Post vom Versuchslabor

Tierversuchs-Multi Covance lässt seine Rechtsanwälte gegen Tierschützer von der Leine

Am 9. Dezember hat das TV-Magazin Frontal21 in seiner Sendung traurige Bilder gezeigt: Versuchsaffen - Makaken und Rhesusaffen - die ziemlich eindeutig Verhaltensstörungen aufwiesen, und nicht minder eindeutig war erkennbar, dass die zuständigen Tierpfleger die Affen brutal und unsachgemäß behandelten. Die Bilder stammten aus einem der größten Tierversuchslabore Deutschlands, nämlich dem von der Covance Laboratories GmbH, Münster, einer der führenden Firmen im Bereich der Vertragsforschung und Versuchstierzucht. Zu seinen Auftraggebern gehören alle möglichen Firmen und Institute der Pharma-, Chemie-, und Lebensmittelindustrie. Covance gilt als einer der größten Importeure von Primaten zu Versuchszwecken.

Die gesendeten Bilder stammten von einem verdeckt arbeitenden Journalisten und Mitglied der britischen Tierschutzorganisation BUAV (British Union for the Abolition of Vivisection), der sich als Hilfskraft hatte anstellen lassen und einige Monate lang die Zustände in dem westfälischen Auftragslabor dokumentierte. So weit die Fakten.

Wie zu erwarten löste der Beitrag eine Welle des Protestes aus: Tierschützer gingen auf die Barrikaden und beklagten die offensichtlichen Verstöße gegen das Tierschutzgesetz. Auch die Nordrheinwestfälische Umweltministerin Bärbel Höhn sah das wohl so und drohte mit Schließung. Das Veterinäramt der Stadt Münster machte Covance zur Auflage, in seinen Arbeitsräumen eine Videoüberwachung zu installieren.

Das Unternehmen selbst gab sich von Anfang an eher wortkarg. Auf die Anfrage von Frontal21 erfolgte ein knappes Dementi:

Der Umgang mit den Tieren unterliegt einer ständigen und sorgfältigen Kontrolle. Wir haben keinerlei Anzeichen dafür, dass einzelne Tierpfleger oder Tierpflegerhelfer Primaten unsachgemäß behandeln.

Um den Vorwürfen etwas die Schärfe zu nehmen, zeigte man sich dann aber doch ein bisschen einsichtig und kündigte erste Besserungen an.

Vielleicht hat das Eindruck auf die Richter des Verwaltungsgerichtes Münster gemacht. Denn in einem Eilbeschluss beschied das Gericht am 16. Januar Interessantes: Dass nämlich das Tierversuchslabor vorerst keine Videoüberwachung einrichten muss, denn im Rahmen der vom Gericht vorzunehmenden Interessenabwägung sei dem privaten Interesse der Firma Covance der Vorrang einzuräumen und immerhin koste die Installation einer Videoüberwachung mindestens 300.000 Euro. Das ist - nebenbei bemerkt - viel Rücksicht gegenüber einem Unternehmen, für das 300.000 Euro vermutlich Peanuts sind. Außerdem beruft sich das Gericht auf zwei von Covance vorgelegte Gutachten, denen keine Verstöße gegen tierschutzrechtliche Vorschriften zu entnehmen seien, zudem führe die Videoüberwachung zu einem erheblichen Eingriff in die Persönlichkeits- und Arbeitsrechte der Mitarbeiter, heißt es in einer Presseerklärung des Verwaltungsgerichts vom 19.1.2004.

Gerichtlich angeordnet wird darüber hinaus eine einstweilige Verfügung, nach der das Bildmaterial rechtswidrig aufgenommen wurde und eine öffentliche Vorführung einen betriebsbezogenen Eingriff in den Gewerbebetrieb von Covance darstellt. Auch hier wiegt das Interesse von Covance, eine Verbreitung des Filmmaterials zu verhindern, schwerer als das Interesse der Tierschützer, mit dem Film zur Meinungsbildung der Öffentlichkeit beizutragen. Zur Abschreckung für den Fall der Zuwiderhandlung wird ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro angedroht.

Mit so viel Wind im Rücken kann Covance nun getrost juristische Schritte einleiten und tut das auch: Denn prompt erhielt der Webhoster der Anti-Covance-Webseite Post, und zwar von der Anwaltskanzlei Houthoff Buruma aus Amsterdam, mit der Aufforderung alle Bilder und Videos zu löschen, die die Affenversuche zeigen, am 23. Januar erhielt tierversuchsgegner.org nach eigenen Angaben ebenfalls Post, dieses Mal von der Kanzlei ARCON Rechtsanwälte schmidt-sibeth heisse weisskopf kursawe, mit der Aufforderung, bis 28.1.2004 eine Unterlassungserklärung mit der Verpflichtung abzugeben, alle Fotos und Videos der Tierversuche bei Covance zu entfernen.

Die Bilder müssen also weg. Denn es liegt auf der Hand, dass die womöglich komplizierte juristische Auseinandersetzung die breite Öffentlichkeit nur dann weiter interessieren wird, wenn sie durch die stark emotionalisierenden Bilder bei der Stange gehalten wird. Obwohl es einer Sisyphos-Arbeit gleicht, Bilder, wenn sie erst einmal im Internet sind, wieder heraus zu bekommen, zeigt der Druck von Covance doch erste Erfolge. Während die Bilder bei tierversuchsgegner.org und auch bei Frontal21 immer noch zu sehen sind, geht man bei der BUAV in England bereits auf Nummer Sicher und hat sie - wenn auch nur vorübergehend - vom Netz genommen. (Katja Seefeldt)

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