Postfaktisches Zeitalter - Darauf einen Bommerlunder

Warum wird gerade jetzt das postfaktische Zeitalter ausgerufen?

Doch warum verkünden nun gerade heute, also in einer Zeit, wo viele Menschen Kritik an den Entscheidern üben, eben diese Entscheider im Empörungsmodus das postfaktische Zeitalter?

Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand.

In der Politik geht es, wie es der französische Soziologe Pierre Bourdieu gesagt hat, um die Durchsetzung von Wahrnehmungskategorien. Demjenigen, dem es gelingt, die von ihm gewünschten Wahrnehmungskategorien auf dem Schlachtfeld der Sprache durchzusetzen, hat gute Chancen, als Gewinner aus den dort geführten Kämpfen hervorzugehen.

Dass gerade jetzt das postfaktische Zeitalter ausgerufen wird, ist der Versuch, jene nicht ganz einfach zu erfassenden Strömungen in der Gesellschaft ins Leere laufen zu lassen, die sich gegen "die da oben" richten.

Der Angriff von oben hat kein anderes Ziel als die Bürger, die nicht mehr bereit sind, eine gegen sie gerichtete Politik der Machteliten widerspruchslos hinzunehmen, von der Bühne des öffentlichen Diskurses zu drängen. Der Angriff dient dazu, ihren Status als legitime Teilnehmer am öffentlichen Diskurs zu demontieren.

So betrachtet kommt zum Vorschein, von welchem Geist die Offensive aus der politischen Mitte getragen ist. Wer als vorgeblich aufrechter Demokrat mit dem Mittel der sprachlichen Manipulation versucht, Bürgern pauschal die Fähigkeit zur Unterscheidung von Wahrheit und Lüge abzusprechen, handelt gerade eben nicht als "anständiger Demokrat". Eine Haltung kommt zum Vorschein, in dem, wie unter einem Vergrößerungsglas, jene Antriebe sichtbar werden, die letztlich den Vertrauensverlust in Politik und Medien bei einem nicht unbeträchtlichen Teil der Bürger haben entstehen lassen.

Deutlich wird: Demokratie scheint für die Definitionsmonopolisten aus dem Kreise der Herrschenden nur dann ein schützenwertes Gut, so lange die Demokratie ihren eigenen Herrschaftsstatus und Herrschaftsanspruch unangetastet lässt. Wehe, wenn Bürger im Rahmen ihrer demokratischen Rechte und Entscheidungsfreiheit die Kompetenz der traditionellen Weichensteller in Frage stellen. Dann schlägt nicht nur die Stunde der Manipulateure von rechts und links. Dann fallen auch die Masken von so manchem Vorzeigedemokraten.

Das Bittere ist: Gerade von dort, wo die Demokratie am allernötigsten gestützt werden müsste, um sie vor dem Kippen zu bewahren - nämlich aus der Mitte - kommen jene Impulse, die ihre Schieflage noch verstärken.

Jene Polit- und Medieneliten, die sich in der "politischen Mitte" tummeln, nutzen ihre Benennungsmacht, über die sie dank ihrer privilegierten beruflichen bzw. gesellschaftlichen Positionen verfügen nicht etwa, um die real vorhandenen Missstände anzuprangern und das Versagen der Akteure aus ihrem eigenen Lager klar herauszustellen. Ihre Benennungsmacht wird zur Waffe gegen einen legitimen politischen Protest mit dem Ziel, den Status quo zu konservieren.

Anzeige