Portugal macht Grenzen in höchster Covid-Not dicht

Lissabon leer und ausgestorben im Lockdown 2. Foto: Ralf Streck

Im Land verbreitet sich die britische Variante schnell, weshalb Portugal derzeit die höchsten Ansteckungsraten weltweit verzeichnet

Angesichts der dramatischen Coronavirus-Lage hat Portugal nun auch die Landesgrenze zu Spanien für mindestens zwei Wochen geschlossen. Seit Mitternacht ist der Verkehr massiv eingeschränkt, nur einige Grenzübergänge sind noch dauerhaft geöffnet, andere für Grenzgänger jeweils zwei Stunden am Morgen und zwei Stunden am Abend. Auch der internationale Flugverkehr ist größtenteils eingestellt. Der vor den Präsidentschaftswahlen weiter verschärfte Lockdown wurde erneut verlängert, nun mindestens bis zum 14. Februar.

Das Land mit nur 10 Millionen Einwohnern verzeichnet nun weltweit mit 848 die höchste 7-Tage-Inzidenz vor Montenegro und dem spanischen Nachbarn. Obwohl am Wochenende stets weniger Fälle gemeldet werden, wurden am Samstag erneut 293 Tote und 12.435 neue Infektionen registriert. Im Januar wurden so viele Tote registriert wie in den letzten 12 Jahren nicht mehr.

Portugal befindet sich praktisch nun wieder in einer Situation wie im Frühjahr. Geschäfte und Kneipen waren ohnehin längst dicht, doch die Notbremse war offensichtlich nun viel zu spät gezogen worden, weshalb nun erneut die Grenzen gesperrt wurden. Der große Unterschied zum Frühjahr, als frühzeitig gehandelt worden war, um das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren, ist aktuell, dass das Land nun an der Überlastungsgrenze angelangt ist. Vor Krankenhäusern wie z.B. dem Krankenhaus Santa María in Lissabon, bilden sich zum Teil lange Krankenwagen-Schlangen, weil die Patienten nicht mehr in der Notaufnahme aufgenommen werden können.

Es fehlen aktuell Beatmungsgeräte, sogar der Sauerstoffvorrat werde knapp, wird aus einigen Hospitälern berichtet. Gemeldet wird, dass nun Kühltransporter wie in Caldas da Rainha eingesetzt werden müssen, da auch die Leichenhallen in einigen Krankenhäuser überlastet sind. Es werden pensionierte Ärzte und auch Medizinstudenten mobilisiert, damit die Lage nicht völlig außer Kontrolle gerät.

"Unvorstellbare Situation"

Mehr als 800 Menschen kämpfen derzeit auf Intensivstationen um ihr Leben, das ist ein neuer Rekord in der Pandemie. Man befinde sich in einer "unvorstellbaren Situation", erklärte die Direktorin des Krankenhauses Anabela Oliveira. "Die Situation kann sich in den nächsten Tagen nur verschlimmern", kündigte sie an.

Auch Regierungschef Antonío Costa bereitet die Bevölkerung auf "sehr harte Wochen" vor. Der Sozialist räumt einige Fehler in der dritten Welle ein. "Es ist klar, dass die Dinge sehr schlecht laufen", erklärte er vor dem exponentiellen Wachstum, mit dem ein Anstieg an Einweisungen und eine "dramatische Anzahl von Todesfällen" einhergehe.

Wie die Experten geht auch Costa davon aus, dass die nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO deutlich ansteckendere Mutante aus Großbritannien das Land fest im Griff hat. Etwa 20 Prozent aller Neuinfektionen werden dieser Variante zugerechnet, im Großraum um die Hauptstadt Lissabon sollen es sogar schon etwa 50 Prozent sein. Hätte man die rechtzeitig erkannt, wären die "Maßnahmen an Weihnachten sicher anders ausgefallen", erklärte er. Zu den Festtagen hatte man die Schutzmaßnahmen fast völlig außer Kraft gesetzt.

Experten verweisen darauf, dass die britische Variante Kinder und junge Menschen stärker infiziere. Die Krankenhäuser sind nun - wie die Infektiologie-Abteilung des Dona-Estefânia-Krankenhauses in Lissabon - auch mit jungen Leuten gefüllt. Die Leiterin der Abteilung, Maria João Brito, weist darauf hin, dass man die Kapazität habe ausweiten müssen. Es seien 16 weitere Betten in einem neuen Raum aufgestellt werden, erklärt die Kinderärztin. Von einem 12 Tage alten Kind bis zu 17-jährigen seien nun alle Altersgruppen vertreten. "Diese Variante betrifft jeden, verschont niemanden", erklärt sie. (Ralf Streck)