Präsidentschaftswahl in den USA

C. Wright Mills

Was wir von einem 1956 erschienenen Buch über die "Ära Trump" und die Machtstrukturen Amerikas lernen können

Viele Beobachter erleben die Präsidentschaft Donald Trumps als eine tiefe Zäsur der amerikanischen Gesellschaftsentwicklung und Demokratie. Die aktuellen Fragen lauten: Wird Trump erneut zum Präsidenten gewählt? Wird er bei einer verlorenen Wahl freiwillig die Macht übergeben? Und wie würde sich die Situation verändern, wenn Joe Biden die Wahl gewinnt?

Besorgte politische Beobachter beschwören angesichts der drohenden Wiederwahl Trumps bereits den Untergang der Demokratie. Doch das ist zu einfach. Wer glaubt, dass einzelne Personen wie Donald Trump das zentrale Problem (bzw. Joe Biden die Lösung) für die sich zuspitzende Krisenhaftigkeit der US-Gesellschaft ist, verkennt deren tiefliegenden strukturellen Ursachen.

In seinem 1956 erschienenen, bahnbrechenden Buch "Die Machtelite" legte der US-Soziologe C. Wright Mills mit analytischem Weitblick und einem Stil, der Wissenschaftlichkeit und literarisches Talent vereint, präzise und schonungslos die Ursachen für die Krisenhaftigkeit der amerikanischen Gesellschaft offen. Nicht die der Demokratietheorie nach zentralen demokratischen Institutionen, das Parlament und die Öffentlichkeit, sind für Mills die zentralen Arenen der Machtausübung in den USA der 1950er Jahre. Es sind vielmehr die in der historischen Praxis gewachsenen Machtstrukturen, an deren Spitze sich eine exklusive Machtelite formiert hat.

In dieser Parallelgesellschaft der amerikanischen Oberschicht sind es, wie Mills akribisch beschreibt, sowohl die Spitzenpolitiker, Militärs und Topmanager, aber eben auch die Superreichen und Celebrities, die mit- und gegeneinander um Geld, Macht und Prestige ringen. Was hier letztlich vor allem zählt, um bestehen zu können, das ist zum einen ein Habitus des Erfolges, um Zugang zur Spitze des amerikanischen Machtsystems zu haben: "Geld ist das einzige unzweideutige Kriterium des Erfolgs, und Erfolg in diesem Sinne ist noch immer der amerikanische Wertbegriff." (C. Wright Mills). Zum anderen sind es aber nicht nur die persönlichkeitsgebundenen Machtressourcen, sondern vor allem die Einbettung der Machteliten in die Welt der großen Konzerne, Staatsbürokratien und militärischen Machtstrukturen, die es ihnen erlauben sich Machtpotenziale, Ansehen und Reichtum anzueignen:

Entfernen wir einmal in Gedanken die hundert mächtigsten, die hundert reichsten und hundert berühmtesten Amerikaner aus den von ihnen eingenommenen institutionellen Positionen, die sie über Menschen und Kapital verfügen lassen, entfernen wir sie aus dem Wirkungsbereich der Massenmedien, die sie ins Rampenlicht der Öffentlichkeit stellen - sie wären machtlos, arm und unbekannt. Denn die Macht haftet nicht dem einzelnen Menschen an; Reichtum liegt nicht in der Person, und Berühmtheit ist auch niemandem von Natur aus gegeben. Um berühmt, reich oder mächtig zu sein, bedarf es des Zugangs zu den großen Institutionen, eben weil die Stellung des Einzelnen innerhalb der gesellschaftlichen Einrichtungen weitgehend über seine Aussichten entscheidet, reich, mächtig und berühmt zu werden und zu bleiben.

C. Wright Mills

Und eben diese Strukturen der Macht und ihre Relation zueinander haben sich in der Geschichte Mills zufolge radikal verändert. Lose miteinander verbundene und weithin dezentralisierte Machtgefüge haben sich hin zu einem zentralisierten und hochbürokratisierten Machtkomplex entwickelt. Die wirtschaftlichen, militärischen und staatlichen Machtstrukturen und ihre Interessen haben sich immer stärker verschränkt. Die Konzerne und das Militär geben zunehmend den Ton an.

Der militärische Kapitalismus der privaten Konzernwirtschaft existiert innerhalb eines geschwächten und nur noch formal demokratischen Systems, in dem die militärischen Institutionen ihrer Einstellung und ihrem Verhalten nach bereits zu politischen Faktoren geworden sind. Im Sinne dieser Verhältnisse hatte die gegebene Übereinstimmung zwischen denen, die die umfangreichsten Produktionsstätten beherrschen, und den Männern, denen die neu entwickelten Massenvernichtungsmittel anvertraut sind, bestimmenden Einfluss auf die Entstehung der Machtelite.

C. Wright Mills

Auch die Machteliten der jeweiligen Bereiche werden sich in der Folge immer ähnlicher. Untereinander sind sie hoch vernetzt, kennen sich persönlich gut, teilen gemeinsame Sozialisationserfahrungen, wechseln zunehmend zwischen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ämtern. Dieser exklusive elitäre Kreis hat, wie Mills zeigt, dabei kaum noch ein Sensorium für die Sorgen und Nöte der "normalen" Leute, der Arbeiterklasse und Angestellten, die sich als Reaktion ins Private zurückziehen und ein allgemeines Unbehagen gegenüber dem politischen Schau- und Machtspiel entwickeln.

In einer pointierten Kritik der elitären Geisteshaltung legt Mills offen, wie eine "organisierte Unverantwortlichkeit" , "konservative Geisteshaltung" , "höhere Unmoral" und ein "verrückter Realismus" die US-Gesellschaft zu durchdringen begannen. Er desmaskierte die "liberale Rhetorik" und Rede vom demokratischen Gleichgewicht der Kräfte als Illusion, die der Stabilisierung sozialer Ungleichheiten und elitärer Macht-, Status- und Prestigeansprüche dient.

Wer Mills "Machtelite" liest und mit den aktuellen Entwicklungen in den USA vergleicht, kommt nicht umhin, erstaunliche Kontinuitäten zu identifizieren. Trump vereint zwar als Superreicher, Berufsprominenter und Spitzenpolitiker der politischen Rechten, mit seiner Rhetorik des Erfolgreich-Seins, seinem verrückten Realismus, seiner Unmoral, Rücksichtslosigkeit und konservativen Geisteshaltung besonders viele der von Mills beschrieben Merkmale und Eigenschaften. Aber das "Phänomen Trump" ist nicht zu verstehen, ohne die gesellschaftlichen Bedingungen zu analysieren, die es ermöglicht und hervorgebracht haben: eine Gesellschaft, die tief von ökonomischen, politischen und kulturellen Ungleichheitsstrukturen durchzogen ist. Und in der zugleich die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Machtbereiche sich eng überlagern und ihre Eliten eine Nähe zueinander pflegen, die demokratische Kontrolle immer schwieriger machen.

Der Zugang zur Ebene politischer Macht - sei es nun mittels politischem Amt oder durch organisierten lobbyistischen Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse - ist auch im gegenwärtigen Amerika nach wie vor maßgeblich von ökonomischen Ressourcen und organisationaler Macht abhängig. Die politischen Präferenzen der unteren und mittleren Einkommensschichten haben, wie Studien zeigen, kaum Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse. Insofern hat Mills pessimistisches Fazit aus seiner Machtelite nichts an Gültigkeit für die Beschreibung des demokratischen Zustands der USA im Jahre 2020 verloren:

Das heutige Amerika ist weit mehr eine formale politische Demokratie als eine demokratische Gesellschaftsform. Und sogar das formale politische Spiel funktioniert nur schwach.

C. Wright Mills

Blickt man dabei auf die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, scheinen sich diese bedenklichen Tendenzen dabei eher noch zu verstärken. Seit den 1980er Jahren - also über mehrere demokratische wie republikanische Präsidentschaften hinweg - ist die Vermögenskonzentration in den USA, die so hoch ist, wie in kaum einem anderen Land, kontinuierlich angestiegen. Die dadurch stetig sich vergrößernde Kluft zwischen Eliten und gehobenen Mittelschichten auf der einen und der restlichen Bevölkerung auf der anderen Seite ist dabei nicht nur ökonomischer Natur.

Wie der Harvard-Philosoph Michael J. Sander bemerkt, haben sich die Globalisierungsgewinner in den USA in den letzten Jahren, gestützt auf eine neoliberale Leistungsideologie, vom Rest der Gesellschaft, den "Verlierern", mit Verachtung abgewendet. Und wie schon bei Mills beschrieben, führt diese Arroganz der Eliten zu politischer Apathie und Unbehagen. Dies wiederum bildet die Quelle für einen rechten Populismus im Stile Donald Trumps, um die Mitte der Gesellschaft in ihrem Sinne zu mobilisieren und re-politisieren. Denn die politische Rechte wendet sich zwar auch, aber nicht nur "an die wirtschaftlich Benachteiligten, sondern [im Allgemeinen] an diejenigen Schichten, die mit der ihnen eingeräumten gesellschaftlichen Stellung unzufrieden sind. In der Verfolgung dieser Taktik greift sie die Symbole, die prominenten Personen und die Institutionen des bestehenden Prestigesystems an." (C. Wright Mills).

Diese strukturellen Entwicklungen werden auch durch die Wahl von Joe Biden - der seit 47 Jahren Teil des politischen Establishments und jener Struktur der Macht und Ungleichheit ist, deren Entstehung und Folgen Mills so vehement beschrieb und kritisierte - nicht aufgelöst werden. Mit Mills kann man lernen, sich nicht von der medialen Fokussierung und Inszenierung persönlicher Macht irreleiten zu lassen. Sie ist in erster Linie eine ungleiche Beziehungsrelation innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen, die persönliche Macht bedingt und maßgeblich formt. Um Mills noch einmal zu Wort kommen zu lassen:

Obwohl es manchmal einzelne Menschen sind, die den Institutionen ihre Form geben, so sind es doch die Institutionen, die sich ihre Menschen aussuchen und formen. In jeder Periode der Geschichte müssen wir den Charakter, den Willen oder die Intelligenz der Individuen gegenüber der objektiven institutionellen Struktur, die ihre Wesenszüge zur Geltung bringt, abwägen.

C. Wright Mills

Daher gilt es den Blick im Sinne einer kritischen Machtstrukturforschung auf die historisch gewachsenen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse als Ganzes zu richten: insbesondere auf die miteinander konkurrierenden Ideologien und auf die Ungleichheiten im Zugang zu wesentlichen Machtmitteln, auf die Konzern- und Medienmacht sowie auf die Strukturen des politischen Systems und Staates. Dieses Kräftefeld ist nicht nur die Bedingung für die persönliche Macht der Einen, sondern auch die relative oder absolute Machtlosigkeit und Ausgrenzung der Anderen.

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Auszüge aus "Die Machtelite"

S. 48-50 Der Macht eines gewöhnlichen Menschen sind verhältnismäßig enge Grenzen gezogen, die sich etwa mit denen seiner alltäglichen Umwelt decken, also mit den Grenzen seines Familien- und Freundeskreises, des Berufslebens und der Nachbarschaft. Doch selbst innerhalb dieses kleinen Bereichs scheint der Durchschnittsmensch von mächtigeren Kräften, die er weder begreifen noch meistern kann, getrieben zu sein.

Auf umwälzende Veränderungen, die sein Verhalten und seine Anschauungen bestimmen, hat er keinerlei Einfluss, denn es liegt einfach in der Struktur der modernen Gesellschaft, dass sie dem Einzelnen Ziele setzt, die gar nicht die seinen sind. Von allen Seiten bedrängt und Veränderungen unterworfen, hat der Mensch unserer Massengesellschaft das Gefühl, ohne Lebensinhalt, ohne Ziel und Zweck in einem Zeitalter zu leben, das ihn zur Machtlosigkeit verurteilt.

Indessen sind keineswegs alle Menschen in diesem Sinne »gewöhnliche« Menschen. Die Zentralisierung sämtlicher Macht- und Informationsmittel bringt es mit sich, dass einige wenige in unserer Gesellschaft bestimmte Positionen einnehmen, von denen aus sie sozusagen auf die anderen herabsehen und die Alltagswelt der Durchschnittsmenschen mit ihren Entscheidungen beeinflussen können.

Diese wenigen sind nicht Sklaven ihres Berufs oder Gefangene ihres Arbeitsplatzes. Sie können vielmehr Arbeitsplätze für tausend andere schaffen oder beseitigen. Sie werden auch nicht von ständigen Alltags- und Familienpflichten eingeengt, sondern können ihnen, wenn sie wollen, jederzeit entfliehen. Sie sind auch nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern können wohnen, wo und wie es ihnen beliebt. Für sie heißt es nicht, sie hätten nur »zu tun, was Tag und Stunde fordern«. Sie selbst stellen nicht wenige dieser Forderungen auf und sorgen dann dafür, dass andere sie erfüllen.

Ob sie es zugeben oder nicht: Durch ihre Erfahrung im Umgang mit den technischen und politischen Machtmitteln sind sie der ganzen übrigen Bevölkerung weit überlegen. Die Durchschnittsamerikaner könnten durchaus von den Mächtigen sagen, was Jacob Burckhardt über die »großen Männer« geschrieben hat: "Sie sind alles das, was wir nicht sind."

Die Machtelite besteht aus Männern, die sich kraft ihrer Positionen hoch über den begrenzten Horizont des Durchschnitts erheben. Ihre Stellungen geben ihnen die Möglichkeit, Entscheidungen von größter Tragweite zu treffen. Dabei ist nicht so wesentlich, ob sie von dieser Möglichkeit Gebrauch machen und solche Entschlüsse wirklich fassen oder nicht.

Ausschlaggebend ist vielmehr die Tatsache, dass sie auf Grund ihrer Schlüsselpositionen die Möglichkeit dazu haben. Unterlassen sie es zu handeln, versäumen sie, eine Entscheidung zu treffen, so hat dies oft schwerer wiegende Folgen als ihre tatsächlichen Entschlüsse; beherrschen sie doch die mächtigsten Hierarchien und Organisationen der modernen Gesellschaft. Sie leiten die großen Wirtschaftsunternehmen. Sie sitzen an den Schalthebeln des Staatsapparates und beanspruchen für sich alle Vorrechte, die sich daraus ergeben. Sie befehligen die Streitkräfte. In unserer Gesellschaftsstruktur nehmen sie die strategisch wichtigen Kommandostellen ein. Sie verfügen damit auch über alle Mittel, von der Macht, dem Reichtum und der Prominenz, deren sie sich erfreuen, wirksam Gebrauch zu machen.

Nun besteht aber die Machtelite keineswegs aus einsamen Herrschern. Die eigentlichen Herren ihrer Ideen und Entschlüsse sind oft Referenten, Berater und Gutachter, die Lenker und Gestalter der öffentlichen Meinung. Unmittelbar unter der Elite stehen dann die Berufspolitiker der mittleren Machtsphäre: die Kongressabgeordneten und Interessenvertreter einflussreicher Gruppen, außerdem die neue und die alte Oberschicht der Gemeinden, Städte und Regionen. Schließlich sind diese gehobenen Kreise noch in sehr eigenartiger, von uns noch genauer zu erforschender Weise mit den professionellen Berühmtheiten durchsetzt, die davon leben, dass man dauernd (aber, solange sie berühmt sind, niemals genug) über sie berichtet.

Wenn diese Berühmtheiten auch nicht an der Spitze einer der herrschenden Hierarchien stehen, so sind sie doch häufig dazu imstande, die Aufmerksamkeit der breiten Masse auf sich zu ziehen und von anderen Dingen abzulenken, oder einfach das Sensationsbedürfnis der Bevölkerung zu befriedigen. Darüber hinaus finden sie unmittelbar Gehör bei denen, die selbst Machtstellungen innehaben. Als Sittenrichter, Techniker der Macht, als Prediger des Wortes Gottes oder Schöpfer der Massengefühle mehr oder weniger ungebunden, gehören diese Ratgeber und Berühmtheiten mit zum Drama der Elite, dessen Hauptdarsteller die Männer in den Kommandostellen der großen institutionellen Hierarchien sind.

S. 371-375

Man hat gesagt, dass wir Geschichte nur studieren, um uns von ihr zu befreien. Die Geschichte der Machtelite ist ein perfektes Beispiel zur Erläuterung dieser These. Genau wie das Tempo des Lebens in Amerika ganz allgemein, so hat sich auch die Entwicklung der neuen Machtstruktur nach dem zweiten Weltkrieg erheblich beschleunigt. Gewisse neuere Entwicklungstendenzen innerhalb und zwischen den drei großen Institutionen haben sich bereits auf die Zusammensetzung der Machtelite ausgewirkt und der fünften Epoche eine bestimmte geschichtliche Bedeutung gegeben:

1. Suchen wir den Schlüssel zum Verständnis der heutigen Machtelite im Politischen, so liegt er im Niedergang der Politik als eine echte öffentliche Debatte mit alternativen Entscheidungsmöglichkeiten, bei der die politisch konsequenten und der ganzen Nation verantwortlichen Parteien, sowie die unabhängigen Organisationen, welche die niederen mit den höheren Ebenen der Verwaltung verknüpfen, unentbehrlich sind. Das heutige Amerika ist weit mehr eine formale politische Demokratie als eine demokratische Gesellschaftsform. Und sogar das formale politische Spiel funktioniert nur schwach.

Die lang andauernde Entwicklungstendenz der zunehmenden Verflechtung zwischen Wirtschaft und Regierung hat in der fünften Periode einen neuen Höhepunkt erreicht. Beide können jetzt nicht mehr als zwei verschiedene Welten betrachtet werden. In den Organen der Exekutive ist diese Vereinigung der Interessen besonders weit fortgeschritten. Das Anwachsen des Regierungsapparates mit all seinen Dienststellen und Behörden zur Überwachung der komplizierten wirtschaftlichen Verhältnisse bedeutet keineswegs nur eine "Vergrößerung der Verwaltung" als einer Art autonomer Bürokratie: Es bedeutet vielmehr den Aufstieg der Männer der Großindustrie zur politischen Herrschaft. Während des New Deal traten die Konzernreichen dem politischen Direktorat bei; seit dem zweiten Weltkrieg beherrschen sie es. Seit langem bereits mit der Verwaltung verflochten, nahmen sie damals die Leitung der Kriegswirtschaft vollständig in die Hand, und auch nach dem Krieg haben sie die Zügel nicht abgegeben. Dieses Eindringen von Konzernmanagern in das politische Direktorat hat die langsame aber fortschreitende Entmachtung der Berufspolitiker und ihre Verdrängung auf die mittlere Machtebene im Kongress wesentlich beschleunigt.

2. Suchen wir den Schlüssel zum Verständnis der heutigen Machtelite im Militärischen, so liegt er im wachsenden Einfluss des Militärs. Die Militärs haben entscheidende politische Bedeutung erlangt, und die militärische Organisation Amerikas ist heute in beträchtlichem Umfang zu einer politischen Organisation geworden. Die anscheinend ewig dauernde militärische Bedrohung von außen hat dazu geführt, dass man dem Militär und der militärischen Kontrolle von Menschen, Material, Geld und Machtmitteln höchsten Wert beimisst; jetzt werden praktisch alle politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen nach den Maßstäben einer militärischen Interpretation der Wirklichkeit beurteilt: Die Kriegsherren sind in eine sichere Position innerhalb der Machtelite der fünften Periode aufgestiegen.

Zum Teil ist diese Entwicklung das Ergebnis einer einfachen historischen Tatsache, die seit 1939 von entscheidender Bedeutung ist: Das Hauptaugenmerk der Elite ist nicht mehr auf die inneren Probleme des Landes gerichtet. In den dreißiger Jahren stand die Weltwirtschaftskrise im Mittelpunkt, später wurden internationale Probleme ausschlaggebend, und in den vierziger und fünfziger Jahren drehte sich schließlich alles um den Krieg. Da der Verwaltungsapparat der Vereinigten Staaten aus langer Gewohnheit ausschließlich auf ein inneres Gleichgewicht ausgerichtet ist und dabei gleichzeitig von ihm geformt wird, besaß er weder geeignete Traditionen, noch war er organisatorisch vorbereitet, mit internationalen Problemen fertig zu werden. Die in den anderthalb Jahrhunderten vor 1941 entstandenen formal-demokratischen Mechanismen waren niemals auf außenpolitische Probleme angewandt worden. Es ist im Wesentlichen dieses politische Vakuum, in das die heutige Machtelite vorstoßen konnte.

3. Suchen wir den Schlüssel zum Verständnis der heutigen Machtelite im Wirtschaftlichen, so liegt er in der Tatsache, dass unsere Wirtschaft gleichzeitig permanente Kriegswirtschaft und private Konzernwirtschaft ist. Heute ist der amerikanische Kapitalismus zum großen Teil ein militärischer Kapitalismus, und die wichtigste Beziehung zwischen der großen Aktiengesellschaft und dem Staat liegt in der Gemeinsamkeit militärischer und wirtschaftlicher Interessen, wie sie von den Militärs und den Konzernreichen definiert werden.

Diese Übereinstimmung der Interessen zwischen den hohen Militärs und den Herrschenden der Großindustrie stärkt die Stellung beider Gruppen innerhalb der nationalen Führungsschicht ganz erheblich und trägt zur weiteren Entmachtung der reinen Politiker bei. Nicht die Politiker, sondern die Manager der Wirtschaft setzen sich mit den Militärs zusammen, um die Organisation der Kriegswirtschaft zu planen.

Nur wenn wir diese drei Entwicklungstendenzen an dem Punkt betrachten, wo sie sich berühren und zusammenwirken, können wir die Zusammensetzung und das Wesen der heutigen Machtelite wirklich verstehen: Der militärische Kapitalismus der privaten Konzernwirtschaft existiert innerhalb eines geschwächten und nur noch formal demokratischen Systems, in dem die militärischen Institutionen ihrer Einstellung und ihrem Verhalten nach bereits zu politischen Faktoren geworden sind. […]

Welche der drei Gruppen gerade die Führung zu haben scheint, hängt von den jeweiligen "Erfordernissen der Lage" und von deren Einschätzung durch die Elite ab. Im gegenwärtigen Zeitpunkt richten sich diese Erfordernisse auf "Verteidigung" und Außenpolitik. Aus diesem Grunde hat das Militär - wie wir schon gesehen haben - höchste Macht gewonnen, und das in zweierlei Hinsicht: einmal personell, zum anderen in Form einer der Rechtfertigung dienenden Ideologie. Das ist der Grund, weshalb wir heute die Einheit und die Zusammensetzung der Machtelite am besten unter dem Gesichtspunkt der Vorherrschaft des Militärischen begreifen können.

Aber wir müssen immer die geschichtlichen Besonderheiten berücksichtigen und dürfen unsere Augen nicht vor der Vielfalt der Erscheinungen verschließen. Der Vulgärmarxist sieht im Großkapitalisten den Mann, der die wirkliche Macht besitzt; für einen doktrinären Liberalismus steht auf jeden Fall der Politiker an der Spitze der Machtpyramide; für andere sind wiederum die mächtigen Militärs geborene Diktatoren. Das alles sind vereinfachende Betrachtungsweisen. Um ihnen nicht zu verfallen, ziehen wir den Ausdruck »Machtelite« der Bezeichnung "herrschende Klasse" vor.

S. 464-466

Man stellt sich gewöhnlich die gehobenen Kreise als eine Elite berühmter Leute vor. In dem Kapitel über die Stars und Berühmtheiten haben wir festgestellt, dass die Elite der drei großen Machtbereiche keineswegs das Monopol auf öffentliche Anteilnahme besitzt. Sie teilt es mit den aufgeblasenen und frivolen Kreaturen aus der Welt der Berufsberühmtheit, deren Glanz den Blick von den wirklichen Machthabern ablenkt.

In dem Maße, wie öffentliche Aufmerksamkeit und Begeisterung den Berufsberühmtheiten zugutekommen, bleibt die Machtelite mehr oder weniger außerhalb des Blickfelds. Auf diese Weise bilden die Berühmtheiten eine Art Schutzschild für die Machtelite; oder - genauer gesagt - die Öffentlichkeit sieht die Machtelite nur durch Vermittlung der Berühmten aus der Welt der Vergnügungsindustrie, die - je nach Bedarf - belustigen, unterhalten oder Widerwillen erwecken.

Die Tatsache, dass es keine feste moralische Vertrauensgrundlage gibt, liefert den Menschen der Masse allen in der Vergnügungsindustrie üblichen Ablenkungs- und Manipulationsmethoden aus. Im Laufe der Zeit führt die allgemeine Abwertung der Ideale und Werte unweigerlich zu allgemeinem Misstrauen und Zynismus - zu einer Art Machiavellismus des kleinen Mannes. Er hat dann nur noch die Möglichkeit, in seiner Vorstellung an den Privilegien der Reichen, den nächtlichen Orgien der Berühmtheiten und dem traurig-glücklichen Leben der Superreichen teilzuhaben.

Von diesem allgemeinen Niedergang aber blieb ein altes amerikanisches Ideal unberührt: die Wertschätzung des Geldes und dessen, "was Geld kaufen kann". Diese Werte scheinen sogar in Zeiten der Inflation so fest und widerstandsfähig wie rostfreier Stahl zu sein. "Ich bin arm und reich gewesen", sagt Sophie Tucker, "und glauben Sie mir: reich sein ist besser."

Angesichts der Abwertung anderer Wertbegriffe stellt der Amerikaner nicht die Frage: "Gibt es etwas in der Welt, was Geld, auch wenn man es mit Verstand ausgibt, nicht kaufen kann?", sondern er fragt: "Wie viel von dem, was Geld nicht kaufen kann, ist wirklich begehrter und von höherem Wert als die käuflichen Dinge?" Geld ist das einzige unzweideutige Kriterium des Erfolgs und Erfolg in diesem Sinne ist noch immer der amerikanische Wertbegriff.

Wo immer die Maßstäbe des Geldes vorherrschen, wird der Reiche, wie er auch zu seinem Gelde gekommen sein mag, am Ende ein angesehener Mann sein. Eine Million, so heißt es, kann eine Vielzahl von Sünden vergessen machen. Nicht nur das Verlangen der Menschen richtet sich auf Geldgewinn, alle ihre Wertmaßstäbe sind davon abhängig.

In einer Gesellschaft, wo der Großverdiener keinen ernst zu nehmenden Rivalen im allgemeinen Ansehen hat, erhält das Wort "praktisch" automatisch die Bedeutung von "nützlich zur persönlichen Bereicherung", und das Wort "gesunder Menschenverstand" bezeichnet den Instinkt, der einen Menschen in die Lage versetzt, wirtschaftlich voranzukommen. Hinter dem Geld her sein ist das alles beherrschende Ideal, im Vergleich hierzu hat der Einfluss aller anderen Wertmaßstäbe an Bedeutung verloren. Daher geschieht es so leicht, dass die Menschen, wenn sie irgendwo Geld verdienen oder wertbeständigen Besitz erwerben können, mit äußerster Rücksichtslosigkeit vorgehen.

C. Wright Mills: Die Machtelite. Herausgegeben von Björn Wendt, Michael Walter und Marcus Klöckner