Privatisierung nach Noten

Überschaubar wenige Pflanzen- und Tierarten bilden heute die Grundlage der weltweiten Ernährung

Das Ausbringen von wenigen standardisierten Industriesaaten führt zu einer schnellen Verarmung der weltweiten Saatgut-Vielfalt. Mit der Grünen Revolution der 1960er und 1970er Jahre verschwanden allein in Südostasien tausende Reissorten aus dem Anbau - mit Glück wurde ein Teil in der Svalbard Global Seed Vault, dem weltweiten Saatgut-Tresor auf Spitzbergen hinterlegt. Auf den Feldern gedeihen heute eine Handvoll hybrider Varianten.

Ähnliches wird von anderem Saatgut aus anderen Teilen der Welt vermeldet, wie das Beispiel von Mais in Mexiko zeigt. Traditionelle Sorten und Praktiken der Saatgut-Erhaltung verschwinden, stattdessen zieht die Abhängigkeit von auswärtigen Erzeugern ein, die letztendlich zu einer Verschuldung der Bauern führt.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts 75% der Nutzpflanzenvielfalt verschwunden ist. Nur drei Getreidearten (Weizen, Reis und Mais) stellen demnach heute praktisch die Hälfte der weltweit durchschnittlich pro Tag von der Weltbevölkerung konsumierten Kalorien, ergänzt durch fünf Tierarten (Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner), die 31 Prozent des durchschnittlichen täglichen Eiweißverbrauchs liefern.

Alternativen

Der Report vom Oakland Institute sieht den vom EBA-Projekt vorangetriebenen, einseitig auf Privatisierung setzenden Ansatz als ungeeignet für Länder, in denen die traditionellen, von den Bauern selber gelenkten Saatgut-Systeme dominieren. Die Verfasser plädieren stattdessen für einen fairen Ausgleich zwischen den Rechten der Bauern und denen der Züchter.

Sie betonen, dass auch das Saatgut-Management der örtlichen Bauern verbesserungsbedürftig ist. Denn der Zugang zu Saatgut kann vom sozialen Status oder anderen kulturellen Normen abhängen, Saatgut-Bestände können durch Hungersnöte, Kriege oder Naturkatastrophen gefährdet werden. Der Zugang zu Sorten mit bestimmten Merkmalen wie Qualität oder Resistenz gegenüber Schädlingen kann fehlen. Doch das mangelnde Interesse der Weltbank verhindert hier das Finden einer Lösung für diese Probleme.

Eine Reihe von Ideen existiert: Die Agrarpolitik der einzelnen Länder könnte örtlichen Saatgut-Produzenten fördernd unter die Arme greifen oder lokale Saatgut-Märkte wiederbeleben, kommunale Saatgut-Banken könnten den Zugang zu Saatgut sichern. In nationalen Genbanken aufbewahrte Hochleistungssorten könnten den Bauern leichter zugänglich gemacht werden.

Die Bauern sollten als Hauptansprechpartner fungieren, wenn es um die Gestaltung neuer Saatgutrichtlinien geht. Die Weltbank missachtet die Mahnungen von Fachleuten, die sich für einen von unten nach oben ausgerichteten Ansatz beim Saatgut-Management aussprechen. Die einseitige Ausrichtung an den Bedürfnissen der Agrarindustrie wird eine künstliche Saatgut-Knappheit zur Folge haben, die den Unternehmen ihre Profite sichert. Die Verfasser des Berichts sehen nicht, dass der Ansatz der Weltbank in der Lage sein wird, die für 2050 auf der Erde erwarteten neun bis zehn Milliarden Menschen zu ernähren. Denn die Weltbank setze vor allem auf eine Erhöhung der Erträge. Stattdessen sollten vielmehr unter anderem der vielerorts fehlende Zugang zu bestellbarem Land sowie die weltweit wachsende Ungleichheit und Armut angegangen werden, ebenso die Auswirkungen von Marktdynamik, Umweltzerstörung und Klimawandel.

Zu Jahresbeginn hatten sich bereits über 150 Organisationen der Zivilgesellschaft an die Weltbank und an Vertreter der fünf EBA-Geberländer gewandt, ihre Forderung: ein Ende des EBA-Projekts. (Bernd Schröder)

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