Prekarisierte aller Länder

Die Mayday-Paraden setzten da an, wo traditionelle gewerkschaftliche Konzepte versagen

Der erste Mai in Berlin war bisher immer mit den Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten im Stadtteil Kreuzberg verbunden. Am Dienstag stellte ein Bündnis politischer, sozialer und kultureller Gruppen eine neue Aktionsform vor: der Mayday hat jetzt auch Berlin erreicht.

Von Amsterdam bis Stockholm, von Helsinki bis Marseille breitet sich die Mayday-Bewegung aus. Ihre Wurzeln hat sie in Italien und Spanien, wo vor 5 Jahren die ersten May-Paraden begannen. In Mailand geben mittlerweile am 1.Mai bis zu 10.000 Menschen unter musikalischen Klängen und kämpferischen Parolen auf die Straße. Geschmückte Wägen gehören ebenso zur May-Parade wie kulturelle Einlagen. Auch in Barcelona ist die Zahl der Teilnehmenden mittlerweile fünfstellig.

Im letzten Jahr fasste die Mayday-Bewegung auch in Deutschland Fuß. Ca. 4.000 Menschen gingen in Hamburg auf die Straße. Am Ablauf des Mayday gab es im Anschluss auch Kritik. So vermissten Migrantengruppen die politische Ernsthaftigkeit. Doch die Organisatoren waren sich einig, dass der Prozess weiter gehen kann. So wird in diesem Jahr neben Hamburg erstmals auch in Berlin eine Mayday-Parade organisiert.

Im nächsten Jahr könnte sich die Bewegung auf weitere Städte ausbreiten. „Denn sie ist auch eine Antwort auf die Krise der traditionellen gewerkschaftlichen Interessenvertretung“, wie ein Mitglied der Berliner Mayday-Vorbereitungsgruppe erklärte. Der Verlust an Einfluss und Kampfkraft der Gewerkschaften hat seine Ursachen auch in den Veränderungen der Arbeitsverhältnisse im sogenannten Postfordismus.

Die Gewerkschaften hatten in den großen Betrieben ihre Basis. Doch auf die neuen Arbeitsverhältnisse haben sie noch wenige Antworten. „Das Erkämpfen von gemeinsamen Rechten ist nicht einfach, wenn die Fabrik als kollektiver Organisator an Bedeutung verliert“, meint eine Hamburger Gewerkschaftsaktivistin.

Der theoretische Background der Mayday-Paraden dreht sich um den Begriff der Prekarisierung aller Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Der Acht-Stunden-Tag mit tariflich erkämpften Löhnen und geregelten Urlaubszeit wird in vielen europäischen Ländern zunehmend ersetzt: durch Kurzzeitarbeitsverträge, Praktika ganz ohne Lohn, aber auch Ein-Euro-Jobs.

Wenn auch die Betroffenen häufig durch die traditionelle Interessenvertretungspolitik der Gewerkschaften nicht zu erreichen sind, gibt es doch deutliche Signale, dass nach neuen Aktionsformen gesucht wird. So ist es sicherlich kein Zufall, dass der Beginn der Mayday-Bewegung mit der Krise im IT-Bereich zusammenfiel. In dieser Zeit machte sich auch dort zunehmend die Überzeugung breit, dass bei den ganzen spannenden Projekten auch handfeste Ausbeutungsverhältnisse im Spiel waren und die Vertretung der eigenen Interessen daher längst nicht überflüssig ist.

In Frankreich und Italien sorgten vor allem auf dem Kultursektor schon länger Widerstandsformen der prekär Beschäftigten für Schlagzeilen. In Italien avancierte der von der offiziellen Kirche natürlich nicht anerkannte Heilige Prekarius zum medienwirksamen Maskottchen der Bewegung. Während des Papstbesuches im letzten Jahr wurde der seltsame Heilige erstmals auch in Deutschland bekannt. Der europaweite Aktionstag der Praktikanten am 1. April war ebenso ein Zeichen, dass die prekär Beschäftigten nach Formen der Organisierung suchen.

Wo die alten Rezepte der fordistischen Arbeitsgesellschaft an ihre Grenzen stoßen, werden neue Protestformen ausprobiert. In diesem Kontext steht die wachsende Mayday-Bewegung. Doch es gibt auch Kontakte zwischen alter und neuer Bewegung. In Hamburg haben die Mayday-Organisatoren schon seit letztem Jahr Kontakte zu Gewerkschaftsaktivisten aufgenommen. „Allerdings war es ein punktueller Austausch zu einzelnen Personen und nicht zum DGB als Organisation“, wie Meike Bergmann vom Mayday-Organisationskreis betont. Schließlich soll auf den Paraden die Vielfalt der Bewegungen zum Ausdruck gebracht werden. So wird großer Wert auf die Einbeziehung von antirassistischen und feministischen Protesten gelegt. Anders als bei den traditionellen Gewerkschafts-Maidemos steht nicht die Forderung nach Arbeitsplätzen, sondern der Kampf um globale soziale Rechte für alle – unabhängig von einem Arbeitsplatz – im Mittelpunkt.

Mittlerweile gibt es auch in einigen lateinamerikanischen Ländern Überlegungen, einen Mayday zu organisieren – natürlich ohne Euro im Namen. Schon wird vom weltweiten oder globalen Mayday gesprochen. Vielleicht sollte einfach ein altes Motto der Arbeiterbewegung variiert werden. Prekarisierte aller Länder vereinigt euch!

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