Psychologische Empfehlungen für die Kommunikation von Corona-Maßnahmen

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Deutsche Gesellschaft für Psychologie kritisiert Vernachlässigung wichtiger psychologischer Mechanismen

In Diskussionen mit Leserinnen und Lesern begegne ich regelmäßig der Ansicht, die Psychologie oder die Sozialwissenschaften insgesamt seien nutzlos. Gern wird dann der Vergleich zu Physik und Mathematik bemüht, deren Früchte in den Ingenieurwissenschaften sichtbar würden. Die Sozialwissenschaften seien hingegen ein überflüssiger Luxus. Mitunter werden sie gar als "grünlinksversiffte Genderwissenschaften" und Indikator für den gesellschaftlichen Abstieg hingestellt.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Auch Natur- und Ingenieurwissenschaften setzen das Funktionieren bestimmter psychosozialer Strukturen voraus. Diese werden in der Wissenschaftssoziologie oder - hierzulande weniger bekannt - den Science and Technology Studies (STS) direkt erforscht. Aber ebenso, wie man im Internet browsen kann, ohne Informatik studiert zu haben, oder wie man sehen kann, ohne Theorien der Wahrnehmung verstanden zu haben, kann man Natur- oder Ingenieurwissenschaftler sein, ohne die psychosozialen Mechanismen erforscht zu haben, denen zufolge wissenschaftliche Gemeinschaften funktionieren.

Beispiele für den praktischen Nutzen der Sozialwissenschaften gibt es viele: Man denke an Unternehmensführung und -kommunikation, Assessment Center, den Aufbau von den Geschäften, in denen wir unsere Waren kaufen, Reklame und Marketing. Natürlich kann man hieran auch viel kritisieren, wie etwa der emeritierte Psychologieprofessor Rainer Mausfeld in seinen Artikeln, Vorträgen und Büchern den Missbrauch sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Manipulation der öffentlichen Meinung erklärt und anprangert.

Ich beschäftige mich auch mit solchen Themen und habe an einem Extrembeispiel, nämlich der Organisation des Konzentrationslagers Dachau, das als Prototyp für tausende andere Lager der Nazis diente, aufgezeigt, wie psychosoziale Strukturen zur Kontrolle von Menschenmassen funktionieren können (Zur Psychologie des KZ Dachau).

Wie in vielen anderen Fällen lässt sich solches Wissen zum Wohle oder Wehe der Menschheit anwenden. Dabei gibt es nicht einmal Konsens darüber, was Wohl und Wehe sind. Ein durchschnittlicher Umweltaktivist wird hier andere Prioritäten setzen als etwa ein Lobbyist der Autoindustrie oder ein Kirchenvertreter. Unser politisches System sieht vor, dass wir alle paar Jahre Menschen wählen, die unsere Interessen parlamentarisch vertreten. Warum dann trotzdem so oft Entscheidungen (in Form von Gesetzen) herauskommen, die objektiv betrachtet der Mehrheit der Bevölkerung widersprechen, wie wollte man das erklären, wenn nicht sozialwissenschaftlich? Psychosoziale Strukturen wie etwa der verfassungsmäßig nicht vorgesehene Fraktionszwang und Machtstrukturen in den Parteizentralen - also beispielsweise dem Konrad-Adenauer- und Willy-Brandt-Haus in Berlin - sowie der Aufbau der Medienlandschaft dürften einen Großteil der Antwort darauf geben.

Beispiel Corona-Kommunikation

Verschiedenen Umfragen zufolge scheint eine Mehrheit der Bevölkerung hinter den Infektionsschutzmaßnahmen zu stehen. Gleichzeitig erhalten Proteste und Demonstrationen von Gegnern der Maßnahmen viel Zulauf. Dass diese überhaupt stattfinden können, kann man als Beispiel für eine pluralistische Demokratie werten. Zu den aktuell heiß diskutierten Zwangsmaßnahmen zur Bekämpfung der Coronapandemie hat sich nun die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) geäußert.

Der Marburger Professor für Sozialpsychologie Ulrich Wagner und der Münchner Professor für Methodenlehre der Psychologie Markus Bühner kritisieren darin, die Coronaschutzmaßnahmen der Bundes- und Landesregierungen seien zurzeit vor allem von bürokratischen Überlegungen und der Gerichtsfestigkeit geprägt. Dies würde der Unsicherheit in der Bevölkerung nicht gerecht. Laut wissenschaftlichen Studien müssten die politischen Entscheidungen (1) nachvollziehbar begründet sein, (2) den Betroffenen mit klaren Verhaltensregeln die Möglichkeit geben, das Geschehen zu beeinflussen, und (3) eine konkrete zeitliche Perspektive vorgeben, um auf größere Akzeptanz zu stoßen.

Beispielsweise sei die Schließung von Lokalen und anderen Freizeiteinrichtungen für viele Bürgerinnen und Bürger nicht nachvollziehbar. Dabei müsse man aber nicht nur das Infektionsrisiko an diesen Orten bedenken, sondern auch Gefahren bei der An- und Abreise miteinbeziehen. Anstatt immer wieder das Gleiche zu wiederholen, könne man Argumente und damit verbundene Maßnahmen durchaus revidieren, wenn man dafür glaubhafte Gründe und neue Erkenntnisse nenne.

Die Verhaltensregeln sind laut den Psychologieprofessoren für viele zu abstrakt. Anstatt beispielsweise von eineinhalb Metern Abstand zu sprechen, seien zwei Armlängen (von Erwachsenen) besser vorstellbar. Es müsse auch klarer erklärt werden, wie sich das Tragen der Alltagsmasken zum Einhalten des Abstands verhalte. Zudem gebe es Höflichkeitsregeln, die den angemessenen Abstand von Menschen untereinander bestimmten. Als positives Beispiel für die mediale Vermittlung von Verhaltensregeln zum Gesundheitsschutz nennen die Psychologen die "Gib Aids keine Chance"-Kampagne.

Zur Zeitperspektive verweisen sie auf Studien, denen zufolge die meisten Menschen härtere, aber dafür kürzere Einschnitte gegenüber schwächeren, aber dafür längeren bevorzugten. Der Sozialpsychologe Wagner räumt ein, dass genaue Zeitprognosen in der Corona-Pandemie schwierig sind. Doch auch unter solchen Umständen würde eine gute Kommunikation von Fakten und Argumenten die Akzeptanz von Einschränkungen steigern. Der Methodologe Bühner, gleichzeitig auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, hebt hervor, dass menschliches Verhalten die Verbreitung des Corona-Virus beeinflusst. Darum sei die Psychologie eine wichtige Wissenschaft für die Gestaltung der politischen Maßnahmen.

Zur Rolle der Sozialwissenschaften

Ein neues Smartphone oder Autos mit Elektromotor sind anschauliche Beispiele für den technologischen Fortschritt. Die "DNA" unserer Gesellschaft ist vielleicht weniger sichtbar, wenn man nicht gerade auf diesem Gebiet forscht, jedoch nicht weniger verhaltenswirksam. Im Gegenteil: Es ergibt sich aus sozialen Regeln, warum man etwa in unserer Kultur mit Messer und Gabel isst, in vielen afrikanischen und asiatischen Ländern aber mit der Hand - aber bitte nur der rechten!

Warum jemand sehr viel mehr Geld für ein Auto bezahlt, mit dem er unter Effizienz- und Kostenaspekten vielleicht sogar viel schlechter von A nach B kommt, wird man auch nur durch das Erforschen von Statussymbolen und Werbung verstehen können. Und in Extremfällen nehmen sich manche Menschen aufgrund von Scham oder weil sie sich vor dem "sozialen Aus" sehen das Leben, obwohl sie biologisch gesehen völlig gesund sind und noch viele Jahre leben könnten.

Wenn Physiker oder Ingenieurwissenschaftler menschliches Verhalten besser erklären können, dann mögen sie es tun. Der wissenschaftliche Wettbewerb um die besten Theorien steht allen offen. Doch sie werden wahrscheinlich schon daran scheitern, die richtigen psychosozialen Kategorien zu formulieren. Wenn also etwa der Theoretische Physiker Sean Carroll vom California Institute of Technology behauptet, zum Erklären aller Alltagsphänomene reiche Wissen über Elektronen, Protonen und Neutronen sowie Nuklearkräfte, Gravitation und Elektromagnetismus aus, dann ist das schlicht ein PR-Gag.

Man kann natürlich weiter auf die Sozialwissenschaften schimpfen - und dass man diese kritische Meinung öffentlich äußern kann, ohne von einer Geheimpolizei abgeholt zu werden, dafür gibt es rechtsphilosophische Gründe. Daran, dass psychosoziale Strukturen auf der Verhaltensebene auch beim Leser dieses Beitrags wirken, ändert das aber nichts. Wie ging noch der Witz mit den beiden Fischen? Begegnet ein Fisch dem anderen und fragt: "Wie ist das Wasser heute?" Sagt der andere: "Wasser?"

Freilich werden manche Leserinnen und Leser Vorschläge wie die der beiden Psychologieprofessoren als weiteren Beleg für ideologische Manipulationsversuche "von denen da oben" sehen. Politische Maßnahmen müssen aber denjenigen, an die sie sich richten, irgendwie kommuniziert werden, sonst wäre jegliches Regieren sinnlos. Idealerweise würde ein Kritiker des hier kurz vorgestellten Ansatzes erklären, was bessere Kriterien als (1) Erklärbarkeit, (2) Beeinflussbarkeit und (3) Vorhersehbarkeit sind.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)