Projekt- und Therapieziel: Kinderseelen retten!

Es gibt keine "psychisch gewaltfreien" Sexualhandlungen mit Kindern

Die Psychologin Sophinette Becker (1997) schrieb 1997 einmal: "Wenn fünf Sexualwissenschaftler privat zusammensitzen, und einer schneidet das Thema 'Pädophilie' an, bricht innerhalb kurzer Zeit heftiger Streit aus. Werfen die einen den anderen Feigheit, Konformismus, biedere Moralisierung, Ausgrenzung von Minderheiten vor, schlagen die anderen mit dem Vorwurf der Verharmlosung, Verleugnung, Pseudo-Fortschriftlichkeit zurück." Reagieren manche Kollegen ähnlich auf das von Ihnen initiierte Präventionskonzept?
Klaus Michael Beier: Nein. Aber es gibt fraglos noch Differenzen, was die Unveränderbarkeit der sexuellen Präferenzstruktur betrifft. Ich erlebe dies beispielsweise im Rahmen von Prognose-Gutachten bei pädophil ausgerichteten Untergebrachten im Maßregelvollzug, bei denen die Therapeuten allen Ernstes versuchen, eine sexuelle Orientierung auf das erwachsene Körperschema zu erzeugen. Dann verbindet sich das Wunschdenken der Patienten mit dem der Therapeuten, und man kommt keinen Schritt weiter.
Dahinter steckt sicher auch eine Unwilligkeit zu akzeptieren, dass Menschen in sexueller Hinsicht determiniert sind. Man möchte eben alle Freiheiten haben wollen und nicht eingeengt sein - ein Denken, dass stark von der sexuellen Revolution geprägt ist. Die 1968er-Bewegung hat ja seinerzeit wirklich geglaubt, man könne durch Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse eine freie Sexualität erzeugen. Das war eine Vision, die dann auch zu der Überlegung führte, warum zu dieser Freiheit nicht eigentlich auch sexuelle Kontakte mit Kindern gehören sollten. Das waren entsprechend günstige Zeiten für Männer mit pädophiler Neigung.
Sexualwissenschaftler setzten noch 1985 abenteuerliche Hypothesen in die Welt, wie etwa die Psychologen Frits Bernard und Ernest Bornemann, die postulierten, dass physische wie psychische gewaltfreie Sexualhandlungen keine negativen Folgeschäden für das Kind haben würden. Gibt es heute auf Ihrem Forschungsfeld immer noch Vertreter solch gewagter Thesen?
Klaus Michael Beier: Zeitlich sind das die Ausläufer der sexuellen Revolution. Damals waren übrigens auch die Anzeigen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs in der Kriminalstatistik rückläufig, was auch noch mal den Zusammenhang zwischen Kultur und Einstellung zur Sexualität verdeutlicht. Heutzutage ist es Konsens, dass zur altersgemäßen Förderung von Kindern sexuelle Kontakte mit Erwachsenen nicht gehören. Es ist im Übrigen davon auszugehen, dass es "psychisch gewaltfreie" Sexualhandlungen mit Kindern nicht gibt, weil sich diese immer in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Erwachsenen befinden. Alles andere ist interessengeleitete Legendenbildung.

Unser Ziel ist ein bundesweites Angebot der primären Prävention sexueller Traumatisierungen

Wie viele interessierte bzw. potentielle Patienten melden sich jährlich zu Ihrem Forschungsprojekt, und wie viele davon können Sie aufnehmen?
Klaus Michael Beier: Seit Projektbeginn 2005 haben wir mehr als 1500 Anmeldungen. Pro Monat sehen wir uns 20 bis 30 Neuanmeldungen gegenüber. Wir bitten dann die Interessenten nach Berlin, wo wir bislang mehr als 600 Männer komplett diagnostisch erfasst haben. Mehr als 300 davon wurde ein Therapieplatz angeboten.
Ist Ihr Projekt weltweit einzigartig?
Klaus Michael Beier: Ja, absolut. Weltweit gibt es kein Land mit einem derartigen Programm.
Gibt es auch Interessenten aus dem Ausland, Kollegen, Institute?
Klaus Michael Beier: Ja. Aber es war in der Vergangenheit schon schwer genug, die eigene Bevölkerung zu überzeugen. Das war für uns die Haupthürde. Jetzt haben sich unser Projekt und dessen Wirksamkeit herumgesprochen und einigermaßen durchgesetzt. Die Bevölkerung beginnt, unsere Arbeit wahrzunehmen und als sinnvollen Weg des Kinderschutzes zu schätzen.
Das Thema Pädophilie ist in der Öffentlichkeit stark tabuisiert. Sahen Sie sich in der Vergangenheit bisweilen auch Anfeindungen gegenüber, die bis ins Persönliche abdriften?
Klaus Michael Beier: Ja, natürlich. Aber das hielt sich sehr in Grenzen. So etwas muss man dann eben hinnehmen können.
Die von Ihnen offerierte Therapie ist kostenfrei für interessierte pädophile Menschen. Wie sieht es denn mit der weiteren Finanzierung aus.
Klaus Michael Beier: Im Moment wird das Projekt mit Bundesmitteln fortgeführt - bis zum Jahr 2013. Wir sind derzeit mit der Etablierung eines bundesweiten Präventionsnetzwerkes befasst. Am 19. Oktober wird in Leipzig eine Ambulanz für Sachsen eröffnet, ab Januar eine weitere in Hannover und danach in Hamburg, so dass es bald sechs Anlaufstellen bundesweit geben wird. Wir wollen das Präventionskonzept aber auch in Nordrhein-Westfallen und Baden-Württemberg ansiedeln. Unser Ziel ist ein bundesweites Angebot der primären Prävention sexueller Traumatisierungen.
Kein Täter werden" - Präventionsprojekt Dunkelfeld startet in Leipzig: Ab dem 19. Oktober 2011 bietet die Leipziger Ambulanz des erfolgreichen Forschungs- und Präventionsprojekts "Kein Täter werden" Männern mit pädophiler Neigung therapeutische Hilfe unter Schweigepflicht. Die Kinderschutzstiftung Hänsel + Gretel und Sachsens Sozialministerin Christine Clauß unterstützen das Projekt. Näheres hierzu. Bild: Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin am Universitätsklinikum Charité
Die Chancen sind demnach gut, dass sich ihr Projekt bundesweit etabliert?
Klaus Michael Beier: Das hoffen wir. Chancen hierfür sehe ich. Aber es ist letztlich eine Frage der Finanzierung und diesbezüglich bin ich der Meinung, dass die primäre Prävention in den Zuständigkeitsbereich des Gesundheitssystems und nicht des Justizsystems fallen muss. Es gibt eben eine Präventionsstrecke vor der Forensik, vor der Justiz. Wenn jemand eine Präferenzstörung hat, für die er nichts kann und zudem darunter leidet und Hilfe in Anspruch nehmen möchte, dann sollte sich die Solidargemeinschaft für ihn einsetzen. Ich bin absolut überzeugt davon, dass dies die richtige Vorgehensweise ist. Das gilt übrigens für alle anderen Präferenzstörungen auch.