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Project Nightingale: Google geht auf Patientenjagd

Google will mit Nullen und Einsen den Code des gesunden Körpers entschlüsseln. Bild: Google Blog

Ohne Wissen von Patienten durchleuchtet Google Millionen von Gesundheitsakten, um eine Suchmaschine für Krankheiten zu bauen

Einem Bericht [1] des Wall Street Journal zufolge hat Google Zugriff zu Millionen von Patientenakten in 21 Bundesstaaten. Im Rahmen des Projekts "Nightingale" (Nachtigall) sammelt und analysiert Google detaillierte Gesundheitsinformationen von Ascension, das mit 2.600 Krankenhäusern, Arztpraxen und anderen medizinischen Einrichtungen der größte gemeinnützige Krankenhausbetreiber in den USA ist. Weder Patienten noch Ärzte sollen über die Verwertung der vertraulichen Daten durch Google informiert worden sein.

Zu den Daten zählen Laborergebnisse, Arztdiagnosen, Aufzeichnungen über Krankenhausaufenthalte, Medikamentenverabreichung, Informationen aus gescannten Dokumenten und eine vollständige Krankengeschichte mit Namen und Geburtsdatum der Patienten. Google trainiert an den Daten Prognose-Softwares für die Gesundheitsindustrie. Laut New York Times sollen rund 150 Google-Mitarbeiter Zugriff [2] auf die sensiblen Daten erhalten haben.

Die Partnerschaft zwischen Google und Ascension stellt bisher die umfangreichste Zusammenarbeit zwischen Silicon Valley und dem Gesundheitssystem dar. Sie sieht vor, dass Daten aller Ascension-Patienten auf die Cloud-Computing-Plattform von Google hochgeladen werden. An ihnen werden KI- und Maschine Learning-Softwares getestet, die elektronische Patientenakten nach bestimmten Merkmalen durchsuchen und Muster im Krankheitsablauf herausfinden sollen. Mithilfe der Diagnosen will Google eine intelligente Suchmaschine für Krankheiten bauen.

Ascension begründet die Kooperation in einer am Montag veröffentlichten gemeinsamen Erklärung [3] der Unternehmen, mit der fortschreitenden Digitalisierung des Gesundheitswesens, das Modernisierungen erforderlich mache. Ziel sei es schließlich, medizinischen Fachkräften einen besseren Zugang zu Patientendaten zu ermöglichen, die Patientenversorgung zu verbessern und letztendlich zu versuchen, Erkenntnisse aus den Daten zu gewinnen, um Behandlungsabläufe zu optimieren. Das Unternehmen nennt sich "eine auf Glauben basierende Gesundheitsorganisation, die sich der Transformation durch Innovation im gesamten Versorgungskontinuum verschrieben hat ". Zu den Patienten von Ascension zählen [4] insbesondere Großstädter aus ärmeren Schichten ohne Krankenversicherung.

Google sieht in der heimlichen Datenverwertung keinen Gesetzesverstoß. Projekt Nightingale sei mit dem Bundesgesundheitsgesetz (federal health law) vereinbar und beinhalte einen zuverlässigen Schutz für Patientendaten, erklärte das Unternehmen am Montag. Laut Tariq Shaukat, CEO der Google-Cloud-Sparte, wolle das Unternehmen dazu beitragen, "letztendlich Behandlungen zu verbessern, Kosten zu senken und Leben zu retten".

"Big Data" und small Datenschutz

Das Gesundheitswesen in den USA ist ein Multi-Billionen-Dollar-Geschäft, in das die Software-Giganten miteinsteigen wollen. Amazon hat letztes Jahr die Online-Versandapotheke Pillpack gekauft, bietet mit Alexa einen Hustensensor. Apple hat viele Tracker und Gesundheitsapps. Google zieht nun nach mit der Akquise [5] von Fitbit, dem Fitness-Tracker für zwei Mrd. US-Dollar.

Doch langfristig will Google "die Bedürfnisse der Patienten antizipieren, bevor sie entstehen". Google ist ohnehin die erste Anlaufstelle für medizinischen Rat. Die Suchmaschine erneuerte letztes Jahr umfassend den Algorithmus speziell für Gesundheitsthemen, um bessere Ergebnisse bieten zu können. Seiten mit falschen Empfehlungen rutschten in den Ergebnislisten nach unten.

Google weiß schließlich, was kranke Menschen suchen. Wie sie behandelt werden, jedoch nicht. Um an entsprechende Daten zu gelangen, geht Google immer wieder nach dem gleichen Muster vor. Im Rahmen der Fortentwicklung der Maschine-Learning-Programme schließt Google Partnerschaften mit Gesundheitseinrichtungen mit dem Versprechen für die Einrichtungen, Kosten einzusparen.

Schon 2017 wurde Google vorgeworfen [6], ohne Einverständnis von Patienten des Medical Center der University of Chicago Zugang zu Hunderttausenden von Gesundheitsakten erhalten zu haben. Google hatte ebenfalls eine Partnerschaft mit dem Medical Center der University of Chicago geschlossen, um Software für maschinelles Lernen zu testen.

Auch außerhalb der Vereinigten Staaten sucht Google nach Datenminen. Wie NewScientist im Oktober berichtete [7], hat Google in einem "geschickten" Manöver die Vereinbarung von DeepMind mit dem britischen National Health Service (NHS) übernommen. Dadurch erhält Google für fünf Jahre Zugriff auf Patientendaten von rund 1,6 Millionen Patienten. Google hatte 2014 DeepMind gekauft, um die eigene KI-Sparte voran zu bringen.

In Silicon Valley befürchtet man schon länger den Verlust [8] der Innovationskraft des Standorts. Die großen Tech-Firmen bringen keine eigenen Innovationen mehr hervor, sondern kaufen vielversprechende Startups schnell auf. Allen voran Google bzw. Alphabet. Seit 2006 hat die Firma insgesamt $12,5 Mrd. ausgegeben und 236 Startups geschluckt, etwa genau so viele wie Amazon, Facebook und Apple zusammen. Mitgekauft werden dabei auch die gesammelten Daten. Im Falle von Fitbit Gesundheitsdaten von 28 Millionen aktiven Nutzern.

Digitalisierung first

Die Methoden von Google und Konsorten im Umgang mit Datenschutz wirft einen Schatten auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland. Das umstrittene Gesetzesvorhaben von Gesundheitsminister Jens Spahn sieht nicht nur die elektronische Patientenakte vor, sondern auch den Aufbau einer zentralen Forschungsdatenbank, samt Analyse und Auswertung der Daten. Nur Privatversicherte sind von der Erfassung geschützt. Bei gesetzlichen Krankenkassen Versicherte stehen bald der Forschung zur Verfügung.

Zum Wohle der Gesundheit den Datenschutz abbauen, scheint die Devise zu lauten, die Bürger künftig in zwei Klassen einteilt. In jene, die die beste medizinische Behandlung erhalten als Nutznießer jener, die sich die vertrauliche Behandlung ihrer Daten nicht leisten können. Zu den Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn schrieb Britta Engel bereits auf Telepolis (vgl. Wie man Datenschutzabbau als Versorgungsinnovation framet [9]).

Nach Spahn sollen in Zukunft heimische Start-Ups die Digitalisierung des Gesundheitssystems nach vorne bringen, denn Deutschland befinde sich derzeit "im hinteren Mittelfeld". "Unser Anspruch ist es, bei der Digitalisierung nicht auf Landesliga-Niveau, sondern in der Champions League zu spielen", sagte [10] Spahn im Sommer. Statt dass "irgendwann Großkonzerne aus dem Ausland das Gesundheitswesen überrollen", solle sich Innovation aus Deutschland heraus entfalten können, so der Gesundheitsminister.

Um im Gesundheitswesen zum Innovationsstandort zu werden, und dabei "Gesundheit neu zu denken", rief er kürzlich den Health Innovation Hub ins Leben. Dessen Leiter Jörg Debatin, Co-Autor von Spahns Buch "App vom Arzt - Bessere Gesundheit durch digitale Medizin" und ehemaliger Vorstand beim Tech-Riesen General Electric in den USA, lud Anfang September zum "Health Hackathon" in Berlin. 25 junge Entwickler-Teams pitchten und entwickelten dort ihre Ideen mit Unterstützung von Gesundheitsexperten sowie IT-Fachkräfter der Großkonzerne Google und IBM, schreibt [11] die Ärztezeitung.

Wie Spahn in Zukunft deutsche Start-Ups vor einer Übernahme durch Google schützen will, ist noch unklar.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4584792

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.wsj.com/articles/google-s-secret-project-nightingale-gathers-personal-health-data-on-millions-of-americans-11573496790
[2] https://www.nytimes.com/2019/11/11/business/google-ascension-health-data.html
[3] https://www.businesswire.com/news/home/20191111005613/en/Ascension-Google-working-healthcare-transformation/
[4] https://hbr.org/2018/10/how-one-nonprofit-is-expanding-health-care-for-the-uninsured
[5] https://www.heise.de/newsticker/meldung/Google-kauft-Fitbit-fuer-2-1-Milliarden-US-Dollar-4573843.html
[6] https://www.theverge.com/2019/6/27/18760935/google-medical-data-lawsuit-university-of-chicago-2017-inappropriate-access
[7] https://www.newscientist.com/article/2220344-google-gets-green-light-to-access-five-years-of-nhs-patient-data/
[8] https://fortune.com/2018/11/02/peter-thiel-silicon-valley/
[9] https://www.heise.de/tp/features/Wie-man-Datenschutzabbau-als-Versorgungsinnovation-framet-4571885.html
[10] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/interviews/interviews/handelsblatt-110719.html
[11] https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Medizin-der-Zukunft-im-Visier-347725.html