Projekt- und Therapieziel: Kinderseelen retten!

Es käme zu einem Proteststurm, wenn alle die im Internet kursierenden kinderpornographischen Bilder und Filme kennen würden

Sie haben 2009 Ihr Projekt auf auch den kommerziellen sexuellen Missbrauch im Internet ausgeweitet. Ist Kinderpornografie die klassische "Einstiegsdroge" für Pädophile?
Klaus Michael Beier: Zumindest machen wir die Erfahrung, dass es bei unseren Stichproben einen Alterseffekt gibt. Bei den Jüngeren, die noch keinen Übergriff begangen haben, zeigt sich, dass diese in der Vergangenheit größtenteils schon kinderpornografische Materialien genutzt haben. Je älter sie sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auch in der Realität sexuell an Kindern vergangen haben. Ich bin überzeugt davon, dass es zu einem Proteststurm käme, wenn wirklich jeder Erwachsene in der Bevölkerung die im Internet kursierenden Bilder und Filme alle kennen würde.
Wie ist das zu verstehen?
Klaus Michael Beier: Ganz einfach. Die meisten Menschen wissen nicht, was im Internet vor sich geht, also was dort für kinderpornografische Darstellungen zu sehen sind. Sie wollen das auch gar nicht wissen, es liegt mehr in ihrem Interesse, davon möglichst keine Kenntnisse zu erlangen. Meine Hypothese ist: Wenn die Menschen all dies wüssten, wäre eine ganz andere gesellschaftliche Kraft im Gange. Sie würde dafür Sorge tragen, dass das Material nicht mehr so leicht erhältlich wäre.
Fakt ist, dass kinderpornografische Materialien heutzutage sehr leicht zugänglich sind. Dieses Ausufern auf der Online-Ebene ist meiner Einschätzung nach vom Rechtssystem nicht mehr zu handhaben. Es ist zu befürchten, dass die zuständigen Behörden diesbezüglich längst aufgegeben haben.
Wo sehen Sie denn in rechtlicher oder ermittlungstechnischer Hinsicht Handlungsbedarf? Wie geht man das Problem am effektivsten an?
Klaus Michael Beier: Zum einen müsste man die Gesellschaft über die massiven Traumatisierungen, denen die Kinder ausgesetzt sind, viel stärker aufklären. Hierüber weiß kaum jemand etwas Genaueres. Im Internet sehen wir Missbrauchshandlungen, die einmal geschehen sind. Hier sehen wir genau das in aller Deutlichkeit, was wir verhindern wollen.
Zum anderen müsste man, wenn man einen Nutzer solcher Materialien überführt hat, sehr zeitnah und konsequent ein richtiges Verfahren in Gang setzen, um gesellschaftlich die Aussage zu treffen: Das ist eine Straftat, die wir in dieser Form nicht dulden! Ferner muss man sich aber auch mit dem gefundenen Material auseinandersetzen. Ein Richter macht dies in der Regel nicht. Er urteilt meist anhand der Anzahl der aufgefundenen Dateien. Der Täter erhält dann eine Anklageschrift, in der steht, dass auf seinem Computer beispielsweise 3500 Dateien gefunden wurden. Gemäß dieser Anzahl fällt dann das Urteil des Richters aus.

Die Gesellschaft nimmt das Problem nicht ernst

Die Quantität gibt den Ausschlag.
Klaus Michael Beier: Ja, genau. Wir hingegen machen uns die Mühe, das Material zu sichten. Wir konfrontieren den Täter mit den jeweiligen Bildern und nutzen diese für die Diagnose und Begutachtung. Da die Nutzer von Missbrauchsabbildungen in der Regel eine pädophile Neigung haben, können wir zu einem relativ frühen Zeitpunkt dann die Diagnose stellen. Ich habe noch keinen einzigen Fall bei einem Konsumenten von kinderpornografischem Material gehabt, bei dem am Ende nicht die Diagnose Pädophilie oder Hebephilie gestanden hätte. Die allermeisten Verfahren werden dennoch auf dem Strafbefehlswege abgeschlossen. In diesem Fall bekommt der Beschuldigte einen Brief, in dem er beispielsweise zu einer Zahlung von 2500 Euro verurteilt wird. Der Betreffende hat also nie vor einem Richter gestanden.
Mehr passiert nicht?
Klaus Michael Beier: Mehr passiert nicht. Und genau darüber lachen letztlich die Verurteilten. Sie nehmen das nicht ernst. Und die Gesellschaft nimmt dieses Problem eben auch nicht ernst, sonst würde sie ja mit größerem Ernst reagieren.

Es ist ein großer Menschenversuch, dass wir unsere Kinder den im Internet verfügbaren sexuellen Bilderwelten völlig ungefiltert aussetzen

Hat das Internet auch die Hemmschwelle für direkte sexuelle Übergriffe pädophil motivierter Straftäter herabgesetzt, was eigentlich die logische Konsequenz wäre?
Klaus Michael Beier: Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um zu der Auffassung zu gelangen, dass dies nun wirklich nahe liegt. Ich führe hier gerne das Beispiel der so genannten Spiegelneuronen an, die beim Betrachten von Handlungen dafür sorgen, dass genau jene Hirnareale aktiviert werden, die zur realen Ausführung der Handlung benötigt würden. So läuft Lernen am Modell. Es wäre völlig naiv anzunehmen, dass die Spiegelneuronen beim Betrachten sexueller Handlungen keine Rolle spielen sollen. Deswegen ist es aus meiner Sicht aber auch ein großer unethischer Menschenversuch, dass wir unsere Kinder und Jugendlichen dem Medium Internet und den darin leicht verfügbaren sexuellen Bilderwelten völlig ungefiltert aussetzen. Die allermeisten Eltern wissen gar nicht, dass es die Bilder überhaupt gibt, die ihre Kinder via Mausklick schon längst gesehen haben.
Das lässt sich ja ohnehin kaum mehr kontrollieren. Kinder sind pfiffig. Beim Googeln brauchen sie nur den Filter deaktivieren, die Bild- oder Videooption nutzen und können in Sekundenschnelle die härtesten (legalen) Hardcore-Pornos runterladen. Da möchte man nicht über die Folgeschäden nachdenken!
Klaus Michael Beier: Das sollte man aber. Das ist aus meiner Sicht so lange verantwortungslos, wie diese Bilder auf sich entwickelnde Gehirne treffen, in denen sich gerade die sexuelle Präferenzstruktur manifestiert. Wenn dieser Prozess abgeschlossen ist - also im Erwachsenenalter - soll jeder im Internet gucken, was er will.
Dann müssten die Suchmaschinen-Betreiber aber endlich reagieren und effektive Filter einbauen.
Klaus Michael Beier: Das wäre sicher eine sinnvolle Maßnahme und mit genügender Finanzkraft ließen sich derartige Technologien auch entwickeln. Wegen der fehlenden ökonomischen Gewinnerwartung interessiert das aber keinen. Es wäre also erforderlich, entsprechenden politischen Druck zu erzeugen, um Kinder effektiver zu schützen.

Die Kirche verlangt das Unmögliche und grenzt sexuelle Minoritäten aus

Sie haben in einem Interview mit der WELT geäußert, dass der "Zölibat" keine Übergriffe an Kindern fördert, gegenüber dem STERN allerdings konzediert, dass die katholische Kirche in der Tat Pädophile anzieht. Das Thema Kindesmissbrauch durch Geistliche ist in den Medien omnipräsent und hat viele Kirchenaustritte provoziert. Welche Konsequenzen muss die Kirche hieraus ziehen?
Klaus Michael Beier: Die Konsequenzen liegen auf der Hand, sind aber für die Kirche offensichtlich nur schwer umzusetzen. Die Kirche müsste einerseits anerkennen, dass der Garten Gottes auch in Bezug auf Vielfalt menschlicher Sexualität sehr groß ist und die sexuelle Orientierung auf das erwachsene Körperschema des Gegengeschlechts zwar die häufigste, aber nicht die einzige sexuelle Präferenzausrichtung darstellt. Es geht also um ein Menschenbild, in dem auch integrierbar ist, dass es Männer mit einer sexuellen Ausrichtung auf den kindlichen Körper gibt, die allein durch ihre sexuelle Neigung nicht zu einem schlimmen Menschen werden.
Wirklich christlich wäre daher, Menschen jedweder sexuellen Präferenz in die Gesellschaft zu integrieren. Das macht die Kirche aber gerade nicht. Sie tut so, als ließe sich die sexuelle Präferenz durch Willenskraft und Gottgläubigkeit in die gewünschte Richtung lenken, verlangt also das Unmögliche und grenzt sexuelle Minoritäten aus.
Ergo gibt es Ihrer Meinung nach keine ausreichende Präventionsarbeit vonseiten der Kirche?
Klaus Michael Beier: So ist es. Ich halte eine konstruktive Präventionsarbeit in der Kirche aber für hochgradig sinnvoll und notwendig. Deswegen habe ich ja 2008 auch Papst Benedikt XVI. in einem Brief auf der Grundlage unserer Erfahrungen mit dem Präventionsprojekt Dunkelfeld meine Hilfe angeboten.
Man liest, Sie hätten nur einen Dankesbrief erhalten!
Klaus Michael Beier: Das stimmt. In dem hieß es, man werde das Anliegen an die römische Kurie weiterleiten.