Projekt- und Therapieziel: Kinderseelen retten!

Der Sexualwissenschaftler und Psychoanalytiker Klaus Michael Beier im Gespräch

Während das Bundeskriminalamt, die Landeskriminalämter und Polizeidienststellen alle Register der kriminalistischen Kunst ziehen und unermüdlich mit hohem Engagement die Schwächsten in der Gesellschaft, sprich Kleinkinder, Kinder und Jugendliche, vor sexuellen Übergriffen und Gewalttaten zu schützen und straffällig gewordene Täter zu überführen versuchen, existiert auch eine andere Ebene, bei der die Präventionsarbeit im Vordergrund steht. Dem Missbrauch an Minderjährigen entgegentreten und vorbeugen will auch der Sexualwissenschaftler Klaus M. Beier, Direktor am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Berliner Charité.

Seit 2005 leitet er hier ein weltweit einzigartiges Präventionsprojekt gegen Kindesmissbrauch. Im Rahmen des Projekts Dunkelfeld behandeln Beier und sein Team unter dem Motto "Kein Täter werden" pädophile Patienten, die befürchten, sich in Zukunft an Kindern zu vergehen oder sich bereits an Kinder vergriffen haben. Die Anmeldung ist freiwillig - die Therapie für den Interessenten kostenfrei. Sie erfolgt völlig anonym und hat für den Probanden keine rechtlichen Konsequenzen. Beier verweist darauf, dass die bisherigen vorbeugenden Therapien und Maßnahmen bei behandlungswilligen pädophilen Männern Wirkung gezeigt haben.

Beier geht von dem therapeutischen Ansatz aus, dass Pädophile ihre sexuelle Neigungen durchaus kontrollieren können, vor allem wenn ihnen der Perspektivenwechsel gelingt, sich in die Situation und Gefühlswelt des Kindes bzw. potenziellen Opfers hineinzuversetzen. Für Beier hat die Unversehrtheit und der Schutz des Kindes höchste Priorität. Gleichwohl warnt er davor, Menschen mit pädophiler Neigungen zu ächten. Sein Credo: Pädophil zu sein per se ist kein Verbrechen. Nur wer sich wirklich an Kinder vergreift oder kinderpornografisches Material konsumiert begeht ein Verbrechen! Prof. Beier ist sich darüber im Klaren, dass sein Therapieansatz infolge des sehr emotional besetzten Themas auch weiterhin Kritik provozieren wird.

Verhaltenskontrolle, aber nicht Heilung

Sie definieren Pädophilie als eine Störung der sexuellen Präferenz. Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese als eigenständige Krankheit klassifiziert, charakterisieren Sie Pädophilie eher als chronische sexuelle Störung, die sich ab der Jugend heraus prägt und bis zum Lebensende bestehen bleibt. Sie ist nicht heilbar, dafür aber kontrollierbar und somit therapierbar. Gehen Ihre Kollegen inzwischen mit dieser Definition konform?
Klaus Michael Beier: Das geht hier ein wenig durcheinander, gibt aber vielleicht gleich Gelegenheit, Klarheit zu schaffen. Im ICD-10, dem Klassifikationssystem der WHO, wird die Pädophilie als Störung der sexuellen Präferenz zugeordnet und im Diagnose-System der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung, dem DSM-IV-TR, als Paraphilie, wobei in beiden Fällen die sexuelle Ansprechbarkeit auf den kindlichen Körper gemeint ist und von einem eigenständigen krankheitswertigen Störungsbild ausgegangen wird. Unterschiedliche Auffassungen gibt es allenfalls über den Verlauf und die erreichbaren Therapieziele. Das bisher verfügbare Wissen muss man meines Erachtens so zusammenfassen, dass sich die Pädophilie - wie alle sexuellen Ausrichtungen - im Jugendalter manifestiert und dann über das weitere Leben unverändert bestehen bleibt.
Das gilt also auch für die sexuelle Ausrichtung auf das erwachsene Körperschema. Darum handelt es sich bei der Pädophilie um eine chronische, lebensüberdauernde Problematik. Ein realistisches Therapieziel ist die Verhaltenskontrolle, aber nicht die Heilung im Sinne einer Auflösung oder Veränderung der sexuellen Präferenz selbst. Es gibt unter meinen wissenschaftlichen Kollegen keinen Zweifel darüber, dass es sich bei Pädophilie um eine sexuelle Präferenzstörung handelt. Und hinsichtlich des Verlaufs hat bisher niemand Daten vorgelegt, dass sich die pädophile Sexualpräferenz ändern ließe.
Der Terminus "Hebephilie" ist in der Öffentlichkeit relativ unbekannt. Wie ist dieser von der Pädophilie abzugrenzen?
Klaus Michael Beier: Bei der Pädophilie können sie - und das ist unser wichtigstes Erkenntniskriterium - bei kooperationsbereiten Menschen, die wahrheitsgemäß antworten, das Körperschema anhand ihrer Begleitfantasien bei der Masturbation sowie der Fantasien bestimmen, die ihre Erregung grundsätzlich begleiten. Bei jedem Menschen, der mir bereitwillig Auskunft gibt, kann ich die Präferenzstruktur explorieren. Ich würde hierbei den Probanden beispielsweise fragen, inwieweit in seiner Fantasie Männer oder Frauen auftreten und könnte dadurch das von ihm präferierte Körperschema erfassen. Ich würde erkennen, ob er das kindliche Körperschema als erregend wahrnimmt oder nicht.
Uns geht es bei der Diagnose nicht um das kalendarische Alter, sondern um das Körperschema, das sich gut beschreiben lässt. Hier gibt es alle möglichen Ausformungen, vom Kleinkind-, Grundschulkind- bis hin zum jugendlichen Körperschema, das durch den Übergang vom Kind zum Mann oder zur Frau gekennzeichnet ist. Hebephil orientierte Männer etwa reagieren auf den jugendlichen Jungen- und Mädchenkörper während der Pubertät.
Wir explorieren immer drei Achsen: Erstens interessieren wir uns dafür, auf welches Geschlecht der Betreffende orientiert ist. In den allermeisten Fällen fokussiert sich der Patient auf nur ein Geschlecht. Zweitens erfassen wir konkret das präferierte kindliche oder jugendliche Körperschema. Und zuletzt nehmen wir die Sexualpraktiken auf, bei denen ein breites Spektrum existiert. So schauen sich manche Patienten nur den Körper in ihrer Fantasie an, andere nehmen direkt Kontakt zum Kind auf und fassen den Körper an oder penetrieren das Kind auf verschiedene Art und Weise. Darüber hinaus gibt es noch weitere Praktiken, die eine Rolle spielen können. Letzten Endes können wir alles sehr gut auswerten, sofern der Patient uns wahrheitsgemäß Auskunft gibt.
Der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Denken wir an die literarisch verklärte Knabenliebe bei den Griechen, den sexuellen Missbrauch im Römischen Reich an minderjährigen Sklaven, an die Vorliebe Kaiser Tiberius‘ für kindliche Sklaven oder etwa an Ludwig XV., der sich mit Hilfe von Madame de Pompadour in Versailles ein privates Kinderbordell ("Hirschpark") errichten ließ, und nicht zuletzt den sexuellen Missbrauch durch kirchliche Würdenträger seit Beginn des Christentums - die Liste der historisch dokumentierten Schandtaten, in der Regel begangen von Männern, ist lang - und die geschichtliche Dunkelziffer dürfte enorm hoch sein. Ist Anno Domini 2011 der Missbrauch an Kindern immer noch eine unbezwingbare Hydra der Menschheit?

Das natürliche Spektrum sexueller Aktivitäten und Ausrichtungen geht weit über das als "normal" Angesehene hinaus

Klaus Michael Beier: Zunächst möchte ich eine weit verbreitete Annahme korrigieren: Es gibt heute noch Ethnien, in denen die pubertierenden Jungen im Sinne von Initiationsriten sexuelle Handlungen an den erwachsenen Männern vornehmen müssen, bevor sie selber in der Hierarchie zum Krieger aufsteigen. Bei den Griechen war das mutmaßlich ähnlich. Die Verhaltensäußerung darf man eben nicht mit Pädophilie gleichsetzen, weil eben auch nicht-pädophile Männer und Frauen Sex mit Kindern haben können und dies aus verschiedenen Gründen in menschlichen Gesellschaften immer vorkam.
Etwas anderes ist die Pädophilie und ein aus ihr resultierendes sexuelles Interesse an Kindern. Die gab es allerdings auch schon immer und betraf dann sicher nur einen kleinen Teil der Männer und nicht die Mehrheit. Ich bin überzeugt davon - und das sehe ich zugleich als wichtigen Lernprozess für die Gesellschaft -, dass die uns bekannte sexuelle Bandbreite mit all ihren Verästlungen und unterschiedlichen Körperschemata zur menschlichen Sexualität schlichtweg dazugehört.
Die Entwicklung der sexuellen Orientierung ist abhängig von bestimmten Faktoren. Es ist ein höchst komplexer Vorgang. Ich glaube, dass sich die Menschen zu wenig darüber im Klaren sind, dass das natürliche Spektrum sexueller Aktivitäten und Ausrichtungen weitaus breiter ist, als das, was gesellschaftlich als "normal" angesehen wird. Hierzu gehören alle Erscheinungsformen - auch die seltenen. Und ferner sind neben biologischen Mechanismen der Gehirnentwicklung auch kulturelle Faktoren zu berücksichtigen. Einen Gummifetischismus kann ein Betroffener nur ausbilden, wenn Gummi in seiner Umgebung verfügbar ist, das heißt kulturell hervorgebracht worden ist.
Der Mensch entwickelt sich in seiner Jugend unter dem Einfluss biologischer und kultureller Faktoren. Das gilt eben auch für die sexuelle Ausrichtung, die dann ab dem Ende der Jugend festgelegt ist, was auch deshalb Sinn macht, weil diese beim häufigsten Fall, also bei der Orientierung auf das erwachsene Körperschema des Gegengeschlechts, für die Familiengründung elementar ist. Dauerhafte Bindungen lassen sich schlecht etablieren, wenn sich die sexuellen Präferenzen jeden Tag grundsätzlich ändern würden. Der vor diesem Hintergrund ziemlich sinnvolle Mechanismus einer Fixierung der sexuellen Präferenzstruktur nach Herausbildung im Jugendalter gilt eben auch für die selteneren sexuellen Erscheinungsformen, wozu die Pädophilie zählt.
Warum kristallisiert sich Ihrer Definition nach die Neigung Pädophilie ausgerechnet zu einem Zeitpunkt heraus, an dem die Betroffenen selbst noch jugendlich sind. Ist dies nicht eine bittere Ironie des Schicksals?
Klaus Michael Beier: Noch mal: Es ist ein allgemeiner Mechanismus, den wir hier bei der Entwicklung des sexuellen Erlebens von Menschen annehmen müssen. Am Ende der Jugendphase wird die individuelle sexuelle Programmierung gewissermaßen arretiert. Bei sehr vielen Menschen endet das in der Ausrichtung auf das Gegengeschlecht sowie das erwachsene Körperschema. Nur bei einer kleineren Gruppe wird dieser Prozess mit der Fixierung auf das kindliche Körperschema abgeschlossen.
Darum ist es auch wichtig, dass man den betreffenden Menschen ihre Neigung nicht zum Vorwurf machen darf. Eine Ironie des Schicksals ist also eher, dass man von der Gesellschaft für etwas ausgegrenzt wird, für das man nichts kann. Das wäre so, als ob man jemanden nicht respektieren würde, weil er Linkshänder ist. Das Einzige, was man dem Linkshänder vorwerfen dürfte, wäre, wenn er anderen Schaden zufügt. Also kann es nur um Verhaltenskontrolle gehen.
Der Landauer Sexualwissenschaftler Norbert Kluge verwies bereits 2006 in einer Studie darauf, dass Kinder in Deutschland immer früher ihre Pubertät durchleben. Während das Durchschnittsalter eines Mädchens im Jahr 1860 bei ihrer ersten Periode noch bei 16,6 Jahren lag, bekommen Mädchen heute im Durchschnitt bereits mit elf Jahren erstmals ihre Periode. Hat diese Entwicklung, die von anderen Studien gestützt wird, einen Einfluss auf das diffizile Problemfeld Pädophilie?
Klaus Michael Beier: Nicht bezüglich der Pädophilie, aber bezüglich der Hebephilie. Das Durchschnittsalter bei Kindern, die in unserem Kulturkreis in die Pubertät kommen, liegt im Übrigen bei etwa zwölf Jahren, die Geschlechter unterscheiden sich hinsichtlich des Eintrittalters nur unwesentlich. Das heißt aber auch, dass sie ab zwölf Jahren das präpubertäre Körperschema verlassen und die körperliche Sexualentwicklung jetzt genau jene Übergangsstufe des jugendlichen Körperschemas formt, worauf Männer mit hebephiler Neigung dann ansprechen. Es handelt sich bis zum Alter von 14 Jahren aber um Minderjährige, deren Entwicklung zu Recht besonders geschützt werden muss.

Ein Prozent der Männer erleben das kindliche Körperschema als erregungssteigernd

In einem bereits 1972 durchgeführten Experiment kamen die US-Forscher Freund, McKnight, Langevin u. Cibiri zu dem Ergebnis, dass auch "ganz normale" Männer zumindest in ihrer Phantasie durchaus für sexuelle Reize präpubertierender Kindern empfänglich sind. Messungen der Penisschwellung an insgesamt 40 heterosexuellen Männern ergaben, dass diese mehrheitlich auf das vorgelegte Bild- und Filmmaterial mit nackten Mädchen im Alter von sechs bis 14 Jahren "reagierten". Eine andere Untersuchung, bei der 1988 insgesamt 193 männliche College-Studenten befragt wurden, ergab, dass sich 21 Prozent davon, also mehr als ein Fünftel, von Kindern sexuell angezogen fühlen. Muss angesichts solcher statistischer Daten der potenzielle Anteil von Pädophilen in der Gesellschaft, der auf 250.000 Menschen geschätzt wird, nicht spürbar nach oben korrigiert werden? Müsste die Dunkelziffer der Pädophilen nicht höher liegen als bislang extrapoliert?
Klaus Michael Beier: Das Untersuchungsverfahren mit der Phallometrie zeigt lediglich, dass eine Reaktion bestenfalls nur peripher stattgefunden hat. Hierbei weiß letztendlich also niemand genau, was sich im Gehirn ereignet hat. Für uns ist aber diagnostisch von entscheidender Bedeutung, was in den Masturbationsfantasien als sexuell erregungssteigernd vorkommt.
Wenn man sich die Studien zu Frauen anschaut, bei denen eine Mess-Sonde in die Vagina der jeweiligen Probandin eingeführt wurde, um Durchblutungsveränderungen zu registrieren, wird deutlich, dass Frauen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung auf alles mit genitaler Erregung reagieren, was sexuelle Interaktionen zeigt, ganz gleich also zwischen wem - und selbst bei Kopulationen zwischen Schimpansen. Nach ihrem subjektiven Empfinden fanden sie aber nur die gesehenen sexuellen Interaktionen, die ihrer sexuellen Orientierung auch entsprachen, erregend. Messungen der genitalen Erregung sagen also nur bedingt etwas über die sexuelle Präferenz.
Wir haben zusammen mit den Epidemiologen der Charité eine Studie durchgeführt, von der wir uns Hinweise auf die Häufigkeit von Präferenzstörungen versprachen. Ausgangspunkt war eine repräsentative Stichprobe von Männern aus dem Berliner Raum, bei denen wir zunächst die Häufigkeit von Erektionsstörungen erfasst haben, um in einem zweiten Schritt dann auch Daten zur sexuellen Präferenzstruktur der Befragten zu erheben. Dabei haben wir auch die Begleitfantasien bei der Masturbation erfragt und festgestellt, dass zirka ein Prozent das kindliche Körperschema als erregungssteigernd erleben. Eine Prävalenz von ein Prozent der Männer ergibt dann für Deutschland insgesamt etwa 250.000 Betroffene.
Zum Vergleich: In etwa so viele Menschen sind in Deutschland an Morbus Parkinson erkrankt Jeder hat schon einmal einen Parkinson-Betroffenen gesehen, weil die Bewegungsstörung die Erkrankung nach außen ersichtlich macht. Eine Erkrankung mit einer Prävalenz von einem Prozent fällt also auf, wenn man sie äußerlich erkennen könnte. Und das ist bei der Pädophilie gerade nicht möglich.
In der Literatur wird immer wieder darauf verwiesen, dass es den typischen Pädophilen nicht gibt. Er kommt vielmehr aus allen Schichten - sozial, bildungs- und einkommensmäßig. Gibt es dennoch signifikante Gemeinsamkeiten, die Pädophile teilen?
Klaus Michael Beier: Nein. Es gibt nur eine Gemeinsamkeit, nämlich die, dass die Betroffenen alle eine pädophile Neigung aufweisen.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Beier, Jahrgang 1961, Studium der Medizin (ab 1979) und der Philosophie (ab 1980) an der Freien Universität Berlin; Promotion in der Medizin über ein klinisch-neurophysiologisches Thema (1986) und in der Philosophie mit einem Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte und -theorie der Psychologie und Psychopathologie (1988). Ab 1988 wissenschaftlicher Assistent für Sexualmedizin an der Sexualmedizinischen Forschungs- und Beratungsstelle am Klinikum der Universität Kiel. 1994 Habilitation für Sexualmedizin mit einer retrospektiven Lebenslängsschnittanalyse zur Prognose ehemals begutachteter Sexualstraftäter. Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker. Seit 1996 Professor für Sexualwissenschaft/Sexualmedizin am Universitätsklinikum Charité der Humboldt-Universität zu Berlin; leitet das dortige Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin. Näheres zu Beier. Bild: H. Zaun

Pädophile Neigung kommt bei Frauen sehr selten vor

Unter Pädophilen finden sich fast ausnahmslos Männer. Warum gibt es so gut wie keine pädophilen Frauen? Gibt es diesbezüglich Erklärungsmuster - Stichwort "Mutterinstinkt"?
Klaus Michael Beier: Nein, weil derzeit noch nicht bekannt ist, wie sich die sexuelle Präferenzstruktur genau ausbildet. Das gilt auch für den häufigsten Fall, nämlich die sexuelle Orientierung auf das erwachsene Körperschema des Gegengeschlechts. Empirisch besteht aber kein Zweifel daran, dass die pädophile Neigung bei Frauen nur höchst selten vorkommt.
Ich selbst habe in meiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit in der Sexualmedizin bislang nur eine einzige Frau kennengelernt, bei der die Diagnose "Pädophilie" wirklich zutraf, dafür aber mehr als tausend Männer. Was bei Frauen schon häufiger vorkommt, sind nicht pädophil motivierte sexuelle Missbrauchshandlungen an Kindern. Diese Frauen sind also von ihrer Präferenzstruktur auf das erwachsene Körperschema ausgerichtet, begehen aber aus unterschiedlichen Gründen sexuelle Ersatzhandlungen an Kindern. Im Vergleich zu Männern, die derartige Ersatzhandlungen begehen, ist die Anzahl dieser Täterinnen aber wiederum eher gering.
Gibt es neben dem Körperschema auch eine bevorzugte Altersstruktur, auf die Pädophile fixiert sind?
Klaus Michael Beier: Nein, es geht nicht um das kalendarische Alter, sondern um das körperliche Entwicklungsschema. Aber es gibt in der Regel sehr viele Details, welche dann die individuelle Ausprägung bestimmen, wie etwa die Haarfarbe des Kindes oder die Gesichtsform - bis hin zur Zahnlücke und der Gangart. So wie für die auf Frauen orientierten Männer jeweils bestimmte Merkmale der Frau von besonderem Reiz sein können, haben auch Männer mit pädophiler Neigung höchst individuelle Bevorzugungen bestimmter Merkmale des Kindes.
Tragisch ist dabei auch, dass viele Opfer aus sozial problematischen Verhältnissen stammen. Diese Kinder sind dankbar für jede Form von Anerkennung, Akzeptanz und Liebe. Sie fühlen sich unglaublich aufgewertet, wenn sie besondere Beachtung erfahren und Zuwendung erhalten, auch durch Schwimmbad- oder Freizeitparkbesuche mit Einladung zu Eis und Limo.
Man muss sich dabei klar machen, dass ein Mann mit pädophiler Neigung auch tatsächlich daran interessiert ist, mit dem Kind eine richtige Beziehung einzugehen. Die soziale Zuwendung ist also nicht vorgetäuscht, aber es kommt eben später zu einer Ausweitung auf die sexuelle Beziehungsebene und dem können die Kinder dann relativ wenig entgegen setzen, weil sie ja zu dem Täter schon eine positive emotionale Bindung aufgebaut haben. Letzterem wiederum fehlt das Einfühlungsvermögen in dieses zusätzlich traumatisierende Dilemma des Kindes.

Der Patient muss lernen, was das Kind wirklich will

Stichwort "Opfer". Haben Sie auch direkt Kontakt zu den Opfern?
Klaus Michael Beier: Das ist ja der Ausgangspunkt. Die Sexualmedizin befasst sich mit allen Sexualstörungen. Und der Missbrauch an Kindern und Jugendlichen zieht nicht selten Beziehungs- und sexuelle Funktionsstörungen nach sich, so dass die Betroffenen dann im Erwachsenenalter aus diesen Gründen vorstellig werden. Wenn das Vertrauen eines Kindes in das Gelingen von Beziehungen erst einmal stark erschüttert wurde, wird es Schwierigkeiten bekommen, sich auf neue Bindungen einzulassen oder eine angstfreie und unbefangene Intimität erleben zu können.
Hinsichtlich der Traumatisierung geht es primär gar nicht so sehr darum, was genau an Praktiken bei den sexuellen Übergriffen abgelaufen ist, also ob beispielsweise der Penis eines Opfers angefasst oder in den Mund genommen wurde. Entscheidend ist vielmehr auf der emotionalen Ebene der Vertrauensmissbrauch. Folglich spielt es eine große Rolle, in welchem Vertrauensverhältnis der Täter zu dem Kind steht. Darum ist es besonders traumatisierend, wenn ein Geistlicher - der eigentlich Schutzfunktionen geradezu verkörpert - sein Amt missbraucht, in dem er beispielsweise dem Kind vermittelt, mit dem lieben Gott in Verbindung zu stehen und in seinem Namen den Körper inspizieren zu müssen, letztlich aber durch seine pädophile Neigung dazu motiviert ist.
Kommt es während ihrer Behandlung auch zu einer Konfrontation mit den Opfern?
Klaus Michael Beier: Ja, im Behandlungsprogramm werden auch sogenannte Opferbriefe eingesetzt. Der Täter versetzt sich hierbei in reale oder potentielle Opfer und schreibt an diese. Sinnvoll sind auch authentische Berichte von Opfern, die eine stärkere Einfühlung in deren Erleben ermöglichen.
Sie haben mehrfach darauf hingewiesen, dass ein wichtiger Bestandteil ihrer Therapie darin besteht, dass der Patient lernt, sich in die Rolle, in die Gefühlssituation des Kindes zu versetzen, dass er eine gewisse Empathie entwickeln kann.
Klaus Michael Beier: Der Patient muss lernen, was das Kind wirklich will oder nicht. Das Kind will Anerkennung und Zuwendung, aber es will eben keine sexuellen Kontakte. Aber für viele Pädophile ist genau diese Trennung schwer auseinander zu halten, weil sie sich aufgrund der eigenen sexuellen Bedürfnisse eine Vermischung wünschen. Dadurch verzerren sie die Realität derart, dass sie nicht mehr Anwalt der Interessen des Kindes sein können.

Es käme zu einem Proteststurm, wenn alle die im Internet kursierenden kinderpornographischen Bilder und Filme kennen würden

Sie haben 2009 Ihr Projekt auf auch den kommerziellen sexuellen Missbrauch im Internet ausgeweitet. Ist Kinderpornografie die klassische "Einstiegsdroge" für Pädophile?
Klaus Michael Beier: Zumindest machen wir die Erfahrung, dass es bei unseren Stichproben einen Alterseffekt gibt. Bei den Jüngeren, die noch keinen Übergriff begangen haben, zeigt sich, dass diese in der Vergangenheit größtenteils schon kinderpornografische Materialien genutzt haben. Je älter sie sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auch in der Realität sexuell an Kindern vergangen haben. Ich bin überzeugt davon, dass es zu einem Proteststurm käme, wenn wirklich jeder Erwachsene in der Bevölkerung die im Internet kursierenden Bilder und Filme alle kennen würde.
Wie ist das zu verstehen?
Klaus Michael Beier: Ganz einfach. Die meisten Menschen wissen nicht, was im Internet vor sich geht, also was dort für kinderpornografische Darstellungen zu sehen sind. Sie wollen das auch gar nicht wissen, es liegt mehr in ihrem Interesse, davon möglichst keine Kenntnisse zu erlangen. Meine Hypothese ist: Wenn die Menschen all dies wüssten, wäre eine ganz andere gesellschaftliche Kraft im Gange. Sie würde dafür Sorge tragen, dass das Material nicht mehr so leicht erhältlich wäre.
Fakt ist, dass kinderpornografische Materialien heutzutage sehr leicht zugänglich sind. Dieses Ausufern auf der Online-Ebene ist meiner Einschätzung nach vom Rechtssystem nicht mehr zu handhaben. Es ist zu befürchten, dass die zuständigen Behörden diesbezüglich längst aufgegeben haben.
Wo sehen Sie denn in rechtlicher oder ermittlungstechnischer Hinsicht Handlungsbedarf? Wie geht man das Problem am effektivsten an?
Klaus Michael Beier: Zum einen müsste man die Gesellschaft über die massiven Traumatisierungen, denen die Kinder ausgesetzt sind, viel stärker aufklären. Hierüber weiß kaum jemand etwas Genaueres. Im Internet sehen wir Missbrauchshandlungen, die einmal geschehen sind. Hier sehen wir genau das in aller Deutlichkeit, was wir verhindern wollen.
Zum anderen müsste man, wenn man einen Nutzer solcher Materialien überführt hat, sehr zeitnah und konsequent ein richtiges Verfahren in Gang setzen, um gesellschaftlich die Aussage zu treffen: Das ist eine Straftat, die wir in dieser Form nicht dulden! Ferner muss man sich aber auch mit dem gefundenen Material auseinandersetzen. Ein Richter macht dies in der Regel nicht. Er urteilt meist anhand der Anzahl der aufgefundenen Dateien. Der Täter erhält dann eine Anklageschrift, in der steht, dass auf seinem Computer beispielsweise 3500 Dateien gefunden wurden. Gemäß dieser Anzahl fällt dann das Urteil des Richters aus.

Die Gesellschaft nimmt das Problem nicht ernst

Die Quantität gibt den Ausschlag.
Klaus Michael Beier: Ja, genau. Wir hingegen machen uns die Mühe, das Material zu sichten. Wir konfrontieren den Täter mit den jeweiligen Bildern und nutzen diese für die Diagnose und Begutachtung. Da die Nutzer von Missbrauchsabbildungen in der Regel eine pädophile Neigung haben, können wir zu einem relativ frühen Zeitpunkt dann die Diagnose stellen. Ich habe noch keinen einzigen Fall bei einem Konsumenten von kinderpornografischem Material gehabt, bei dem am Ende nicht die Diagnose Pädophilie oder Hebephilie gestanden hätte. Die allermeisten Verfahren werden dennoch auf dem Strafbefehlswege abgeschlossen. In diesem Fall bekommt der Beschuldigte einen Brief, in dem er beispielsweise zu einer Zahlung von 2500 Euro verurteilt wird. Der Betreffende hat also nie vor einem Richter gestanden.
Mehr passiert nicht?
Klaus Michael Beier: Mehr passiert nicht. Und genau darüber lachen letztlich die Verurteilten. Sie nehmen das nicht ernst. Und die Gesellschaft nimmt dieses Problem eben auch nicht ernst, sonst würde sie ja mit größerem Ernst reagieren.

Es ist ein großer Menschenversuch, dass wir unsere Kinder den im Internet verfügbaren sexuellen Bilderwelten völlig ungefiltert aussetzen

Hat das Internet auch die Hemmschwelle für direkte sexuelle Übergriffe pädophil motivierter Straftäter herabgesetzt, was eigentlich die logische Konsequenz wäre?
Klaus Michael Beier: Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um zu der Auffassung zu gelangen, dass dies nun wirklich nahe liegt. Ich führe hier gerne das Beispiel der so genannten Spiegelneuronen an, die beim Betrachten von Handlungen dafür sorgen, dass genau jene Hirnareale aktiviert werden, die zur realen Ausführung der Handlung benötigt würden. So läuft Lernen am Modell. Es wäre völlig naiv anzunehmen, dass die Spiegelneuronen beim Betrachten sexueller Handlungen keine Rolle spielen sollen. Deswegen ist es aus meiner Sicht aber auch ein großer unethischer Menschenversuch, dass wir unsere Kinder und Jugendlichen dem Medium Internet und den darin leicht verfügbaren sexuellen Bilderwelten völlig ungefiltert aussetzen. Die allermeisten Eltern wissen gar nicht, dass es die Bilder überhaupt gibt, die ihre Kinder via Mausklick schon längst gesehen haben.
Das lässt sich ja ohnehin kaum mehr kontrollieren. Kinder sind pfiffig. Beim Googeln brauchen sie nur den Filter deaktivieren, die Bild- oder Videooption nutzen und können in Sekundenschnelle die härtesten (legalen) Hardcore-Pornos runterladen. Da möchte man nicht über die Folgeschäden nachdenken!
Klaus Michael Beier: Das sollte man aber. Das ist aus meiner Sicht so lange verantwortungslos, wie diese Bilder auf sich entwickelnde Gehirne treffen, in denen sich gerade die sexuelle Präferenzstruktur manifestiert. Wenn dieser Prozess abgeschlossen ist - also im Erwachsenenalter - soll jeder im Internet gucken, was er will.
Dann müssten die Suchmaschinen-Betreiber aber endlich reagieren und effektive Filter einbauen.
Klaus Michael Beier: Das wäre sicher eine sinnvolle Maßnahme und mit genügender Finanzkraft ließen sich derartige Technologien auch entwickeln. Wegen der fehlenden ökonomischen Gewinnerwartung interessiert das aber keinen. Es wäre also erforderlich, entsprechenden politischen Druck zu erzeugen, um Kinder effektiver zu schützen.

Die Kirche verlangt das Unmögliche und grenzt sexuelle Minoritäten aus

Sie haben in einem Interview mit der WELT geäußert, dass der "Zölibat" keine Übergriffe an Kindern fördert, gegenüber dem STERN allerdings konzediert, dass die katholische Kirche in der Tat Pädophile anzieht. Das Thema Kindesmissbrauch durch Geistliche ist in den Medien omnipräsent und hat viele Kirchenaustritte provoziert. Welche Konsequenzen muss die Kirche hieraus ziehen?
Klaus Michael Beier: Die Konsequenzen liegen auf der Hand, sind aber für die Kirche offensichtlich nur schwer umzusetzen. Die Kirche müsste einerseits anerkennen, dass der Garten Gottes auch in Bezug auf Vielfalt menschlicher Sexualität sehr groß ist und die sexuelle Orientierung auf das erwachsene Körperschema des Gegengeschlechts zwar die häufigste, aber nicht die einzige sexuelle Präferenzausrichtung darstellt. Es geht also um ein Menschenbild, in dem auch integrierbar ist, dass es Männer mit einer sexuellen Ausrichtung auf den kindlichen Körper gibt, die allein durch ihre sexuelle Neigung nicht zu einem schlimmen Menschen werden.
Wirklich christlich wäre daher, Menschen jedweder sexuellen Präferenz in die Gesellschaft zu integrieren. Das macht die Kirche aber gerade nicht. Sie tut so, als ließe sich die sexuelle Präferenz durch Willenskraft und Gottgläubigkeit in die gewünschte Richtung lenken, verlangt also das Unmögliche und grenzt sexuelle Minoritäten aus.
Ergo gibt es Ihrer Meinung nach keine ausreichende Präventionsarbeit vonseiten der Kirche?
Klaus Michael Beier: So ist es. Ich halte eine konstruktive Präventionsarbeit in der Kirche aber für hochgradig sinnvoll und notwendig. Deswegen habe ich ja 2008 auch Papst Benedikt XVI. in einem Brief auf der Grundlage unserer Erfahrungen mit dem Präventionsprojekt Dunkelfeld meine Hilfe angeboten.
Man liest, Sie hätten nur einen Dankesbrief erhalten!
Klaus Michael Beier: Das stimmt. In dem hieß es, man werde das Anliegen an die römische Kurie weiterleiten.

Es gibt keine "psychisch gewaltfreien" Sexualhandlungen mit Kindern

Die Psychologin Sophinette Becker (1997) schrieb 1997 einmal: "Wenn fünf Sexualwissenschaftler privat zusammensitzen, und einer schneidet das Thema 'Pädophilie' an, bricht innerhalb kurzer Zeit heftiger Streit aus. Werfen die einen den anderen Feigheit, Konformismus, biedere Moralisierung, Ausgrenzung von Minderheiten vor, schlagen die anderen mit dem Vorwurf der Verharmlosung, Verleugnung, Pseudo-Fortschriftlichkeit zurück." Reagieren manche Kollegen ähnlich auf das von Ihnen initiierte Präventionskonzept?
Klaus Michael Beier: Nein. Aber es gibt fraglos noch Differenzen, was die Unveränderbarkeit der sexuellen Präferenzstruktur betrifft. Ich erlebe dies beispielsweise im Rahmen von Prognose-Gutachten bei pädophil ausgerichteten Untergebrachten im Maßregelvollzug, bei denen die Therapeuten allen Ernstes versuchen, eine sexuelle Orientierung auf das erwachsene Körperschema zu erzeugen. Dann verbindet sich das Wunschdenken der Patienten mit dem der Therapeuten, und man kommt keinen Schritt weiter.
Dahinter steckt sicher auch eine Unwilligkeit zu akzeptieren, dass Menschen in sexueller Hinsicht determiniert sind. Man möchte eben alle Freiheiten haben wollen und nicht eingeengt sein - ein Denken, dass stark von der sexuellen Revolution geprägt ist. Die 1968er-Bewegung hat ja seinerzeit wirklich geglaubt, man könne durch Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse eine freie Sexualität erzeugen. Das war eine Vision, die dann auch zu der Überlegung führte, warum zu dieser Freiheit nicht eigentlich auch sexuelle Kontakte mit Kindern gehören sollten. Das waren entsprechend günstige Zeiten für Männer mit pädophiler Neigung.
Sexualwissenschaftler setzten noch 1985 abenteuerliche Hypothesen in die Welt, wie etwa die Psychologen Frits Bernard und Ernest Bornemann, die postulierten, dass physische wie psychische gewaltfreie Sexualhandlungen keine negativen Folgeschäden für das Kind haben würden. Gibt es heute auf Ihrem Forschungsfeld immer noch Vertreter solch gewagter Thesen?
Klaus Michael Beier: Zeitlich sind das die Ausläufer der sexuellen Revolution. Damals waren übrigens auch die Anzeigen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs in der Kriminalstatistik rückläufig, was auch noch mal den Zusammenhang zwischen Kultur und Einstellung zur Sexualität verdeutlicht. Heutzutage ist es Konsens, dass zur altersgemäßen Förderung von Kindern sexuelle Kontakte mit Erwachsenen nicht gehören. Es ist im Übrigen davon auszugehen, dass es "psychisch gewaltfreie" Sexualhandlungen mit Kindern nicht gibt, weil sich diese immer in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Erwachsenen befinden. Alles andere ist interessengeleitete Legendenbildung.

Unser Ziel ist ein bundesweites Angebot der primären Prävention sexueller Traumatisierungen

Wie viele interessierte bzw. potentielle Patienten melden sich jährlich zu Ihrem Forschungsprojekt, und wie viele davon können Sie aufnehmen?
Klaus Michael Beier: Seit Projektbeginn 2005 haben wir mehr als 1500 Anmeldungen. Pro Monat sehen wir uns 20 bis 30 Neuanmeldungen gegenüber. Wir bitten dann die Interessenten nach Berlin, wo wir bislang mehr als 600 Männer komplett diagnostisch erfasst haben. Mehr als 300 davon wurde ein Therapieplatz angeboten.
Ist Ihr Projekt weltweit einzigartig?
Klaus Michael Beier: Ja, absolut. Weltweit gibt es kein Land mit einem derartigen Programm.
Gibt es auch Interessenten aus dem Ausland, Kollegen, Institute?
Klaus Michael Beier: Ja. Aber es war in der Vergangenheit schon schwer genug, die eigene Bevölkerung zu überzeugen. Das war für uns die Haupthürde. Jetzt haben sich unser Projekt und dessen Wirksamkeit herumgesprochen und einigermaßen durchgesetzt. Die Bevölkerung beginnt, unsere Arbeit wahrzunehmen und als sinnvollen Weg des Kinderschutzes zu schätzen.
Das Thema Pädophilie ist in der Öffentlichkeit stark tabuisiert. Sahen Sie sich in der Vergangenheit bisweilen auch Anfeindungen gegenüber, die bis ins Persönliche abdriften?
Klaus Michael Beier: Ja, natürlich. Aber das hielt sich sehr in Grenzen. So etwas muss man dann eben hinnehmen können.
Die von Ihnen offerierte Therapie ist kostenfrei für interessierte pädophile Menschen. Wie sieht es denn mit der weiteren Finanzierung aus.
Klaus Michael Beier: Im Moment wird das Projekt mit Bundesmitteln fortgeführt - bis zum Jahr 2013. Wir sind derzeit mit der Etablierung eines bundesweiten Präventionsnetzwerkes befasst. Am 19. Oktober wird in Leipzig eine Ambulanz für Sachsen eröffnet, ab Januar eine weitere in Hannover und danach in Hamburg, so dass es bald sechs Anlaufstellen bundesweit geben wird. Wir wollen das Präventionskonzept aber auch in Nordrhein-Westfallen und Baden-Württemberg ansiedeln. Unser Ziel ist ein bundesweites Angebot der primären Prävention sexueller Traumatisierungen.
Kein Täter werden" - Präventionsprojekt Dunkelfeld startet in Leipzig: Ab dem 19. Oktober 2011 bietet die Leipziger Ambulanz des erfolgreichen Forschungs- und Präventionsprojekts "Kein Täter werden" Männern mit pädophiler Neigung therapeutische Hilfe unter Schweigepflicht. Die Kinderschutzstiftung Hänsel + Gretel und Sachsens Sozialministerin Christine Clauß unterstützen das Projekt. Näheres hierzu. Bild: Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin am Universitätsklinikum Charité
Die Chancen sind demnach gut, dass sich ihr Projekt bundesweit etabliert?
Klaus Michael Beier: Das hoffen wir. Chancen hierfür sehe ich. Aber es ist letztlich eine Frage der Finanzierung und diesbezüglich bin ich der Meinung, dass die primäre Prävention in den Zuständigkeitsbereich des Gesundheitssystems und nicht des Justizsystems fallen muss. Es gibt eben eine Präventionsstrecke vor der Forensik, vor der Justiz. Wenn jemand eine Präferenzstörung hat, für die er nichts kann und zudem darunter leidet und Hilfe in Anspruch nehmen möchte, dann sollte sich die Solidargemeinschaft für ihn einsetzen. Ich bin absolut überzeugt davon, dass dies die richtige Vorgehensweise ist. Das gilt übrigens für alle anderen Präferenzstörungen auch.

Mit der präventiven Therapie potentieller und realer Täter können Übergriffe verhindert werden

Es lässt sich leider objektiv nicht eruieren, wie viele sexuelle Übergriffe Sie mit ihrer therapeutischen Arbeit verhindern konnten. Nicht begangene Taten tauchen in keiner Statistik auf. Auch wenn diese Frage etwas pathetisch klingt, würde ich von Ihnen dennoch gerne wissen, was Ihnen ihr Gefühl sagt. Glauben Sie, dass dank ihrer prophylaktischen Arbeit am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Kinderseelen gerettet wurden?
Klaus Michael Beier: Das glaube ich nicht, das weiß ich. Der Vorteil unseres Präventionsansatzes ist ja gerade, dass die Betroffenen zu uns kommen, weil sie ganz konkrete Taten befürchten. Nun könnte man einwenden, dass es vielleicht auch ohne unsere Intervention nicht zu der Tat gekommen wäre. Dagegen sprechen aber die Einzelfallanalysen.
Wenn beispielsweise im Verlauf einer Gruppentherapie ein Betroffener über zunehmend konkretere Gefährdungssituationen berichtet und man dann in der Lage ist, direkt zu intervenieren, auch medikamentös, und der Patient später bestätigt, dass die Intensität seiner Übergriffsimpulse als Folge dieser Maßnahmen so deutlich zurückgegangen waren, dass kein Risiko einer Tatbegehung mehr bestand, ist der Zusammenhang evident. Im Übrigen machen wir gerade die Gesamtauswertung für die VW-Stiftung, in der wir auch den Effekt unserer Behandlung auf konkrete Übergriffigkeit darlegen.
Sie therapieren neben den potentiellen auch die realen Täter?
Klaus Michael Beier: Ja, die potentiellen und die realen Dunkelfeld-Täter. Wenn jemand zu uns kommt und gesteht, dass er kürzlich seine Tochter missbraucht hat, dies aber künftig unterlassen will, helfen wir ihm. Und wenn wir hier helfen können, dass es zu keinen weiteren Übergriffen kommt, dann ist das ein Gewinn für alle.
Ihre Patienten haben demnach keine strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten?
Klaus Michael Beier: Nein, jedenfalls nicht durch unser Zutun.
Sie unterliegen der Schweigepflicht?
Klaus Michael Beier: Ja. Das ist unser Vorteil in Deutschland, der den Präventionsansatz überhaupt möglich macht. In den USA ist das beispielsweise ganz anders. Dort beneiden uns unsere amerikanischen Fachkollegen, weil sie per Gesetz dazu verpflichtet sind, alle Personen anzuzeigen, die sie aufgesucht und gestanden haben, ein Kind missbraucht zu haben. Es ist daher erwartbar, dass sich dort niemand freiwillig meldet, so dass auch keine Chance besteht zu intervenieren.
Wenn Sie mit Blick auf Ihr Präventionsprojekt eine Botschaft an die Politiker und Gesetzesgeber hätten - wie würde diese lauten?
Klaus Michael Beier: Hinsichtlich der Missbrauchsabbildungen würde ich ein zügiges Durchsetzen der Strafverfahren mit merklichen Sanktionen für sinnvoll erachten, einfach um die gesellschaftliche Reaktion deutlicher zu machen. Ich plädiere auch für die Einführung einer Begutachtungspflicht, weil auf diese Weise die Chance bestünde, zu einem frühen Zeitpunkt jemanden bereits mit einer problematischen sexuellen Präferenz ausfindig zu machen um gezielt Vorsorgemaßnahmen einzuleiten. Zudem würde ich mir wünschen, dass die Politik dieses Feld insgesamt viel stärker unterstützt als sie es bisher tut. Damit tun sich Politiker aber in der Regel schwer, weil verursacher- bzw. täterbezogene Maßnahmen in der Öffentlichkeit schwerer zu vermitteln sind als die opferbezogene Perspektive.
Dies ist aus meiner Sicht auch der einzige Mangel des Berichts der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann: Die Möglichkeiten der verursacherbezogenen primären Prävention kommen nicht hinreichend zur Darstellung, womit meines Erachtens Chancen vergeben werden, denn es kommt ja gar nicht erst zur Opferschaft, wenn man die potentiellen Verursacher sexueller Traumatisierungen früh genug erreicht.

Website "Kein Täter werden": www.kein-taeter-werden.de/

Spot zur Kampagne "Kein Täter werden":

Videoclip gegen Kinderpornografie

Youtube-Video-Ausschnitt Prävention gegen Kindesmissbrauch - Prof. Klaus Michael Beier bei Maybrit Illner