Prekariat und stolz darauf

Interview mit Rasmus Engler, dem Herausgeber des Buches "Wovon lebst du eigentlich?"

Jörn Morisse von der "Zentralen Intelligenz Agentur"(ZIA) und Rasmus Engler, Musiker bei Das Bierbeben, Dirty Dishes, Gary und Herrenmagazin, haben ein Buch zusammengestellt in dem sie mit "kreativ Tätigen" über "Strategien und Möglichkeiten" sich "jenseits von Festanstellung und Hartz IV [...] mit wenig Geld über Wasser zu halten" sprachen. Das Interviewbuch "Wovon lebst du eigentlich?" erscheint in diesen Tagen beim Piper Verlag und enthält zwanzig Gespräche mit freiberuflich tätigen "Kulturschaffenden", darunter der Musiker Ted Gaier, der Übersetzer Harry Rowohlt und der Filmemacher Wenzel Storch.

Herr Engler - wenn ich das Buch recht verstehe, dann geht es darin um die Vorzüge eines Existenzmodells, das bisher als "prekär" beschrieben wurde?
Rasmus Engler: Zunächst mal halte ich den Begriff des "Prekariats" in Hinblick auf eine aktuelle Entwicklung grundsätzlich eher für eine Konstruktion. Davon abgesehen ist ja so, dass die Tatsache, dass viele der Protagonisten des Buches sich in einer Situation befinden, die man als "prekär" bezeichnen kann, zunächst einer durchaus bewussten Entscheidung der einzelnen geschuldet ist und nicht unbedingt der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Zeit, auch wenn diese natürlich auch die Kulturschaffenden nicht unbeschadet hinterlässt - allerdings befinden sich die meisten ja schon seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten in dieser Lage. "Das Gerede vom Prekariat interessiert mich nicht. Ich war noch nie in einer anderen Situation." bringt es Martin von Sport auf den Punkt.
Ob dieses Existenzmodell Vorzüge bietet oder nicht, bleibt natürlich ganz dem Leser überlassen. Meines Erachtens werden auch die Nachteile des Ganzen häufig genug herausgestellt.
Was wenig angesprochen wird ist aber, inwieweit die Existenz durch politisch gesetzte Rahmenbedingungen bestimmt, beziehungsweise erst ermöglicht werden - etwa durch die Künstlersozialkasse oder durch Wohngeld.
Rasmus Engler: Eine Künstlerin lebt von Hartz IV, eine andere bezieht BAföG - ansonsten scheint es ja fast allen ein Anliegen zu sein, sich nicht zu nehmen, was einem nicht zusteht. Das autarke Sichdurchschlagen ist wohl den meisten grundsätzlich wichtiger, als es sich in irgendeiner Weise auf Kosten des Staates bequemer zu machen. Zumal es dem Künstler als solchen ebenso grundsätzlich zuwider zu sein scheint, sich mit dem notwendigen Papierkram auseinanderzusetzen. Almut Klotz sagt, dass sie "absolut gegen ein staatliches Grundeinkommen für Künstler" ist, und Jakobus Siebels spricht ausdrücklich vom "schlechten Gewissen" das ihn zu jener Zeit befiel, als er Sozialhilfe bezogen hat - weil "einem das Geld gar nicht zusteht".
Die Rahmenbedingungen für ihre Existenzen schaffen sich die Befragten also durchaus lieber selbst.
Das scheint aber nur bedingt zu gelten - nämlich, solange die Arbeitsfähigkeit nicht wegfällt (etwa durch Krankheit) oder solange die Auftragslage nicht so schlecht ist, dass das Geld auf dem Konto die Miete nicht mehr deckt.
Rasmus Engler: Gerade, wer sich schon seit längerem von einem Punkt zum nächsten hangelt, bekommt ein recht gutes Gespür dafür, wann man sich beispielsweise aufzuraffen hat, sich mal wieder irgendwo hinter den Tresen zu stellen oder andere Hilfsarbeiten zu übernehmen. Man lernt nun einmal besser, sein weniges Geld zusammen zu halten.
Und was passiert, wenn man plötzlich krank wird und nicht krankenversichert ist?
Rasmus Engler: Diejenigen, die nicht krankenversichert sind, sind ja glücklicherweise die Ausnahme. Diese unangenehme Wahrheit wird zugegebenermaßen von denjenigen eher ausgeklammert - ganz plump gesagt, kann man sich eine schwere Krankheit einfach nicht leisten. Zudem ist es ja mittlerweile ohnehin verpflichtend, sich eine Krankenversicherung zuzulegen, wenn ich die stolzen Vorstöße von Frau Schmidt richtig verstanden habe. Langfristig wird sich also jeder und jede anmelden müssen...
Wenn man sich Krankheit ohne die Künstlersozialkasse "einfach nicht leisten kann", dann heißt das doch, dass Selbständigkeit eine gewisse Grundsicherung benötigt. Und wenn existentielle Risiken (z.B. die Wohnung zu verlieren oder aus der Krankenversicherung herauszufallen) beseitigt werden, dann ist das ein Anreiz für Selbständigkeit. Macht die Regierung da nicht genau das Gegenteil, von dem was sie vorgibt zu fördern, wenn sie z.B. über die Höchstmieten in Hartz IV existentielle Risiken auf- statt abbaut?
Rasmus Engler: Die Frage nach einer unregelmäßigen Grundsicherung wirft ja wiederum das Problem auf, ob man den Staat überhaupt in eine Verantwortung ziehen möchte. Und wie das zu bewerkstelligen wäre. In einem Gespräch, das ich leider erst nach Abgabe des Manuskriptes mit Christian von der Gruppe Sport führte, beklagte er sich darüber, dass es keine Regelung gibt, nach der die monatlichen Krankenkassenbeiträge von den tatsächlichen Einkünften abhängig gemacht werden. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, wie fatal die Bemessung des niedrigstmöglichen Beitragssatzes ist. Als ich vor Jahren ausschließlich von einem Hilfsjob lebte, wäre mir monatlich nach Abzug der Miete und der Krankenversicherung der Betrag von Minus Zwanzig Euro geblieben (im übrigen entschied ich mich ehedem auch für ein Dasein ohne Krankenversicherung). Das halte ich tatsächlich für ein immenses Problem. Falls aber grundsätzliche Existenzbedrohungen wie eben der Verlust der Wohnung und so weiter abgefedert werden könnten, so würde das für einige sicherlich eine gewisse Entspannung der finanziellen Situation bedeuten. Und dabei geht es ja keineswegs um regelmäßige Zahlungen, wenn ich die Frage recht verstanden habe, sondern um Hilfe in tatsächlichen Notsituationen?
Aber gerade diese Nothilfe wurde ja mit dem Miethöchstsatz in Hartz IV (der für Großstädte wie München ziemlich unrealistisch ist) eingeschränkt. Damit wurde das Risiko für einen Selbständigen, sein Obdach zu verlieren, erheblich vergrößert. Und auch bei der Einführung einer Versicherungspflicht bleibt ja außerhalb der Künstlersozialkasse das von Ihnen angesprochene Problem, dass sich die Beiträge nicht dem Einkommen anpassen, sondern dass die Stellschrauben - im Gegenteil - in Richtung Kopfpauschale angezogen wurden. Also in Richtung weniger Flexibilität. Von daher: Sind die schlimmsten Feinde der Selbständigen nicht jene, die vorgeben, deren Interessen politisch wahrzunehmen?
Rasmus Engler: Wer behauptet denn, die Interessen von Selbständigen zu vertreten?
Zum Beispiel die Politiker Christine Aschenberg und Norbert Ullrich.
Rasmus Engler: Ich denke, das Problem liegt einfach darin, dass die hier genannten Kandidaten natürlich gerne diejenigen vertreten, deren Tun und deren fleißige Arbeit auch tatsächlich letztlich durch (jaja, selbstredend: angemessene) Steuerzahlungen dem Volke zugute kommt. Dass es Leute gibt, deren Gehalt unter dem Existenzminimum liegt und die dennoch viel arbeiten und andererseits keinen Grund sehen, ihre Situation zugunsten des Einkommens zu verändern, können sich auch selbständige Anwältinnen mit zwei Kindern und auch Volljuristen, denen die Studenten besonders am Herzen liegen, wohl kaum vorstellen.
Man befindet sich schlicht in einer übersehenen Zone - den ungläubig dahingestaunten Satz "Aber davon kann doch keiner leben!?" kennen ja schließlich fast alle Befragten.

Jörn Morisse und Rasmus Engler (Hrsg.): Wovon lebst du eigentlich? Piper Verlag 2007, ISBN: 9783492250658

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