Projekt- und Therapieziel: Kinderseelen retten!

Ein Prozent der Männer erleben das kindliche Körperschema als erregungssteigernd

In einem bereits 1972 durchgeführten Experiment kamen die US-Forscher Freund, McKnight, Langevin u. Cibiri zu dem Ergebnis, dass auch "ganz normale" Männer zumindest in ihrer Phantasie durchaus für sexuelle Reize präpubertierender Kindern empfänglich sind. Messungen der Penisschwellung an insgesamt 40 heterosexuellen Männern ergaben, dass diese mehrheitlich auf das vorgelegte Bild- und Filmmaterial mit nackten Mädchen im Alter von sechs bis 14 Jahren "reagierten". Eine andere Untersuchung, bei der 1988 insgesamt 193 männliche College-Studenten befragt wurden, ergab, dass sich 21 Prozent davon, also mehr als ein Fünftel, von Kindern sexuell angezogen fühlen. Muss angesichts solcher statistischer Daten der potenzielle Anteil von Pädophilen in der Gesellschaft, der auf 250.000 Menschen geschätzt wird, nicht spürbar nach oben korrigiert werden? Müsste die Dunkelziffer der Pädophilen nicht höher liegen als bislang extrapoliert?
Klaus Michael Beier: Das Untersuchungsverfahren mit der Phallometrie zeigt lediglich, dass eine Reaktion bestenfalls nur peripher stattgefunden hat. Hierbei weiß letztendlich also niemand genau, was sich im Gehirn ereignet hat. Für uns ist aber diagnostisch von entscheidender Bedeutung, was in den Masturbationsfantasien als sexuell erregungssteigernd vorkommt.
Wenn man sich die Studien zu Frauen anschaut, bei denen eine Mess-Sonde in die Vagina der jeweiligen Probandin eingeführt wurde, um Durchblutungsveränderungen zu registrieren, wird deutlich, dass Frauen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung auf alles mit genitaler Erregung reagieren, was sexuelle Interaktionen zeigt, ganz gleich also zwischen wem - und selbst bei Kopulationen zwischen Schimpansen. Nach ihrem subjektiven Empfinden fanden sie aber nur die gesehenen sexuellen Interaktionen, die ihrer sexuellen Orientierung auch entsprachen, erregend. Messungen der genitalen Erregung sagen also nur bedingt etwas über die sexuelle Präferenz.
Wir haben zusammen mit den Epidemiologen der Charité eine Studie durchgeführt, von der wir uns Hinweise auf die Häufigkeit von Präferenzstörungen versprachen. Ausgangspunkt war eine repräsentative Stichprobe von Männern aus dem Berliner Raum, bei denen wir zunächst die Häufigkeit von Erektionsstörungen erfasst haben, um in einem zweiten Schritt dann auch Daten zur sexuellen Präferenzstruktur der Befragten zu erheben. Dabei haben wir auch die Begleitfantasien bei der Masturbation erfragt und festgestellt, dass zirka ein Prozent das kindliche Körperschema als erregungssteigernd erleben. Eine Prävalenz von ein Prozent der Männer ergibt dann für Deutschland insgesamt etwa 250.000 Betroffene.
Zum Vergleich: In etwa so viele Menschen sind in Deutschland an Morbus Parkinson erkrankt Jeder hat schon einmal einen Parkinson-Betroffenen gesehen, weil die Bewegungsstörung die Erkrankung nach außen ersichtlich macht. Eine Erkrankung mit einer Prävalenz von einem Prozent fällt also auf, wenn man sie äußerlich erkennen könnte. Und das ist bei der Pädophilie gerade nicht möglich.
In der Literatur wird immer wieder darauf verwiesen, dass es den typischen Pädophilen nicht gibt. Er kommt vielmehr aus allen Schichten - sozial, bildungs- und einkommensmäßig. Gibt es dennoch signifikante Gemeinsamkeiten, die Pädophile teilen?
Klaus Michael Beier: Nein. Es gibt nur eine Gemeinsamkeit, nämlich die, dass die Betroffenen alle eine pädophile Neigung aufweisen.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Beier, Jahrgang 1961, Studium der Medizin (ab 1979) und der Philosophie (ab 1980) an der Freien Universität Berlin; Promotion in der Medizin über ein klinisch-neurophysiologisches Thema (1986) und in der Philosophie mit einem Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte und -theorie der Psychologie und Psychopathologie (1988). Ab 1988 wissenschaftlicher Assistent für Sexualmedizin an der Sexualmedizinischen Forschungs- und Beratungsstelle am Klinikum der Universität Kiel. 1994 Habilitation für Sexualmedizin mit einer retrospektiven Lebenslängsschnittanalyse zur Prognose ehemals begutachteter Sexualstraftäter. Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker. Seit 1996 Professor für Sexualwissenschaft/Sexualmedizin am Universitätsklinikum Charité der Humboldt-Universität zu Berlin; leitet das dortige Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin. Näheres zu Beier. Bild: H. Zaun

Pädophile Neigung kommt bei Frauen sehr selten vor

Unter Pädophilen finden sich fast ausnahmslos Männer. Warum gibt es so gut wie keine pädophilen Frauen? Gibt es diesbezüglich Erklärungsmuster - Stichwort "Mutterinstinkt"?
Klaus Michael Beier: Nein, weil derzeit noch nicht bekannt ist, wie sich die sexuelle Präferenzstruktur genau ausbildet. Das gilt auch für den häufigsten Fall, nämlich die sexuelle Orientierung auf das erwachsene Körperschema des Gegengeschlechts. Empirisch besteht aber kein Zweifel daran, dass die pädophile Neigung bei Frauen nur höchst selten vorkommt.
Ich selbst habe in meiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit in der Sexualmedizin bislang nur eine einzige Frau kennengelernt, bei der die Diagnose "Pädophilie" wirklich zutraf, dafür aber mehr als tausend Männer. Was bei Frauen schon häufiger vorkommt, sind nicht pädophil motivierte sexuelle Missbrauchshandlungen an Kindern. Diese Frauen sind also von ihrer Präferenzstruktur auf das erwachsene Körperschema ausgerichtet, begehen aber aus unterschiedlichen Gründen sexuelle Ersatzhandlungen an Kindern. Im Vergleich zu Männern, die derartige Ersatzhandlungen begehen, ist die Anzahl dieser Täterinnen aber wiederum eher gering.
Gibt es neben dem Körperschema auch eine bevorzugte Altersstruktur, auf die Pädophile fixiert sind?
Klaus Michael Beier: Nein, es geht nicht um das kalendarische Alter, sondern um das körperliche Entwicklungsschema. Aber es gibt in der Regel sehr viele Details, welche dann die individuelle Ausprägung bestimmen, wie etwa die Haarfarbe des Kindes oder die Gesichtsform - bis hin zur Zahnlücke und der Gangart. So wie für die auf Frauen orientierten Männer jeweils bestimmte Merkmale der Frau von besonderem Reiz sein können, haben auch Männer mit pädophiler Neigung höchst individuelle Bevorzugungen bestimmter Merkmale des Kindes.
Tragisch ist dabei auch, dass viele Opfer aus sozial problematischen Verhältnissen stammen. Diese Kinder sind dankbar für jede Form von Anerkennung, Akzeptanz und Liebe. Sie fühlen sich unglaublich aufgewertet, wenn sie besondere Beachtung erfahren und Zuwendung erhalten, auch durch Schwimmbad- oder Freizeitparkbesuche mit Einladung zu Eis und Limo.
Man muss sich dabei klar machen, dass ein Mann mit pädophiler Neigung auch tatsächlich daran interessiert ist, mit dem Kind eine richtige Beziehung einzugehen. Die soziale Zuwendung ist also nicht vorgetäuscht, aber es kommt eben später zu einer Ausweitung auf die sexuelle Beziehungsebene und dem können die Kinder dann relativ wenig entgegen setzen, weil sie ja zu dem Täter schon eine positive emotionale Bindung aufgebaut haben. Letzterem wiederum fehlt das Einfühlungsvermögen in dieses zusätzlich traumatisierende Dilemma des Kindes.

Der Patient muss lernen, was das Kind wirklich will

Stichwort "Opfer". Haben Sie auch direkt Kontakt zu den Opfern?
Klaus Michael Beier: Das ist ja der Ausgangspunkt. Die Sexualmedizin befasst sich mit allen Sexualstörungen. Und der Missbrauch an Kindern und Jugendlichen zieht nicht selten Beziehungs- und sexuelle Funktionsstörungen nach sich, so dass die Betroffenen dann im Erwachsenenalter aus diesen Gründen vorstellig werden. Wenn das Vertrauen eines Kindes in das Gelingen von Beziehungen erst einmal stark erschüttert wurde, wird es Schwierigkeiten bekommen, sich auf neue Bindungen einzulassen oder eine angstfreie und unbefangene Intimität erleben zu können.
Hinsichtlich der Traumatisierung geht es primär gar nicht so sehr darum, was genau an Praktiken bei den sexuellen Übergriffen abgelaufen ist, also ob beispielsweise der Penis eines Opfers angefasst oder in den Mund genommen wurde. Entscheidend ist vielmehr auf der emotionalen Ebene der Vertrauensmissbrauch. Folglich spielt es eine große Rolle, in welchem Vertrauensverhältnis der Täter zu dem Kind steht. Darum ist es besonders traumatisierend, wenn ein Geistlicher - der eigentlich Schutzfunktionen geradezu verkörpert - sein Amt missbraucht, in dem er beispielsweise dem Kind vermittelt, mit dem lieben Gott in Verbindung zu stehen und in seinem Namen den Körper inspizieren zu müssen, letztlich aber durch seine pädophile Neigung dazu motiviert ist.
Kommt es während ihrer Behandlung auch zu einer Konfrontation mit den Opfern?
Klaus Michael Beier: Ja, im Behandlungsprogramm werden auch sogenannte Opferbriefe eingesetzt. Der Täter versetzt sich hierbei in reale oder potentielle Opfer und schreibt an diese. Sinnvoll sind auch authentische Berichte von Opfern, die eine stärkere Einfühlung in deren Erleben ermöglichen.
Sie haben mehrfach darauf hingewiesen, dass ein wichtiger Bestandteil ihrer Therapie darin besteht, dass der Patient lernt, sich in die Rolle, in die Gefühlssituation des Kindes zu versetzen, dass er eine gewisse Empathie entwickeln kann.
Klaus Michael Beier: Der Patient muss lernen, was das Kind wirklich will oder nicht. Das Kind will Anerkennung und Zuwendung, aber es will eben keine sexuellen Kontakte. Aber für viele Pädophile ist genau diese Trennung schwer auseinander zu halten, weil sie sich aufgrund der eigenen sexuellen Bedürfnisse eine Vermischung wünschen. Dadurch verzerren sie die Realität derart, dass sie nicht mehr Anwalt der Interessen des Kindes sein können.