"Pornographie als ein Archiv sexueller Lüste"

Sven Lewandowski über cum shots, analen Sex und die Utopie des Pornofilms

Mit Hilfe der Luhmannschen Systemtheorie und der Psychoanalyse rückt der Soziologe Sven Lewandowski dem Phänomen der Pornographie zu Leibe. Teil 2 des Gesprächs mit dem Autor des Buchs Pornographie der Gesellschaft.

Herr Lewandowski, können Sie uns erklären, warum im Genre Pornofilm der Orgasmus des Mannes masturbativ und extrokorporal erfolgen muss? Stellt dies einen sichtbaren Beweis für erfüllte Dienste dar oder tritt die Handlung des Films damit gewissermaßen aus dem Bildschirm hinein in die Realität des Zuschauers, der möglicherweise gleichfalls dabei ist, Hand an sich zu legen?
Sven Lewandowski: Nun, zunächst handelt es sich beim sogenannten cum shot, ganz ähnlich wie beim meat shop (der en detail gezeigten Penetration), um einen Realitätsbeweis. Belegt wird im einen wie im anderen Falle, dass die sexuelle Interaktion wirklich stattgefunden hat. Es geht also um "Beweise". In einem gewissen Sinne ist Pornographie ja auch ein pseudo-dokumentarisches Genre: Versprochen und gezeigt wird echter Sex. Man kann sich diesen Anspruch der Pornographie an einem einfachen Vergleich vor Augen führen.
Wenn man nach einem Film mit Gewalthandlungen erfahren würde, dass die gezeigte Gewalt tatsächlich ausgeübt wurde (also nicht lediglich gespielt wurde), so würde man wohl mit Entsetzen reagieren. Anders im Falle der Pornographie: Erführe man, dass die gezeigte Sexualität gar nicht wirklich stattgefunden hat, sondern "gefakt" wurde, so fühlte man sich wohl getäuscht. Zwar mag an pornographischen Darstellungen vieles gefakt sein, aber die Illusion des Authentischen scheint unverzichtbar zu sein und insofern muss auch "Echtes" gezeigt werden. Hinzu kommen Darstellungsprobleme in Bezug auf Orgasmen und da ist es natürlich am einfachsten, eine Ejakulation zu zeigen. Diese fungiert gewissermaßen als Chiffre männlicher Lust.
Allerdings wird man wesentlich tiefer ansetzen müssen, wenn man die Prominenz der extrakorporalen Ejakulation erklären will. So lässt sich das prototypische Skript der heterosexuellen Mainstreampornographie etwa als ein Mikrodrama des Verlusts und der Wiedergewinnung männlicher Subjektivität deuten. Über weite Strecken zeigt die heterosexuelle Mainstream-Pornographie einen männlichen Kampf sowohl um Kontrolle der weiblichen Sexualität als auch um Selbstkontrolle.
Überspitzt könnte man sagen, dass das Problem der Mainstream-Pornographie Frauen sind beziehungsweise weibliche Sexualität. Männer - zumindest so wie sie in der Pornographie dargestellt werden - unterliegen weiblichen Reizen und verlieren so die Kontrolle über sich und ihre Sexualität an Frauen. Zugleich scheint es aber für die Aufrechterhaltung heterosexueller Männlichkeit notwendig, mit Frauen sexuell zu verkehren. Sex mit Frauen scheint für Männer identitätsstützende Funktionen zu erfüllen. Sich als Frauen begehrend zu erleben, stellt einen konstitutiven Bestandteil heterosexueller Identität dar. Zugleich scheint jedoch männliche Identität, sofern Selbstkontrolle ebenfalls ein wichtiger Teil dieser ist, durch sexuelles Begehren auch gefährdet zu sein.
Mainstream-pornographische Inszenierungen handeln von einem Verlust der männlichen Selbstkontrolle an Frauen: Männer verlieren in der pornographischen Darstellung ihre Selbstkontrolle und Selbststeuerungsfähigkeit und werden gleichsam von ihrem durch Frauen ausgelösten Begehren fremdgesteuert. Aus psychoanalytischer Perspektive ließe sich auch formulieren, dass Männer ihren Penis beziehungsweise die Kontrolle über diesen an Frauen verlieren, die ihn sich nicht nur zu unterwerfen scheinen, sondern sich ihn auch einverleiben.
Im symbolischen Sinne geht es also auch um den Verlust des Phallus an die Frau. All das gemahnt nicht zuletzt an Kastrationskomplexe - symbolisch wie real. Insofern das mainstrain-pornographische Skript den Verlust des Phallus an die Frau beschreibt, dient die extrakorporale Ejakulation nicht nur der Wiedererlangung der männlichen Selbstkontrolle ("Mann nimmt die Sache wieder in die Hand"), sondern auch dem Beweis, dass man der Kastration entgangen ist, mit Frauen also gefahrlos sexuell verkehren kann.
Die extrakorporale Ejakulation symbolisiert zugleich die Abwehr einer drohenden Verschmelzung mit dem Weiblichen, insofern sie Verschmelzung nicht zulässt, sondern Differenz und Distanz betont. Dass Frauen in pornographischen Inszenierungen so dargestellt werden, als läge ihnen besonders an extrakorporalen Ejakulationen, widerspricht dieser Deutung nicht.
Mit der extrakorporalen Ejakulation ist die Geschlechterordnung gewissermaßen wiederhergestellt. Dass diese pornographische Geschlechterordnung reichlich atavistisch ist, steht freilich auf einem anderen Blatt. Psychoanalytisch ließe sich aber fragen, ob die heterosexuelle Mainstream-Pornographie funktionieren würde, wenn auf die extrakorporale Ejakulation verzichtet würde. Ich vermute: durchaus - wenngleich jedoch nicht für einen Großteil Ihres Publikums. Zumindest scheinen Letzteres die Produzenten zu glauben. Aber auch in diesem Zusammenhang wäre es interessant zu untersuchen, wie und auf welche Weise Menschen Pornographie tatsächlich sehen und nutzen.
Können Sie uns die Prominenz des Analverkehrs im Pornofilm der letzten 20 Jahre erklären?
Sven Lewandowski: Im Wesentlichen würde ich die Prominenz des Analverkehrs beziehungsweise seine Aufnahme in das protopornographische Skript der heterosexuellen Mainstream-Pornographie auf die inhärente Steigerungs- und Überbietungslogik der modernen Pornographie zurückführen. Zum einen tendiert Pornographie dazu, alle sexuellen Möglichkeiten auszuschöpfen und zum anderen stehen professionelle pornographische Produktionen in einen dauerhaften Wettbewerb miteinander sowie mit den Amateurpornographen. Aus dieser Wettbewerbssituation ergibt sich ein nicht geringer Teil der Dynamik des Pornographischen. Ganz ähnlich wie im Falle von Wettbewerbssituationen in ganz anderen Bereichen ergibt sich auch im Falle der professionellen Pornographie ein gewisser Zwang, etablierte Standards nicht zu unterschreiten.
Etwas vereinfach ausgedrückt: Wenn der eine Anbieter etwas (zunächst) Besonderes oder Ausgefallenes im Angebot hat und damit Verkaufserfolge erzielt, sind andere Anbieter gezwungen nachzuziehen. Das Ergebnis ist schließlich ein neuer Standard, den man kaum mehr unterschreiten kann, ohne Absatzmöglichkeiten zu riskieren. Der einzige Ausweg besteht darin, entweder wiederum selbst etwas Ausgefallenes zu bieten oder aber andere (Nischen-) Märkte zu erschließen - beispielsweise auf Analverkehr verzichten, dafür aber "echte" Amateure zu zeigen …
Ein weiterer Erklärungsansatz - neben der Ausschöpfung aller sexuellen Möglichkeiten und der Überbietungs- und Steigerungslogik einer marktorientierten Porno-Produktion - würde eher psychoanalytisch ansetzen und Analverkehr als eine Kompromissbildung zum Zwecke des Genusses latent homosexueller Begehrensanteile deuten. In diesem Falle liefe die Argumentation in ähnlichen Bahnen wie die oben skizzierte zur extrakorporalen Ejakulation. Ich habe dies an anderer Stelle breit ausgeführt.1
Sven Lewandowski
Was lernen wir durch die dramaturgische Position der Frau im Pornofilm über die subtile Komplexität männlichen Begehrens?
Sven Lewandowski: Ich fürchte nicht viel mehr als das, was ich bereits im Zusammenhang mit der extrakorporalen Ejakulation ausgeführt habe. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es das männliche Begehren (im Singular) noch so gibt oder ob es sich nicht viel mehr um ein Phantasma handelt. Ohnehin müsste man sich viel genauer ansehen, was Menschen mit Pornographie machen, also: Wie wird Pornographie rezipiert und wie interagiert Pornographie mit latenten wie manifesten sexuellen Phantasien in konkreten Gebrauch pornographischer Produkte? Und ich vermute, dass man in solchen Untersuchungen auf recht vielfältige Formen und auf eine bemerkenswerte Komplexität stoßen würde.
Inwieweit hat das Internet den Pornofilm verändert? Existiert damit die Möglichkeit einer Art Pornographie von unten?
Sven Lewandowski: Die entscheidenste Veränderung liegt sicher in dem enorm erleichterten und zielsicheren Zugriff auf pornographische Produkte - gerade auch auf solche, die selbstgemacht sind und/oder von der üblichen Mainstream-Pornographie abweichen. Ganz sicherlich trägt das Internet und die durch es eröffnete Möglichkeit, selbstgemachte pornographische Produkte wie sexuelle Selbstdarstellungen ohne Umwege über Zwischenhändler und ähnliches zu verbreiten, zu einer Pluralisierung der Pornographie bei. Dadurch, dass sich in der Pornographie somit mehr denn je unterschiedliche Begehrensformen auch jenseits der Mainstreams widerspiegeln - übrigens nicht nur spektakuläre, sondern auch überaus unspektakuläre sexuelle Formen -, wird sicherlich die Funktion der Pornographie als ein Archiv sexueller Lüste zu fungieren gestärkt.
Auch einer der zentralsten Effekte der Pornographie, nämlich die Aufladung des Sexuellen mit Kontingenz wird durch die Internetpornographie gestärkt werden. Pornographie konfrontiert die Sexualität der Gesellschaft seit jeher mit anderen sexuellen Möglichkeiten und der letztendliche Effekt dürfte darin liegen, dass die Vorstellung, es gebe nur eine einzige "richtige" Form des Sexuellen immer absurder werden wird und immer weniger zu rechtfertigen ist. Genau das ist mit der Aufladung des Sexuellen mit Kontingenz gemeint: Das Wissen, dass Sexualität auch anders sein könnte.
Man mag das Demokratisierung nennen oder genauer gesagt: eine Voraussetzung von Demokratisierung - sofern man Demokratisierung als Aushandlung versteht. Und etwas auszuhandeln gibt es ja erst dann, wenn sich die Dinge nicht mehr von selbst verstehen.
Eine weitere wesentliche Veränderung, die die Internetpornographie für den (klassischen) Pornofilm bedeutet, dürfte in seinem partiellen Tod liegen. Was sich hingegen - durchaus auch im Pornofilm selbst - durchzusetzen scheint, ist eine Orientierung an einer Clip-Struktur, spricht: kürzere pornographische Sequenzen beziehungsweise sexuelle Inszenierungen, die oftmals nicht einmal mehr in eine rudimentäre außersexuelle Handlung eingebettet sind.
Besitzt der Pornofilm so etwas wie eine Utopie?
Sven Lewandowski: Die Pornographie besaß zweifelsohne einst eine Utopie, nämlich die Utopie einer ungebundenen, freien und rein lustorientierten Sexualität. Freilich ist diese Utopie tot - und zwar weil sie sich im realen Leben weitgehend verwirklicht hat: Sexuelle Lust ist zu einem legitimen Motiv und zu einem zentralen Steuerungsmedium sexueller Interaktionen geworden.
Das heißt natürlich nicht, dass realweltliche Sexualität und pornographische Inszenierungen einander entsprechen. Sie folgen jedoch keinen grundlegend differenten Logiken mehr. Insofern hat sich die klassische pornographische Utopie aufgelöst. Geblieben ist zwar die Inszenierung eines sexuellen Schlaraffenlandes, in dem ein jedes sexuelles Begehren auf Befriedigungsmöglichkeiten trifft, alle begehrten Sexualobjekte zugänglich sind und niemand zurückgewiesen wird.
Ein solches Schlaraffenland mag zwar ein verlockender Traum sein, aber eine gesellschaftliche Utopie beinhaltet die Pornographie nicht mehr. Im besagten pornographischen Schlaraffenland mag es zwar mehr Möglichkeiten als in jedem individuellen Leben geben, aber die basale Struktur der Pornographie unterscheidet sich nicht grundlegend von der Struktur der zeitgenössischen Sexualität. Hier wie dort gilt primär das Lustprinzip - nicht zuletzt in normativer Hinsicht. Insofern ist die klassische pornographische Utopie dadurch erfüllt, dass ihr U-topia, also ihr "Nirgendwo", einen Ort in der Realität der zeitgenössischen Sexualität gefunden hat. Auch insofern steht Pornographie nicht mehr in Opposition zur Sexualität der Gesellschaft, sondern spiegelt diese vielmehr wider.
Insofern würde ich das verbreitete Gefühl einer Bedrohung der Gesellschaft durch Pornographie auch eher als eine Art Phantomschmerz deuten denn als realistische Einschätzung. Höchstwahrscheinlich wird der Untergang des Abendlandes auch diesmal ausbleiben und man wird sich an die Existenz eines jederzeit verfügbaren pornographischen Angebots gewöhnen müssen. Viel wichtiger als dieses Angebot zu beklagen wäre es - meiner Einschätzung nach - Formen des Umgangs mit ihm, also beispielsweise so etwas wie eine "Pornographie-Ethik" zu entwickeln.
Wie könnte diese "Pornographie-Ethik" aussehen?
Sven Lewandowski: Dies ist eher eine Frage für Moralphilosophen. Als Soziologe bin ich jedenfalls insofern überfragt, als Soziologen für die Analyse sozialer Phänomene, nicht aber für ihre normative Bewertung oder gar für die Entwicklung von Richtlinien eines Umgangs mit ihnen zuständig sind. Zwar mag ich als Privatperson eine Meinung dazu haben, aber diese ist - als Meinung - ebenso gut oder schlecht wie die Meinung eines jeden anderen und daher auch nicht weiter berichtenswert.
Das einzige, was ich zu einer Pornographie-Ethik sozialwissenschaftlich seriös sagen kann, ist, dass sie - wie jede andere Form der Ethik - ins Leere laufen wird, wenn sie an den Realitäten der modernen Gesellschaft vorbeigreift. Eine Pornographie-Ethik wird also in erster Linie die Tatsache akzeptieren müssen, dass es Pornographie gibt und dass sie nicht verschwinden wird, nur weil man in der Lage ist, ethische (respektive moralische) Bedenken zu formulieren.2
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