Propagandakrieger bei Facebook?

Bild: Javier-Rodriguez/Pixabay License

Der Desinformationsexperte Ben Nimmo soll sich beim Social-Network-Riesen um feindliche "Einfluss-Operationen" kümmern. Kritiker warnen wegen dessen Verbindung zur Nato und zum Think Tank Atlantic Council vor einer politischen Agenda

In Zeiten einer geschärften Aufmerksamkeit dafür, wie mit Informationen Politik gemacht wird, wer die Deutungshoheit hat, darüber zu entscheiden, was fake news ist oder Propaganda - und damit von der Meinungsfreiheit nicht mehr unbedingt geschützt - oder was im Angebot der erlaubten Nachrichten und Kommentare bleiben darf, ist die Personalie Ben Nimmo interessant.

Der frühere Tauchlehrer arbeitet seit Kurzem bei Facebook. Nicht irgendwo, sondern in der Tiefe des Apparates, wo die Herkunft größerer Info-Ströme analysiert wird. Ben Nimmo wurde, wie er am 5. Februar über Twitter verkündet, von Facebook eingestellt, um federführend an dessen Strategie gegen Einfluss-Operationen mitzuwirken. Sein Tätigkeitsbereich ist nicht leicht in gutem Deutsch wiederzugeben, im englischen Original liest er sich imposant:

"I'll be helping to lead global threat intelligence strategy against influence operations."

Fans seiner Arbeit wie das Blog Propastop, dessen Mission es ist, "Estland von feindlicher Propaganda, falschen Informationen und Medienlügen freizuhalten", bezeichnen Nimmo als eine der "Leitfiguren im Kampf gegen die Propaganda des Kremls". Ende August 2019 freute sich das Blog, dessen Text die Anmutung einer Maschinenübersetzung hat, darüber, dass Nimmo einen leitenden Job bei Graphika bekommen hat. Das Unternehmen beschäftige sich mit dem Analysieren von sozialen Netzwerken.

Nimmo sei dort am richtigen Platz, lässt das Blog verstehen, sei er doch bekannt als "Enthüller und Liquidator der im elektronischen Informationsraum verbreitenden Beeinflussungstätigkeiten des Kremls".

Die Unterscheidung zwischen Äußerungen maschineller Herkunft ("Bots") und echten Menschen falle Ben Nimmo nicht immer leicht, ganz im Gegenteil, einige der von ihm als Bots im Dienste feindlicher Propaganda Bezeichneten seien echte Menschen mit eigenen Meinungen und einer anderen Herkunft, als von Nimmo angegeben, merken Kritiker an. Ausführlich geschieht das in einem Artikel, der vergangene Woche im US-Magazin The Grayzone erschienen ist.

Dort werden zwei Stationen des Tausendsassas (Journalist, Autor von Reisebüchern, Taucher, Experte von Bot-Netzen, Analyst von Desinformationen - auch auf dem Feld "Covid 19") herausgehoben: sein früherer Posten als Nato-Korrespondent für die dpa und sein früherer Job beim US-Think-Tank Atlantic Council als "Senior Fellow for Information Defense" im Digitalen Forensischen Forschungslabor des Think Tanks, dem DFRLab.

"Es wird mehr Zensur geben"

Für den Autoren des Artikels wie auch für den Journalisten und Gründer von The Grayzone, Max Blumenthal sind damit schon wichtige Vorzeichen für die Art der Arbeit gegeben, die Ben Nimmo bei Facebook machen wird: Es werde mehr Zensur geben, twitterte Blumenthal. Er verweist auch auf eine Vorgeschichte, bei der der frühere Labour-Chef Jeremy Corbyn in Misskredit gebracht wurde. Just als dieser Pläne der Torys zur Privatisierung der nationalen Gesundheitsbehörde enthüllte, wurde er in Zusammenhang mit russischer Desinformation gerückt wurde. Nimmo spielte bei den Vorgängen eine wichtige Rolle.

Das führt auch Alan McLeod in dem genannten Artikel über Nimmo bei The Grayzone aus. Interessierte können sich daraus Teile für ein eigenständiges Bild über die bisherige Praxis Nimmos bei seinem "Kampf gegen Einfluss-Operationen" holen. Freilich setzen auch The Grayzone und die Mintpressnews, wo der Artikel zuerst erschien eigene politische Akzente und Schwerpunkte.

Für sie ist die Ausrichtung Nimmos durch seine Verbindungen zur Nato, die durch die Aktivitäten des Desinformations-Experten beim natonahen Atlantic Council noch verstärkt wurden, politisch fragwürdig und gefährlich, weil sich beide, die Nato und der Atlantic Council, mit Militanz bemühen, ein feindliches Bild von Russland zu verstärken.

Es gibt eine enorme Anstrengung der (US-amerikanischen, Einf. des V.) Regierung, ihre Bevölkerung von der Existenz ausländischer Regierungsbemühungen zur Manipulation der Meinungen im Internet zu überzeugen. Westliche Regierungsorganisationen zeigen mit dem Finger auf ihre Feinde, wobei hier der Fall einer enormen Projektion vorliegt, während sie sich selbst einen größeren Zugang und eine größere Kontrolle über die Kommunikationsmittel sichern, bis zu dem Punkt, an dem es jetzt schwierig ist, zu unterscheiden, wo der tiefe Staat endet und die vierte Gewalt beginnt.

Nimmos Wechsel von der NATO zu einem mit der NATO verbündeten Think Tank zu Facebook ist nur ein weiteres Beispiel für dieses Phänomen. Vielleicht ist der Grund, warum Nimmo online nicht nach westlichen Einflussoperationen sucht, der, dass er Teil einer solchen ist.

The Grayzone

Wer dieser Perspektive nicht folgen will, weil sie zu tendenziell oder enggeführt erscheint, darf gespannt sein, in welche Richtung sich die Arbeit Ben Nimmos bei Facebook in den nächsten Monaten entwickelt. (Thomas Pany)