Portugal führt im Großraum Lissabon erneut massive Ausgangsbeschränkungen ein

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Die Frage ist, ob das Land zu schnell die Maßnahmen gegen die Pandemie gelockert hat und ob sich der erneute Ausbruch fatal auf den Tourismus auswirkt

Wegen einer deutlichen Zunahme der Corona-Infektionen werden weite Teile des Großraums der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ab 1. Juli für zwei Wochen wieder mit erheblichen Ausgangsbeschränkungen belegt. Das hat der portugiesische Ministerpräsident António Costa am Donnerstag erklärt. Die portugiesische Presse spricht von einem "Lockdown", da die Bewohner der 19 betroffenen Gemeinden um die Hauptstadt herum nur noch zum Einkauf, zum Arztbesuch oder zur Arbeit das Haus verlassen dürfen.

In diesen 14 Tagen sind in den 19 Gemeinden nur noch Zusammenkünfte von maximal fünf Personen zulässig. Dazu gehören auch große Teile von Sintra, wo mit fast 300.000 Menschen fast 80% aller Einwohner betroffen sind, dazu kommt der gesamte Kreis Amadora mit knapp 200.000 Einwohnern und Odivelas mit 150.000 Bewohnern. Aber auch die Hauptstadt selbst, ist mit Santa Clara am Rande betroffen. Der gesamten Hauptstadt waren allerdings schon zuvor neue Restriktionen auferlegt worden. Seit Dienstag sind auch im Zentrum Versammlungen von mehr als zehn Personen wieder verboten, im Rest des Landes dürfen es 20 sein. Cafés und Geschäfte müssen wieder um 20 Uhr schließen und dann dürfen auch Tankstellen keinen Alkohol mehr verkaufen. Ausgenommen sind im Zentrum von Lissabon nur Restaurants, in denen auch bis später in den Abend gegessen werden darf.

In Portugal wurden zwischen dem 21. Mai und dem 21. Juni mehr als 9000 neue Coronavirus-Infektionen registriert, die meisten davon im Großraum Lissabon. Damit hat sich die Lage umgekehrt. Im März war Porto noch das Zentrum der Pandemie. Am Donnerstag gab es dagegen 311 neue Infektionen im ganzen Land, 77% davon in der Region um Lissabon. Man befinde sich weiter in einer "vorhersehbaren, überschaubaren und kontrollierbaren" Lage, erklärte Costa. Sowohl die Belegung der Krankenhäuser und die Zahl der Toten bestätige aber, "dass die Situation stabil ist", fügte der sozialistische Regierungschef an. Angemerkt sei hier, dass in Portugal, wie auch der konservative Staatspräsident Rebelo de Sousa herausstreicht, besonders viele Tests gemacht werden, weshalb viele Infektionen auch entdeckt würden.

Man habe wiederholt erklärt, dass die Lockerung der Maßnahmen und die damit verbundene verstärkte Mobilität zu einem erhöhten Ansteckungsrisiko führen könne, merkte Costa an. "Deshalb haben wir immer gesagt, dass wir die Entwicklung der Lage sehr aufmerksam verfolgen müssen, um zu beobachten, ob dieses erhöhte Ansteckungsrisiko zu etwas Unkontrollierbarem wird oder ob es innerhalb einer akzeptablen Rahmen bleibt."

Für Costa ist die "einzige wirksame Form", den neuen Ausbruch unter Kontrolle zu bringen, die Menschen wieder so lange wie möglich zu Hause halten. Insgesamt müssten die Regeln für soziale Distanz sowie alle Schutz- und Hygienestandards einhalten werden, sagte er. Costa greift aber nicht zu einem realen Lockdown - alle Vorgänge auf die Grundversorgung in den betroffenen Gebieten zu reduzieren -, um der Wirtschaft nicht besonders stark zu schaden. Darauf konnte Portugal in der gesamten Krise, anders als Spanien oder Italien, verzichten. Das ist allerdings nun mit dem Risiko verbunden, dass sich das Virus über die Arbeitsstellen über ganz Lissabon ausbreiten kann, wo die Mehrzahl der Menschen arbeiten geht, die in den 19 betroffenen Gemeinden leben.

Zu dem realen Lockdown greift er aber auch deshalb nicht, da es vor allem Ansteckungen bei illegalen Partys und Zusammenkünften gegeben haben soll. Ein Problem ist, dass die neuen Beschränkungen im Umland der Hauptstadt nicht sofort in Kraft getreten sind, sondern erst am kommenden Mittwoch in Kraft treten werden. Es könnte einigen der vielen Menschen aus den betroffenen Gebieten nun im Sommer einfallen, sich in die Ferien in andere Landesteile zu verabschieden, um einem Einschluss zu entgehen. Den Fehler hatte Spanien gemacht, womit sich das Virus im März aus dem Infektionsherd Madrid über das ganze Land verbreiten konnte.

Costa hofft allerdings, dass sich die Portugiesen erneut einsichtig zeigen. Sie hatten Anfang März frühzeitig, sogar schon vor der Ausrufung des Alarmzustands durch die Regierung, gehandelt und ihre Kinder oft nicht mehr in die Schulen geschickt. Auch soziale Kontakte wurden auf eigene Initiative der Menschen schnell deutlich reduziert. Das trug deutlich dazu bei, dass Portugal bisher gut durch die Krise kam, die Katastrophe wie im Nachbarland Spanien fiel deshalb aus. So musste das Land bisher nur gut 1500 Tote verzeichnen, während in Madrid sogar offiziell mehr als 28.000 gezählt werden. Ein großer Teil, etwa 60% mehr, taucht in der geschönten spanischen Statistik überhaupt nicht auf. Tausende alte Menschen, die zum Teil einfach zum Sterben in Altersheimen zurückgelassen wurden, werden zum Beispiel nicht mitgezählt, da sie nie getestet wurden .

War Portugal mit den Lockerungen schon ab dem 3. Mai voreilig

Die Öffnung erfolgte in diversen Etappen ziemlich schnell. Ab dem 1. Juni durften auch wieder große Läden und Einkaufszentren öffnen, sowie Kinos, Theater, große Museen und Kultureinrichtungen. Auch Fußballspiele finden seither wieder statt. Portugals höchste Spielklasse war damit die erste der größeren europäischen Ligen, die sich aus der Corona-Pause zurückgemeldet hat. Schon ab dem 15. Juni ließ Portugal wieder ausländische Urlauber ins Land, wenngleich die Grenzen für Autofahrer mit Spanien erst am 1. Juli geöffnet werden.

Seit vergangener Woche tauchen deshalb wieder klar erkennbar auch internationale Touristen im Land auf. Die Sicherheitsvorkehrungen sind dabei aber eher lasch, was sich ebenfalls in einigen Wochen mit steigenden Infektionszahlen rächen könnte. Urlauber erhalten beim Flug nur ein Informationsblatt der Regierung, auf dem darum gebeten wird, bei auftretenden Symptomen wie Husten, Fieber und Atemnot eine Hotline anzurufen. Bei der Ankunft wird nicht einmal Fieber gemessen, wie zunächst angekündigt worden war. Da das fast überall auch bei der Ausreise nicht geschieht, ist die Gefahr von importierten Infektionen groß.

Angesichts alle dieser Vorgänge, die auch in Lissabon klar darauf ausgerichtet sind, die darbende Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, kann nun befürchtet werden, dass Portugal die riesigen eigenen Erfolge im Kampf gegen das Coronavirus nun durch einen zu laxen Umgang gefährdet. Schon deshalb greift sie jetzt schnell wieder zu rigiden Maßnahmen in den Gebieten mit steigenden Infektionszahlen. Sollte die Regierung mitten im Sommer die nun für 19 Gemeinden um Lissabon beschlossenen Ausgangsbeschränkungen auf die gesamte Hauptstadt und andere Gebiete ausweiten müssen, um das Virus wieder unter Kontrolle zu bringen, dann wäre auch ökonomisch der Schuss nach hinten losgegangen. Denn damit wäre die Urlaubssaison, die für die portugiesische Wirtschaft sehr bedeutsam ist, wieder beendet, bevor sie richtig begonnen wurde. Man darf schon jetzt davon ausgehen, dass wegen der Meldungen über die Lage in Lissabon einige Reisende stornieren.

Auch in Spanien nehmen die Fallzahlen wieder zu, u.a. durch importierte Fälle

Übrigens ist das Problem nicht allein auf Portugal beschränkt. Auch in Spanien werden schon in elf Regionen wieder verstärkte Infektionen festgestellt. Besonders betroffen sind die Regionen Huesca in Aragon und Málaga in Andalusien. 20% aller in der vergangenen Woche entdeckten Fälle wurden aber aus dem Ausland importiert.

Es ist bekannt, dass seit dem Wochenende die Landesgrenzen mit dem ausgelaufenen Alarmzustand wieder geöffnet wurden. (https://www.heise.de/tp/features/Die-Corona-Mauer-ist-gefallen-die-Unsicherheit-bleibt-4790454.html). Allerdings dürften mögliche neue Ansteckungen aus dieser Quelle bisher kaum sichtbar sein. Die bisher bekannten Infizierten reisten über Flughäfen ein, wo ebenfalls nicht einmal auf Fieber kontrolliert wird. Das ist besonders widersprüchlich, schließlich wollte Spanien kürzlich noch alle Einreisenden in Quarantäne schicken.

Eigentlich sollten auch die Grenzen erst am 1. Juli geöffnet werden, was aber eilig vorgezogen wurde. Um die Urlaubssaison zu retten, verschwand heimlich, still und leise auch die Quarantäne. Sogar für Briten, das offiziell in Europa am stärksten betroffene Land, wurde die Quarantäne aufgehoben, obwohl Großbritannien sie weiter für Spanier vorsieht. (Ralf Streck)