"Pssst…da filmt einer mit!!!"

Kinobesucher sollen für Popcorn per Knopfdruck zum Piratenjäger werden

In heutigen Multiplexkinos mit zehn oder mehr Kinosälen hetzt der Vorführer von Vorführraum zu Vorführraum, um schnell die Filmrollen zu wechseln und Werbung sowie Hauptfilme zu starten. Eigenes Personal für alle Säle und jeden laufenden Film gibt es nicht mehr, das kommt zu teuer. Schlechte Bildqualität bleibt trotz „Schärfer! Schärfer!!“-Chören der Zuschauer unbemerkt. Ein neues drahtloses „Notruf“-System für treue Zuschauer soll Abhilfe schaffen – und hat als Nebeneffekt noch zwei „Petz-Knöpfe“!

Wer hat es nicht schon mal erlebt? Man sitzt im Kino, es wird dunkel und es erscheint ein Bild, das massiv versetzt oder so unscharf ist, dass man sich fragt, ob der Vorführer heute wohl seine Brille vergessen hat? Oder der Ton ist unverständlich flüsternd und mufflig oder umgekehrt brüllend laut – doch lautes Motzen der versammelten Zuschauer bewirkt absolut nichts.

Nach zwei Minuten geht dann meist der erste Zuschauer, den Vorführer zu suchen. Nach fünf Minuten der zweite. Werden sie nicht fündig, gehen sie mitunter endgültig, oder finden unfreiwillig nicht mehr in den Kinosaal zurück, weil sie dem Schild „Ausgang“ gefolgt sind, der über die Küche einer Pizzeria in den Hinterhof des Kinos auf eine Nebenstraße führt – und über den Eingang kommen sie mit ihrer bereits abgerissenen Kinokarte nicht mehr zurück auf ihren Platz. Wer derartiges erlebt hat, wird dieses Kino nie wieder besuchen.

Andere, technisch Begabtere und Mutigere, entdecken das kleine Kästchen neben dem Eingang, auf dem „Bedienung nur für Befugte“ steht und mit dem der Vorführer auch im Saal selbst, wo er es besser beurteilen kann, die Möglichkeit haben soll, mangelnde Bild- und Tonqualität nachzuregeln. Sie versuchen nun selbst, Bildstand, Schärfe oder Lautstärke nachzuregeln, auch wenn ihnen klar ist, dass sie dafür möglicherweise des Kinos verwiesen werden können, wenn der echte Vorführer doch noch auftaucht und riskieren es, möglicherweise Bild oder Ton noch zu verschlimmern.

Um dem abzuhelfen, hat die amerikanische Regal-Kinogruppe nun ein kleines drahtloses „Notrufkästchen“ mit vier Knöpfen entwickelt, über das besonders treue Kinobesucher per Knopfdruck sofort den Vorführer anfordern können, wenn mit Bild oder Ton etwas nicht stimmt oder im schlimmsten Fall der Film reißt. Es gibt also je einen Knopf für Bild- und für Tonprobleme. Doch wofür sind wohl die anderen beiden?

Der dritte Knopf ist für „Ärger im Publikum“ gedacht, also wenn jemand während des Filmes lautstark mit seinem Nachbarn oder – was zu einem immer größeren Problem wird – am Handy redet (Die Rüpel sind immer die anderen!), andere Zuschauer anpöbelt oder sich sonst daneben benimmt. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärte Michael Campbell, Chef der Regal-Kinos, dass sture Handytelefonate im Kino mittlerweile bereits zu echten Schlägereien unter den Zuschauern – beziehungsweise zwischen Zuschauern und Telefonierern – geführt haben. Dass die Handybesitzer sich freiwillig elektroschockgebende Modelle zwecks besseren Benehmens anschaffen (Wenn das Handy zweimal klingelt), hat sich schließlich als trügerische Hoffnung erwiesen…

Die kleine Meldebox bekommen also nur Kinobesucher zusätzlich zum Ticket in die Hand gedrückt, die auf das Personal einen reifen Eindruck machen und bei denen man annimmt, dass sie nicht wie die MTV-Generation selbst ständig online ("Ich muss erstmal meine Freunde fragen") und am Handy (Telekommunikativ überfordert?) hängen. Dafür gibt es dann auch mal einen Eimer Gratis-Popcorn, den der Kinofan aber nur ganz leise mümmeln sollte, damit ihn nicht sein Hintermann mit seiner Funkbox als Störenfried meldet.

Nicht lösen kann der „Telefon-Knopf“ allerdings das Problem, dass in den USA statt des Störenfrieds schon mal der Filmfan im Gefängnis landet. Und es bleibt noch die Frage, wofür nun wohl der vierte Knopf da ist?

Nun, dieser Knopf soll das gegenwärtig zumindest bei Previews üblich gewordene "Fummelkino" überflüssig machen. Damit soll der treue Kunde nämlich „Raubfilmer“ melden, also jene Mitmenschen, die es als das Höchste der Gefühle betrachten, von der Leinwand eine verwackelte, nun aber dank des Störenfried-Petzknopfes immerhin nicht mehr durch ständige Handytelefonate oder laute Küsse gestörte Kopie abzufilmen, die entsprechend masochistisch veranlagte Internetfreaks dann später im Netz – oder auch mal konspirativ gratis im Kino (Verschwörerisches Flüsterkino mit versteckten Lautsprechern) – herunterladen und ansehen können! Und vermutlich gibt es dann auch noch als Dank eine kleine Belohnung fürs Petzen.

Im August startete das neue System der „aktiven Zuschauermitbestimmung“ in 13 Kinos der Regal Group, inzwischen sind es 25. Wenn es sich bewährt, wird es 2007 in allen Regal-Kinos etabliert. (Wolf-Dieter Roth)

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