Prävention ist auch in der Verbrechensbekämpfung angesagt

In den USA sollen schon Iris-Scans von Kindern angefertigt werden, in Großbritannien wird der Kampf gegen antisoziales Verhalten und die „Kultur der Respektlosigkeit“ erweitert und überlegt man, Kinder ab drei Jahren zu überwachen, um den Gang in die Kriminalität zu verhindern

In Großbritannien hat die Regierung den Kampf gegen die Halbstarken und jugendlichen Straftäter ausgerufen und will die Gesellschaft reformieren, um "anti-soziales Verhalten" oder die "Respektlosigkeit" zu eliminieren. Präventiv denkt man auch im Hampshire oder im Richland County in den USA. Dort wird die Polizei mit der Unterstützung des Child Project eine Datenbank mit Iris-Scans von Kindern aufzubauen – angeblich, um vermisste Kinder identifizieren zu können.

Das Child-Project wird wiederum unterstützt von Iridian Technologies, einem Hersteller von Techniken zur Iris-Erkennung. Die Firma hat bereits Iriserkennungs-Systeme der UN zur Verfügung gestellt, um in Afghanistan alle Flüchtlinge mit einem Alter über sechs Jahren, die aus Pakistan wieder in ihre Heimat zurück kehren, zu erfassen und so zu verhindern, dass Personen mehrmals eine einmalige Rückkehrhilfe in Anspruch nehmen. Angeblich ist Sheriff Robert Garvey vom Hampshire County, der die biometrische Identifizierung bereits in Gefängnissen eingeführt hat, auf die Idee gekommen, mit dieser Technik nun auch vermisste Kinder zu "identifizieren und lokalisieren".

2004 wurde die Idee der National Sheriff’s Association unterbreitet, und alle fanden es gut. 1.100 Sheriffs wollen bei dem Projekt mitmachen, also die Systeme zum Scannen der Iris installieren, um biometrische Datenbanken von Kindern anzulegen. Die Datenbank wird von den Organisationen The Nation’s Missing Children Organization und dem National Center for Missing Adults (NMCO) betrieben, was schon ein wenig darauf hindeutet, dass es nicht nur um verschwundene Kinder gehen wird. Im Hintergrund steht auch die Molly Bish “Lifeguard” Foundation, die von den Eltern eines entführten Mädchens gegründet wurde, dessen Leichnam erst drei Jahre später entdeckt wurde. Die Eltern wollen dieses Schicksal anderen ersparen und haben bislang "child identification kits" mit Fotos und Fingerabdrücken verteilt.

Das FBI verzeichne insgesamt 150.000 ungelöste Fälle von vermissten Kindern und 47.000 Fälle von verschwundenen Erwachsenen, wird als Begründung für das Projekt angegeben. Wie nun die Iris-Identifizierung dabei helfen soll, die "vermissten Kinder mit ihren Familien wieder zu vereinen", wird nicht näher ausgeführt. So mögen manche Kinder oder Erwachsene gefunden werden, die zufällig in die Hände der Polizei geraten sind und ihre wirkliche Identität nicht angeben wollen, zur Suche aber nutzen die Scans nicht und bleiben Fotos wohl das wichtigste Hilfsmittel. Und ob die Iriserkennung bei Toten noch so gut zur Identifizierung taugt, ist doch sehr fraglich. Hier wäre sicherlich eine DNA-Erkennung weitaus sinnvoller.

As technology advances, so too must law enforcement. I believe that the Child Project that we now posses will effectively support our efforts to identify missing persons. More importantly, it may help us create greater awareness in preventing missing children.

Richland County Sheriff Leon Lott

Sechs Monate nach der Geburt würde sich die Iris nicht mehr verändern und könne als Identifizierungsmerkmal dienen, heißt es von den Projektverantwortlichen. Das soll wohl auch bedeuten, dass die Kinder möglichst früh erfasst werden sollen. Die Eltern erhalten einen Ausweis mit den biometrischen Daten und können entscheiden, ob sie diese in die Datenbank eingeben lassen wollen (ob und wie die Kinder sie später löschen lassen können, scheint hingegen nicht wichtig genug zu sein, um darüber zu informieren). Schleichend könnte also so eine Datenbank mit den biometrischen Daten aller jungen Menschen aufgebaut werden. Der nächste Schritt wäre dann der von Sicherheitspolitikern bereits gewünschte Aufbau einer Datenbank mit dem genetischen Finderabdruck, mit dem sich Personen auch lange nach ihrem Tod identifizieren ließen und zugleich die Möglichkeit bestünde, die bei jedem Tatort gefundenen genetischen Daten mit einer Datenbank abzugleichen.

Kinder, die sich nicht „unter Kontrolle“ haben, sind gefährdet

Präventiv denkt man auch in Großbritannien. Da geistert schon einmal die Vorstellung um, dass man die Kinder doch durch Impfen vor späterem Drogenkonsum schützen könnte ("Einmal die Kombi gegen Mumps, Windpocken, Rauchen und Koksen bitte"). Man diskutiert auch, ob man nicht bei jedem Neugeborenen das Genprofil in eine Datenbank einspeisen könnte, während der genetische Fingerabdruck von immer größeren Bevölkerungsgruppen erfasst wird (Ein weiterer Schritt zu einer umfassenden nationalen Gendatenbank).

Scharf will man jedenfalls gegen Problemkinder und Halbstarke vorgehen, die Straßen und Schulen unsicher machen, beispielsweise auch in der neuen Form des Happy Slapping). Geahndet können seit einem 2003 in Kraft getretenen Gesetz mit einer "anti-social behaviour order" (ASBO) neben Gewalttätigkeiten, Bedrohungen, Trunkenheit in der Öffentlichkeit, Vandalismus oder Gang-Aktivitäten auch rassistische oder beleidigende Äußerungen, Graffitis, Hinterlassen von Müll, Betteln, Ruhestörung, Belästigung, Tragen von Luftgewehren oder Waffenattrappen in der Öffentlichkeit. Letzte Woche wurde vom britischen Innenministerium der ergänzende Violent Crime Reduction Bill vorgestellt, der Strafen für das Tragen von Waffen oder Waffenimitationen verschärft und deren Verkauf an Jugendliche unter Strafe stellt, das Anbieten oder Akzeptieren eines Umprogrammierens von Handys verbietet und Alcohol Disorder Zones (ADZs) einführt. Mit „Drinking Banning Orders“ können Personen, die für mit Alkoholkonsum verbundene Störungen verantwortlich sind, bis zu zwei Jahre aus bestimmten Gebieten verbannt werden. Und man denkt auch präventiv, so dass die Polizei Personen, die wahrscheinlich eine mit Alkoholkonsum verbundene Störung an einem bestimten Ort begehen könnten, diesen bis zu 48 Stunden lang nicht betreten dürfen.

Um Abschreckung wirksamer zu machen, wird überlegt, dass Jugendliche in gut erkennbarer Kleidung gemeinnützige Arbeit als Strafe für antisoziales Verhalten abdienen sollen. In Schulen greift man zu härteren Maßnahmen (Isolationszellen für Schüler). Angedacht wurde schon im letzten Jahr im britischen Innenministerium eine Maßnahme zur Prävention. Man überlegte, alle Kinder von Kriminellen, die im Gefängnis sitzen, zu erfassen und zu überwachen, um zu verhindern, dass sie ebenfalls kriminell werden. Dabei würde es sich um 125.000 Kinder handeln, die aufgrund ihrer Eltern gefährdet seien (Kinder von Straftätern sollen vom Kindergartenalter ab erfasst und überwacht werden).

Offenbar wurde diese Idee weiter vorangetrieben. Die Sunday Times berichtet, dass nach einem vertraulichen Bericht des britischen Innenministeriums mit dem Titel "Crime Reduction Review", der 2004 fertig gestellt wurde, alle Kinder ab drei Jahren in Kindergärten beobachtet werden sollen, um möglichst frühzeitig potenzielle Straftäter identifizieren zu können. Dabei spielt die kriminelle Geschichte der Eltern eine Rolle, aber prinzipiell sollten alle Kinder, die sich nicht "unter Kontrolle" haben, in eine intensive Sonderbetreuung kommen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Kinder Kriminelle werden, sei vier Mal größer als bei anderen. "Die Schulen dazu zu bringen, wirksam mit Kindern, die andere schickanieren (bullies), mit Ausgrenzung und Schuleschwänzen umzugehen, ist ein Schlüssel dafür, mehr Erwachsene von der Kriminalität abzuhalten." 85 Prozent der Gefangenen in Jugendstrafanstalten seien in der Schule "bullies" gewesen, und 43 Prozent der männlichen erwachsenen Strafgefangenen hätten Kinder, die wegen Straftaten verurteilt wurden. "Bullies" müssten eher als Aggressoren behandelt werden, nicht als Opfer ihrer sozialen Umgebung. Sie würden nämlich nicht unter mangelnder Selbsteinschätzung leiden, sondern als Gruppenführer auftreten, die andere "rekrutieren", um Straftaten zu begehen. Wenn sie im Alter zwischen 8 und 15 Jahren bereits zu jugendlichen Straftätern geworden sind, würden sie als Magnet wirken, der Jüngere anzieht.

Nach dem Bericht würden die üblichen Maßnahmen wie Überwachungskameras, hellere Straßenbeleuchtung und längere Haftstrafen teuer sein, aber wenig bewirken. Hingegen würden, wenn man potenzielle Straftäter früh genug erkennt, "weiche" Maßnahmen wie eine Verbesserung ihrer Sprach- und Lesekenntnisse sowie ihrer sozialen Fähigkeiten ausreichen, um sie umzuorientieren. Ab 18 Jahren seien jedoch "boot camps" geeignet, wo sie hart herangenommen werden, früh aufstehen und schlafen gehen müssen sowie eine soziale Ausbildung erhalten.

In dem Bericht werden noch weitere Ideen angedacht. So wird diskutiert, ob es nicht sinnvoll sei, Heroin zu verschreiben, um die Drogenkriminalität zu reduzieren. Angeregt wird auch, dass Alkohol nur noch in bruchfesten Flaschen und Gläsern ausgegeben werden soll, um Verletzungen zu minimieren, die von Betrunkenen verursacht werden. "Binge drinking", also das Sich-Volllaufen-Lassen, sei keine Ursache der Kriminalität, Alkohol sei auch nicht Ursache von Gewalttätigkeit. Allerdings wird auch empfohlen, Trinker, die gewalttätig geworden sind, mit einem Zutrittsverbot für Kneipen zu belegen.

Möglicherweise steht die Ankündigung der Erziehungsministerin Ruth Kelly, den Schulen Geld zur Verfügung zu stellen, um das ganze Jahr über eine Betreuung von 8 Uhr Morgens bis 18 Uhr durchführen zu können, im Kontext des Berichts. Die Kinder sollen hier Essen erhalten, Sport treiben, Musik- oder Kunstangebote wahrnehmen, Spielen, Fremdsprachen lernen oder andere Kenntnisse erwerben können. Bis 2010 soll für alle Kinder unter 14 Jahren dieses Angebot bereitgestellt werden, das nicht von Lehrern, sondern von externen Organisationen betreut wird. Das ist im Gegensatz zu vielen Strafverschärfungen und Verboten sicherlich eine sinnvolle und klügere Investititon. . (Florian Rötzer)