"Pornografie der Gewalt"

Die Berichte über die Massaker und Vertreibungen im irischen Katholikenaufstand von 1641 sind erstmals allgemein zugänglich

Im Dubliner Trinity College lagern über 8.000 Aussagen, die nach dem irischen Katholikenaufstand von 1641 in 31 Bänden gesammelt wurden. Sie stammen ganz überwiegend von Protestanten und dienten deren Klerus über Jahrhunderte hinweg als Propagandawaffe - als Beleg dafür, was die Katholiken mit den Protestanten anstellen würden, wenn man Irland komplett in die Unabhängigkeit entließe.

Diese Nutzung führte die irische Regierung viele Jahrzehnte lang als Grund an, die Dokumente außer für einige Wissenschaftler unter Verschluss zu halten. Erst jetzt eröffnete Präsidentin Mary McAleese zusammen mit dem nordirischen Protestantenführer Ian Paisley eine Ausstellung, in deren Rahmen die Dokumente im Internet zugänglich gemacht werden.

Ein Großteil der in den Dokumenten geschilderten Ereignisse spielte sich in Nordirland ab, wo nach einem gescheiterten Aufstand und der anschließenden Flucht des dortigen Adels massenhaft Protestanten aus England und Schottland angesiedelt wurden. Das dafür notwendige Land nahm man von den bereits dort ansässigen Iren, die dafür auf verschiedene Weisen enteignet wurden. Beliebt war beispielsweise die Methode, die formellen Anforderungen an Eigentumsnachweise zu erhöhen, sodass diese nicht beigebracht werden konnten oder der Entzug von Grundstücken als Strafe.

Die Siedler, die nach 1608 von der britischen Hauptinsel kamen, waren allerdings nicht die ersten: Bereits 1171 hatte Heinrich II. sich zum irischen König erklärt, nachdem normannische Ritter die Zerstrittenheit der keltischen Clans ausgenutzt und im Osten der Insel gelegene Teile des Landes unter ihre Herrschaft gebracht hatten. 1541 zog der Staatskirchengründer Heinrich VIII. ebenso wie in England auch in Irland die Immobilien der katholischen Kirche ein. Anders als auf der Hauptinsel blieb der größte Teil des normannischen Adels in Irland jedoch dem Papst treu.

Unter Heinrichs Sohn Eduard VI. nahm die anglikanische Kirche stärker protestantische Züge an. Unter ihm begann auch die Ansiedlung englischer Bauern in Irland. Das von 1553 bis 1558 dauernde Herrschaftsintermezzo Maria Tudors und deren gewaltsame Gegenreformationsversuche erweiterten den Spalt zwischen Anglikanismus und Katholizismus, was zu mehreren erfolglosen Rebellionen des irischen Adels beitrug.

Eine davon wurde von Aodh Mór Ó Néill angeführt, dem damaligen Grafen von Tyrone in Nordirland. Er bekam finanzielle Unterstützung vom katholischen Spanien, dem damals schärfsten Rivalen Englands. Damit kaufte er keine fremden Söldner, sondern rüstete etwa 10.000 Iren mit für damalige Verhältnisse modernen und teuren Waffen aus, die den englischen Truppen in einem neunjährigen Krieg, zwar bedeutende Niederlagen zufügen konnten, aber schließlich doch verloren, nachdem Ó Néills Gegner Lord Mountjoy ab 1600 mit seiner Taktik der verbrannten Erde den Hunger als Waffe nutzte. Auch die Entsendung von 3.500 spanischen Soldaten nach Kinsale konnte daran nichts ändern. 1607 floh der Graf zusammen mit anderen katholischen Adeligen nach Rom, wo ihnen der Papst eine Rente zahlte.

Diese "Grafenflucht" wurde Grundlage für die massenhafte Enteignung von nordirischen Grundbesitzern und einer Flut von Anglikanern und Presbyterianern aus England und Schottland, die sich nicht nur landwirtschaftlich betätigten, sondern auch Städte wie Londonderry gründeten.

1641 kam es aufgrund dieser Ansiedlungen und befeuert durch die zunehmenden Spannungen zwischen König und Parlament zu einem katholischen Aufstand, der als Putsch geplant war, aber bald in eine Reihe von Massakern und Vertreibungen mündete. Manche Protestanten flüchteten nach Dublin, wo eine aus acht anglikanischen Geistlichen bestehende Commission for the Despoiled Subject unter Leitung des Dekans Henry Jones ihre Schilderungen aufschrieb. In Munster sammelte der Erzdiakon Philip Bisse solche Erinnerungen. Nach 1652 schickte man zusätzlich Militärs und Beamte über das Land, um weitere Zeugenaussagen zu dokumentieren und damit Rädelsführer ausfindig zu machen und zu bestrafen.

Der Oxford-Historiker Robert Fitzroy Foster, der bereits vor ihrer Veröffentlichung Einblick in die Dokumente hatte, charakterisierte sie als "Pornografie der Gewalt". Eine Einschätzung, die Stichproben des jetzt im Internet zugänglichen Materials durchaus als zutreffend erscheinen lassen. Dort wird mit sehr viel Liebe zum Detail geschildert, wie protestantische Landnehmer nicht nur einfach vertrieben, sondern vorher entkleidet, verhöhnt, gequält und teilweise wie lästiges Getier ersäuft werden.

Die später als "1641 Depositions" bekannt gewordenen Dokumente sprechen - wie etwa in den Schilderungen des protestantischen Geistlichen Robert Maxwell - teilweise von mehr als 150.000 protestantischen Opfern. Diese Größenordnung ist allerdings nicht nur angesichts des offensichtlichen Propagandazwecks der Niederschriften unwahrscheinlich, sondern auch, weil sich von 1609 bis 1641 lediglich einige Zehntausend Engländer und Schotten in Irland niedergelassen hatten. Heute geht man von etwa 4.000 direkt getöteten und weiteren 12.000 verhungerten und erfrorenen Opfern aus. In jedem Fall blieben noch so viele Protestanten am Leben, dass sie an mehreren Orten mit eigenen Massakern an Katholiken reagieren konnten.

Der größte Teil der Insel befand sich während der nächsten acht Jahre in den Händen der Konföderation von Kilkenny. Sie trat offiziell für Karl als König eines katholischen Irland ein. Ihre Gegner neigten teilweise ebenfalls dem König und teilweise eher dem Parlament zu. Erst 1648 schlossen sich Konföderierte, Royalisten und schottische Presbyterianer zu einer Allianz gegen das vom Puritaner Oliver Cromwell "gesäuberte" Rumpfparlament zusammen, konnten aber nicht verhindern, dass der König 1649 hingerichtet wurde und der Warlord Cromwell nach Irland zog, wo er mit Verweis auf die Massaker und Vertreibungen von 1641 eine Strafexpedition durchführte, während der er die Einwohnerschaften ganzer Städte töten oder als Arbeitskräfte in die karibischen Kolonien verkaufen ließ.

Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass sein Feldzug und die dadurch ausgelösten Hungersnöte über 200.000 Iren das Leben kostete - womit er die Opfer der Massaker und Vertreibungen von 1641 mehr als dutzendfach gerächt hätte. Nachdem der Gegner komplett besiegt war, verteilten Cromwell und das Parlament massenhaft irische Grundstücke an die Soldaten der puritanischen New Model Army. Die ehemaligen Eigner des Landes wurden unter dem Slogan "To Hell or to Connacht" in den Westen der Insel vertrieben.

2007 begann das 1641 Depositions Project - eine gemeinsame Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlern des Trinity College, der schottischen University of Aberdeen und der englischen Cambridge University - die im 17. Jahrhundert gesammelten Texte und Illustrationen zu digitalisieren. Nun sind sie im TEI-Format vollständig über das Internet zugänglich. Weil eine Buchpublikation in 12 Bänden folgen soll, erschwert man allerdings das Speichern und macht ein Copyright an den mehr als 300 Jahre alten Texten und Bildern geltend. Zumindest in Deutschland besteht nach ständiger und gefestigter Rechtsprechung allerdings kein Monopolrechtsanspruch auf eingescannte gemeinfreie Werke. (Peter Mühlbauer)