wenn ein Saudi einen Rap-Song macht, dann kann ich das nicht verstehen, höchstens bruchstückhaft. Am schlimmsten ist es mit den Marokkanern, von diesem Dialekt verstehen wir hier am anderen Ende des Mittelmeers kein Wort.
Aber wie funktioniert das beim arabischen Pop? Gibt es da keine lokale Sprachdifferenzen? Da wird doch nicht in klassischem Arabisch gesungen?
Hubert Ghorayeb: Beim Mainstream-Pop gibt es drei große Sprachen: Ägyptisch, Libanesisch und Golf. Jeder Künstler nimmt sein Album oder nur einige Songs in diesen drei Sprachen auf. Außerdem sind die meisten Songs textlich, wie schon gesagt, nicht sehr anspruchsvoll. Über die Jahre hat sich auch eine länderübergreifende Sprache entwickelt, die jeder verstehen kann. Bei Filmen ist das ganz ähnlich. In den arabischen Ländern ist jeder an die Filme aus Ägypten gewöhnt. Man versteht sie, sprechen kann man vom Ägyptischen jedoch nur sehr wenig. Aber beim Marokkanischen ist für uns alles aus.
Ist die sprachliche Barriere der Grund, warum im Mittleren Osten kaum Rai-Musik gehört wird?
Hubert Ghorayeb: Rai ist eine spezielle Musik des Maghrebs, die bei uns alleine schon sprachlich nicht funktionieren kann. In Algerien, Marokko und auch Tunesien können die Menschen die Songs ohne größere Probleme verstehen. Hier in unserer Region eben nicht.
Hubert Ghorayeb: Warum hat sich eigentlich hier im Libanon und den Nachbarstaaten nicht so etwas Ähnliches entwickelt, wie in den arabischen Staaten Nordafrikas? Als Rai begann, waren diese Länder alles andere als ein Musterbeispiel für Demokratie. Rai war so etwas wie eine Protestkultur, der Pop und arabische Tradition kombinierte und sehr gesellschaftskritische Texte hatte.
Hubert Ghorayeb: Man kann das nicht vergleichen. Vergessen Sie nicht, dass Rai erst in Frankreich richtig populär wurde, wo rund sechs Millionen Marokkaner und Algerier leben.
Ist Ihnen auch schon einmal islamischer Pop untergekommen? Ich habe einige CDs aus den USA und aus Großbritannien, die im Rap-Stil die Vorzüge des Islam preisen. Sie nennen sich zum Beispiel Soldiers of Islam.
Nein, bisher noch nicht. Hier wird jeder Song verboten, der etwas mit dem Koran zu tun hat. Ausgenommen sind Produktionen für religiöse oder wohltätige Zwecke. Da gab es mal etwas aus Pakistan, das wurde ein Hit, hatte aber einen guten Zweck. Die Kombination von Pop und Koran ist ansonsten grundsätzlich verboten. Hier gibt es nicht diese Freiheit, dass man über Religion, insbesondere den Islam, sagen kann, was man möchte. Das ist nicht so wie in Europa, wo man machen kann, was man will.
Wenn man in Beirut nachts ausgeht, spiegelt sich in den Bars und Clubs der große Publikumsgeschmack wieder. Entweder hört man arabischen Pop oder westliche Hitparade, man hat das Gefühl, als sei alles ein und derselbe Einheitsbrei. Ist das in anderen Großstädten der arabischen Länder auch so?
In Dubai ist das ganz anders, was wohl daran liegt, dass man dort auf europäischen Stil besonderen Wert legt. Das ist fast wie in England. Es ist cool, dort auszugehen. Musikmäßig ist dort alles geboten, was man sich nur vorstellen kann. Aber das ist typisch für Dubai, ein Platz der Superlative. Dort kann man jetzt auch Skifahren. Sie sind immer auf der Suche nach dem Unmöglichen. Irgendwann werden sie den Mond vom Himmel holen.
Wie wird es Ihrer Meinung nach musikalisch weiter gehen?
Hubert Ghorayeb: Es kann nur besser werden. Wir brauchen politische Veränderungen, einfach mehr Freiheit, das zu sagen, was man möchte. Nicht für den Mainstream, der funktioniert auch ohne. Aber für kreative Musik und natürlich für politische Künstler brauchen wir radikale Veränderungen. Ws darf keine Angst geben, dass man in zwei Monaten abgeholt wird.
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