PowerPoint

Computersoftware und die grafische Vereinheitlichung der Fernsehnachrichten

Der Golfkrieg 1991 war der "erste totale elektronische Krieg der Geschichte" (Paul Virilo). Bilder von den Kriegsschauplätzen waren nun in "Echtzeit" möglich - und konnten doch nicht gesendet werden. Die Zensur des Pentagon verhinderte die Ausstrahlung - und zwang die Grafikabteilungen in den Sendern "Neuerungen zu entwickeln". Der Golfkrieg, so der amerikanische Journalist John R. MacArthur, war auch der "erste wirkliche Video-Logo-Krieg". "Operation Wüstengrafik". "Ich denke", so der Grafikprofessor Philip Meggs, "dass die Fernsehgrafik mit dem Golfkrieg in einem gewissen Sinne mündig geworden ist".

Grafiken gehörten zum Fernsehen wie Bilder und Töne. Bereits sehr früh wurden Schaubilder einfacherer Art - zunächst schwarz-weiß, dann auch in Farbe - ins laufende Programm eingebaut. Die Tagesschau etwa hatte schon in ihren Anfängen eine Grafikredaktion, die mit Pinsel und Schere Nachrichten anschaulicher machen sollte. Bis zur Jahrtausendwende war die Grafikabteilung von ARD-aktuell, die Tagesschau, Tagesthemen, Nachtmagazin und Wochenspiegel mit Illustrationen, Grafiken und Trickfilmen versorgte, auf 30 Mitarbeiter angewachsen.

Seit Ende der 1980er Jahre arbeitete die Abteilung auch auf elektronischer, d.h. softwareabhängiger Basis. Die Fernsehgrafiken wurden nun an Computern, an "Hochleistungsrechnern" (im Wert von rund drei Millionen DM) produziert, doch vergleichsweise selten und eher unauffällig in die Beiträge eingebaut. "Die Grafiken", so formulierte Abteilungschef Horst Ruppel 1999, "dürfen sich nicht aufdrängen, sie dürfen den Informationsfluss nicht unterbrechen."

Völlig unabhängig vom Fernsehen wurde 1987 das Präsentationsprogramm PowerPoint von Microsoft auf den Markt gebracht. Es ermöglichte die Erstellung zunächst einfacher, dann immer anspruchsvollerer Präsentationen am Computer. Erstmals existierte eine Software mit der sämtliche Inhalte in standardisierten Formen präsentiert werden konnten: Wirtschaft, Wissenschaft, Boulevard, Politik. Vor allem aber ermöglichte die neue Software Text, Bild, Ton und Film sehr einfach zu integrieren.

PowerPoint revolutionierte zunächst vor allem die Präsentation von Wissen; es machte Wissen zur Information. Und es breitete sich rasant und konkurrenzlos aus: 2001 beherrschte das Programm des Monopolisten Microsoft 95% des Präsentationssoftware-Marktes. 'PowerPoint' wurde zum Synonym für computerunterstützte Präsentationen. Computer waren die Voraussetzung für die Nutzung des Programms.

Abb. 2: Animierte Grafiken bei RTL-aktuell, 8. Dezember 2014 (18.45 Uhr) und ZDF heute, 5. Dezember 2014 (19 Uhr)

PowerPoint wird heute "von Kindesbeinen an" (Konrad Paul Liessmann) verwendet. Schüler müssen PowerPoint-Präsentationen erstellen, Studenten ihre Referate, Professoren ihre Vorlesungen. "Nach 25 Jahren PowerPoint", so schrieb kürzlich Bettina Weiguny, "sind Konzerne, Behörden und Verbände bis in den letzten Winkel davon durchdrungen." PowerPoint ist eine Kompetenz wie Lesen oder Schreiben.

Informationen werden deshalb im Alltag immer weniger durch wortfixierte Vorträge weitergegeben, sondern durch - vielfältigere - Präsentationen. Der Text wird durch Bild, Grafik und Ton ergänzt oder auch überdeckt. Alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen kennen, verstehen oder nutzen heute diese Präsentationsform. PowerPoint hat eine mächtige, doch weitgehend unsichtbare gesellschaftliche Verbindung geschaffen. Es ist Bestandteil der Umwelt geworden. Edward Tuftes Kritik "PowerPoint Is Evil" (2003) blieb weitgehend folgenlos.

Doch mit PowerPoint handelt man anders als ohne. Das Programm, so Liessmann, "normiert lehrendes Verhalten in einem bisher ungekannten Ausmaß".

Um die Jahrtausendwende begannen auch die deutschen Fernsehsender die Ästhetik ihrer Nachrichtensendungen radikal zu verändern. Die - noch vom Papier - abgelesenen Nachrichten wurden immer weniger verstanden; auch Vereinfachungen in Syntax und Vokabular sowie Annäherungen an die Umgangssprache halfen nur noch bedingt weiter. Die Zuschauer verstanden etwa die Tagesschau nicht mehr. Und so setzte man in den Sendern - erstmals - ganz gezielt auf Grafiken und Grafikprogramme, kurz: auf 'PowerPoint'. Das Konzept, das sich in der Gesellschaft längst etabliert hatte, sollte auch das Fernsehen und seine Nachrichten revolutionieren.

Abb 3.: Öffentlich-rechtliche und private Verstärkungen durch 'PowerPoint'-Grafiken. ZDF heute (19 Uhr) vom 20. November 2014 und RTL Aktuell vom 4. Dezember 2014 (18.45 Uhr)

2004 erhielt RTL Aktuell in Köln ein neues Studio. Komplizierte Sachverhalte wurden nun auch durch den vermehrten Einsatz von animierten Grafiken anschaulicher gemacht. Grafik stand für eine neue Anschaulichkeit.

2009 modernisierte das ZDF für 30 Millionen Euro sein Nachrichtenstudio - und auch in Mainz wurde auf grafische (und teilvirtuelle) Elemente besonders geachtet. Sie sind, so Jochen Spieß, der Teamleiter der Grafikredakteure, im ZDF-Jahrbuch 2009, "entscheidende didaktische Werkzeuge um 'erklärende Nachrichten' innovativ umzusetzen". Grafik stand hier für zusätzliche Erklärungen und Didaktisierung. Die technischen Neuerungen veränderten Machart und Ästhetik der Nachrichtensendungen so stark, dass sogar ein neues Berufsfeld nötig wurde: Der Grafikredakteur.

2014 erhielt dann auch ARD-aktuell für 24 Millionen Euro ein neues Studio mit einer rund 17 Meter breiten Medienwand als Hintergrund. Auch in Hamburg sollte die neue Technik neue dramaturgische Möglichkeiten, Anschaulichkeit und Einfachheit ermöglichen. "Schwierige Sachverhalte", so steht auf einer tagesschau.de-Seite, "können in Form von animierten Grafiken anschaulicher dargestellt werden".

Die Nachrichten aus den neuen Studios sind durchgehend bild- und grafikorientierter als die traditionellen Fernsehnachrichten. Sie beginnen in großflächigen Studios, die Moderatoren bewegen sich (außer bei der Tagesschau) entlang riesiger Bildflächen und Animationen und manchmal wie auf einem Nachrichten-Catwalk. Die modernen Studios sind zu Präsentationsräumen geworden. Präsentationräume, in denen die Moderatoren offensichtlich keine Kontrolle über den Ablauf haben. Statt einer Fernbedienung haben sie Karteikarten.

Abb. 4: Verstärkungen durch Text und Grafik: Tagesthemen vom 26. November und ZDF heute vom 2. Dezember, 19 Uhr.

Wie stark 'PowerPoint' die Ästhetik der modernen Nachrichtensendungen inzwischen prägt, zeigen vor allem die Dreischritt-Grafiken (im Corporate Design), die in öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern außerordentlich beliebt sind. Politische, ökonomische, programmatische Veränderungen werden so erzählt, dass sie auch grafisch (als Folie) dargestellt werden können. Schritt für Schritt, den Off-Bericht duplizierend, baut sich dann etwa zum Gesetz über Fracking eine Grafik auf: "Fracking - frühestens ab 2019". Dann kommt der nächste Gliederungspunkt: " - keine Wasser- und Naturschutzgebiete" hinzu. Und zum Abschluss folgt: "- Umweltverträglichkeit geprüft" (ZDF heute). Der Thüringer Koalitionsvertrag wird Element für Element folgendermaßen anschaulich gemacht: "Koalitionsvertrag: - ein kostenloses Kita-Jahr; - geförderte Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose; - alles ohne neue Schulden" (RTL Aktuell).

"Der Gesamtablauf" der Nachrichtensendungen, so hat ZDF-Kommunikationschef Alexander Stock 2009 die Reformabsichten beschrieben, "wird fließend. Auch bei den Grafiken zur Bebilderung von kurzen Nachrichten. Mehr Übergänge anstelle von harten Schnitten. Der Zuschauer wird das vielleicht gar nicht bewusst wahrnehmen und beschreiben können, aber er wird es spüren". Doch die technikästhetische Glättung hat inhaltliche Folgen: Die neuen Nachrichten sind nicht mehr erzählend, sie sind aufzählend. Statisch. PowerPointed.

Abb. 5: Nachrichten als 'PowerPoint'-Präsentation. E.on-Umbau als Grafik. Nachtmagazin vom 2. Dezember 2014 (Alle Screenshots Krug)

Und diese inhaltlichen Eingrenzungen werden durch ein weiteres - wiederum durch 'PowerPoint' verursachtes - Element noch einmal verstärkt. Bilder, Animationen, Grafiken werden zusätzlich mit Text und Grafiken versehen. In einem Bericht über die Benzinpreis-App etwa werden die Bilder von einer Tankstelle mit Zusatzinformationen wie "bis zu 20 Cent/ Liter" und "18.00 bis 20.00 Uhr" überblendet. Sie sollen auch dem Letzten deutlich machen, dass in dieser Zeit Benzin "bis zu" 20 Cent billiger sein kann. Und zum Jubiläum der Stiftung Warentest werden die 92.459 Produkte, die untersucht worden, nicht nur genannt, sondern auch noch mit einem eigenen Textbaustein gewürdigt: "Produkte 92.459". Die Grafik führt zu Zahlen, Zahlen, Zahlen.

Die Übernahme von 'PowerPoint'-Elementen führt also nicht automatisch zu anschaulicheren Nachrichten wie weithin angenommen wird. Längst bestimmt die (Grafik)Technik mit, was heute in Fernsehnachrichten wichtig ist. Fast unsichtbar und doch entscheidend. Auch Grafiksoftware ist ein Gatekeeper.

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