„Produktiver, aber isoliert und unglücklicher“

Home-Office statt Büro?

Die Arbeitsgemeinschaft für Bildung in Deutschland bringt es auf eine einfache Formel: „Das Telefon klingelt, die Kollegen plappern, der Drucker dröhnt und alle 5 Minuten werden Sie unterbrochen. Mit einem Job im Home Office sind diese Zeiten vorbei.“ Dem Mitarbeiter einer Agentur, die die Produkte eines größeren Unternehmens auf allen Kanälen bewirbt, fällt zu seinem Homeoffice ebenfalls eine kurze Formel ein: „Die Zeiten, an denen ich mich entspannt anderen Dingen als der Arbeit widmen konnte, sind vorbei. Ich arbeite ununterbrochen, das Telefon klingelt selbst noch nach Mitternacht.“

In einigen kleineren Medienhäusern, die sich am Rande einer größeren Stadt im Süden Deutschlands befinden, gilt Arbeiten im „Home-Office“ als Privileg, das eigentlich nur den Abteilungsleitern vorbehalten ist und auch das nur an wenigen Tagen - auf Anwesenheit im Haus wird wert gelegt. Im Bekanntenkreis, der sich weitgehend aus freien Mitarbeitern zusammensetzt, ist die Heimarbeit seit Jahren die Regel - Bürogemeinschaften werden weniger, die Mieten dafür zu teuer. Ein deutsches Statistikportal zeigt, dass sich die meisten, etwa 40 Prozent von 1000 Befragten (über 14 Jahren), bei freier Wahl für einen „Mix“ entscheiden würden, tageweise im Büro arbeiten und tageweise im Home-Office. Würde man die beiden Umfragesäulen für „lieber zu Hause“ und „arbeite schon zu Hause“ zusammensetzen, wären sie höher als die Säule, die das Arbeiten „im Büro“ markiert.

In den USA sollen 34 Millionen von zu Hause aus arbeiten, wenigstens teilzeitlich. Die Zahl stammt aus einem Bericht des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Inc., das einen Monat lang einen Selbstversuch durchführte, um zu erfahren, wie eine „virtuelle Redaktion“ funktioniert, bei der, soweit möglich, alle Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten. Das Ergebnis spiegelt in der Summe die Erkenntnis der oben erwähnten Umfrage wieder.

But in the end, most employees discovered that they could and should work out of the office more often — though they did not want to eliminate the office entirely.

Interessant sind die Erfahrungen der Mitarbeiter, die für das Büro sprechen. Es werden da vor allem Dinge erwähnt, die ein prosaisch verengtes Effizienzdenken nicht im Kalkül hat: Pausen Plaudereien und ein Gemeinschaftsgefühl. Zwar, so der leitende Redakteur, in seinem mehrseitigen Erfahrungsbericht, sei er, was seine Schreibarbeit betrifft, zu hause „produktiver“ gewesen und habe festgestellt, dass er stundenlang konzentriert, ungestört an einem Stück arbeiten konnte, so vertieft, dass er bis spät in die Nacht arbeitete und völlig vergaß, damit aufzuhören, aber wenn er nicht schrieb, fühlte er sich isoliert. Seine Laune sei manchmal jäh von höchster Zufriedenheit in düstere Selbstzweifel umgeschlagen.

Auch andere beklagten nach einigen Tagen, dass sie nach menschlichen Kontakt hungerten und Cafés aufsuchten oder andere Alternativen, „co-working centers“ oder Bibliotheken als geeignete Arbeitsplätze in Erwägung zogen. Das Leben im Home-Office habe weniger Dynamik, stellt der Fotoredakteur fest:

Mein Job war nur mehr meine Arbeit. Ich vermisste die Ablenkungen und Überraschungen, die von meinen Mitarbeitern kommen. Teil der Arbeit ist doch der soziale Aspekt, dass man etwas gemeinschaftlich macht.

Videokonferenzen bewerteten die Home-Office-Arbeiter als keinen adäquaten Ersatz für Gespräche, die auf dem Weg zum Kaffeeautomaten, zum Mittagessen, in den Gängen oder am Arbeitsplatz über bestimmte Projekte spontan, ohne vorgegebenen Rahmen entstehen. Dass er teilweise tagelang keinen Menschen gesehen habe – eine Erfahrung, von der mir auch meine Homeoffice-Bekannten öfter erzählten -, bezeichnet ein Inc-Mitarbeiter als empfindliche Störung seines sozialen Lebens: Es habe seine Fähigkeit, mit anderen Menschen eine Beziehung einzugehen, beschränkt.

Manche fanden ihren Rhythmus zuhause nicht, aßen nichts oder aßen zuviel, hatten Schwierigkeiten, ihren Familienangehörigen klar zu machen, dass sie zwar körperlich anwesend, aber nicht zugänglich seien. Aus vielen Erfahrungen spricht, dass das Büro mit seinen eindeutigen Strukturen und Grenzziehungen – Etikette, offizielle Kleidung (manche raten dazu, sich auch zuhause „Bürokleidung“ anzulegen), Pausen – die Mitarbeiter vor sich selbst schützte - vor einer Art Entfesselung der Arbeitskraft:

"In a strange way, I felt more tied to my computer than I felt before," says Kasey Wehrum, an Inc. writer. "I was spending all day in my tiny apartment, not talking to anyone. I felt weird."

Möglicherweise, so führt das „Inc“- Experiment vor, ist der Home-Office-Arbeiter anfälliger für maßlose Selbstbefeuerungen in jede Richtung – mehr Arbeit und mehr Selbstzweifel – und die Bürogemeinschaft ein sozialer Puffer gegen den Übereifer, der nicht unbedingt qualitativ besser produziert. Wie ein aktueller französischer Artikel über „die 'Falle' der Arbeit, die man nach Hause nimmt“ zeigt, wird immer mehr und länger zuhause weiter gearbeitet, unterstützt durch die ständige Erreichbarkeit auch in den Privaträumen. Dass hier immer mehr Grenzen fallen, wird mit dem Phänomen der „Selbstmobilisierung“ erklärt, das einem Schuldgefühl aufsitze.

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