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Triumph und Tragik des Eurovision Songcontest - Eine Hassliebeserklärung

Dümmlich, peinlich, trashig, grotesk, unnötig, die Hungerspiele oder gar die Paralympics der Popmusik: auf das Stichwort "Eurovision Songcontest" haben die meisten eine Meinung parat, und die ist selten schmeichelhaft.

2016 war nun das Jahr, in dem der "politische Sieg" der Sängerin Jamala den ESC scheinbar endgültig als manipuliertes Spektakel entlarvt hat, und die zahllosen diesbezüglichen Artikel lassen vermuten, dass spätestens übermorgen alle bisherigen Teilnehmerstaaten ihren Auftritt für 2017 absagen werden.

Die Tatsachen freilich sprechen eine ganz andere Sprache. Jahr für Jahr wird der ESC größer, und das nicht nur wegen der bombastischen Bühnenshows, sondern auch hinsichtlich der Länder, die sich dafür interessieren. In diesem Jahr wurde er erstmals live in den USA ausgestrahlt - freilich sollte man dazu sagen, dass dafür der LGBT-Spartensender "Logo" von Viacom zuständig war. Die Chinesen schauen schon seit 2015 zu und China liebäugelt ebenso wie Kasachstan, der Libanon und Katar mit einer eigenen Teilnahme.

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Nicht erst diese illustre Runde von Aspiranten lässt böse Zungen behaupten, der Contest diene autoritären Regimen dazu, das eigene Image aufzupolieren. Diese Vermutung kommt nicht von Ungefähr. Ebenso wie Sportgroßereignisse kann auch die größte Musikshow der Welt als attraktive Plattform betrachtet werden, auf der man sich im besten Licht zeigen kann. Das Große Finale wurde von etwa 200 Millionen Zuschauern gesehen, womit die Bezeichnung der Veranstaltung als "Super Bowl der Musikbranche" durchaus ihre Berechtigung hat.

Wer jetzt einwendet, das alles habe nun gar nichts mehr mit Europa oder mit Musik zu tun, der sollte erstens wissen, dass "Eurovision" nicht wirklich bedeutet, dass man hier eine Vision von Europa zu sehen bekommt, auch wenn das manche aus dem Namen abzuleiten scheinen. Zweitens ist das jährlich wiederkehrende Gekeife über die Niveaulosigkeit, Erbärmlichkeit und Ausgelutschtheit der teilnehmenden Acts selbst aufs Ermüdendste niveaulos, erbärmlich und ausgelutscht.

Man kann diese Art von Musik mögen oder auch nicht, und bestimmt verspricht die viereinhalbstündige Darbietung eines zeitgenössischen Adagios für zwei Bratschen, eine Triangel und ein Furzkissen mit dem Titel "Periscopic View of Invisible Landscapes" einen gehobeneren Kunstgenuss. Dennoch sollte man zumindest anerkennen, dass viele Länder ihre Teilnehmer durch etablierte Musikshows ermitteln, allen voran seien das italienische Festival von Sanremo, das schwedische Melodifestivalen oder das albanische Festivali i Këngës genannt.

Natürlich gibt es genügend Kommentatoren, die genau in den nationalen Vorausscheidungen den Grund für die angeblich immer schlechter werdenden Beiträge erkennen wollen. Tatsächlich könnte man zumindest für 2016 mutmaßen, dass zum Beispiel die jeweils Zweitplatzierten der deutschen und finnischen Ausscheidungen möglicherweise besser abgeschnitten hätten als die erstplatzierten Sängerinnen. Aber hier beginnt bereits die Spekulation, die durchaus einen Teil des Reizes des Contests ausmacht.

Ein weiterer Reiz dürfte darin liegen, dass man sich über ihn so herrlich auslassen kann. Die Wochen vor dem ESC sind für viele sogenannte Musikexperten schöner als Weihnachten: Endlich dürfen sie nach Herzenslust ihr Gift und ihren Geifer über die teilnehmenden Kandidaten ausschütten.

Freilich sind auch hier ein paar Regeln zu beachten: Über Italien oder Schweden äußert man sich besser eher positiv, weil man ansonsten möglicherweise etwas extrem Innovatives nur nicht verstanden hat. Das eigene Land darf man mit besonderem Genuss in den Schlamm treten, weil man’s ja immer schon gewusst hat, dass wahlweise der NDR, der ORF, das Schweizer Fernsehen oder die BBC es einfach nicht draufhaben (wenn dann wie 2014 das Husarenstück gelingt und eine Conchita Wurst die Trophäe hochhält, wird man aber trotzdem wieder patriotisch). Die Balkanstaaten darf man milde belächeln und Russland macht es sowieso nie richtig (viel zu viel Show! Die wollen es zu sehr! Ist doch alles von Schweden abgekupfert!).

Und selbstverständlich sieht man den ESC auch als Zuschauer nur mit gehobenen Augenbrauen, ätzt über diese Frisur und jenes Outfit, findet alles absolut lächerlich und fragt sich, warum man sich das Ganze überhaupt noch antut. In der Tat lassen immer wieder Zwischenfälle aufhorchen, die das Bild vom zuckerlbunten Friedensfestes trüben. Auch 2016 gab es am Rande dieses Musikantenstadels der Nationen viel Unschönes. Der Ausschluss des rumänischen Beitrags wenige Wochen vor Beginn des Wettbewerbs war schäbig, das Schwenken der Fahne von Berg-Karabach durch die armenische Delegation eine unnötige Provokation gegen Aserbaidschan, und dass die russische Jury-Leaks-Affäre nicht für mehr Aufsehen gesorgt hat, hat zumindest mich einigermaßen verwundert.

Letztere nämlich machte deutlich, was viele schon längst vermuteten, nämlich dass die Arbeit der "Experten-Jurys" weit entfernt von einer seriösen und neutralen Bewertung der einzelnen Beiträge ist - und das dürfte nicht nur für Russland gelten. Angeblich dienen die Jurywertungen als "niveauvoller" Ausgleich zum Televoting, das naheliegenderweise die populärsten Acts belohnt. In Wirklichkeit verkommen sie zum Steuerungsinstrument, das unliebsame Sieger verhindert. Der russische Beitrag, der von jedem der 41 abstimmenden Länder per Televoting mindestens drei Punkte erhielt, bekam von sage und schreibe 21 Jurys nicht einen einzigen Punkt.

Trotzdem reichte es nicht zum Sieg für das von der Jury bei weitem favorisierte Australien, und so gewann am Ende der ukrainische Beitrag, der sowohl vom Jury- als auch vom Zuschauervoting auf den zweiten Platz verwiesen worden war. Es ist daher gar nicht so weit hergeholt, wenn man Jamalas Sieg eher als Nebeneffekt denn als Absicht interpretiert. Die Europäische Rundfunkunion EBU zumindest dürfte sich über dieses Ergebnis eher weniger freuen, soll doch der Contest nächstes Jahr in einem Land ausgetragen werden, das sich im Krieg befindet.

Interessanter als das Hickhack um den ukrainischen Sieg ist jedoch die Frage, wie es mit dem ESC weitergehen soll. Längst platzt er aus allen Nähten, und der Auftritt von Justin Timberlake im Finale zeigt, dass die große Reichweite des Wettbewerbs auch in Übersee Begehrlichkeiten weckt. Schon wird spekuliert, ob neben Eurovision auch America- und Asiavision etabliert werden sollen, und manche phantasieren sogar einen Worldvision Songcontest herbei.

Das freilich dürfte noch ein Weilchen Zukunftsmusik bleiben. Dringlicher wäre ein Überdenken des Abstimmungsverfahrens (den Expertenjurys würde wohl kaum jemand nachtrauern) und eine Revision der Regelung, der zufolge der jeweils nächste Wettbewerb im Land des Siegers ausgetragen wird. Trotz dieser negativen Aspekte bleibt der Eurovision Songcontest eine Erfolgsgeschichte. Das Zusammentreffen und Wetteifern so vieler Künstler unterschiedlichster Herkunft ist ein reizvolles Modell. Im Rahmen des ESC begegnen sich das winzige San Marino und das große Deutschland auf Augenhöhe.

Der ESC feiert abseits von allem politischen Geplänkel auch die Zivilgesellschaft, ihren Kitsch, ihre Phantasie und ihre Träume von Liebe und Frieden. Das mag vielen lächerlich und naiv erscheinen, und gerade in diesem Jahr gab es diesbezüglich viele selbstironischen Beiträge der schwedischen Moderatoren Petra Mede und Måns Zelmerlöw. Am stärksten ist der Songcontest in den Momenten, in denen er sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

Zugleich öffnet sich auch mitten im spektakulären Blingbling und wummernden Euro-Trash immer wieder ein Fenster zu den gegenwärtigen Herausforderungen, die wir nicht als Staaten oder Individuen, sondern als Menschheit anpacken müssen. Einen solchen Moment gab es etwa im ersten Halbfinale, als die Choreographie "The Grey People" von Benke Rydman dargeboten wurde.

Da war sie plötzlich auf der Bühne, die Tragödie von Krieg, Vertreibung und Flucht, die sich vor unserer Haustür abspielt. Der ESC, dem häufig Eskapismus vorgeworfen wird, kann also durchaus auch kritische Töne anschlagen. Drei Beiträge stachen in diesem Jahr diesbezüglich besonders hervor: Die Serbin ZAA Sanja Vučić sang aus der Perspektive einer Frau mit einem gewalttätigen Partner. Der bosnische Auftritt fand vor einem Stacheldrahtzaun statt. Und Jamalas Lied dürfte für viele Zuschauer weit über die Thematik der Krimtataren hinausgereicht haben. "We could build a future where people are free to live and love the happiest time." Eine Utopie, ein realitätsfernes Gutmenschengeschwurbel - und zugleich die gewagteste Vision unserer Zeit. Und vielleicht ist genau das der Geist des ESC.

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