Psyche bei jungen Menschen häufigster Grund für Klinikaufenthalte

Seit 2005 gibt es einen Anstieg, 2020 gab es aber einen Rückgang der Klinikaufenthalte junger Menschen mit psychischen Problemen. Symbolbild: Gerd Altmann auf Pixabay (Public Domain)

15- bis 24-Jährigen im Langzeit-Trend häufiger psychisch krank. Rückgang der Behandlungen im ersten Corona-Jahr könnte Zerrbild abgeben.

Im Jahr 2005 waren noch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett der häufigste Grund für stationäre Klinikaufenthalte junger Menschen – und psychische Erkrankungen nur der dritthäufigste. Im Jahr 2020 führten psychische Erkrankungen bei 15- bis 24-Jährigen mit fast 18 Prozent die Liste der Behandlungsgründe an. 147.000 der 829.400 Menschen dieser Altersgruppe, die 2020 ins Krankenhaus mussten, wurden aufgrund psychischer Probleme stationär behandelt.

Dabei gab es im ersten "Corona-Jahr" entgegen häufiger Annahmen sogar einen Rückgang im Vergleich zu 2019 mit 169.500 Krankheitsfällen dieser Art.

Differenzierter betrachtet war eine depressive Episode 2020 mit 23.200 Fällen der häufigste Behandlungsgrund für 15- bis 24-Jährige. Zu den psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen zählt das Statistische Bundesamt auch alkoholbedingte Probleme, die in 19.300 Fällen festgestellt wurden, darunter auch akute Alkoholvergiftungen, Abhängigkeits- oder Entzugssyndrome. Die dritthäufigste Diagnose waren wiederkehrende depressive Störungen bei 15- bis 24-Jährigen, die 2020 im Krankenhaus behandelt wurden. Entsprechende Zahlen veröffentlichte das Statistische Bundesamt am Dienstag.

Der Rückgang trotz Kontaktbeschränkungen und Schließung von Sport- und Freizeitstätten mag auf den ersten Blick überraschen, zumal Mobbing unter hier teils miterfassten Jugendlichen durch die Schulschließungen nicht unbedingt verhindert wurde, sondern sich oft nur auf die Cyber-Ebene verlagerte.

Realer Rückgang psychischer Probleme unwahrscheinlich

Allerdings war die Zahlen stationärer Krankenhausbehandlungen 2020 in fast allen Bereichen rückläufig, denn die teils hohe Auslastung der Krankenhäuser durch Covid-19-Betroffenen, das Freihalten von Bettenkapazitäten und verschärfte Hygienekonzepte führten bekanntlich zur Verschiebung "planbarer" Behandlungen. Zudem waren die Besuchsmöglichkeiten stark eingeschränkt, was vor allem bei psychischen Problemen zu einer größeren Hemmschwelle geführt haben könnte, freiwillig ins Krankenhaus zu gehen.

So lässt der Rückgang der Klinikaufenthalte auch nicht zwangsläufig auf einen realen Rückgang psychischer Probleme schließen. Die Suizidstatistik des Jahres 2020 zeigte jedenfalls keinen Rückgang, sondern einen leichten Anstieg im Vergleich zum Vorjahr – bei 9.206 Personen galt diese Todesursache als sicher; 483 gehörten zur Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen.

Höhere Altersgruppen waren demnach stärker betroffen. Bei Männern lag das Durchschnittsalter zum Zeitpunkt des Suizids im Jahr 2020 bei 58,5 Jahren. Frauen, die sich selbst töteten, waren im Durchschnitt 59,3 Jahre alt. Männer waren dabei mit rund 75 Prozent deutlich in der Mehrheit.

Im Jahr 2019 hatten sich nach offiziellen Zahlen insgesamt 9.041 Menschen das Leben genommen. Der Altersdurchschnitt unterschied sich dabei kaum vom Folgejahr: 2019 lag er bei 58,2 Jahren bei Männern und bei 59,7 Jahren bei Frauen.

Dabei ist aber auch zu berücksichtigen, dass die Zahl junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren demographisch bedingt abnimmt und 2020 bei 10,1 Prozent der Gesamtbevölkerung lag. Der Anteil junger Menschen dieser Altersgruppe ist damit deutlich kleiner als die sogenannte Babyboomer-Generation, die in den nächsten 15 Jahren in Rente geht. (Claudia Wangerin)