"PowerPoint is evil!"

Chaos Communication Congress: PowerPoint-Karaoke und Creative Commons

Der 23. Chaos Communication Congress (23C3) in Berlin war nicht bloß Tagung mit brisanten Themen, die jedes Hackerherz höher schlagen lassen. Am vorletzten Tag gab es etwa eine Einführung in botmäßiges Verhalten bei Hausdurchsuchungen, oder der Copyright-Spezialist Lawrence Lessig erläuterte die Unterschiede zwischen Code und Kultur. Auch für jede Menge Spaß und Entspannung war gesorgt. Leute löteten an Miniaturrobotern oder feilten auf der Werkbank an Schlüsseln für den Lockpicking-Wettbewerb. Spät abends sorgte ein PowerPoint-Karaoke-Contest für allgemeine Hochstimmung.

Es ist schon einige Zeit her, zur Blüte der Dotcom-Manie, als Horden von IT-Beratern durch die Lande zogen und jede Gelegenheit nutzten, das Wort zu ergreifen. Mit dunklen Anzügen befrackt, beschlipst und gebügelt, versuchten sie in nüchtern-neonhellen Besprechungsräumen, das Publikum von ihren hoch fliegenden Geschäftsmodellen und gewieften Business-Plänen zu überzeugen. Im Saal ein Beamer, im Handkoffer der Laptop und auf dem Desktop eine selbst gestaltete PowerPoint-Präsentation. Die wurde an die Wand geworfen, mündlich vorgelesen, vom Publikum mitstenografiert und meist noch zum Schluss als Handout verteilt. Tageslichtprojektoren und Flip-Charts hatten ausgedient, Microsofts PowerPoint war da - überall.

Einer Schätzung des Herstellers zufolge sollen täglich dreißig Millionen PowerPoint-Präsentationen auf der ganzen Welt gehalten werden. Unvorstellbar! Im Jahr 2003 entbrannte allerdings, wohl aus finalem Verdruss an den vielen von rechts und links ins Bild rollenden Folien, an lustigen Wischeffekten, bunten Animationen, Charts und Bulletpoints, eine wütende Diskussion über die Gefährlichkeit dieser Art von Präsentation für den gesunden Menschenverstand. Viel wird dem offenkundig nicht mehr zugetraut. In seiner Schrift „The cognitive style of PowerPoint“ konstatierte Yale-Professor Edward Tufte, dass die vielen fehlerhaft und schlampig gestalteten Präsentationsfolien dem Missverständnis nur Tür und Tor öffneten. Tuftes Fazit: „PowerPoint is evil.“

Beim PowerPoint-Karaoke am dritten Tag des 23C3 konnte man sich von der mitunter haarsträubenden Qualität solcher PowerPoint-Vorlagen überzeugen. Und über die Redner, die sich einen Witz daraus machten, herzhaft lachen. Wahllos aus dem Netz gefischte Präsentationen wurden von wodkagestärkten Freiwilligen (ohne dass die wussten, welches Thema sie erläutern müssen) aus dem Stegreif vorgetragen. „Körperliche Züchtigung nach dem Buch der Sprüche“ lautete ein Thema, „Der preußische Heereskonflikt“ ein anderes. Das Referat „From Nerd to Normal“ fand die meisten Beifallsbekundungen - wohl weil sich die viele Anwesenden mit dem Thema ironisch identifizieren konnten. Eine Jury kommentierte Vortragsstil, Verständlichkeit und die Gestaltung der Folien.

Kampf dem Urheberrecht

Auch Lawrence Lessig hatte zwei Stunden vorher PowerPoint-Folien genutzt, um seinen Referat „On free, and the differences between culture and code“ zu veranschaulichen. Etwa jedes siebte Wort seiner perfekt getimten Rede, die er sicherlich auf frei hätte halten könne, glimmte auf der Leinwand auf. Sein Vortrag hatte freilich mit Karaoke-Belustigung nichts gemein. Gleichwohl begann der Jurist und Stanford-Professor, Mitbegründer von Creative Commons, mit illustren Beispielen aus dem Reich der freien Kultur. Lessig führte einige Anime Music Videos vor, einen Clip aus DJ Dangers „Grey Album“, Videos von ChocolateCakeCity.com und eine Parodie auf das Ross-Ritchie-Duett „Endless Love“ mit George Bush und Tony Blair in den Hauptrollen – in Lessigs Augen gelungene Beispiele für eine demokratisierte Remix-Kultur.

„The tools have been democratized“, verkündete der Copyright-Spezialist. “Tools of creativity have become tools of speech.” Darin erblickte der Vordenker eines umgestalteten und an die digitale Ökonomie angepassten Copyrights die Vorboten einer neuen, freien Kultur, die er als „read-write culture“ markierte und die es, vor der Kommodifizierung von Kultur durch die Unterhaltungstechnologie („read-only culture“) im 20. Jahrhundert, schon einmal gegeben hätte. Der freien Kultur stünden jedoch die vorherrschenden Urheberrechtsbestimmungen im Weg, deren Aufhebung oder Reform Lessig in der nächsten Zeit nicht erwartet. Weder von einer Revolution in Form von Hackerangriffen auf DRM-Systeme, noch von einer progressiven Rechtssprechung oder einem überzogenen Vertrauen in die Gerechtigkeit der Judikative mag Lessig sich viel versprechen.

Dennoch zeigte sich der Copyright-Spezialist überzeugt davon, dass die freie Kultur auf Dauer den Sieg davonträgt, wozu er einen historischen Vergleich anstellte. In den 1940-er-Jahren unterlag die American Society of Composers, Authors and Publishers (ASCAP) der Broadcast Music Incorporated (BMI), obwohl sie die renommierteren Stars und Autoren unter Vertrag hatte. Die BMI war jedoch eine Non-Profit-Organisation, der sich vor allem Künstler aus damals diskreditierten Genres wie Rhythm & Blues und Country Music anschlossen. Als die ASCAP 1945 von den Radiostationen doppelte Abgaben verlangte, wechselten diese zur BMI. Das ASCAP-Monopol war gebrochen. Heute verrichten BMI und ASCAP ähnliche Dienste und vertreten das Copyright von Künstlern gegenüber kommerziellen Nutzern.

Alternative: Creative Commons

Lawrence Lessig kam mit diesem Beispiel auf die Creative Commons-Lizenzen zu sprechen, die in mittlerweile 70 Ländern verbreitet sind (in Deutschland bereits seit 2004) und über 150 Millionen Mal vergeben wurden. CC-Lizenzen, die den Modus der freien Weitergabe und Veränderung von Code (Software, Music, Video etc.) regeln, unterliegen der potentiellen Gefahr, dass „schwarze Schafe“ sich nicht an den Fair-Use-Gedanken halten und das Material kopieren und kommerziell weiter vertreiben. „Free-riding“ nennt sich das. Musikkonzerne können etwa freies Songmaterial, solange es nicht verändert wird, exploitieren und auf CD distribuieren. Laut Lessig ist dies sowohl mit der Copyleft-Bestimmung der GPL-Lizenz möglich als auch mit „share-alike“ von CC.

Aus diesem Grund unterstützte der Jurist die Möglichkeit für Urheber, den kommerziellen Gebrauch ihrer eigenen Werke unterbinden zu können. (Adam Curry gelang es kürzlich, gegen den Abdruck von auf FlickR veröffentlichten Fotos seiner Familie mit CC-Lizenz durch die niederländische Regenbogenpresse gerichtlich vorzugehen.) Auf dem Kongress fand Lessigs Bemerkung nicht ungeteilte Anerkennung. Die radikalen Apologeten von Freier Software reagierten mit Unverständnis auf Lessigs Plädoyer für ein gemeinsames Vorgehen im Kampf gegen das Urheberrecht und seine Forderung, sich nicht in internen Grabenkämpfen zu verheddern. (Helmut Merschmann)

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