"Position ist Identität"

Der US-amerikanische Geograph Jerome Dobson warnt vor Gefahren der Ortungstechnik. Drohen durch GPS-Technik neue Formen der Sklaverei?

"Geosklaverei nennen wir die Praxis, dass eine Person – der Herr – den Aufenthaltsort eines anderen Menschen – des Sklaven – überwachen und kontrollieren kann, entweder durch Zwang oder heimlich ... Teil dieses Begriffs ist, dass der Herr in der Lage ist, jede Bewegung des Sklaven nach Zeitpunkt, Position, Geschwindigkeit und Richtung zu überprüfen – oder auch die mehrerer Sklaven gleichzeitig."

Etwas umständlich definierten so die beiden Wissenschaftler Jerome E. Dobson und Peter Fisher, was sie für eine neuen Form „menschlichen Knechtschaft“ halten: die Sklaverei, die durch moderne digitale Geoinformationssysteme, besonders aber durch das Global Positioning System (GPS) möglich wird.

Eine drastische Ausdrucksweise, dabei sind die beiden alles andere als staatsfeindliche Datenschützer, sondern zwei gestandene Geologieprofessoren, von denen einer an einer Universität in Kansas/USA, der andere im englischen Leicester lehrt. Seit ihr Aufsatz im Jahr 2003 in der Fachzeitschrift IEEE Technology and Society Magazine erschien, ist Geoslavery zum geflügelten Wort geworden, wenn es um Überwachung durch Personenortung geht.

„Geosklaverei“ - ist das nicht etwas weit hergeholt?
Jerome Dobson: Überhaupt nicht! Wir betonen schließlich, dass zur Geosklaverei gehört, dass der Herr wirklich Macht über den Sklaven ausüben kann, nicht nur ihn beobachtet. Als wir damals den Artikel schrieben, haben wir überlegt, ob nicht “Geofencing” ein besserer Ausdruck wäre, um auf die Gefahren hinzuweisen. Heute nennen die Hersteller ihre Produkte selbst so. Wir leben in einer Überwachungsgesellschaft, keine Frage. Meiner Meinung nach ist heute allerdings weniger der Staat die größte Gefahr – der Große Bruder, wie Orwell das ausgedrückt hat - als vielmehr die vielen kleinen Brüder, zum Beispiel Privatunternehmen.
An welche Produkte denken Sie denn dabei?
Jerome Dobson: An alle Systeme von Personenortung, also Geräte, die GPS, das Geoinformationssystem (GIS) nutzen und einen Rückkanal haben und mit denen der Aufenthaltsort eines Menschen rund um die Uhr festgestellt werden kann. Manche Geräte können bekanntlich mithilfe von Sensoren noch weitere Informationen übermitteln, wie Körpertemperatur, Puls, Schweißabsonderung auf der Haut oder Alkohol im Blut.
Wie weit verbreitet ist Human Tracking in den USA?
Jerome Dobson: Es ist sehr verbreitet und wird sich noch weiter verbreiten, besonders weil die Preise weiter fallen. Es wird in der Justiz eingesetzt, von Arbeitgebern, von Eltern oder auch von Altersheimen, um ihre Demenzpatienten wieder zu finden. Allein die kalifornische Firma Xora, die GPS-Tracking von Angestellten und Maschinen anbietet (Mobile Ressource Management), hat im Jahr 2005 nach eigenen Angaben insgesamt 50.000 Beschäftigte in 4500 Unternehmen überwacht. Seitdem hat Xora keine Zahlen mehr veröffentlicht, aber sie werden bestimmt nicht gefallen sein. Oder denken Sie an OnStar von General Motors, bei dem das Fahrzeug rund um die Uhr verfolgt wird – vielen gefällt das!
Wo sehen Sie Tendenzen, wo werden Menschen mithilfe von GPS versklavt?
Jerome Dobson: Hier in den USA denke ich an den sehr bekannten Fall von Stacey Peterson. Ihr Ehemann, ein Polizist, benutze tracking-Technik, um seine Frau rund um die Uhr zu überwachen. Als Frau Peterson sich trennen wollte, versuchte sie unterzutauchen, sie änderte ihre Telefonnummer, aber sie konnte seiner Überwachung nicht entkommen. Dann war sie plötzlich verschwunden, viele glauben, sie wurde von ihm ermordet. Für mich ist das einklarer Fall von Geosklaverei. Später verteidigte übrigens der Anwalt des Ehemanns seinen Mandaten mit dem Argument, die Überwachung sei nichts Besonderes, alle anderen Polizisten in dieser Polizeistation hätten mit ihren Partnerinnen dasselbe gemacht!
Aber was Sie beschreiben, ist in den meisten Fällen nicht illegal – Eltern, die Justizbehörden oder Arbeitgeber haben das Recht, innerhalb bestimmter Grenzen Macht auszuüben.
Jerome Dobson: Ich halte Geofencing von Beschäftigten nicht für Geosklaverei, jedenfalls nicht so, wie es in westlichen Ländern angewendet wird, also wenn die Beschäftigten darüber Bescheid wissen, ihr Einverständnis erklärt haben und entlohnt werden. Die analoge Entsprechung ist unproblematisch. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass ein Chef verlangt, dass die Arbeiter in einem bestimmten Gebäude arbeiten oder innerhalb eines Zaunes. Meine Problem damit ist: Welche rechtlichen oder medizinischen Vorschriften gibt es, um festzustellen, dass eine Person dieser Überwachung unterworfen werden kann? Jeder Einsatz sollte geprüft werden, in dem wir uns die Fragen stellen, Was wäre die analoge Entsprechung? Das ist die entscheidende Frage. Wäre es Pflege, Erziehung und Fürsorge oder ein Brandzeichen, Inhaftierung, Stalking?
Es gibt in Ihrem Land das schöne Sprichwort „Schusswaffen bringen keine Menschen um, sondern Menschen bringen Menschen um!“ Gilt das nicht auch für GPS, also: „Nicht die Technik überwacht, Menschen überwachen Menschen!“
Jerome Dobson: So abstrakt betrachtet entgeht uns, wie die Technik das Verhältnis zwischen den Menschen verändert. Die Technik verändert die sozialen Beziehungen, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und ihren Kindern, Regierung und Bürger, Verkäufer und Käufer und so weiter. Human Tracking verstärkt bestimmte negative menschliche Tendenzen. Denken Sie an den eifersüchtigen, missbrauchenden Ehemann. Früher war seine Reichweite beschränkt, weil er zur Arbeit musste, weil seine Frau nicht im Haus war, wo er sie visuell kontrollieren konnte.
In der April-Ausgabe von Nature kritisieren Sie den Umgang mancher Ihrer Kollegen mit Geo-Daten. Besteht unter Wissenschaftlern zu wenig Problembewusstsein?
Jerome Dobson: Mich ärgert die nachlässige Haltung, die viele Wissenschaftler an den Tag legten. Der eigentliche Anlass zu meinem Kommentar war eine Studie von Marta González und anderen Forschern von der Northeastern University in Boston (Menschen machen es nicht wie die Fliegen). Ein europäisches Telekommunikationsunternehmen hat der Universität die Bewegungsprofile von Mobilfunknutzern zur Verfügung gestellt.
González wollte Mobilitätsgewohnheiten untersuchen. Zu diesem Zweck wurden dann die Bewegungen von 100.000 Menschen über ein halbes Jahr ausgewertet – ohne dass diese ihr Einverständnis dazu gegeben haben, ohne auch nur gefragt zu werden. Es war in dem Fall dieser Studie völlig unklar, ob bestehende Datenschutzbestimmungen eingehalten wurden. Die Telefongesellschaft behauptet, die Daten wären anonymisiert worden, aber es ist nicht klar, was eigentlich anonymisiert in diesem Zusammenhang bedeutet. Es ist sehr, sehr einfach, herauszufinden, wer eine Person ist, wenn man ihren Aufenthaltsort und ihre Bewegungen kennt. Geografie ist Identität – wenn du weißt, wo jemand ist, weißt auch bald, wer er ist.
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