Potenzielle Profiteure der Nord-Stream-2-Verzögerung

Rohrlegerschiff "Solitaire" von Allesas. Foto: PR Allseas. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Ukraine, die Türkei, US-Flüssigerdgasanbieter - und das Emirat Katar

Am 20. Dezember unterschrieb US-Präsident Donald Trump einen vom US-Kongress zusammengestellten neuen National Defense Authorization Act (NDAA), der ein Teilgesetz namens "Protecting Europe's Energy Act" enthält. Dieses Teilgesetz droht Unternehmen, die sich an der Verlegung russischer Unterwassergasleitungen beteiligen, Sanktionen an. Die mit der Verlegung der Rohre für die Nord-Stream-2-Gaspipeline beauftragte schweizerisch-niederländische Firma Allseas stellte deshalb ihre Arbeit am Bau der Erdgaspipeline ein (vgl. Nord Stream 2 gestoppt).

Die Ukraine, deren Staats- und Staatskonzernführer mit am intensivsten gegen den Bau der Gaspipeline opponiert hatten, darf sich zu den potenziellen Gewinnern dieser Entwicklung zählen: Sie konnte dem am 19. Dezember abgelaufenen zehnjährigen Gastransitvertrag am 30. Dezember ein einen auf fünf Jahre ausgelegten neuen Vertrag folgen lassen, der im laufenden Jahr die Lieferung von mindestens 65 Milliarden Kubikmeter Erdgas vorsieht. In den darauf folgenden vier Jahren sollen es dann jährlich mindestens 40 Milliarden Kubikmeter sein.

Turkish-Stream-Pipeline fertig

Diese Mengen sind als Mindestmengen festgelegt, aber geringer als die, die in den letzten Jahren durch die Druschba-Pipeline gepumpt wurden: 2019 waren das 89,6, 2018 86,8 und 2017 93,5 Milliarden Kubikmeter. Für die 27 Prozent, um die die vereinbarte Mindestmenge 2020 unter der von 2019 liegt, sind verschiedene Anbieter beziehungsweise Durchleiter denkbar.

Eine Möglichkeit wäre, dass Russland nicht die Mindestmenge, sondern entsprechend mehr Gas durch die Ukraine in die EU schickt. Julia Kusznir von der Bremer Jacobs-Universität kommt in ihren Berechnungen auf "bis zu 80 Milliarden Kubikmeter".

Die Turkish-Stream-Pipeline, die zum Zeitpunkt dieser Berechnung noch unfertig war, konnte jedoch - anders als Nord-Stream-2 - bereits fertig gestellt werden und wird morgen gemeinsam vom russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin und von seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan feierlich eröffnet. Andriy Kobolev, der Vorstandsvorsitzende des ukrainischen Naftogaz-Konzern, geht deshalb nicht von 80, sondern nur von 75 Milliarden Kubikmetern Gasfluss durch sein Land im laufenden Jahr aus

Der Fertigstellung von Turkish Stream kam zugute, dass die US-Sanktionen erst ab einer Verlegetiefe von 30 Metern greifen. Bereits vor der offiziellen Eröffnung bezieht Bulgarien Gas aus dieser Pipeline, durch die es für die dortigen Verbraucher um fünf Prozent günstiger wird. Noch günstiger hätte es werden können, wenn die EU Sofia 2014 nicht das direkte Anlanden einer damals geplanten russischen South-Stream-Pipeline verboten hätte. Nun wird Turkish Stream an Land weitergebaut, wo Baufirmen weniger spezialisiert sind und US-Sanktionen entsprechend weniger blockieren können: Griechenland und Nordmazedonien sollen noch in diesem Monat aus Turkish Stream versorgt werden, Serbien noch in diesem Jahr und Ungarn spätestens 2021.

Flüssigerdgas

In Deutschland ist - anders als in Bulgarien und anderen Balkanländern - anstatt mit einer Preissenkung mit einem Anstieg der Erdgaspreise zu rechnen. Im letzten Jahr kam nämlich ein knappes Viertel des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus den Niederlanden, wo man die Förderung aus Angst vor Erdbeben 2020 von 15,9 auf 11,8 Milliarden zurückfahren will. 2022 soll sie sogar komplett eingestellt werden. Nachdem der Ersatz dafür vorerst nicht aus Nord Stream 2 kommt, muss man möglicherweise die aktuell nur sehr wenig ausgelasteten europäischen Flüssigerdgasterminals stärker in Anspruch nehmen.

Das Erdgas, das dort eintrifft, ist aufgrund des aufwendigeren Transport mit Kühlschiffen und in Druckkammern im Regelfall teurer als Erdgas, das unverflüssigt durch Pipelines kommt. Und es ist im Regelfall umso teurer, je länger die Passage über das Meer dauert. Potentieller Profiteur einer höheren Flüssigerdgasnachfrage wäre deshalb neben den USA auch das islamistische Golfemirat Katar, das auf den größten Erdgasvorkommen der Welt sitzt. Russland, dass im Fernen Osten Erdgas für den Schiffstransport verflüssig, beliefert damit vor allem Abnehmer in den nahen und zahlungskräftigen asiatischen Ländern.

Russische Verlegeschiffe Fortuna und Akademik Cherskiy

Dass Nord Stream 2 nach dem Allseas-Ausstieg gar nicht mehr fertig gestellt wird, gilt als unwahrscheinlich. Allerdings ist unklar, wer die letzten 160 Kilometer Gaspipeline nun verlegt. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit werden das russische Schiffe sein, deren Eigner sich wegen mangelnder Geschäftsaktivitäten auf US-Boden weniger vor finanziellen Auswirkungen von US-Sanktionen fürchten müssen.

Ein Schiff, das dafür infrage käme, wäre die in der Ostsee ankernde Fortuna, die dem russischen Leitungsbaunternehmen MPTC gehört. Technisch wäre das erst zehn Jahre alte Gerät durchaus in der Lage, den Rest der Leitungen zu verlegen - aber die dänischen Behörden, die den Bau von Nord-Stream-2 auch auf andere Weise lange verzögerten, wollen es dafür nicht zulassen, weil es nur über ein 12-Punkte-Positionierungssystem zur automatischen Positionsänderung bei Seegang verfügt.

Das dynamische Positionierungssystem, das sie verlangen, steht auf der eine Milliarde Euro teuren Akademik Cherskiy zur Verfügung. Die befindet sich allerdings gerade sehr viel näher bei Japan als bei Deutschland und verlegt Rohre deutlich langsamer als die Fortuna: Pro Tag schafft sie nur etwa einen Kilometer. Zudem schwimmt sie im Ochotskischen Meer nicht unprofitabel herum, sondern soll dort Leitungen für die Erschließung des Unterwasserfelds Kirinskoye verlegen, dessen Gas über den dritten Abschnitt der Pipeline "Kraft Sibiriens" nach China fließen wird (vgl. "Kraft Sibiriens" liefert russisches Gas nach China). (Peter Mühlbauer)