Pornografisierung von Gesellschaft

Angela Tillmann und Martina Schuegraf über ein zwiespältiges Phänomen

Werden durch den aktuell tobenden Diskurs über Pornographie die Geschlechterrollen zementiert, ergibt sich daraus die Möglichkeit, Geschlechterpolaritäten zu überwinden oder passiert beides gleichzeitig? Ein Gespräch mit den Medienwissenschaftlerinnen Angela Tillmann und Martina Schuegraf, die gemeinsam den Sammelband Pornografisierung von Gesellschaft herausgegeben haben, in dem zahlreiche Facetten des Phänomens analytisch durchleuchtet werden.

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Das von Ihnen herausgegebene Buch heißt "Pornografisierung von Gesellschaft". Woran sieht man das im Alltag? Inwiefern ist Ihrer Ansicht nach die Gesellschaft "pornografisiert" worden?
Angela Tillmann: Mit dem Begriff Pornografisierung bezeichnen wir die Ausstellung von Nacktheit und Körperlichkeit in den Medien. Es geht um einen veränderten Umgang mit pornografischen Bezügen in Kultur und Gesellschaft und mit Sexualität in der Öffentlichkeit. Dies drückt sich in unterschiedlichen Bereichen aus: An erster Stelle natürlich in der Pornografie selber, jedoch auch in der Populärkultur und hier vor allem in Musikclipinszenierungen aber auch in Songlyrics, in Zeitschriften, in Werbedarstellungen und in diversen Variationen und Darstellungen im Internet.
Ist diese Pornografisierung nun Ausdruck gesellschaftlicher und kultureller Regression oder zeigt diese Entwicklung auch positive oder gar emanzipatorische Seiten?
Martina Schuegraf: Dies lässt sich nicht in einem Entweder-Oder fassen. Sicher ist es positiv zu werten, wenn man in Einklang mit seinem Körper steht und dies auch zeigt. Wesentlich ist, welche Aussage daran geknüpft ist beziehungsweise welche Bedeutung dies erlangt. Wenn darüber Stereotype und neue Rollenfestschreibungen manifestiert werden, ist das eher repressiv. Positiv zu bewerten ist hingegen, dass ein gesellschaftlicher Diskurs angeregt wird, in dem sich Menschen stärker über Pornografisches und mit vielfältigen Formen von Sexualität, Begehren sowie Lust auseinandersetzen und darüber dann auch heteronormative Normen und Begrenzungen überschritten werden. Positive Beispiele finden wir insbesondere in der queeren Kultur und Kunst.
Inwiefern hat dieser Prozess etwas mit Veränderungen in der Medien- und Arbeitswelt wie auch mit der Durchsetzung des neoliberalen Menschenbildes zu tun? An welchen Punkten wird diese Entwicklung besonders virulent?
Angela Tillmann: Der Prozess der Pornografisierung ist verknüpft mit Veränderungen in der Medien- und Arbeitswelt. Auf der einen Seite zeigt sich, dass körperliche Arbeit immer mehr entwertet wird und die "Kopfarbeit" zum Markenzeichen postmoderner Gesellschaften geworden ist. So nehmen wissensbasierte Tätigkeiten und Dienstleistungsberufe zu. Auf der anderen Seite rückt zeitgleich der Körper stärker in den Mittelpunkt. In der Freizeit wird er auf vielfältige Weise gepflegt, trainiert, modelliert, dekoriert und so weiter. Im Zuge des Neoliberalismus sind wir also nicht mehr nur unseres eigenen Glückes, sondern auch unseres eigenen Körpers Schmied. Wir definieren uns über ihn, führen ihn vor und setzen ihn in Szene.
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Zu beobachten ist dabei eine Tendenz zur (Selbst-)Vermarktung und Inszenierung des Körpers mittels Medien, insbesondere im Internet. Sie geht einher mit einem Trend zur Intimisierung. Der Körper als intimster Ort und die sexuelle Darstellung beziehungsweise Handlung als intimste Praktik sind das, was heute interessiert und was medial in Casting-Shows, Dschungelcamps, Werbekampagnen und Online-Inszenierungen beziehungsweise Online-Spielen vorgeführt wird.
Martina Schuegraf
Welche Auswirkungen hat die Pornografisierung auf den Umgang zwischen den Geschlechtern und das Leben Heranwachsender?
Martina Schuegraf: Eine Annahme, dass Pornos oder die Pornografisierung direkt und unmittelbar sowie vielleicht sogar nachhaltig Einfluss auf Jugendliche und ihr Sexualverhalten nimmt, lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Wirkungszusammenhänge gestalten sich sehr komplex, viele Faktoren nehmen Einfluss. Pornos erfüllen für Jugendliche sehr unterschiedliche Funktionen. Wesentlich ist zum einen der soziale Kontext, in dem Pornos genutzt werden. Nutzen zum Beispiel Jungen Pornos für sich allein, dann vor allem um ihre eigene Lust zu entdecken und zu masturbieren. In homosozialen Gruppen hingehen versichern sich die Jungen eher der eigenen Normalität, da geht es darum, wer kann wie viel aushalten. Der Pornokonsum wird dann zum Gemeinschaftserlebnis, über das gemeinsame Erleben wird Zugehörigkeit hergestellt.
Mädchen gucken eher Pornos um mitreden zu können. Ihre Vorstellungen von sexueller Lust werden vom aktuellen Mainstream-Angebot nicht bedient, die stereotypen und weiterhin oftmals herabwürdigenden Darstellungen bieten ihnen wenig Anregung. Andererseits greifen sie im Alltag stärker auf Anleihen aus dem Pornografischen zurück. Wir beobachten dies zum Beispiel auf Profilbildern in sozialen Netzwerken. Hier inszenieren sich Mädchen gern mal lasziv und erotisch, suchen den Blickkontakt zum (heterosexuellen) Betrachter. Sie probieren sich damit in der weiblichen Rolle aus, testen ihre Grenzen aus: Wie viel darf ich zeigen, um als Mädchen beziehungsweise angehende Frau anerkannt zu werden. Das Risiko, das sie hierdurch auch abgewertet werden können, ist immer noch groß.
Deutlich wird damit, dass der Körper - ob als Betrachtungsgegenstand oder in der Inszenierung - weiterhin als ein Mittel zur Darbietung, Herstellung und Fortschreibung der Geschlechterpolarität eingesetzt wird. Das Pornografische liefert den Jugendlichen Material, um Grenzen auszutesten und sich auszuprobieren.
Welche Unterschiede gibt es zwischen männlicher und weiblicher Pornografie? Ist es wirklich so, dass die meisten Männer sich auf den Geschmack von sexuellen Würstelbudenbesitzern reduziert sehen wollen?
Angela Tillmann: Zu klären wäre erst Mal, welche sexuellen Vorstellungen oder Vorlieben Würstelbudenbesitzer haben. Die Unterscheidung in eine "männliche" und "weibliche" Pornografie ist schwer haltbar und wenig sinnvoll. Letztlich trägt sie nur zur Reproduktion von Stereotypen und Ungleichheiten bei. So ist das Mainstream-Angebot, das eher Männer als Zielgruppe im Blick hat, sicherlich zu kritisieren, da die dargestellten Frauen hier eher der Lustbefriedigung der Männer dienen, als dass ihre eigene Lust zum Ausdruck kommt. Ein Angebot, das Frauen zeigt, welche ihre Lust an Sexualität zeigen und befriedigen dürfen, ist eher schwer vorstellbar.
Das weist darauf hin, wie sehr wir in Geschlechterdichotomien und bipolare Denk-und Handlungsmuster gefangen sind. Daher ist es wenig hilfreich, Unterschiede zuzuschreiben. Damit zementieren wir nur weiterhin stereotype Geschlechterrollen. Vielmehr geht es darum klassische Rollenzuschreibungen zu hinterfragen, die Vielfalt wahrzunehmen und ihr Raum zu geben.
Angela Tillmann
Aber ist das jetzt nicht mehr Postulat als Empirie? Tatsache ist doch, wie Sie sagen, dass Männer und Frauen einen anderen Umgang zur Pornografie pflegen. Muss man da als Wissenschaftlerin nicht davon ausgehen was ist und nicht was wünschenswert wäre?
Angela Tillmann: Wir möchten keine unzulässigen Zuschreibungen vornehmen. Es ist empirisch sicher nachweisbar, dass Männer mehr Mainstream-Pornografie schauen als Frauen und Frauen diese Bilder von Sexualität wenig lustvoll finden. Aber dass wir nur eine kleine Auswahl an Bildern haben und Sexualität, Lust und Begehren bisher sehr einseitig dargestellt wird, ist ja keinem genetischen Programm geschuldet, nach dem Motto: Männer können eben nicht anders. Vielmehr hat dies etwas mit kulturellen und tradierten Vorstellungen zu tun, auf die wir zurückgreifen und die wir auch weiterhin bedienen, wenn wir dichotom argumentieren.
Anders gesagt: Wenn Männer Pornos schauen, dann tun sie das als "Mann", sie positionieren sich damit auch als "Mann" - können sich - stellvertretend - aktiv erleben, ausdauernd, potent, vielleicht auch aggressiv. Solche Positionen sind für Frauen aktuell wenig vorstellbar. Ihnen wurde vielmehr viele Jahrzehnte ihre Sexualität abgesprochen.
Wie verhält sich die heterosexuelle Pornografie zu ihren queeren Gegenstücken?
Martina Schuegraf: Heterosexuelle Pornografie, insbesondere im Film, folgt anderen Kriterien als queere Pornofilme. Ein klassischer heterosexueller Pornofilm bedient in der Regel stereotype Vorstellungen von sexuellen Handlungen zwischen Mann und Frau, wobei zumeist in erster Linie, wie Angela bereits dargelegt hat, die Lust des Mannes befriedigt wird. Auch die Inszenierung ist vornehmlich auf ein männliches Publikum ausgerichtet. Queere pornografische Filme bedienen ganz unterschiedliche Lüste und Sehnsüchte, die über klassische Rollenzuschreibungen hinausgehen und auch die unterschiedlichsten Geschlechterkombinationen in Aktion zeigen. Unter dem Label PorYes, das sich als sex-positive Bewegung versteht, wurden Kriterien entwickelt, die zum Beispiel für gleichberechtigten und einvernehmlichen Sex, für gerechte Arbeitsbedingungen am Set und einiges mehr eintreten. Laura Méritt, einer Begründerin der PorYes-Bewegung, hat hierzu in unserem Buch einen instruktiven Beitrag geschrieben. (Reinhard Jellen)
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