"Pornos sind gut für uns"

Arne Hoffmann über den Sex im Zeitalter der Politischen Korrektheit. Teil 1.

Vor dem Sex sollte der Mann darauf achten, die Socken nicht als Letztes auszuziehen, weil Frauen nackte Männer in Socken eher lächerlich finden. In seinem Buch 50 einfache Dinge, die Männer über Sex wissen sollten gibt der Autor Arne Hoffmann so amüsant wie profund Auskunft über ein gelungenes Geschlechtsleben, überrascht dabei mit kuriosen Details und spart nicht mit Kritik am verzerrten Männerbild von heutzutage.

Herr Hoffmann, was sind in Sachen Sex die schlimmsten Negativ-Klischees über Männer, die nicht stimmen?
Arne Hoffmann: In meinem Buch spreche ich mehrere solcher Klischees an. Das erste ist durch feministische Slogans wie "Pornos sind die Theorie, Vergewaltigung ist die Praxis" bekannt geworden. Es stammt aus den siebziger Jahren und wurde wissenschaftlich längst widerlegt, wird aber alle paar Jahre wieder hervorgeholt - zuletzt als der Stern 2007 in einer Reportage Angst vor einer Generation Porno schürte: Aufgrund der leichteren Verfügbarkeit von Pornos im Internet sei unsere Jugend sexuell immer aggressiver und immer enthemmter geworden.
In der Medienwissenschaft bezeichnet man solche Wellen von Alarmismus als "moral panics" - denken Sie etwa auch an den orchestrierten Medienhype um angeblich massenweise sexuelle Belästigung im Januar dieses Jahres, wo der Stern ja ebenfalls eine große Rolle spielte.
Was die "Generation Porno" anging, wurde dieser Alarmismus schließlich von Fachleuten wie dem angesehenen Jugendforscher Professor Klaus Hurrelmann sowie der von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgegebenen Studie Jugendsexualität 2010 vom Tisch geräumt. Allerdings werden die wilden Behauptungen der Anti-Porno-Lobby schon seit Jahrzehnten durch immer neue Untersuchungen widerlegt.
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Arne Hoffmann. Foto: © privat
Was haben die Forschungen stattdessen ergeben?
Arne Hoffmann: Es schält sich immer mehr ein positiver Einfluss erotischer Filme heraus. So wies bereits 1989 die amerikanische Psychologieprofessorin Kathryn Kelley nach, dass Männer, die sich pornographische Filme angeschaut hatten, schneller bereit waren, einem leidenden weiblichen Opfer zu helfen, als Männer, denen man keine Pornos gezeigt hatte. Einen vergleichbaren Effekt konnte auch der Sexualforscher D.P. Przybyla aufzeigen.
Und die Soziobiologin Linda Mealey gelangte auf der Grundlage solcher Studien zu dem klaren Fazit: "Die Analysen von Forschungen, die sowohl im Labor als auch in Alltagssituationen vorgenommen wurden, zeigen, dass feindselige Gefühle oder Handlungen gegenüber Frauen durch Pornographie nicht begünstigt werden. Im Gegenteil, Pornographie kann diese Tendenzen abschwächen." In meinem Buch führe ich eingehender aus, warum Pornos gut für uns sind.
Welche anderen Klischees wurden mittlerweile widerlegt?
Arne Hoffmann: Das ulkige Gerücht, dass Männer sozusagen "dauergeil" wären und praktisch immer Lust auf Sex hätten. Stattdessen kann man bei Männern seit einiger Zeit eine immer größere Unlust entdecken. Das führt mitunter zu überraschenden Spitzenwerten. Beispielsweise wird berichtet, dass in Frankreich inzwischen ein volles Fünftel der Männer zwischen 18 und 24 Jahren weder ein Interesse an der Sexualität noch an einer Partnerschaft zeigt.
Und die britische Partnerschaftsberatung "Relate" (vergleichbar mit der deutschen Organisation "pro familia") ermittelte, dass in den letzten zehn Jahren die Zahl der Männer, die Sex lieber bleiben lassen, um volle 40 Prozent hochgeschnellt sei. Der für "Relate" tätigen Sexualtherapeutin Nina Bryant zufolge machen Männer, die über sexuelle Unlust klagten, inzwischen ein Drittel der von ihr bearbeiteten Fälle aus.
Ein weiteres Klischee, dessen Beseitigung mir wirklich am Herzen liegt, besagt, dass fast nie Männer Opfer von sexueller Gewalt werden. Das lässt sich wissenschaftlich nicht halten. Der Berliner Soziologe Bastian Schwithal etwa erstellte für seine Dissertation Weibliche Gewalt in Partnerschaften eine Meta-Studie von 55 wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema und gelangte zu dem Fazit, "dass Männer ebenfalls und im weitaus größeren Ausmaß als bisher angenommen sexuelle Gewalt (auch schwere Formen) erfahren. Beim Verüben von sexueller Gewalt ergibt sich ein Geschlechtsverhältnis von 57,9% Männer gegenüber 42,1% Frauen und hinsichtlich erlittener Gewalt ein Männer-Frauen-Verhältnis von 40,8% zu 59,2%."
In einer Studie für die evangelische Kirche Deutschlands weist der Geschlechter- und Antidiskriminierungsforscher Dr. Peter Döge darauf hin, dass acht Prozent aller Frauen angegeben hatten, ihren Partner bereits sexuell genötigt zu haben. Der Anteil der Frauen, die sich durch ihre Männer sexuell genötigt fühlten, liegt mit zwölf Prozent nur um ein Drittel höher. Döges Zahlen beruhen nicht nur auf den Berichten männlicher Opfer, auch die befragten Frauen hatten in der genannten Rate angegeben, ihren Partner zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben. Dieses Tabu zu brechen und Lösungen für dieses Problem zu entwickeln gehört zu den zentralen Herausforderungen, vor der wir Männerrechtler stehen.
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